Sonntag in meinem Herzen

Das Leben des Malers Carl Spitzweg
 
 
Hoffmann & Campe (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 11. September 2013
  • |
  • 480 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-455-81224-4 (ISBN)
 
Das Werk des Malers Carl Spitzweg kennen viele, sein Leben jedoch lernt man erstmals in Asta Scheibs großer Romanbiographie kennen.

Seit seiner Kindheit träumt Carl Spitzweg von der Malerei. Erst als er seiner großen Liebe Clara begegnet, setzt er seinen Traum in die Tat um.
Er ist studierter Apotheker und als Maler Autodidakt. Er gilt als witzig, liebenswürdig und großzügig. Seiner Maxime "Lieben ja, heiraten nie" folgt der in späteren Jahren berühmte Maler sein Leben lang. Und ja, es gab sie für ihn, die große Liebe. Mit Clara erlebt Spitzweg unverhofft eine Zeit tiefer Leidenschaft. Doch Clara stirbt. Carl Spitzweg zieht sich zurück in seine Malerei, reist, um Bilder zu sehen, malt um sein Leben - und wird zum malenden Chronisten des 19. Jahrhunderts. Einfühlsam zeichnet Asta Scheib das Porträt eines außergewöhnlichen Menschen und Künstlers.
  • Deutsch
  • Hamburg
  • |
  • Deutschland
  • 0,92 MB
978-3-455-81224-4 (9783455812244)
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Asta Scheib arbeitete als Redakteurin bei verschiedenen Zeitschriften, bevor sie in den achtziger Jahren ihren ersten Roman veröffentlichte. Sie gehört heute zu den bekanntesten deutschen Schriftstellerinnen. Ihr Roman Eine Zierde in ihrem Hause. Die Geschichte der Ottilie von Faber-Castell wurde zum gefeierten Bestseller. Bei Hoffmann und Campe erschienen zahlreiche Romane, u.a. In den Gärten des Herzens, Die Leidenschaft der Lena Christ, Sonntag in meinem Herzen. Das Leben des Malers Carl Spitzweg und ihr großer Erfolg Das Schönste, was ich sah, eine Romanbiographie über den Maler Giovanni Segantini. Asta Scheibs Werk wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. Die Autorin lebt in München.

2


Wenigstens hatte seine Frau ihm nach dem Stammhalter noch einen zweiten Sohn geboren. Simon Spitzweg wollte überhaupt nur Söhne. Mädchen machten Scherereien. Wenn er nur an seine Werbung um Franziska dachte. Sie hätte ins gesellschaftliche Abseits führen können. Ins Nichts. Immer wieder kamen die Bilder seiner Werbung um die Mutter seine Söhne zurück.

Sie hatte ihm an dem kleinen Tischchen gegenübergesessen. In ihrem weißen Tüllkleid mit den kurzen, stark gepufften Ärmeln, zu denen sie lange seidene Handschuhe trug, sah sie viel hübscher aus, als Simon Spitzweg sie in Erinnerung hatte. Ihre Halskette und der Gürtel schienen aus Stahl zu sein. Er hatte irgendwo gehört, dass solcher Schmuck jetzt von den Damen der Gesellschaft getragen werde. Das rötliche Haar Franziskas war zu Locken frisiert, sodass Simon Spitzweg Mut fasste. Warum war sie so aufwändig gekleidet und frisiert? Wollte sie trotz ihrer abweisenden Haltung möglicherweise doch Eindruck auf ihn machen? Ziemlich verwirrend war das alles.

In Tassen aus Porzellan stand duftender Kaffee vor ihnen. In einer Kristallschale war Bayerische Creme mit eingemachten Kirschen serviert worden. Eine Spezialität Franziskas, doch sie hatte offenbar vergessen, Simon davon etwas anzubieten. Himmel, dachte er, wahrscheinlich war hier im Haus alles vom Feinsten. Und er sollte außen vor bleiben? Das wollte er doch einmal sehen.

Als er auf dem Flur Schritte hörte, sprang er auf, riss Franziska in seine Arme, presste sie an sich und küsste sie, so vehement er nur konnte. »Vater«, rief Franziska hilflos und schaute auf Kaspar Schmutzer, der wie angenagelt in der Tür stehen blieb. Simon hielt Franziska wie in einem Schraubstock. Schmutzer musste es so vorkommen, als hätte er die beiden ertappt. Franziska konnte sich aus Scham ohnehin nicht rühren. Ihre Lippen brannten. Sie schmeckte Blut in ihrem Mund.

Ihr Vater wusste offenbar nicht, ob er lospoltern sollte und entweder seine Tochter oder den Spitzweg rauswerfen. Doch er besann sich darauf, dass er den vielversprechenden jungen Mann gern als Schwiegersohn hätte. Sehr gern sogar. Der passte in die Familie, war haargenau der gewünschte Nachfolger. So zielbewusst, wie er seine Karriere aufgebaut hatte, betrieb er wohl die Brautwerbung. Es imponierte Kaspar Schmutzer insgeheim und schmeichelte ihm, dass Spitzweg offensichtlich keine andere Frau wollte als Franziska. Er hätte in München die Wahl gehabt. Was allerdings das Benehmen des jungen Mannes anging, lag doch einiges im Argen.

Simon Spitzweg bemühte sich weder um eine Erklärung noch um eine Entschuldigung. Er beteuerte, er wolle unbedingt Franziskas Leben mit seinem verbinden, dieser Wille beherrsche ihn völlig.

Franziska schalt sich ungeschickt und blöde. Es sah ihr ähnlich, dass sie sich selbst die Schuld gab. Einen Ausweg, der nicht einen Skandal bedeutet hätte, wusste sie nicht. Simon Spitzweg begriff das schnell. Da sie jetzt schwieg, hatte er von ihr nichts mehr zu befürchten. Er schickte noch am selben Tag Blumen und Konfekt an Franziska und ihre Mutter, sogar an Franziskas Schwester Crescenz, und er beeilte sich, vor dem künftigen Schwiegervater von seinem Erbe zu sprechen, das sich sehenlassen könne.

 

Am 27. August 1803 hatte er an seinen Vater, den Posthalter in Unterpfaffenhofen, geschrieben:

Mein bester Vater! Empfangen Sie hiermit zum Namenstag den zärtlichsten Wunsch aus meinem Herzen von tiefer Liebe. Entziehen Sie mir Ihre Unterstützung nicht bei dem baldigen Schritte, der vielleicht über das Glück oder Unglück meines künftigen Lebens entscheiden wird. Sie werden mir diese bestimmt nicht versagen, wenn Sie meine Braut kennenlernen. Sie stammt aus einer der ersten Bürgerfamilien der Stadt. Man gratuliert mir schon überall zu meiner Wahl.

Simon Spitzweg wusste genau, dass in seinem Brief das Wort Liebe eigentlich nichts zu suchen hatte. Der süße Ton entsprach nicht seinen Gefühlen. Er hatte von seinem Vater schroffe Einschüchterung erfahren und strenge Befehle. Vor allem, als es um seine Jugendliebe Mali gegangen war. Dieser alte Schmerz würde ohnehin nie verheilen.

Doch jetzt ging es für ihn um alles. Er wollte heraus aus dem Schatten des Vaters, und er wollte so hoch hinaus wie möglich. Er malte den Eltern ein leuchtendes Bild von Franziska. Es gebe in München keine junge Frau, die aus so gutem Hause komme und so gebildet sei. Sie habe nichts von dem lächerlichen Stolz der anderen Bürgerstöchter. Sie tänzele nicht, wie die anderen, von einem Vergnügen zum nächsten. Sie gehe nur in Begleitung der Eltern aus. »Deren Zustimmung hängt natürlich auch von dem Gelde ab, das Sie, lieber Vater, liebe Mutter, mir zu geben willens sind.«

 

Wie es passieren konnte, dass sie mit einem Mal die Braut Simon Spitzwegs wurde, wusste Franziska später nicht mehr zu sagen. Ein Ereignis war dem anderen gefolgt, und alles lief auf eine Heirat hinaus. So zwingend, dass Franziska nicht mehr zurückkonnte. Sie war wie ein Pferd mit Scheuklappen und ließ sich in die Ehe mit Simon Spitzweg treiben. Sie hatte vieles gelernt in ihrem Leben: Sprachen, Geschichte, Religion, Klavier und Violine spielen, aber sie hatte nicht gelernt, einem Mann Widerstand zu leisten, der durch die Heirat mit ihr immer mehr Macht und Bedeutung in der Stadt München erlangen wollte.

Am 30. Juni 1804 führte Simon Spitzweg seine Braut Franziska Schmutzer im Dom zu Unserer Lieben Frau zum Altar. Bald darauf erfolgte von der hohen städtischen Behörde mit Schrift und Siegel die Verbriefung des eingebrachten Hochzeitsgutes, das jetzt sein Eigentum war. So stand es im Heiratsvertrag.

 

Crescenz spürte als Einzige, dass die Hochzeitsnacht für ihre Schwester eine Katastrophe gewesen sein musste. So brennend ihre Neugierde auch war – sie wartete, bis Franziska sie aufsuchte. Sie sah wirklich erbärmlich aus. Blass, mit Augenringen und einem Zug um den Mund, den Crescenz noch nie bei ihrer Schwester gesehen hatte.

»Mutter ist nicht da – ich hole uns einen Johannisbeerlikör«, entschied Crescenz, und Franziska hatte nichts dagegen. Endlich etwas Süßes, das ihr dennoch scharf durch die Kehle rann. Franziska hielt ihr wortlos nochmals das Glas hin.

»Ich hab die Augen fest zugemacht«, erklärte sie ohne Umschweife, »ich hab daran gedacht, dass im Leben alles vorübergehe – es hat nichts geholfen.«

Aha. Crescenz war so klug wie vorher. So ganz genau wusste sie auch nicht, was da los gewesen sein konnte in der Nacht nach der Hochzeit.

»Erklär mir doch mal, was war denn so schwierig?«, fragte Crescenz verunsichert, und nach dem dritten Likör sagte Franziska fast heiter: »Ich bin rein wie ein Glas Wasser. Es gab kein herzliches Wort zwischen mir und Spitzweg, schon gar nichts Vertrauliches. Er konnte nicht in mich hinein – es tat entsetzlich weh.«

Franziska wollte wieder nach der Likörflasche greifen, doch Crescenz stellte sie weg, bot ihrer Schwester stattdessen eine Schale mit Pralinen an. Doch Franziska winkte ab.

»Und was hat Spitzweg dazu gesagt?«, fragte Crescenz ratlos. Sie sah immer noch nicht ganz klar.

Franziska atmete tief durch. Dann zuckte sie mit den Schultern und schaute schwermütig aus dem Fenster. »Ach – der hat düster geschaut, und dann ist er aus dem Bett gestiegen und hat gesagt, er habe es sich ja denken können.«

»Wie sollte es anders sein«, stellte Crescenz sachlich fest, »der gibt dir die Schuld. Aber er hat nichts Besseres verdient. Mach dir nur ja keine Vorwürfe.« Crescenz ahnte, dass die Hochzeitsnacht für den ungeliebten Schwager auch eine Niederlage bedeutet hatte. Das gönnte sie ihm von Herzen.

Sie setzte sich zu Franziska und legte ihren Kopf auf die Schulter der Schwester. Nach einer Weile seufzten sie beide tief auf. Sie sahen sich an und mussten lachen. Sie fielen sich in die Arme und lachten, bis ihnen die Tränen kamen.

»Das Beste ist, du gehst zu Doktor Trautner«, entschied schließlich Crescenz.

 

Am nächsten Tag suchte Franziska den Hausarzt der Familie auf. Sie kannte Doktor Trautner seit ihrer Kindheit, und sie hatte zu ihm mehr Vertrauen als zu jedem anderen. Ohne Umschweife erklärte sie ihm, der als Gast an ihrer Hochzeit teilgenommen hatte, dass ihre Ehe ein Missverständnis sei. Eigentlich ein Albtraum.

Doktor Trautner räusperte sich, setzte sich hinter seinen Schreibtisch und beschäftigte sich sorgfältig mit seiner Pfeife. Franziska sah ein leichtes Lächeln in seinem Gesicht aufscheinen. Es gab ihr Mut.

»Ich bin nun mal verheiratet«, sagte sie, »und ich will auch nichts daran ändern. Könnte ich vermutlich auch gar nicht. Und ich will Kinder haben. Doch wenn es so weitergeht wie bisher, dann wird das nie klappen. So viel weiß ich.«

Das hatte sie nun schon mal heraußen. Erwartungsvoll schaute Franziska den Arzt an. Der hörte nicht zum ersten Mal, dass die Brautnacht ein Fiasko gewesen und die Braut ratlos war. Oft weinten die Frauen so, dass er kein Wort verstand von dem, was passiert war. Aber dass die Männer dabei eine wenig ruhmreiche Rolle spielten, hörte er immer heraus. Er suchte dann auch nach den richtigen Worten, nach einem Rat, der Erfolg versprach. Während seines Studiums hatte er nichts darüber gelernt, wie man katastrophale Hochzeitsnächte erfreulich wiederholen könnte. Doch Franziska, seine zarte Patientin, kannte er seit ihrer Kindheit. Sie schien zu wissen, wovon sie redete. Er konnte ihr offen begegnen. Schon bei der Hochzeit war ihm aufgefallen, dass die Eheleute offenbar keine Illusionen hatten. Sie schienen einander völlig fremd.

Wenn Doktor...

»Einfühlsam zeichnet Asta Scheib
das Porträt eines außergewöhnlichen Menschen und Künstlers.«
 
»Darin zeichnet die Autorin das
Portrait eines außergewöhnlichen Menschen und Künstlers.«
 
»Einfühlsam zeichnet Asta Scheib
das Porträt eines außergewöhnlichen Künstlers.«
 
»Asta Scheib recherchiert nun in
ihrer detaillierten Biografie [.] erstmals die große Liebe des Münchener Malers.
Und zeichnet ein atmosphärisches Bild seines Künstlerlebens in der
Biedermeierzeit.«
 
»Wer war der Mensch, der sie
gemalt hat, und für sich die Maxime aufstellte 'Lieben ja, heiraten nie'? Asta
Scheib hat ihm eine einfühlsame Romanbiografie gewidmet.«
 
»Denn ihr Buch über einen der
beliebtesten deutschen Maler ist nicht nur brillant geschrieben, sondern öffnet
auch ein sorgfältig entworfenes Zeitfenster in die Welt des 19.
Jahrhunderts.«
 
»Asta Scheib hat dieses zart und
mit einer gewissen Anmut geführte Leben schön beschrieben und dezent ausgedacht,
was man nicht genau wissen kann. Eine Lesefreude, dieses Buch.«
 
»So ist Asta Scheibs neue
Romanbiografie vor allem der Versuch, den Menschen hinter dem Klischee des
Biedermeiermalers sichtbar zu machen. Das ist ihr mit Bravour
gelungen.«
 
»Asta Scheib wagt sich mit einer
kühnen Romanbiographie an Leben und Werk des Malers Carl Spitzweg.«
 
»Asta Scheib kreiert ein
detailreiches zeitgeschichtliches Gemälde [... und] lässt ihn lebendig werden,
den einsamen Poeten. «

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