SIE & ER

Der kleine Unterschied beim Essen und Trinken
 
 
eBook Berlin Verlag
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 5. Oktober 2015
  • |
  • 288 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-8270-7835-3 (ISBN)
 
Ist Fleisch das Gemüse des Mannes? Warum konnte die Schlange Eva mit frischem Obst verführen? Weshalb schmeckt es Männern bei Mutti am besten? Männer und Frauen schmecken, kochen und bestellen bewiesenermaßen anders. Eva Gritzmann und Denis Scheck begeben sich auf einen lustvoll-lehrreichen Streifzug durch die Esskultur der verschiedenen Geschlechter.
weitere Ausgaben werden ermittelt
Denis Scheck, geboren 1964 in Stuttgart, lebt heute in Köln. Bereits im Alter von 13 Jahren gründete er eine eigene literarische Agentur. Als literarischer Übersetzer und Herausgeber engagierte er sich für Autoren wie Michael Chabon, William Gaddis und David Foster Wallace, Antje Strubel und Judith Schalansky. Lange arbeitete er als Literaturkritiker im Radio, heute ist er Moderator der Fernsehsendungen "Lesenswert" im SWR und "Druckfrisch" in der ARD.

1. Kapitel: »Frauen sollen sich dünne machen«


Ein albernes Spiel, Holzfällersteaks, der Geschmack der Geschlechter, Damenkarten, Vorgangsnummer: I-2010/08-10129, Günter Grass erfindet Slow Food und das sexistische Theater des Essens.


Der Mensch ist die einzige Uhr auf der Welt, die darüber nachdenkt, warum sie tickt. Weder SIE noch ER wissen, wann genau das alberne Spiel eigentlich entstanden ist. Sicher ist, es stammt nicht aus diesem Jahrtausend. Eines Tages war es mitsamt seinen schlichten Regeln einfach da.

Das Spiel geht so: Wann immer SIE und ER in einem Café oder in der Kneipe, in einem Restaurant, einer Mensa oder in der Kantine, an der Imbissbude, im Sternetempel oder an sonst einem Tresen, Counter oder Pass irgendeiner Futterstelle dieser Welt ein Gericht oder ein Getränk auftauchen sehen, wetten wir auf das Geschlecht des Empfängers.

Salat mit Putenstreifen? Eine Frau. Kristallweizen? Ein Mann. Lauchflammkuchen? Frau. Zwiebelrostbraten? Mann. Insalata caprese? Frau. Kohlrouladen. Mann. Spanferkel? Mann. Weißweinschorle? Frau. Tafelspitz? Mann. Island-Skrei auf Chilipolenta? Mann. Spaghetti alla napoletana? Frau. Flambierter Sambucca? Frau. Artischocke mit zwei Dips? Frau. Halbe Ente mit Klößen und Rotkraut? Mann.

SIE schneidet bei diesem Spiel meist besser ab als ER - so wie in fast jedem Spiel. Auch billige Triumphe befriedigen. Andererseits: Es gehört wirklich nicht schrecklich viel Intuition oder Lebenserfahrung dazu, in einem westeuropäischen Restaurant angesichts eines Tellergerichts oder eines Getränks zu erraten, ob es an eine Frau oder einen Mann gehen wird. Oder wann haben Sie das letzte Mal eine Frau ein Holzfällersteak zersäbeln, ein Guinness trinken oder den gegrillten Schweinebauch verputzen sehen? Oder einen Mann ein Möhren-Ingwer-Süpplein löffeln, einen Rucolasalat mit gratiniertem Ziegenkäse mümmeln oder eine Fenchel-Paprika-Pizza knabbern?

Schwieriger, aber wie immer auch an- und aufregender wird es außerhalb des eigenen Kulturkreises. Ist der Mealie-Pap Namibias (ein Brei aus Maismehl, Kuh- oder Ziegenmilch) eher ein Männer- oder Frauenessen? Findet das iranische Masto Khiar (Joghurt mit Gemüse und Gurken) wirklich viele männliche Abnehmer? Welches Geschlecht legen peruanische Yuca à la Huancaína (Maniokfritten mit Aji-Amarilla-Frischkäsesoße) nahe - und essen mehr Männer oder mehr Frauen dazu das in Peru so beliebte gegrillte Cuy, das dem hiesigen Hausmeerschweinchen bis aufs possierliche Schnurrbarthaar einfach zu ähnlich ist, als dass es für die meisten europäischen Mägen so ohne weiteres goutierbar wäre. Warum ist Gebeiztes, Gebratenes, Mariniertes, Frittiertes und Gegrilltes eher Männersache, während Gekochtes, Pochiertes, Gedünstetes, Geschmortes und alles rund ums Backen an Frauen am Herd denken lässt?

Beim Hochleistungssport und in der Mode, im Krankenhaus und im Gefängnis erscheint uns die Trennung der Welt nach Geschlechtern als selbstverständlich und naturgegeben. Teilweise auch in der Schule, beim Arzt oder beim Friseur, in der Kirche, Synagoge oder Moschee, ganz gewiss im Bordell und gelegentlich sogar noch in der Sauna. Nur in Küche und Keller wollen wir nichts davon wissen.

Die Gastrokritikerin der New York Times, Ruth Reichl, hat im April 2007 während einer Konferenz über »Frauen, Männer und Essen« an der Harvard Universität davon erzählt, dass sie und ihr Mann sich ein ähnliches Spiel ausgedacht haben. Allerdings gehen Mrs und Mr Reichl noch einen Schritt weiter als SIE und ER. Ruth Reichl bestellt in einem neuen Lokal stets ein Steak und ein Glas Rotwein, ihr Mann Michael hingegen einen Salat und ein Glas Weißwein. »In 99 Prozent aller Fälle landen Salat und Weißwein bei mir, Steak und Rotwein dagegen bei meinem Mann«, fasst Ruth Reichl ihre frustrierenden Erfahrungen zusammen. Ihre Verwunderung und zunehmende Erbitterung über solche blinden Annahmen und Zuschreibungen hat die amerikanische Restauranttesterin dazu geführt, vom »sexistischen Theater des Essengehens« zu sprechen.

Während SIE deutlich erkennbar ein Hähnchen-Mozzarella-Sandwich isst, hat ER sich natürlich wieder für das Roastbeef entschieden. Und gehört der Apfel wirklich zu IHM? [Quelle: NASA] [2]

Das sexistische Theater des Essens gastiert weltweit und keineswegs nur außerhalb der eigenen vier Wände. Seine Pforten stehen an jedem beliebigen Ort zu jeder beliebigen Zeit offen - perverserweise sogar und gerade in jenen Regionen der Erde, wo es so gut wie nichts zu essen gibt. Seine Akteure gehen wie sein Publikum in die Milliarden. An kaum einem öffentlichen Ort lassen sich gesellschaftliche Geschlechterrollen schärfer beobachten, klarer studieren und präziser dingfest machen als beim Essen und Trinken im Restaurant. Und auch zu Hause geht täglich der Lappen hoch - ob bei Tisch, auf der Decke, an der Feuerstelle, in einer Kuhle oder wo immer Menschen sonst Mahlzeiten zu sich nehmen. Selbst im Weltall an Bord der Internationalen Raumstation ISS.

Das sexistische Theater des Essengehens beginnt beim Türaufhalten. Setzt sich fort mit dem Abnehmen die Garderobe, der Begrüßung durch die Gastgeberin oder den Patron, der Frage, welchen Tisch man auswählt oder zugewiesen bekommt. Dem Kellner, der IHR den Stuhl heranrückt, den Wein aber ungefragt IHM zum Verkosten präsentiert. Der Kellnerin, die das Mäppchen mit der Rechnung diskret vor IHM platziert.

Doch beginnt die Aufführung wirklich erst da?

Seinen wahren Anfang nimmt das Stück schon lange vorher. Bei den Vorbereitungen auf den Abend: der Auswahl des Restaurants, des Stadtteils, der Küche, der Uhrzeit, der Wahl einer bestimmten Garderobe in bestimmten Farben, dem Ankleiden, dem Schminken, der Auswahl von Parfum oder Eau de Toilette, vom Reservieren des Tischs, der Art, wie wir dabei sprechen, welche Gestik und Mimik unsere Worte dabei begleiten, bis hin zu den tausend Entscheidungen dessen, was der Forschungsansatz der Genderstudies mit der schön aktivischen Formulierung des doing gender benennt - der meist unbewussten Herstellung der sexuellen Ungleichheit in der Gesellschaft, also der Erzeugung jener nicht biologischen, sondern sozialen Geschlechterdifferenz. Und glaube keiner, SIE oder ER entginge diesem sexistischen Theater des Essengehens, indem sie statt zum Franzosen, Italiener, Griechen oder Spanier einfach mal schnell in die Dönerbude, den Currywurststand oder sonst einem Schnellimbiss nebenan huschten. Da wird das Stück nur ein klein wenig schneller und derber gespielt, die Inszenierung dort hat zwar mehr Drive, verfügt aber über weniger Raffinesse.

Je länger SIE und ER Zuschauer und Darsteller im sexistischen Theater des Essens sind, umso gespannter und neugieriger sind wir auf den Autor des Stücks geworden. Von der Suche nach ihm - oder nach ihr? - handelt dieses Buch.

Schon das berühmteste Werk der Weltliteratur des 20. Jahrhunderts, James Joyces 1922 erschienener Großroman Ulysses, beginnt die Einführung einer seiner beiden Hauptfiguren mit einer raffinierten Beschreibung von Geschmacksunterschieden zwischen Mann und Frau. In diesem Fall der Schilderung der Frühstücksgewohnheiten von Leopold und Molly Bloom, deren morgendliche Speisevorlieben stark voneinander abweichen: Während Molly sich mit Tee und gebuttertem Toast begnügt, lässt Joyce seinen Leopold Bloom auch am frühen Morgen schon den Sinn nach wesentlich fleischlicheren Genüssen stehen. Oder in den Worten Joyces bzw. seines deutschen Übersetzers Hans Wollschläger: »Mr. Leopold Bloom aß mit Vorliebe die inneren Organe von Vieh und Geflügel. Er liebte dicke Gänsekleinsuppen, leckere Muskelmägen, gespicktes Bratherz, panierte kroß geröstete Leberschnitten, gerösteten Dorschrogen. Am allerliebsten hatte er gegrillte Hammelnieren, die seinem Gaumen einen feinen Beigeschmack schwachduftigen Urins vermittelten.« Doch an diesem Donnerstagmorgen des 16. Juni 1904, dem berühmtesten Tag der Literaturgeschichte, eben dem Bloomsday, entscheidet sich Leopold Bloom gegen Hammelnieren, auch gegen Eier mit Speck, und optiert mit der pragmatischen Vernunft des regional erfahrenen Gourmets (»Donnerstag: auch für Hammelnieren kein guter Tag«) für eine Schweineniere vom Dubliner Metzgermeister Dlugacz. Unzählige Seminararbeiten sind darüber verfasst worden, wie Joyce durch diese kulinarische Entscheidung Blooms ein Schlaglicht auf dessen Einstellung zu seinem Judentum wirft. IHM und IHR ist jenseits von Blooms laxer Observanz alttestamentarischer Speisegebote in diesem Kapitel des Ulysses zweierlei immer genau so wichtig erschienen: dass Molly morgens eben kein Fleisch isst, sondern nur Tee und Toast zu sich nimmt. Und dass Joyce Leopold Bloom am Herd versagen lässt. Als Bloom in der Schlachterei Dlugacz die Schweineniere kauft, entzünden sich seine erotischen Morgenfantasien an einem »Mädchen aus dem Nachbarhaus«, dessen »kräftigen Hüften« und »strammen Armen« er zu Hause noch so lange hinterhersinnt, bis seine Schweineniere in der Pfanne fast verkokelt. Überaus männertypisch, lässt ER sich von IHR erklären: immer zu viel Testosteron, immer zu hohe Temperaturen.

Zu unserer bis heute anhaltenden Verblüffung hat uns die Frage nach Geschmack und Ernährungsvorlieben der Geschlechter an das Fundament der menschlichen Gesellschaft, an die Urform der Paarbildung, ja an den Beginn der Menschwerdung selbst geführt. Der Vorhang im sexistischen Theater des Essens hebt sich genau genommen zum ersten Mal in den...

Dateiformat: EPUB
Kopierschutz: Wasserzeichen-DRM (Digital Rights Management)

Systemvoraussetzungen:

Computer (Windows; MacOS X; Linux): Verwenden Sie eine Lese-Software, die das Dateiformat EPUB verarbeiten kann: z.B. Adobe Digital Editions oder FBReader - beide kostenlos (siehe E-Book Hilfe).

Tablet/Smartphone (Android; iOS): Installieren Sie bereits vor dem Download die kostenlose App Adobe Digital Editions (siehe E-Book Hilfe).

E-Book-Reader: Bookeen, Kobo, Pocketbook, Sony, Tolino u.v.a.m. (nicht Kindle)

Das Dateiformat EPUB ist sehr gut für Romane und Sachbücher geeignet - also für "fließenden" Text ohne komplexes Layout. Bei E-Readern oder Smartphones passt sich der Zeilen- und Seitenumbruch automatisch den kleinen Displays an. Mit Wasserzeichen-DRM wird hier ein "weicher" Kopierschutz verwendet. Daher ist technisch zwar alles möglich - sogar eine unzulässige Weitergabe. Aber an sichtbaren und unsichtbaren Stellen wird der Käufer des E-Books als Wasserzeichen hinterlegt, sodass im Falle eines Missbrauchs die Spur zurückverfolgt werden kann.

Weitere Informationen finden Sie in unserer E-Book Hilfe.


Download (sofort verfügbar)

8,99 €
inkl. 19% MwSt.
Download / Einzel-Lizenz
ePUB mit Wasserzeichen-DRM
siehe Systemvoraussetzungen
E-Book bestellen