Streusand

Erzählungen
 
 
Hoffmann & Campe (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 22. Juli 2013
  • |
  • 128 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-455-81171-1 (ISBN)
 
Asta Scheib begeisterte ihre Leser zuletzt mit ihrem Roman "Das Schönste, was ich sah" über den Maler Giovanni Segantini. In diesem Band stellt sie erstmals eine Sammlung von Erzählungen vor, die manchmal verblüffend sind, aber immer spannend und bewegend.

Zwei Schwestern teilen sich einen Mann; eine Frau wird nach einem Schicksalsschlag obdachlos und findet in einer Streusandkiste Zuflucht; ein Kater namens Glück ist auf der Suche nach einem neuen Zuhause; eine Tandlerin unterschätzt zwei Teenager: Asta Scheib spürt in ihren Geschichten Menschen und Schicksale auf, sie schreibt von kurzen Begegnungen, von folgenschweren Entscheidungen, von Mädchen, Müttern und Großmüttern, die sich ihren Platz im Leben erobern.

"Asta Scheib schlüpft schreibend emphatisch in fremde Häute und Herzen ... Und in vielen Fällen sind das eben Frauen, oft genug ganz Unbekannte, die man recht eigentlich erst kennenlernt, wenn man sie mit den Augen der Autorin zu sehen beginnt." Süddeutsche Zeitung
  • Deutsch
  • Hamburg
  • |
  • Deutschland
  • 0,58 MB
978-3-455-81171-1 (9783455811711)
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Asta Scheib arbeitete als Redakteurin bei verschiedenen Zeitschriften, bevor sie in den achtziger Jahren ihren ersten Roman veröffentlichte. Sie gehört heute zu den bekanntesten deutschen Schriftstellerinnen. Ihr Roman Eine Zierde in ihrem Hause. Die Geschichte der Ottilie von Faber-Castell wurde zum gefeierten Bestseller. Bei Hoffmann und Campe erschienen zahlreiche Romane, u.a. In den Gärten des Herzens, Die Leidenschaft der Lena Christ, Sonntag in meinem Herzen. Das Leben des Malers Carl Spitzweg und ihr großer Erfolg Das Schönste, was ich sah, eine Romanbiographie über den Maler Giovanni Segantini. Asta Scheibs Werk wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. Die Autorin lebt in München.

Rock Around the Clock


Hätte Tante Märjen in den achtziger Jahren noch gelebt, wäre sie womöglich mit E.T. verwechselt worden. Sie hatte den gleichen schrumpeligen Kopf, aus dem große Augen leuchteten. Diese Ähnlichkeit mit dem Außerirdischen war allerdings rein äußerlich. Märjen war keineswegs heimwehkrank oder sonst seelisch verwundet wie E.T.

Tante Märjens Augen waren die eines Spähers. Wahrscheinlich konnte sie auch um die Ecke sehen. Sie wachte in den fünfziger Jahren über unsere Moral. Über Ruthas, Millas und meine. Eigentlich hieß Märjen nach ihrer aus Amerika stammenden Mutter Maryann, aber für uns war sie Märjen und noch schlimmer als die Polizei. Unsere Mütter arbeiteten von halb acht Uhr morgens bis abends um sechs in der Modellabteilung einer Textilfabrik. Meine Mutter zeichnete Entwürfe, die Mutter von Rutha und Milla nähte danach die Modelle der Strickwaren, Pullover, Röcke, Jacken. Es war ein anstrengender Job, zwar weniger körperlich anstrengend, wie bei den Fabrikarbeiterinnen, aber dafür mussten unsere Mütter für einen Misserfolg ihrer Kreationen geradestehen.

Tante Märjen war nicht meine richtige Tante, Gott sei Dank; sie war nur die Tante von Rutha und Milla. Trotzdem hatte sie tagsüber die Oberhoheit auch über mich, und sie verlangte, dass ich sie Tante nenne. Ich sehe sie immer noch deutlich vor mir. Heute denke ich, dass sie eine unglückliche, einsame Frau gewesen sein muss. Aber als kaum sechzehnjähriges Mädchen fürchtete ich mich vor ihr. Tante Märjen sah bedrohlich aus mit ihrer papierenen gelbbräunlichen Haut, dem flusigen Haar, das sie vergeblich mit der Brennschere in Wellen zu legen versuchte. Sie trug ständig eine Art schwarzen Kittel über ihrer Kleidung, die sie wohl dadurch schonen wollte. In dieser Schwärze erschien sie mir wie das leibhaftige Unglück, das Sinnbild der Strafe für was auch immer, der fleischgewordene Vorwurf, das ständig lauernde Misstrauen. Wenn sie mich ansah, war ich bedrückt. Ihre Lippen waren ein dünner Strich. Wenn sie den Mund aufmachte, dann meist, um uns zu tadeln oder uns zu drohen. Selbst wenn ich hätte zuhören wollen, wäre es mir nicht möglich gewesen, denn ich starrte jedes Mal wie hypnotisiert auf ihre gelbliche schiefgewachsene untere Zahnreihe.

Wenn Rutha, Milla und ich aus der Schule kamen, wusste Tante Märjen schon, wer von den Jungen uns nach Hause begleitet oder gar unsere Tasche getragen hatte. »Ihr seid eine Schande für die Familie!«, rief sie dann. »Am helllichten Tag wird mit den Kerlen poussiert. Vor aller Augen. Was sollen denn die Leute denken? Mir tun eure Mütter leid, dass sie derart leichtsinnige Töchter haben!«

In meinem Fall hatte Tante Märjen schon Schicksal gespielt. Erfolgreich. Sie hatte den Eltern meiner Schülerliebe Karl-Friedrich, genannt Torro, unsere Poussagen in den glühendsten Farben geschildert. Es waren Geschichten, die offenbar Tante Märjens Phantasie entsprungen waren, denn Torro und ich strebten nach Reinem und Hohem. Doch Torros Eltern, getrieben von der panischen Angst, vor der Zeit mit Enkeln gesegnet zu werden, schickten ihren einzigen Sohn postwendend ins ferne Amerika, wohin man geschäftliche Beziehungen hatte.

Tante Märjens Sieg war jedoch einer nach Art des Pyrrhus. Nach einem Jahr im Exil kam Torro zurück, und er kam nicht allein. Im Gepäck hatte er den größten Feind, den das Leben für Tante Märjen bereithalten sollte. Es handelte sich um äußerlich unscheinbare Schallplatten, die es allerdings in sich hatten. Sie gerieten zu einer Offenbarung für Rutha, Milla und mich. Und das kam so:

Noch am Abend seiner Rückkehr aus den USA trafen wir Torro und seine Freunde Manni und Klaus, ausgerüstet mit den besagten Schallplatten, an der Friedenseiche. Es verwirrte mich, dass Torro nicht zuerst ein Treffen allein mit mir arrangiert hatte. Schließlich war ich für ein reichlich langes Jahr seine zurückgelassene große Liebe gewesen. »Du kannst Dir gar nicht vorstellen, wie sehr ich Dich liebe. Ich könnte lachen und weinen. Weil Du meine bist und doch ein Meer zwischen uns liegt.« Das oder Ähnliches hatte Torro mir in einem Stapel von Briefen versichert. Auch dass wir heiraten und Kinder kriegen würden. Durfte ich da nicht erwarten, dass er zuerst einmal mich allein treffen wollte? Mir wurde plötzlich klar, dass ich die Spielregeln nicht kannte. Wer weiß, was mein Karl-Friedrich in den USA erlebt hatte. Jedenfalls war ich verblüfft über diesen amerikanischen Torro.

»Mit deinem Bürstenschnitt und den braun-weißen Schuhen siehst du aus wie ein GI auf Urlaub«, flüsterte ich ihm zu. »Ich komme ja nur deinetwegen«, flüsterte er rasch zurück, »ich wollte bloß nicht, dass es am ersten Tag schon wieder Gezeter gibt.«

Durch die Gassen gingen wir möglichst unauffällig zu unserem großen, alten Haus, in dem auch Rutha, Milla, ihre kriegsverwitwete Mutter und eben Tante Märjen lebten. Wir öffneten behutsam das quietschende Gartentor, bewegten uns vorsichtig durch den schmalen Gang neben der Waschküche, gelangten ungesehen in die Diele und in unser großes Wohnzimmer, wo wir so geräuschlos wie möglich den Schlüssel in dem alten Schloss umdrehten. Einer der Jungs hängte seine Kappe darüber. So – jetzt konnte Tante Märjen nicht einmal durchs Schlüsselloch spionieren.

Wir holten unseren Plattenspieler aus dem Schrank. Torro zeigte uns Ausschnitte aus amerikanischen Magazinen über einen Rock-’n’-Roll-Musiker namens Bill Haley. Torro meinte, wir sollten uns nicht daran stören, dass er etwas dicklich und schon in den Dreißigern wäre, und schon gar nicht an der Schmalzlocke auf der Stirn – »Der Mann macht eine Musik, dass es dich elektrisiert. Du kannst einfach nicht sitzen bleiben«, sagte Torro –, und da hörten wir auch schon den Rock-A-Beatin’ Boogie, wir hörten »Rock, rock, rock, everybody, roll, roll, roll, everybody«, und Torro kickte seine langen Beine nach rechts und links, zog seine Knie hoch, dann wieder steppte er mit kleinen Schritten. Ich hatte noch niemanden so wild tanzen sehen, ich glaube, mir blieb der Mund offen stehen, doch Milla war sofort im Rhythmus. »Hey, Klaus, let’s go!«, rief sie, und die beiden sprangen herum wie Derwische. Rutha und Manni übten das mit dem Kicken, beide hatten schon hochrote Gesichter, und Rutha rief: »Mann, Torro, zeig mir das noch mal richtig!«, und Torro kickte bereitwillig ein wenig langsamer, doch dann rollte er mich in seine Arme und wieder zurück, und jedes Mal flüsterte er mir etwas zu: »Ich liebe deine Augen«, »Ich kann mich nicht sattsehen an deinem Mund« und dergleichen. Ich roch den Duft seines weißen Hemdes, spürte den sehnigen Körper, und Torro flüsterte wieder: »Du machst mich ganz schön verrückt!«, während Tante Märjen draußen vor der Tür hämmerte und schrie, scheinbar ebenfalls verrückt geworden, nur anders. Sie schrie, dass wir sofort aufmachen sollten, aber sofort, sonst hole sie die Polizei.

Wir waren allerdings gerade so richtig im Rock-’n’-Roll-Fieber, und die alte Schraube draußen war uns so was von egal! Wir schoben ruck, zuck den Tisch an die Wand, stellten die Stühle obendrauf, und Torro hatte längst Crazy, Man, Crazy aufgelegt. Wir tanzten das, was wir für Rock ’n’ Roll hielten, und Milla rief an der Türe, dass Tante Märjen mittanzen könne, sie müsse aber unbedingt einen Mann mitbringen. Und Torro rief: »Danke, Märjen, danke, dass du so schöne Intrigen gesponnen hast! Ich hab nämlich in den USA den Geschlechtsverkehr kennengelernt! Du als halbe Amerikanerin musst vielleicht noch lernen, dass Rock ’n’ Roll ein Slangwort ist. Und weißt du, wofür? Für Geschlechtsverkehr!«

Damit hatte Torro mich angestachelt. Meine Wut auf Märjen und ihre Lügen war plötzlich wieder lebendig in mir. Ich schrie durchs Schlüsselloch: »Hallo, du da draußen, du kannst unseren Eltern ruhig verraten, dass wir es miteinander getrieben haben, Torro und ich. Und die anderen auch. Denn diesmal lügst du damit nicht!«

»Abschaum!«, tönte es von Tante Märjen zurück. »Ihr seid schuld am Verfall der Sittlichkeit. Ihr werdet schon sehen, wo ihr mal landet!«

Wir hörten, wie sie sich mit polternden Schritten entfernte. Und zum ersten Mal war uns ihr Geschrei gleichgültig.

Torro hatte noch mehr Amerika für uns mitgebracht. Und weitere Zeitungsausschnitte und Plakate zeigten einen so hübschen Jungen, dass Milla, Rutha und ich ungehemmt »Oh!« und »Ah!« schrien. Was war das denn für einer? »Das ist ›Elvis the Pelvis‹«, sagte Torro stolz, als wäre er dessen Manager. Mindestens. »Soll das vielleicht ›Elvis, das Becken‹ heißen?«, fragte ich ungläubig. Von den Zeitungsausschnitten und aus Torros Erzählungen erfuhren wir, dass dieser Elvis Presley nicht nur mit einer besonders samtenen Stimme sang, sondern seine Lieder zusätzlich mit so aufreizenden Hüftbewegungen unterstützte, dass seine Fans wie von Sinnen kreischten. Als wir Don’t Be Cruel hörten, Hound Dog und Heartbreak Hotel, waren wir seiner Stimme verfallen.

»Die dürfen richtig wild sein!«, rief Milla, »die machen was los! Die lassen sich von keinem was sagen!« Verblüfft sahen die Jungen sich an, bis Torro sagte: »Und wir auch nicht mehr!«

Sie versprachen es sich in die Hand, und wir schlugen mit ein.

 

Tante Märjen hatte unsere Mütter schon am Fabriktor abgefangen. Sie berichtete ihnen von einer anstößigen Orgie der drei Mädchen mit den drei Jungen: »Greta, Lisbeth, ich habe diesmal das Schlimmste nicht mehr verhüten können. Die haben so unanständige Sachen geschrien, dass ich es nicht mehr...

»Auch auf wenigen Seiten entwickelt Asta Scheib den unwiderstehlichen Sog, der ihre Romane auszeichnet, und macht so ihre Kurzgeschichten ebenfalls zu einem Leseerlebnis.«
 
»warmherzig und emanzipiert .«
 
»Realistisch, unprätentiös, dennoch liebevoll und lebensklug.«
 
». routiniert geschrieben .«
 
». überraschende Wendungen und anrührende Formulierungen .«
 
»Ein Fest der Literatur.«
 
»originelle Episoden .«

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