Täuscher

Kriminalroman
 
 
Hoffmann & Campe (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 16. August 2013
  • |
  • 240 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-455-81101-8 (ISBN)
 
Landshut, 1922: Ein blutiger Doppelmord erschüttert ganz Süddeutschland.
Als die ledige Clara Ganslmeier und ihre alte Mutter grausam ermordet in ihrer Wohnung gefunden werden, gerät die kleine bayerische Stadt in Aufruhr. Der Hauptverdächtige ist Hubert Täuscher, Sohn eines reichen Bürstenfabrikanten, das schwarze Schaf der Familie und Verlobter von Clara. Als er in den Gerichtssaal geführt wird, wo ihm wegen kaltblütigen Doppelmordes der Prozess gemacht werden soll, ist die Menge kaum noch zu halten. Aber Hubert Täuscher lässt sich nicht beirren - obwohl alle Indizien auf ihn verweisen, schweigt er beharrlich zu den Vorwürfen, beteuert bloß seine Unschuld. Ist er ein abgebrühter Mörder oder das Opfer eines Justizirrtums? Fürchtet er eine Rache, die schlimmer ist als das Todesurteil? Andrea Maria Schenkel erzählt hochspannend und psychologisch meisterhaft von einem Verbrechen, von Opfern und von Tätern - und von den Mechanismen des Verrats.
  • Deutsch
  • Hamburg
  • |
  • Deutschland
  • 2,25 MB
978-3-455-81101-8 (9783455811018)
weitere Ausgaben werden ermittelt
Andrea Maria Schenkel, geboren 1962, lebt in Regensburg. 2006 erschien ihr Debüt Tannöd, mit dem sie großes Aufsehen erregte. Der Roman wurde 2007 mit dem Deutschen Krimi Preis, dem Friedrich-Glauser-Preis und der Corine, 2008 mit dem Martin Beck Award für den besten internationalen Kriminalroman ausgezeichnet. Das Buch verkaufte sich über eine Million Mal, wurde in zwanzig Sprachen übersetzt und fürs Kino verfilmt. Für ihr zweites Buch Kalteis (2007) erhielt sie zum zweiten Mal in Folge den Deutschen Krimi Preis. Zuletzt erschienen Finsterau (2012) und Täuscher (2013).

Samstag, 1. April 1922,
Polizeipräsidium Landshut,
Kriminaloberwachtmeister Johann Huther,
10 Uhr vormittags


Zwei Wochen vor Ostern spielte das Wetter in diesem Jahr verrückt. Am Donnerstag hatte es geschneit, und auch wenn der Schnee noch am selben Tag durch den Regen weggewaschen worden war, war es doch viel zu kalt. Als Kriminaloberwachtmeister Johann Huther am Samstagmorgen das Haus verließ, sah es für kurze Zeit so aus, als würde der Himmel etwas aufklaren. Im Flur seiner Wohnung zögerte er einen Augenblick, streckte die Hand bereits nach dem neben der Wohnungstür an der Garderobe lehnenden Schirm aus, ließ sich aber dann von den Sonnenstrahlen, die durch das Fenster hereinfielen, umstimmen und verließ das Haus ohne Regenschirm. Wenig später bereute er diese Entscheidung. Auf dem Weg zum Dienst fing es unvermittelt an, wie aus Eimern zu gießen. Völlig durchnässt und übellaunig kam er schließlich auf der Polizeiwache an.

Seine Stimmung verbesserte sich auch nach Dienstbeginn nicht, Huther saß an seinem Schreibtisch und blickte hinüber zum Mantel, der neben der Tür hing. Auf dem Holzboden hatte sich eine Wasserlache gebildet, die Dielen sogen langsam die Feuchtigkeit auf und färbten sich dunkel. Der Kriminaloberwachtmeister wendete den Kopf und sah zu den beiden Frauenspersonen hinüber, die ihm gegenüber Platz genommen hatten. Er fühlte sich nicht wohl in seiner Haut, hatte schlecht geschlafen. Daran konnte auch die Tasse Malzkaffee nichts ändern, die zur Hälfte ausgetrunken vor ihm auf dem Schreibtisch stand.

Das jüngste seiner drei Kinder zahnte, sein Wimmern und Weinen hatte die ganze Nacht angehalten und war bis in den letzten Winkel der kleinen Zweizimmerwohnung zu hören gewesen. Erst in der Frühe, als das Kind endlich ruhiger geworden war, war er für kurze Zeit eingeschlafen.

Auch der Morgen schien schon kurz nach dem Aufstehen nur weiteres Unbill zu bringen; als hätten die durchwachte Nacht und das schreiende Kind nicht ausgereicht, war auch noch das Etagenklosett besetzt gewesen, welches sie sich mit den anderen Familien desselben Stockwerks teilten. Er musste zum Dienst, hatte keine Zeit zu warten, und so fand er sich nun in einem ganz und gar unpässlichen Zustand hinter seinem Schreibtisch wieder. Ein Blick auf die ihm gegenübersitzenden Frauen genügte, um zu ahnen, dass sich seine Lage auch in absehbarer Zeit nicht verbessern würde. Er würde bis auf weiteres auf seinem Stuhl hinter dem Schreibtisch festsitzen, mit schnürenden Schmerzen in den Eingeweiden und keinerlei Aussicht auf Erleichterung. Diese Erkenntnis dämpfte Huthers Stimmung noch mehr, und Resignation breitete sich wie ein Mantel über ihn aus.

Die beiden Weiberleut gackerten wie aufgeregte Hühner durcheinander. »Megären«, sagte er leise zu sich selbst. Gleich nach Dienstbeginn, er hatte den Mantel aufgehängt und wollte gerade die Waschräume der Wache aufsuchen, waren sie hier in seinem Büro aufgetaucht. Erwin Weinbeck, Huthers junger Kollege, hatte die Frauen ins Zimmer geführt; nach Meinung des übereifrigen Jungspunds lag der Verdacht nahe, dass es sich bei dem durch die beiden Damen Angezeigten um ein Verbrechen handelte, oder zumindest um einen ungewöhnlichen Vorfall, der in diese Richtung verwies. Huther war die dienstbeflissene Art, in der der Anwärter seinen Verdacht vorbrachte, zuwider, darüber hinaus interessierte er sich schon an Tagen, an denen er in weitaus besserer Stimmung war als heute, nicht im Geringsten für die Vorahnungen oder vagen Mutmaßungen seiner Kollegen. Diese neigten seiner Auffassung nach dazu, das Verbrechen überall zu sehen. Der Kriminaloberwachtmeister führte ihren Eifer auf die wachsende Begeisterung der Jugend für das Kino und die darin gezeigten Detektiv- und Kriminalfilme zurück. Selbst hier in Landshut wuchsen an jeder Ecke neumodische Lichtspielhäuser aus dem Boden. Kein Wunder, dass alle Welt hysterisch wurde und glaubte, hinter jedem Vorfall stecke gleich das große Verbrechen, das Ewigböse, welches nur auf Aufklärung warte.

Huther räusperte sich, strich mit der Linken über sein Sakko und holte mit der Rechten seine Uhr aus der Jackentasche. Zehn Minuten nach zehn. Er räusperte sich erneut, diesmal etwas lauter. Und tatsächlich, die Damen hielten für einen Moment inne.

Johann Huther nutzte die Gelegenheit. »Meine Damen, sind S’ doch nicht so erhitzt, beruhigen Sie sich. Schnaufen S’ gut durch und erzählen mir alles noch einmal der Reihe nach. Und wenn ich bitten darf, eine nach der anderen und nicht gleichzeitig.«

Auguste Kölbl und Bertha Beer, die beiden Frauen auf der anderen Seite des Schreibtisches, rutschten aufgeregt auf ihren Stühlen hin und her.

Bertha Beer fing als Erste zu sprechen an. »Also, es verhält sich so, Herr Kommissär …«

»Kriminaloberwachtmeister«, warf Huther mit einer besonderen Betonung auf »Kriminal« und »ober« ein. Bertha ihrerseits machte mit der Hand eine Bewegung, als würde sie den Einwand wie ein lästiges Insekt wegwischen, und fuhr einfach fort.

»Ich habe mich bei den beiden Damen Ganslmeier in der Neustadt eingemietet.« Dann eine kleine Pause, in der sie ein wenig affektiert in ihr Taschentusch hüstelte. »Ich bin zurzeit in der Schirmgasse bei meiner Schwester Auguste wohnhaft. Aber das habe ich dem Herrn im Vorzimmer ja schon erzählt. Die Wohnung dort ist arg eng, und da hat es sich gut getroffen, dass das Fräulein Ganslmeier mir ein leerstehendes Zimmer in ihrer Wohnung untervermietet hat. Die Gustl«, sie warf einen Blick auf die neben ihr Sitzende, »ist mit der Clara Ganslmeier gut bekannt, beide sind s’ beim katholischen Frauenliederkreis. Dieser Umstand setzt schon ein gewisses Niveau voraus, und darum hat das Fräulein Ganslmeier uns das Zimmer auch angeboten. Man kann heutzutage ja niemanden mehr trauen, Herr Kommissär.«

Während Bertha Beer sprach, nestelte Auguste Kölbl am Verschluss ihrer Tasche; ermuntert durch einen kleinen Stups der Schwester, fing nun auch sie zu reden an.

»Die Bertha und ich, wir haben uns noch am Mittwoch mit der Clara, ich meine, dem Fräulein Ganslmeier, getroffen und das Zimmer in Augenschein genommen.«

»Kannst ruhig lauter reden, musst nicht so gschamig rumsitzen, der Herr Kommissär kann dich sonst nicht richtig hören«, fiel ihr Bertha Beer ins Wort und fuhr an ihrer Stelle fort.

»Am 29. war das, und ausgemacht war, dass wir am nächsten Tag wieder vorbeischauen und die weiteren Modalitäten bereden. Darum sind wir am 30. März gegen halb sieben am Abend noch mal in der Wohnung vorbei. Wissen S’, ich arbeite nämlich als Kassiererin, da kann ich erst weg, wenn wir zugesperrt und abgerechnet haben. Das geht nicht eher, da war ich eh schon früh dran. Meine Schwester hat mich abgeholt, und wir sind gemeinsam in die Neustadt. Die Haustür unten war offen. Der Gustl hab ich gleich gesagt, dass das so nicht geht! Herr Kommissär, wenn ich spät heimkomm, gerade im Winter, wenn es draußen schon früh dunkel ist, ist mir das nicht geheuer, wenn ein jeder sich in der Nacht im Stiegenhaus herumtreiben kann. Jeden Tag kann man in der Zeitung lesen, was so alles passiert in der Welt. Es ist schrecklich, und ich weiß nicht, wo das noch hinführt. Und unsere Regierung? Nichts machen die Herren, nichts.«

Auguste Kölbl nickte leicht, und ihre Schwester erzählte sogleich weiter.

»Wir sind dann hinauf in die dritte Etage, gleich unter dem Dach, und haben an der Wohnungstür geklingelt. Aber in der Wohnung hat sich nichts gerührt. Mucksmäuschenstill war’s, und als auch nach mehrmaligem Klingeln keiner aufgemacht hat, sind wir unverrichteter Dinge wieder gegangen. Verstimmt war ich schon, da hätte ich mich nicht so hudeln brauchen mit der Abrechnung, wenn eh keiner daheim ist.«

»Ich hab mir gedacht, die Clara wird sich halt verspätet haben, das hab ich auch so meiner Schwester, der Bertha, gesagt.«

Auguste Kölbl sprach so leise, dass der Beamte sich schwertat, ihr zu folgen.

»Die Clara hatte mir am Nachmittag ausrichten lassen, dass sie einspringen muss bei der rhythmischen Sportgymnastik, für die Frau Esslinger, die macht sonst immer die Klavierbegleitung. Aber wegen einem Trauerfall in der Familie ist die Esslinger ausgefallen, und die Clara war so nett, die Stunde zu übernehmen. Deshalb hab ich geglaubt, sie wird halt nicht rechtzeitig von dort weggekommen sein. Sie ist in solchen Dingen immer sehr akkurat.«

Huther fühlte sich noch immer um keinen Deut besser. Ihm dauerte das ganze Gespräch bereits zu lange, er fing an, ungeduldig zu werden, er hatte weder Lust noch Muße, seine Zeit so zu vergeuden.

»Meine Damen, könnten Sie sich bitte etwas kürzer fassen! Wir wollen doch heute noch fertig werden, oder?«

Bertha Beer sah ihn tadelnd an. Ihr Nasenrücken war sehr schmal, die Augen zu eng beieinander, beides verlieh ihrem Gesicht etwas Vogelartiges. Sie richtete sich in ihrem Stuhl auf, Huther kam es vor, als plusterte sie sich auf, um größer zu erscheinen.

»Gestern, am Freitag, haben wir es dann wieder versucht. Gleich nach der Arbeit hatte ich mich mit der Gustl zusammenbestellt, und wir sind hinüber in die Neustadt. Aber auch diesmal hat uns keiner aufgemacht. Also, wissen S’, Herr Kommissär …«

»Kriminaloberwachtmeister«, warf Huther ein.

»Herr Kriminaloberwachtmeister«, berichtigte sich Bertha Beer, und ihre Stimme hatte jetzt einen spitzen, gereizten Unterton. »Ich hab das nicht verstehen können. Als Mietbeginn war der erste April ausgemacht, und die Ganslmeier, die hat doch gewusst, dass wir vorbeischauen würden. Sie selbst hat mich doch richtig gedrängt. Gesagt hat s’, ich soll nur...

»Sprachlich lässt Schenkel immer
wieder bayerische Mundart einfließen. Sie erzeugt auch hier eine düstere
Stimmung - und damit Spannung pur.«
 
»Der Ton des Buches gefällt: temporeich und spannend erzählt mit viel Kolorit. (.) Der Roman kommt leichtfüßig daher, ist letzen Endes aber dicht geschrieben.
«
 
»Einfühlsam und ungeheuer spannend.
«
 
»Andrea Maria Schenkel lässt sich die literarische Regie für den wunderbar wiederbelebten, in ganz eigener Handschrift inszenierten Kriminalfall von der Historie nicht aus der Hand nehmen.«
 
»In jedem Fall erweist sich die 51-jährige, gebürtige Regensburgerin als genaue Beobachterin, die den Handlungsorten ebenso auf den Grund geht wie der menschlichen Seele.
«
 
»Schenkel inszensiert den Krimi nach allen Regeln ihrer Kunst. [...] Großartig fängt sie die Atmosphäre eines bayerischen Kleinstadtviertels der 1920er Jahre ein. [...] Das ist perfekt konstruiert.«
 
»Die Autorin bleibt sich mit ihrem neuen Buch treu, und präsentiert sich doch als Schriftstellerin weiterentwickelt, fortgeschrieben, noch besser. Ein großartiger Krimi.«
 
»Die Geschichte liest sich süffig. Die Sprache ist unverblümt. So wird der Leser in den Sog hineingezogen, ist mittendrin, im Tratsch der Kleinstadt.«
 
»Eine willkommene Abwechslung zu
den überladenen Serienkrimis von heute«
 
»Schenkels Bücher sind Kriminalromane, denen man die Inspiration durch die Wirklichkeit anmerkt, die aber als eigenständige literarische Werke bestehen.«

Dateiformat: EPUB
Kopierschutz: Wasserzeichen-DRM (Digital Rights Management)

Systemvoraussetzungen:

Computer (Windows; MacOS X; Linux): Verwenden Sie eine Lese-Software, die das Dateiformat EPUB verarbeiten kann: z.B. Adobe Digital Editions oder FBReader - beide kostenlos (siehe E-Book Hilfe).

Tablet/Smartphone (Android; iOS): Installieren Sie bereits vor dem Download die kostenlose App Adobe Digital Editions (siehe E-Book Hilfe).

E-Book-Reader: Bookeen, Kobo, Pocketbook, Sony, Tolino u.v.a.m. (nicht Kindle)

Das Dateiformat EPUB ist sehr gut für Romane und Sachbücher geeignet - also für "fließenden" Text ohne komplexes Layout. Bei E-Readern oder Smartphones passt sich der Zeilen- und Seitenumbruch automatisch den kleinen Displays an. Mit Wasserzeichen-DRM wird hier ein "weicher" Kopierschutz verwendet. Daher ist technisch zwar alles möglich - sogar eine unzulässige Weitergabe. Aber an sichtbaren und unsichtbaren Stellen wird der Käufer des E-Books als Wasserzeichen hinterlegt, sodass im Falle eines Missbrauchs die Spur zurückverfolgt werden kann.

Weitere Informationen finden Sie in unserer E-Book Hilfe.


Download (sofort verfügbar)

7,99 €
inkl. 19% MwSt.
Download / Einzel-Lizenz
ePUB mit Wasserzeichen-DRM
siehe Systemvoraussetzungen
E-Book bestellen