In den Gärten des Herzens

 
 
Hoffmann & Campe (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 22. Juli 2013
  • |
  • 415 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-455-81114-8 (ISBN)
 
Interessante Frauenschicksale der Geschichte haben die Erfolgsautorin Asta Scheib immer wieder zu Romanen inspiriert. In ihrem neuen Buch beleuchtet sie das tragische Schicksal der Schriftstellerin Lena Christ und ihren mysteriösen Freitod im Jahr 1920.

Warum wollte Lena Christ sterben? Diese Frage gibt bis heute Rätsel auf. Denn die Dichterin hatte den gesellschaftlichen Durchbruch geschafft. Sie war vom ledigen Bankert, von der geprügelten, ausgebeuteten und vergewaltigten jungen Frau aufgestiegen zur anerkannten Schriftstellerin. Aus den bunten Gärten ihres Herzens schöpfte sie eine Kraft und Fantasie, die ihr niemand nehmen konnte. Ihre leuchtende Sprachkraft, ihr sprühender Witz machten ihre Romane und Erzählungen unverwechselbar. Christ wurde eine über ihre bayerische Heimat hinaus berühmte Dichterin und zählte bekannte Künstler zu ihren Freunden. Sogar König Ludwig III. schätzte sie außerordentlich und bedachte sie mit Orden und Preisen. Asta Scheib, die mit ihrer Romanbiographie über Ottilie von Faber-Castell einen Bestseller schrieb, hat sich intensiv mit dem Leben von Lena Christ auseinandergesetzt und als neue Quelle den Nachlass des Schriftstellers Peter Jerusalem hinzugezogen. Warum, so stellt sich die Frage, hat Peter Jerusalem die Beihilfe zum Suizid seiner Frau erst zwanzig Jahre später eingestanden, als die Tat bereits verjährt ist? Hat er Lena ihre einzige große Leidenschaft, die Liebe zu dem jungen Sänger Ludovico Fabbri, nie verziehen? Oder hatte er es vielmehr auf Lenas Erbe abgesehen? Entstanden ist ein beeindruckendes Frauenporträt und ein mitreißender Eheroman, der für die Gegenwart genauso viel Gültigkeit hat wie für die Zeit der Lena Christ.
  • Deutsch
  • Hamburg
  • |
  • Deutschland
  • 2,16 MB
978-3-455-81114-8 (9783455811148)
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Asta Scheib arbeitete als Redakteurin bei verschiedenen Zeitschriften, bevor sie in den achtziger Jahren ihren ersten Roman veröffentlichte. Sie gehört heute zu den bekanntesten deutschen Schriftstellerinnen. Ihr Roman Eine Zierde in ihrem Hause. Die Geschichte der Ottilie von Faber-Castell wurde zum gefeierten Bestseller. Bei Hoffmann und Campe erschienen zahlreiche Romane, u.a. In den Gärten des Herzens, Die Leidenschaft der Lena Christ, Sonntag in meinem Herzen. Das Leben des Malers Carl Spitzweg und ihr großer Erfolg Das Schönste, was ich sah, eine Romanbiographie über den Maler Giovanni Segantini. Asta Scheibs Werk wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. Die Autorin lebt in München.

1. Kapitel


Als Lena erwachte, sah sie undeutlich das Gesicht der Barmherzigen Schwester unter der weißen Flügelhaube. Durch das geöffnete Oberlicht des großen Fensters kam der Tag herein, Lena hörte den Kies unter den anfahrenden Wagen knirschen. Von der nahen Anstaltskirche schlugen die Glocken elfmal. Sie zählte stumm mit.

»Sie haben gestern den ganzen Tag geschlafen, dann die Nacht durch bis in diese Minute«, sagte die Schwester. Lena bemühte sich, Herzlichkeit aus dieser Feststellung heraushören. Die Schwester hatte eine Brille mit kleinen runden Gläsern auf der Nase, und Lena war froh, dass sie offenbar noch ziemlich jung war. Wenigstens nicht diese alte Beißzang, die Lena bei ihrer Aufnahme sofort das Gefühl gegeben hatte, in einem Gefängnis gelandet zu sein. Sie wusste sehr wohl, dass dieses Gefühl nicht gerechtfertigt war, dass sie dankbar sein musste, aus dem tropfnassen Loch ihrer letzten Bleibe in das schöne neue Schwabinger Krankenhaus zu kommen. So herunter, wie sie war. Lena fühlte sich, als habe man ihr mit einem Holzhammer auf den Kopf geschlagen, und sie wollte zurückgleiten in den Schlaf, in die Wärme und Sauberkeit des weißen Bettzeugs. Helle weiße Betten, heller weißer Vormittag wie im Winter auf dem Wendelstein. Es war Lena, als könne sie im Schnee einschlafen und müsste nie mehr aufwachen.

Doch die Schwester hatte einen Block auf den Knien, Lena sah ihn erst jetzt, und die Schwester sagte, dass sie Fragen stellen müsse, alles aufschreiben über den Neuzugang.

»Vom Armenrat wissen wir, dass Sie Magdalena Leix heißen, achtundzwanzig Jahre alt sind und katholisch. Stimmt das?«

Vom Armenrat wussten die das. Herrschaft! Wenn Lena nicht so verdammt müde gewesen wäre, hätte sie gefragt, was das denn sei, ein Armenrat. Aber so nickte sie nur, und die Schwester, die offenbar einen Schnupfen und kein Taschentuch hatte, zog die Nase hoch.

»Da hilft alles nichts, wir müssen noch einiges klären! Nachher können Sie wieder schlafen.«

Die Schwester rückte die Brille zurecht, zog wieder die Nase hoch. Sie gab sich Mühe, nach der Schrift zu sprechen.

»Also, jetzat, Sie sind verheiratet, katholisch, haben drei Kinder – und Ihr Mann?«

Sie sah Lena ein wenig schräg an, eine Sekunde nur, dann konzentrierte sie sich auf ihr Blatt und auf ihren Stift. In ihrer weißen schützenden Höhle wusste Lena, dass sie nichts mehr zu verlieren hatte. Sogar die Scham über ihr Elend, die ihr bis zuletzt noch Kraft gegeben hatte und Trotz zum Widerstand, hatte sich im Bluthusten, im Schüttelfrost und Fieber verflüchtigt. Nicht einmal für die Kissen, in denen sie lag, konnte sie bezahlen, und es gab niemanden, den sie dafür verantwortlich machen konnte.

Auch nicht ihren Mann. Oder doch? Schließlich hatte er durch seine leichtsinnigen Bauspekulationen so hohe Schulden gemacht, dass selbst seine Eltern ihm nicht mehr verzeihen konnten. Sie hatten die schöne Wohnung verlassen müssen, die mit Lenas Hochzeitsgut elegant und behaglich eingerichtet worden war. Dann gingen die Umzüge los. Immer geringere Wohnungen, Loristraße, Linprunstraße, Sternstraße, Klenzestraße. Und stets zog Franz Schwimmböck mit, der Gerichtsvollzieher. Lena hatte ihn trösten müssen, weil es ihn gar so hart angekommen war, ihr alles wegzupfänden. Die Kommode mit der Wäsche für die Kinder ließ er ihr bis zuletzt.

Anton, ihr Mann, hatte seine Wut und Enttäuschung über Misserfolge, die Verachtung und den Zorn der Eltern bei Lena abgeladen.

»Du bist an allem Schuld! Hätte ich bloß nicht geheiratet. Alles ist so blöd wie bei den anderen auch!«

Lena erinnerte ihn anfangs noch daran, dass er sie unbedingt haben wollte. »Du warst es doch, der keine Ruhe gegeben hat, bis wir verheiratet waren!«, schrie sie ihn an, aber dann lernte sie, vorsichtig zu sein, denn Anton schlug zu. Sie wollte rebellieren gegen die Schläge, gegen die Gewalt, doch niemand war auf ihrer Seite, und gegen einen alkoholisierten Anton war sie machtlos.

Antons Eltern schimpften über die ständigen Streitereien im Haus, sie gaben Lena zu verstehen, dass sie verantwortlich sei für das Scheitern ihres Sohnes. Lena begriff es nicht. Die Schwiegereltern hatten sie freundlich begrüßt. Lenas Familie und das Hochzeitsgut war ihnen recht gewesen. Das erste Kind des jungen Paares wurde ein Bub, Toni, Stammhalter der Familie Leix. Aber als der Anton begann, in den Wirtshäusern zu trinken, als er sich mit Spekulanten einließ und schließlich die bürgerlichen Ehrenrechte verlor, gaben sie offen Lena die Schuld. Anton habe es wohl nicht schön daheim, hatte die Schwiegermutter gemeint.

Lena resignierte. Sie hatte schon auf dem Land gelernt, dass Frauen still ihre Arbeit machten und gehorchten. Die Männer hatten immer Recht. Wie die Eltern auch. Schließlich hatte Lena sich auch nie ernsthaft gegen die Misshandlungen der Mutter gewehrt. Sie liebte die Mutter, wollte es ihr recht machen, schaffte es aber nicht, so sehr sie sich auch bemühte, manchmal bis zum Umfallen arbeitete. Sie war immer darin aufgegangen zu lieben. Früher den Großvater, über sein Grab hinaus, und dann ihre Kinder: Anton, Magdalena, Alexandra. Sie war damit beschäftigt gewesen, sie zu beruhigen über den Streit, der immer öfter zu hören war, die Umzüge, die von Tag zu Tag bescheidenere Kost, schließlich das Schlafen in Lumpen auf dem nackten Fußboden. Sie hatte mit den Kindern Gotteshäuser besucht, ihnen die schönen Bilder und Statuen gezeigt. Sie ging mit ihnen zur Messe, wo die Kleinen Orgelmusik hörten und Lieder, wie sie ihnen Lena auch daheim sang, damit sie einschliefen und abgelenkt wurden von der verzweifelten Notlage, die zumindest Toni und Leni, die beiden Großen, bewusst erlebten. Alixl war erst vier, sie war schon in die Verzagtheit, den Kampf und die Niederlage hineingeboren worden.

Lena hatte die Schwiegereltern geliebt oder lieb gewinnen wollen, die sie im Anfang »unser liebes Töchterl« genannt hatten. Doch ihre Zuneigung zu Lena war wohl eher oberflächlich gewesen. Hätten sie sonst Lena und die Enkeltöchter dem Elend überlassen und nur den Stammhalter zu sich genommen? Lena sagte sich immer wieder, dass sie dem anfangs so lustigen und charmanten Anton alles geglaubt und vor allem von daheim weggewollt habe. Dass sie allein Schuld sei an ihrer Misere. Aber Leni und Alixl doch nicht!

Sollte sie sich bei Gott dafür bedanken, dass sie selber bis zu ihrem siebten Lebensjahr niemals Not gelitten hatte, da sie bei den Großeltern sorglos aufgewachsen war? Gewiss – der Großvater war nicht reich gewesen, aber es hatte immer Geselchtes und Semmelknödel gegeben, sonntags Leberknödel und in der Brühe heißes Schmalz mit braunen Zwiebeln und Schnittlauch. Schmalznudeln und Gesundheitskuchen an Feiertagen, und an Ostern gab es Osterbrot und gekochte Eier.

In den harten Jahren im Haus der Mutter hatte zwar deren Grausamkeit und Kälte Lena bedrückt, aber die Schüsseln waren immer voll gewesen mit Kraut und Braten, Bifflamod und Salat, abgebräunter Milzwurst und Brotsuppen. Es kam vor, dass die Mutter ihr zur Strafe einen Tag lang nichts zu essen gab, aber da hatte Lena schon ihre Tricks, auch wenn sie das heimlich Versteckte mit schlechtem Gewissen aß. Schließlich betrog sie die Mutter, obwohl es ihr einziger Wunsch war, von ihr geliebt zu werden. Besonders, wenn die Mutter sie strafte, hatte Lena sich armselig und allein gefühlt. Wenn sie diese Zeiten doch endlich vergessen könnte!

Die Schwester neben ihr machte eine ungeduldige Bewegung.

»Wenn Sie über Ihren Mann nicht reden wollen – können wir dann Ihre Eltern benachrichtigen? Irgendjemanden müssen Sie doch haben!«

Lena spürte, dass die Schwester den leidigen Fragebogen los werden wollte, dass Lena ihr auf die Nerven ging, aber sie konnte ihr doch nicht sagen, dass es keinen Weg mehr zurück zu den Eltern gab. Wie sollte sie einer jungen Klosterfrau erklären, dass ihre Mutter sie am Hochzeitstag verflucht hatte. »Keine glückliche Stunde sollst du im Leben haben, und jede gute Stunde sollst du mit zehn bitteren büßen!«

Lena sah wieder das harte, grausame Gesicht der Mutter vor sich, sah, wie ihre grünen Augen vor Kälte glitzerten, und sie hörte, was die Mutter noch hinzugefügt hatte: »Du sollst dir wünschen, wieder heim zu dürfen, aber rein kommst du nie mehr! So – nun weißt du es!« Lena war übel geworden bei diesen Worten, ein Weltuntergang hätte sie nicht heftiger erschrecken können, aber es gab keinen, nur eine Hochzeit, seit der sie dem Anton gehört hatte wie einem Bauern das Vieh.

Würde sie nie Ruhe finden, würde sie sich immer wieder verirren in diesem Labyrinth der Gefühle, das so dunkel und eng war und sie immer wieder in Panik versetzte?

Was war sie für eine Person? Warum liebte sie ihre Mutter immer noch, obwohl die hart und grausam war, unerbittlich, zerstörerisch. Oder war es nur Mitgefühl, das Lena fast erstickte? Lenas Vater hatte ihre Mutter nicht geheiratet, es gab Gerede. Lena hatte unfreiwillig belauscht, dass ihre Schwiegereltern sich fragten, ob der Vater Lenas denn nun Karl Christ, der Schmiedgeselle aus Mönchsroth, oder der von Scanzoni auf Zinneberg gewesen sei, bei dem die Mutter als Köchin angestellt war. Man höre hier und da, dass der seinen Bediensteten Christ vorgeschoben habe, natürlich gegen Zahlung einer hübschen Summe. Woher sonst habe Lenas Mutter ein so hohes Brautgeld für ihre Tochter gehabt?

Jedenfalls war die Mutter durch Lenas ledige Geburt gekränkt worden. Vielleicht musste sie Lena deshalb immer verletzen, und Lena musste es sich gefallen lassen. Wenn die Mutter sie ansprach, duckte Lena sich innerlich, denn die Mutter hatte dabei die Angewohnheit, den...

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