Der Austernmann

 
 
Hoffmann & Campe (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 22. Juli 2013
  • |
  • 255 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-455-81116-2 (ISBN)
 
Schon in der Schule nannten sie ihn Auster - den schweigsamen Jochen Osthaus. Später hält er als Wissenschaftler viel beachtete Vorträge, in seinem Privatleben jedoch bleibt er stumm. Asta Scheib beschreibt in ihrem liebevollen, einfühlsamen Porträt eines Schweigers das Dilemma zwischen Sprachlosigkeit und leidenschaftlicher Sehnsucht nach Liebe.

Jochen Osthaus ist Veterinärmediziner an der Universität und beschäftigt sich erfolgreich mit dem Knochenstoffwechsel bei der Ratte. Auch privat wähnt er sich als Familienvater am Ziel seiner Wünsche, da verlässt ihn seine Ehefrau Lili von heute auf morgen. Die Frage nach dem Warum will Jochen sich nicht so recht stellen, obwohl ihn auch seine Jugendliebe Georgia Jahre zuvor auf ähnliche Weise verlassen hatte.

Schon als kleiner Junge ist er schweigsam gewesen. Vielleicht, weil er es schon früh aufgegeben hatte, um die Aufmerksamkeit und Liebe seines Vaters zu kämpfen, der nur Augen für seine Schwester Bea hatte. Oft war es, als hielte ihm eine unsichtbare Hand den Mund zu. Und meist beschränkte er sich in seinen Reaktionen darauf, die linke Schulter hochzuziehen. Seine Vergangenheit scheint den erfolgreichen Veterinär jedoch immer wieder einzuholen, und sein Schweigen erweist sich zunehmend als zerstörerische Kraft. Als er mit seinem obligatorischen Schulterzucken einen Streit abbrechen will, kommt es zur Katastrophe.
  • Deutsch
  • Hamburg
  • |
  • Deutschland
  • 1,93 MB
978-3-455-81116-2 (9783455811162)
weitere Ausgaben werden ermittelt
Asta Scheib arbeitete als Redakteurin bei verschiedenen Zeitschriften, bevor sie in den achtziger Jahren ihren ersten Roman veröffentlichte. Sie gehört heute zu den bekanntesten deutschen Schriftstellerinnen. Ihr Roman Eine Zierde in ihrem Hause. Die Geschichte der Ottilie von Faber-Castell wurde zum gefeierten Bestseller. Bei Hoffmann und Campe erschienen zahlreiche Romane, u.a. In den Gärten des Herzens, Die Leidenschaft der Lena Christ, Sonntag in meinem Herzen. Das Leben des Malers Carl Spitzweg und ihr großer Erfolg Das Schönste, was ich sah, eine Romanbiographie über den Maler Giovanni Segantini. Asta Scheibs Werk wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. Die Autorin lebt in München.

Kapitel 1


Jochen Osthaus wurde zweimal in seinem Leben verlassen. Heute war das zweite Mal. Wieder stand er vor offenen Schranktüren und sah leere Schubläden. Auf einer Kleiderstange bewegte sich lautlos ein Bügel. Die Wirtschafterin lehnte im Türrahmen des Schlafzimmers. Jochen spürte, dass sie empört war.

»Einer hat sie abgeholt. Mit einem Pick-up. Sie hat alles hintendrauf geworfen. Kleider, Mäntel, Schuhe, Taschen.«

Sophie kam zögernd ins Zimmer. Sie blieb neben Frau Jakobsen stehen.

»Mama weg.«

»Ich habe gesagt, nehmen Sie doch wenigstens Söphchen mit, sie ist noch so klein.«

Jochen wusste, er müsste jetzt etwas sagen. Alle Gerüchte waren tausendfache Wahrheit geworden. Doch er sagte nichts. Schon immer war er schweigsam gewesen. Hatte bereits als Kind unsichtbare Hände gefühlt, die seinen Mund verschlossen. Dahinter sich alles zurechtgelegt, Worte auswendig gelernt, ihrem Klang in seinen Ohren gelauscht, in seiner Kehle. Nur immer wieder auswendig Gelerntes konnte er aussprechen, nie Spontanes. Er brauchte lange, bis die widerspenstigen Worte ihm gehorchten und er sie ablesen konnte wie von einer Tafel. Sein Leben war deshalb von einer Einsamkeit geprägt, die er sich keineswegs wünschte. Im Gegenteil, er liebte die Menschen, und er liebte die Liebe, wollte seiner Einsamkeit und Verzweiflung entkommen.

Jochen hatte geglaubt, in seinem neuen Münchner Leben würde alles anders sein als in Berlin. Er hatte seine alte große traurige Straße verlassen. Der Park, der Paule und ihm früher so groß vorkam, schien ihm kalt und leer, seit er von Paule und Georgia betrogen worden war. Die Stimmen der spielenden Kinder und ihrer rufenden Mütter klangen wie aus einer fernen Zeit. Der Lärm Berlins – war es seit Georgias Tod, dass er ihn rau und feindlich fand?

In München, im süßen Lärm seiner Heimatstadt wollte er endlich glücklich werden! Und als er Lili traf, fragte er sie nicht: Wer bist du?, denn diese Frage hätte er niemals herausgebracht. Dabei hätte er so gerne gewusst, wer dieses Mädchen war mit dem ungezähmten Blick, von der die anderen sagten, dass sie mühelos jede Gesellschaft unterhalten könne, überall auffalle mit ihren Kleidern, die sie verknotete und zerschnitt, wie es ihr passte. Man schien von ihr zu erwarten, dass sie plötzlich einen Kopfstand machte oder sonst wie ihre Gefühle auslebte, jeden momentanen Einfall in die Tat umsetzte. Jochen war sich erst jetzt darüber klar, dass er erwartet hatte, Lili würde ihn von seiner Sprachlosigkeit erlösen, sein Leben in Schwung bringen. Ja – er hatte gehofft, mit Lili könne er unabhängig werden von der oftmals bedrohlichen und rätselhaften Umwelt. Mit Lili wollte er sich eine eigene Realität schaffen, in der sie nach ihren Wünschen und Bedürfnissen leben könnten.

Nun war er mit den kleinen Kindern allein, und er warf sich vor, dass er sich nicht genug angestrengt hatte.

Es war ihnen nicht einfach passiert, dass sie sich verloren. Jochen wusste, dass er Lilis Flucht, oder was immer es war, heraufbeschworen hatte. Obwohl er es nicht wollte, nicht wirklich wollte. Schon wegen Anton und Sophie nicht. Er war ein Versager. Wie schon vor zwanzig Jahren in Berlin, als er es nie geschafft hatte, sich gegenüber dem Vater durchzusetzen. War er auch diesmal nicht stark genug gewesen, mit den drei Menschen, die er ersehnt hatte, endlich so etwas Ähnliches wie Glück zu empfinden? War seine Frau der Grund für sein Scheitern? Oder er selber? Sie beide? Was wusste er von Lili? Sie war in seinen Augen eine so ungewöhnliche Frau, dass er von der ersten Stunde an in einer gewissen Furcht lebte, andere Männer, eloquentere und lässigere als er, könnten ihm Lili wegnehmen. Wieso sollte sie sich ausgerechnet ihn aussuchen? Inzwischen war ihm klar geworden, dass er Lili mit der gleichen, unausgesprochenen Sehnsucht liebte wie Georgia, wie seine Mutter. Alle drei Frauen waren in ihrem Wesen weit entfernt von ihm. Waren so anders in ihren Neigungen, ihren Wünschen, in ihrem Lebensrhythmus. Heute erschienen sie ihm rechenschaftslos und ungebändigt. Keine von ihnen konnte er erreichen, obwohl ihm jede wichtig war. Besonders Lili war ungestüm, voller Freiheitsdrang. Er und die Kinder waren ihr lästig geworden wie Kletten. Wann hatte das begonnen mit Axel, ihrem neuen Freund, bei dem sie jetzt vermutlich wohnte? Jochen hatte keine Ahnung, wie es passiert war, es widerfuhr ihm einfach.

Es war so, dass er und Lili es nie geschafft hatten, sich zu vertragen. Sich zu verstehen. Lili kritisierte ständig, dass er niemals wahrnehme, wenn sie sich mit ihrem Aussehen Mühe gab. »Du siehst mich doch gar nicht mehr an! Als wir zum Filmpreis gingen, als ich mein neues Schwarzes anhatte, hast du bloß auf die Uhr geschaut. Ich konnte mich nicht einmal anständig abpudern. Und im Auto hast du dir eine Zigarette angezündet, obwohl du weißt, dass es mir dann schlecht wird! Du bist uncharmant und rücksichtslos. Siehst nur noch andere Frauen an. Du würdest es nicht einmal merken, wenn ich im Bikini mit dir ausginge! Aber wenn Danda sich dir auf den Schoß setzt, starrst du sie an wie ein verliebter Kater!«

Jochen konnte sich schon daran erinnern, dass er bei der Preisverleihung zur Eile gedrängt hatte, aber nur, weil sie sonst nicht ins Theater hineingekommen wären, das wegen der Fernsehübertragung pünktlich geschlossen wurde. Und Danda? Stimmt, er hatte sich gefreut, dass sie sich auf seinen Schoß setzte, vor allem deshalb, weil er sich in Lilis Freundeskreis fremd fühlte und Dandas vertrauliche Geste ihn erwärmt hatte. Vor sich selber gab er zu, dass er Dandas Parfüm und die Weichheit ihres Körpers schön gefunden hatte, aber das durfte Lili nicht erfahren, sie war unglaublich eifersüchtig. Jochen konnte das gar nicht fassen. Sie konnte doch jeden haben, war immer im Mittelpunkt. Er wunderte sich jeden Tag, dass es ausgerechnet er war, den sie geheiratet hatte.

Doch ihre häufigsten und heftigsten Vorwürfe machte sie ihm, weil er ihrer Meinung nach zu viel Zeit im Institut verbrachte. Das stimmte, aber er konnte nun einmal nicht um fünf Uhr eine Versuchsreihe abbrechen und heimgehen wie ein Beamter der Bahn. Deshalb verlangte er von Lili auch nicht, dass sie ein Abendessen vorbereitete. Wenn er dazu Lust hatte, begann er abends noch selber zu kochen. Wie in der letzten Woche. Er wusste, auf Frau Jakobsens Vorratshaltung war Verlass. Spaghettini, Tomaten und Käse waren da, auch eine Melone und Kopfsalat. Also wollte er sein Lieblingsessen zubereiten und Lili einladen. Während seiner Fahrt mit dem Rad nach Hause legte er schon die Reihenfolge seiner Handgriffe fest. Er wusste, dass die Kinder im Bett waren, deshalb rief er kein »Hallo« in die Diele, wie sie sich das angewöhnt hatten, sondern machte sich gleich in der Küche an die Arbeit. Wasser aufstellen, Salat putzen, Melone und Tomate würfeln – keine zehn Minuten würde er brauchen. Er wollte heute die Tomaten nicht brühen und abziehen, dazu war er zu hungrig.

Lili kam in die Küche. Als er ihr Gesicht sah, starr, leer und kalt, fragte er sich, warum er überhaupt nach Hause gekommen war. Warum bin ich bloß hergekommen in mein blödes Haus zu meiner blöden Frau, fragte er sich wütend. Wer war er eigentlich! Ein Idiot in einer idiotischen Küche! Warum war er nicht gleich zu McDonald’s gegangen?

»Wir wollten heut Abend zu Schirmer Mosel in den Show Room«, sagte Lili. Es klang drohend, und Jochen wusste wieder einmal nicht, ob er sich vor Lili fürchtete oder ob es Wut war, die ihm das Blut in den Ohren rauschen ließ. Jedenfalls schaute er nach unten. Damit er nicht ihr erbostes Gesicht ansehen musste, starrte er auf ihre Schuhe, die gelb waren, aber nicht sanftgelb, sondern bösartig gelb, schrill, mit Plateausohlen und dünnen Bändern um die Knöchel, und er fragte sich, warum seine Frau, die so viel von Unabhängigkeit redete, von Autonomie, die ihm neulich noch erklärt hatte, dass man sie mitten in der Wüste aussetzen könne, sie hätte keine Sorge, heil nach München zurückzukehren – er fragte sich, warum diese Frau nicht allein in ihren gottverdammten Show Room ging. Warum er immer mitlatschen musste, obwohl sie genau wusste, dass er zu müde war, um sich auf Leute einzulassen, die dort prächtige Fotos von sich selber vorstellten und über ihr Leben redeten. Oder vielmehr über das, was sie ihrem Publikum davon zur Kenntnis geben wollten.

»Ich hab dich was gefragt!«, zischte Lili jetzt, und Jochen wusste, sie würde ihn in den nächsten Minuten mit ihrem raschen Mundwerk fertig machen, seine dürren Worte zerbröseln, zertreten, so dass er wieder abstürzte und sich gerade noch davonmachen konnte, ehe er Lili misshandelt hatte. Wie gern würde er ihr das Sieb mit den Spaghettini über den frisch geföhnten Kopf stülpen, ihr durch die Nudeln zubrüllen, dass sie nichts weiter wolle als ihren Singlefreundinnen einen Ehemann vorführen wie einen Bullen am Nasenring, und dazu habe er nicht die geringste Lust; schon gar nicht nach acht Stunden konzentrierter Arbeit.

Doch Lili hatte wieder mit ein paar kleinen Worten große Arbeit geleistet, und Jochen begnügte sich damit, Nudeln, Salat, Melonen, Tomaten und Käse in den Mülleimer zu schütten und an Lili vorbei die Küche und das Haus zu verlassen. Doch Lilis Augen, von zehn Pfund Kajal umrandet, folgten ihm. Und ihre Vorwürfe schrillten in seinen Ohren.

Wer hat Angst vor Virginia Woolf? Es war noch in Berlin, lange vor seiner Zeit mit Lili gewesen, da hatte er Liz Taylor und Richard Burton spätabends im Fernsehen zugeschaut, wie sie sich zerfleischten. Jochen erinnerte sich an seinen Abscheu vor der Brutalität und Schamlosigkeit, mit der das alternde Ehepaar sich immer wieder mutwillig...

Dateiformat: EPUB
Kopierschutz: Wasserzeichen-DRM (Digital Rights Management)

Systemvoraussetzungen:

Computer (Windows; MacOS X; Linux): Verwenden Sie eine Lese-Software, die das Dateiformat EPUB verarbeiten kann: z.B. Adobe Digital Editions oder FBReader - beide kostenlos (siehe E-Book Hilfe).

Tablet/Smartphone (Android; iOS): Installieren Sie bereits vor dem Download die kostenlose App Adobe Digital Editions (siehe E-Book Hilfe).

E-Book-Reader: Bookeen, Kobo, Pocketbook, Sony, Tolino u.v.a.m. (nicht Kindle)

Das Dateiformat EPUB ist sehr gut für Romane und Sachbücher geeignet - also für "fließenden" Text ohne komplexes Layout. Bei E-Readern oder Smartphones passt sich der Zeilen- und Seitenumbruch automatisch den kleinen Displays an. Mit Wasserzeichen-DRM wird hier ein "weicher" Kopierschutz verwendet. Daher ist technisch zwar alles möglich - sogar eine unzulässige Weitergabe. Aber an sichtbaren und unsichtbaren Stellen wird der Käufer des E-Books als Wasserzeichen hinterlegt, sodass im Falle eines Missbrauchs die Spur zurückverfolgt werden kann.

Weitere Informationen finden Sie in unserer E-Book Hilfe.


Download (sofort verfügbar)

8,99 €
inkl. 19% MwSt.
Download / Einzel-Lizenz
ePUB mit Wasserzeichen-DRM
siehe Systemvoraussetzungen
E-Book bestellen