Kinder des Ungehorsams

Die Liebesgeschichte des Martin Luther und der Katharina von Bora Roman
 
 
dtv (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 1. Dezember 2011
  • |
  • 288 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-423-41196-7 (ISBN)
 

Die Macht der Liebe und des Glaubens

Als der ehemalige Mönch Martin Luther 1525 die ehemalige Nonne Katharina von Bora heiratet, ist das nicht nur für die Kirche eine ungeheure Provokation, sondern löst selbst bei den Anhängern des Reformators Befremden aus. Doch Martin und Katharina lassen sich nicht beirren. Spannend und mit großem Einfühlungsvermögen erzählt Asta Scheib die bewegte und bewegende Geschichte der Ehe dieser beiden außergewöhnlichen Menschen.
  • Deutsch
  • München
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  • Deutschland
  • Format: EPUB
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  • Format: EPUB
  • 1,04 MB
978-3-423-41196-7 (9783423411967)
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Asta Scheib, geboren in Bergneustadt im Rheinland, arbeitete als Redakteurin bei verschiedenen Zeitschriften. Sie gehört heute zu den bekanntesten deutschen Schriftstellerinnen und lebt mit ihrer Familie in München.

1


Katharina, ich habe Angst.«

»Ich auch, Ave.«

In der Zelle ist es ungewöhnlich finster. Diese Osternacht, es ist die Nacht vom 4. auf den 5. April des Jahres 1523, diese Nacht schickt nur wenig Licht durch das kleine, vierteilige Zellenfenster. Es ist kalt. Zu kalt für die Jahreszeit. Ist das die Strafe? Katharina fühlt, wie sich das Zittern ihrer wieder bemächtigen will. »Dort wird Heulen und Zähneklappern sein.« Nur jetzt nicht den Kopf verlieren. Nicht diese Nacht.

»Mir ist kalt«, flüstert Ave.

Katharina rollt sich geräuschlos aus dem Bett. Sie hat es gelernt. Ohne Laut schlüpft sie zu Ave, die ihr das Deckbett öffnet wie eine Kammertür. Die Tür eines Schlupfwinkels. Zärtlich umschlingen sie einander. Wie schon in vielen Nächten vorher. Doch in dieser Nacht tragen sie Schleier, Chorkleid und Gürtel. Bereit zur Flucht.

Ave presst ganz fest Katharinas Hand: »Glaubst du, dass uns der Teufel holen wird?«

Katharina, heftig: »Wenn wir hierbleiben, holt uns der Teufel bestimmt.«

Beide liegen wieder still, lauschen. Seit vier Uhr in der Frühe sind sie wach. Wie jeden Morgen, wenn vom Dachreiter die AveGlocke zum Angelus Domini ruft. Meist noch wie betäubt vom Schlaf huschen sie aus dem Dunkel des Dormitoriums durch die Kreuzgänge zum Gotteshaus. Die Psalmen, Tag um Tag beschworen, gleiten von allein über die Lippen: »Ich darf wandeln vor dem Herrn im Lande der Lebendigen.«

Die anderen Nonnen sitzen schon im Chor. Im Kerzendämmer der Kirche scheinen sie wie schwarzköpfige Tauben auf- und niederzuschweben. Wie leises Rauschen von Wassern wogt es: »Gott merk auf meine Hilfe, Herr, eile mir zu helfen.«

Das ist Katharinas Tagesbeginn gewesen. Seit fast zwanzig Jahren. Bis zur heutigen Nacht.

»Hilf mir, Herr!« Wieder legt sich die Angst heiß und schwer auf Katharina. Heute noch, gleich, wenn das Zeichen ertönt, wird sie mit Ave und den anderen aus dem Kloster entfliehen. Der Plan, bis ins kleinste Detail festgelegt, erscheint Katharina jetzt wahnwitzig. Todesstrafe steht auf die Entführung und Flucht von Nonnen. Was, wenn Leonhard Koppe den Mut verliert? Er ist Ratsherr und Schösser in Torgau. Ein Steuerbeamter des Kurfürsten, der Ordensfrauen hilft, aus dem Kloster zu entkommen. Wird er sein Wort halten?

»Katharina, hörst du es?«

Ave hat sich aufgerichtet im Bett. Auch Katharina lauscht jetzt angespannt. Ein Käuzchen schreit im Klostergehölz. Das sind sie. Koppe, sein Neffe Leonhard und Wolf Dommitzsch, ebenfalls Ratsherr in Torgau.

»Schnell!« Katharina nimmt Aves Hand.

Beide schleichen aus der Zelle. Da kommen Veronika und Else aus der Nachbarzelle. Schräg gegenüber huschen Magdalene und Laneta schon zur Tür, die zum Garten hinausgeht. Wenn das Dormitorium nicht im Hinterkloster läge, wenn vom Dormitorium nicht eine Tür zum Klostergarten hinausführte, wenn der Klostergarten nicht ans Klosterholz angrenzen würde, wenn, wenn, wenn .

Alle neun sind sie jetzt im Garten, Ave Grosse ist schon drüben im Gehölz, alle rennen und stolpern in ihren weiten schwarzen Chorkleidern die wenigen Meter bis zum Wäldchen. Gott sei Dank. Offenbar hat niemand sie gesehen. Schweigend marschieren sie jetzt, so schnell es eben geht, durch das dichte Gehölz. Es ist finster im Wald. Sie bräuchten eine Fackel. Doch das wäre Aberwitz. Katharina zieht Ave hinter sich her. Sie sucht den Weg durch das dichte Unterholz. Jetzt sind sie schon am Weiher. Die Oberfläche des Wassers glitzert grausilbrig durch die Bäume. Weiter. Sie wissen, dass sie erst in Koppes Planwagen sicher sein können. Jede Sekunde kann im Kloster ihr Verschwinden entdeckt werden. Kann die Glocke läuten, den Torwächter Thalheim alarmieren. Alle würden erwachen. Die Leute im Brauhaus, im Backhaus, im Schlachthaus. Die in der Schmiede und die in der Mühle. Der Vorsteher in der Propstei mit dem Vogt und dem Schreiber. Die beiden Beichtväter - alle würden als Erstes das Wäldchen durchsuchen.

Schneller, noch schneller. Durch die Bäume sieht Katharina das kleine Haus des Holzhackers und Hellenheißers. Er, der mit seinen rußigen Händen die Klosteröfen zum Glühen und Bullern bringt, er würde die anderen irreführen . Sein Haus liegt ruhig im Dunkel. Auf dieser Höhe des Waldes liegt auch das Klostergut mit dem Vorwerk und den sechs kleinen Höfen, die dazugehören. Hier leben die Ackerknechte, die Kuh- und Schweinehirten, die Käsemütter und Mägde, die dem Kloster dienen. Eine große Schafherde gehört dem Kloster und mindestens sechzig Stück Rindvieh. Dreißig Pferde und hundert Schweine. Im Moment sind nur vierzig Schweine da, denn die Schweinepest hat gewütet. Alles, was man im Umkreis des Klosters sieht, gehört den geistlichen Jungfrauen. Der Kranz von Dörfern, Gütern und Vorwerken rund um das Kloster ist der lebensspendende Rahmen. »Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist.« Katharina weiß, dass mit dem Weizen und Roggen, mit der Gerste, den Erbsen und Rüben, dass mit Hanf, Flachs und Hopfen auch viel und immer mehr Bitterkeit und Gift ins Kloster geliefert werden. Die zinspflichtigen Bauern geben die Butter, die Eier, die Hühner und Kapaunen nicht mehr gutwillig ab. Es gibt immer neue Anzeichen für Aufruhr und Hass gegen die Nonnen und die Geistlichkeit.

 

Jetzt, da Katharina atemlos durch den Wald hetzt, jetzt, da sie die Häuser der Bauern still und schutzlos im Dunkel liegen sieht, fällt ihr wieder der Sonnabend im Februar ein. Die Schwestern sitzen im Refektorium. Die Ehrwürdige Mutter teilt die Suppe aus. Alle löffeln schweigend. Da, von der Propstei her kommend, zuerst ein Raunen und Poltern, dann laute grobe Stimmen, grobes Schreien. Alles übertönend der Torsteher Thalheim. »Raus, Pack, raus hier!«

Katharina sieht, wie das Gesicht der Domina für einen Moment starr wird. Dann erhebt sich die Ehrwürdige Mutter. »Bleibt ruhig, Kinder, ich komme gleich zurück.«

Doch da kommen sie schon herein, voran Ulrich Schmid und Hans Galster sowie der bucklige Jobst Weißbrod und Lazarus Ebner. Katharina sieht, dass sie ihre besten Kleider tragen. Und jetzt drängen sich Katharina Ebnerin und Klara, die Hausfrau des Galster, zwischen die drei Männer, die vor der Ehrwürdigen Mutter stehen. Die Stimmen der Frauen zittern von lang aufgestauter Wut und gleichzeitiger Angst: »Lasst uns vom Pachtzins ab, Ehrwürdige Mutter!«

Fast scheint es, als sei die Ebnerin selbst erschrocken über ihren Mut. Doch die Galsterin setzt rasch hinzu: »Wir wollen Euch auch keine Hühner und Hennen und Eier mehr geben.« Die Ebnerin: »Und unsere Männer sollen nicht länger zum Dienst gezwungen werden. Ihr habt uns geschunden und geschabt.«

Jetzt schieben sich die Männer vor die Frauen. Doch ehe sie etwas sagen können, hat die Domina sich wieder gefasst: »Ich habe nicht die Macht, dem Kloster das Seine zu mindern. Es befremdet mich, dass ihr mir das zumutet. Doch - lasst mich sehen, wie es die anderen Klöster jetzt mit ihren Untergebenen machen. Ich habe im Übrigen nicht das Gefühl, als ob ich euch so unerträglich beschwere, dass ihr solchen Aufruhr machen und die anderen auch gegen uns aufwiegeln müsst. Ich bitte, damit aufzuhören, wenn nicht das Kloster und damit wir alle ins Unglück kommen sollen.«

Erst sind die anderen stille. Dann jedoch reden alle durcheinander. Männer und Weiber: Sie reden von Adam und Moses. Davon, dass alle, die sich im Kloster wohl sein lassen, auch arbeiten sollen und nicht nur Bauern. Und dass sie für das Kloster nun nicht mehr den Mist breiten, mähen und schneiden wollen. Dass sie das Korn nicht mehr einfahren und dreschen wollen. Sie wollen für das Klosterbier keinen Hopfen mehr pflücken. Sie wollen nicht mehr Flachs und Hanf raufen und rösten. Sie wollen nicht mehr Kraut stechen und hacken. Sie wollen nicht mehr Holz für die Nonnen schlagen. Nicht mehr den Mühlgraben von Schlamm und Eis frei machen. Nicht mehr die Hunderte von Schafen scheren.

Die Leute reden sich immer mehr in Wut.

Noch bevor die Domina etwas entgegnen kann, baut sich der Torwächter Thalheim zwischen der Ehrwürdigen Mutter und den Bauern auf: »Ich bin ein einfacher Mann und kann nicht einen Buchstaben schreiben. Wie ihr alle. Ich weiß auch nicht viel aus der Bibel zu vermelden. Aber eins will ich euch sagen. Ihr irrt! Es steht geschrieben: Gebt dem Kaiser, was dem Kaiser gehört, und Gott, was Gott gehört.«

Und gemeinsam mit dem inzwischen dazugekommenen Vogt und den Schreibern kann er die Bauern zurückschicken.

Dieses Mal noch gehen sie, zwar scheltend, weg. Doch zu Oculi am 19. März sind sie wieder da. Und am Montag nach Lätare, dem 27. März, kommen sie mit Pferd und Wagen zurück. Sie nehmen das Korn, den Most, das Bier und viel Trockenfleisch mit. Der Hofmeister meldet es zornbebend der Domina. Die Ehrwürdige Mutter kommt aus der Klausur, bedeutet der Priorin und der Subpriorin, sie in den Klosterhof zu begleiten. Katharina, Laneta, Ave und Else laufen hinter den Schwestern her. (In der Aufregung verbietet es ihnen niemand.) Im Klosterhof sind eine Anzahl Bauern mit ihren Weibern dabei, Säcke, Flaschen und Schüsseln wegzutragen. Der Torwächter Thalheim brüllt: »Ihr kommt allesamt an den Galgen, ihr elendes Gesindel! Wartet, bis der Herr Abt davon erfährt und der Kurfürst! Alle werdet ihr hängen!« Da tritt die Galsterin ganz nah vor die Domina. Ihr ausgemergeltes Gesicht ist hochrot. Sie schreit: »Wir wollen nicht mehr jeden Tag Kraut essen! Wir wollen unsere Fische, unsere Hühner und unsere Butter selber haben! Und am Sonntag anstatt Wasser unseren Most, den wir gekeltert haben! Alles gehört...

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