Für ihr Land

Historischer Roman
 
 
Querverlag
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 1. März 2021
 
E-Book | ePUB ohne DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-89656-672-0 (ISBN)
 
Dublin 1916. Eileen ist Mitglied einer nationalistischen Frauenorganisation, Josie entstammt einer unionistischen Familie. Als der Osteraufstand die Stadt in Atem hält, befinden sich die beiden jungen Frauen mittendrin und werden für wenige Stunden zu besten Freundinnen. Der Aufstand ist schnell niedergeschlagen, doch der Krieg, der das ganze Land und sie beide an ihre Grenzen bringen wird, hat gerade erst begonnen. Und für Freundschaft oder gar mehr scheint es während des Kampfes um Irlands Freiheit bald keinen Platz mehr zu geben. Zum ersten Mal wird die Geschichte der Frauenorganisation Cumann na mBan spannend und detailreich erzählt, in der Gefahren und Widersprüche mehr als deutlich werden.
1. Auflage
  • Deutsch
  • 3,48 MB
978-3-89656-672-0 (9783896566720)
Helmi Schausberger wurde in Salzburg geboren, wo sie lebt und schreibt. 2017 erschien Mord auf Irisch, ihre erste Veröffentlichung im Querverlag.

Ostersonntag, 23. April 1916

Erhobenen Hauptes schritt Eileen Kelly mit ihrer Freundin die Straße hinab zum Treffpunkt. Sie straffte den Gurt ihrer Leinentasche, die sie quer über der Brust trug, und richtete sich ihren neuen Hut zurecht, der fast ein bisschen zu groß war. Die hübsche grüne Jacke war geliehen, die alte löchrige Bluse darunter glücklicherweise kaum zu sehen. Bis zur Hüfte sahen sie und Martha in ihren Uniformen wie richtige Soldaten aus. Nur der lange Rock, den ihre Mutter ihr aus einem billigen Stoff genäht hatte, war ein Zugeständnis an ihr Geschlecht.

Trotz ihrer Rückenschmerzen ging auch Martha neben ihr hoch aufgerichtet. Sie ließ sich ihre Qual nicht anmerken, fast so, als wäre heute einfach nicht der Tag für etwas, das an den Alltag in der Fabrik erinnerte. Dafür hatte sie aber wieder ihr stolzes Lächeln im Gesicht, das sie immer trug, wenn sie offiziell als Mitglied von Cumann na mBan unterwegs war.

"Martha, ehrlich, ich finde, du wirkst richtig erwachsen in deiner Uniform", sagte Eileen anerkennend zu ihr.

"Und einen Kopf größer, meint mein Vater. Soll es nicht so sein? Und du siehst so aus, als wärst du heute am Tag deiner ersten Parade endlich bei uns angekommen. Die Uniform steht dir, Eileen!"

Martha schenkte ihr dabei ein aufrichtiges Lächeln, und Eileen erwiderte es unsicher. Tatsächlich trug sie zum ersten Mal die Uniform der Frauenorganisation, der sie seit wenigen Monaten angehörte. Als sie sie am Morgen anzog, hatte es sich aber so angefühlt, als würde sie sich aus ihrer Haut schälen und in eine andere hineinschlüpfen.

Cumann na mBan war eine nationalistische Organisation, aber Eileen verachtete die Briten nicht halb so sehr wie Martha. Deren leidenschaftlicher Hass auf alles Britische machte Eileen sogar Angst. Martha würde jedem britischen Soldaten und jedem der Krone treu ergebenen Polizisten die Augen auskratzen, der es wagte, sie anzusprechen. So mancher hatte in der Vergangenheit gerade noch Glück gehabt. Viele Mädchen in Cumann na mBan empfanden ähnlich, aber Eileen wollte nicht auf Befehl hassen müssen. Ihr selbst waren die jungen Soldaten in der Stadt nie unfreundlich begegnet. Und die machten doch auch nur ihren Job.

Sympathie hatte sie für das mächtigste Reich der Welt trotzdem keine. Denn natürlich hatten die Briten kein Recht, so zu tun, als gehörte Irland ihnen. Vor Hunderten von Jahren waren sie in ihr Land gekommen und hatten sich einfach alles genommen, was sie haben wollten. Schließlich machten sie Irland ungefragt auch noch zu einem Teil ihres Königreiches, als gehörte zusammen, was unterschiedlicher nicht sein konnte. Natürlich war das nicht in Ordnung, zumal Irland und seine Bevölkerung, allen voran sie selbst und ihre Familie, nach all der Zeit noch immer unter der Fremdherrschaft leiden mussten. Selbstverständlich musste sich das ändern. Da war sie ganz der Meinung Marthas und aller anderen in ihrer Gruppe. Deshalb hatte Martha ja auch immer wieder versucht, sie zu den Treffen ihrer Frauengruppe mitzunehmen, obwohl sie ganz genau wusste, dass Eileen sich in Gruppen nicht wohlfühlte.

Auch ihr Großvater dachte so über die Briten. Der spuckte sogar jedes Mal in eine Ecke, wenn er welche sah oder von ihnen die Rede war. Ihre Mutter hatte ihm eigens dafür einen Spucknapf neben seinen Stuhl gestellt. Er wusste, dass Cumann na mBan die Jungs der Irish Volunteers unterstützte, und die wollten schließlich mit Waffengewalt für ein freies Irland kämpfen. Er war ganz begeistert gewesen, als Eileen ihm erzählt hatte, dass sie in ihrer Gruppe nicht nur Irisch lernten und in Erste Hilfe ausgebildet wurden, sondern vor allem auch Geld für die Bewaffnung der Männer sammelten, sollte es je zu einem Krieg gegen die Briten kommen, was ja nicht sehr realistisch war.

Aber selbst ihr Großvater war nicht der Grund gewesen, weshalb Eileen sich schließlich von Martha überreden ließ, der Organisation beizutreten. Die hatte nämlich irgendwann ganz nebenbei erwähnt, dass einige der Frauen, die beim großen Streik vor drei Jahren in der Suppenküche mitgeholfen hatten, heute Mitglieder von Cumann na mBan waren. Das war es gewesen, was Eileen schließlich überzeugt hatte, sich einer organisierten Gruppe anzuschließen, obwohl Gruppen sie immer einschüchterten, weil man sich dort stets anzupassen hatte. Denn diese Suppenküchen-Frauen hatten ihrer Familie damals das Leben gerettet und ihr selbst Hoffnung auf eine Zukunft geschenkt, für die es sich zu überleben überhaupt erst lohnte.

Ihre vier Brüder, der gebrechliche Großvater, ihre Mutter und sie selbst hatten damals mehr schlecht als recht vom geringen Einkommen ihrer Mutter gelebt, die zu Hause Nähaufträge erledigte. Ihr Vater, ein Hafenarbeiter, hatte sich schon vor Jahren zu Tode gesoffen, aber das war kein großer Verlust gewesen; sie hatten ihn selten zu Gesicht bekommen, und von seinem Lohn hatte er kaum jemals etwas nach Hause gebracht. Und so kam 1913 die Suppenküche für die Familien der Streikenden des Lockouts schließlich auch ihnen zugute. Eileen war mit ihren Brüdern täglich beim Gewerkschaftshaus gewesen. Sie hatten sich immer anstellen und lange warten müssen, weil es so viele hungernde Kinder gab, damals viel mehr als sonst. Aber es war stets etwas für sie da gewesen.

Doch sie bekamen nicht nur zu essen. Eileen lernte dort auch ein Mädchen kennen, das ihr später den Arbeitsplatz in der Kistenfabrik vermittelte, wo sie dann auch auf Martha traf, die zu ihrer besten Freundin wurde. Mit der Stelle in der Fabrik hatte ihre Familie endlich ein zweites Einkommen. Und von den feinen Damen beim Gewerkschaftshaus, die sich beim Suppenkochen nicht nur die Hände schmutzig machten, sondern die ihr außerdem auf Augenhöhe begegneten, war Eileen so unendlich beeindruckt gewesen, dass sie beschlossen hatte, eines Tages eine von ihnen zu werden: eine Frau, die Leben rettete, Hoffnung schenkte und die trotz der vielen Arbeit noch für all jene ein Lächeln übrig hatte, die zu ihr aufsahen.

Bei Cumann na mBan hatte sie schließlich auch tatsächlich viele solcher Frauen und Mädchen kennengelernt. Und sie trauten sich alle, den Mund aufzumachen, und ließen sich das Reden nicht verbieten. Gräfinnen, Ärztinnen, Schauspielerinnen sowie ganz normale Frauen, die einfach nur eine bessere Welt für alle wollten. Und neben all diesen wunderbaren Vorbildern hatte ein so gewöhnliches Mädchen, wie sie eines war, einen festen Platz. Plötzlich war sie Teil von etwas Wichtigem; das war eine neue Erfahrung. Außerdem war es wirklich schön, Neues zu lernen.

Ihre Mutter fand die Aufmerksamkeit, die Cumann na mBan Mädchen und Frauen schenkte, natürlich lächerlich. Sobald sie alle erst mal erwachsen waren, meinte sie, hätten sie sich ohnehin um Ehemänner und Kinder zu kümmern und keine Zeit mehr für verträumte Albernheiten. Dazu würde es in ihrem Fall aber niemals kommen, wusste Eileen. Und bei Cumann na mBan gab es viele Mädchen, die diesbezüglich ähnlich dachten. Wahrscheinlich war es ja sogar das, womit Cumann na mBan sie schließlich überzeugt hatte: Man wollte anders sein, und man durfte es auch.

"Sieh mal, die Jungs sind schon da!", unterbrach Martha Eileens Gedanken. "Und du kannst sagen, was du willst, aber die Uniform macht selbst aus Dylan einen Mann."

Eileen musste kichern. Als ob der je erwachsen würde!

Die beiden Irish Volunteers auf der anderen Straßenseite blickten ihnen schon erwartungsvoll entgegen.

Zusammen mit Dylan Marchant und Eddie Sutton, den beiden Guinness-Arbeitern, mit denen sie während eines Gruppentreffens einmal das Reinigen und Laden von Gewehren trainiert hatten und die seither zu ihren besten Freunden geworden waren, wollten sie zur Liberty Hall aufbrechen, dem Hauptquartier von Gewerkschaft und Irish Citizen Army, wo man vor drei Jahren Suppe für sie gekocht hatte. Von dort aus würden sie dann mit den Kameradinnen und Kameraden ihrer Gruppen losmarschieren.

Sie und Martha waren gerne mit Eddie und Dylan unterwegs. Nachdem sie damals gemeinsam Marthas Geburtstag gefeiert hatten, waren sie auch einmal mit dem Zug ans Meer gefahren, hatten an einem ersten schönen Sommertag im Phoenix Park gepicknickt, und einmal hatten die Jungs sie beide sogar mit einem Automobil von der Fabrik abgeholt, weil sie wussten, dass zumindest Eileen noch nie in einem gefahren war. Das war eine aufregende, aber auch nervenaufreibende Erfahrung für Eileen gewesen, denn diese Automobile fuhren schneller als jeder Pferdewagen.

Für Außenstehende mochte es vielleicht so aussehen, als wären sie zwei Pärchen, aber das war nicht der Fall. Dylan, der ein Jahr älter war, schon siebzehn, flirtete mit ihr und Martha zwar wie mit jedem Mädchen, aber das war nur ein harmloses Spiel. Martha war vorübergehend allerdings an Eddie interessiert gewesen, der schon Anfang zwanzig war und einen hübschen Schnauzbart hatte, aber der hatte das nie bemerkt. Und Eileen selbst mochte die Jungs nur als Freunde. In festen Beziehungen waren sie alle vier nicht.

Sie wünschte, sie hätte zu Hause nicht so viel zu tun, sie hätte gerne mehr Zeit mit den dreien verbracht. So war Martha viel öfter mit den Jungs alleine unterwegs. Das mochte nicht schicklich sein, aber Martha kümmerte so etwas nicht, das bewunderte sie an ihr.

"Selbst wenn ich ein Poet wäre", begann Dylan nun schmunzelnd zur Begrüßung, als sie beide die Straße überquert und sich zu ihnen gesellt hatten, "ich wüsste nicht, wie ich den Anblick beschreiben sollte, der sich mir gerade bietet. Wie könnte man euch beiden je gerecht werden, frage ich mich? Aber es wäre irgendetwas mit Grazien, Anmut und Stolz. Und Schönheit, natürlich,...

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