Vorläufige Chronik des Himmels über Pildau

Roman
 
 
Hoffmann & Campe (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 11. September 2013
  • |
  • 240 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-455-81223-7 (ISBN)
 
Die magische Welt des Jasper Honigbrod: Ein Einsiedlerhof in den Hügeln, drei Generationen unter einem Dach und ein sehr alter Fisch im Weiher - das ist das Dorf Pildau. Wer hier aufwächst, kann entweder sehr glücklich oder sehr unglücklich werden. Jasper Honigbrod entscheidet sich mit sechs Jahren für das Glück. Was er noch nicht weiß: Fehlentscheidungen sind in seiner Familie ausgesprochen häufig.
In Pildau geht jeder auf seine Weise mit dem Leben und dem Zeitverflug um. Die größte gemeinsame Sorge gilt der Hofstange, die nach alter Tradition jedes Jahr höher in den Himmel wachsen muss. Als nach einem nächtlichen Unfall das Waisenkind Lada auf dem Hof landet, beginnen sich die Dinge zu verändern, nicht nur für Jasper, der zu einer Schwester und einer ersten Liebe kommt. "Außergewöhnliche Erzählkraft, Lust am Fabulieren jenseits des literarischen Mainstreams und eine einzigartige Hand für das Magische." Die Jury des Mara-Cassens-Preises
  • Deutsch
  • Hamburg
  • |
  • Deutschland
  • 2,12 MB
978-3-455-81223-7 (9783455812237)
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Max Scharnigg wurde 1980 in München geboren und arbeitet als Journalist für diverse Magazine. 2010 erschien sein Romandebüt Die Besteigung der Eiger-Nordwand unter einer Treppe, das mit dem Münchner Literaturstipendium gefördert und mit dem Bayerischen Kunstförderpreis sowie dem Mara-Cassens-Preis ausgezeichnet wurde. Sein zweiter Roman Vorläufige Chronik des Himmels über Pildau erschien 2013. Die Experimente mit der Selbstversorgung fanden ihre Aufarbeitung in den Büchern Feldversuch (2012) und der großen Angelphilosophie Die Stille vor dem Biss (2015, Atlantik Verlag). Seit 2014 ist er Redakteur der Süddeutschen Zeitung am Wochenende. www.scharnigg.de

Kurze Geschichte der Lene-Mama


Hätte man Marlene John gefragt, sie hätte ehrlich nachgedacht und dann gesagt, dass in ihrem Leben bisher nichts passiert ist. Aber es fragte sie niemand danach, und das war schon ein Teil von dem, was sie eigentlich meinte. Doch es stimmt natürlich nicht. Niemand kann mitten in Schwaben aufwachsen, als einzige Tochter einer strengen, aber kränklichen Mutter und eines netten, aber müden Vaters, in einer kleinen Stadt mit noch fast intakter Stadtmauer, ohne dass irgendetwas passierte. Sie war in den Kindergarten und zur Schule gegangen, wie alle anderen Mädchen aus ihrem Haus auch. Sie hatte Windpocken und später einen Winter lang ein Gerstenkorn, was in der vierten Klasse und bei entsprechenden Sätzen der anderen relativ schnell zu einer kleinen Störung führen kann. In Marlenes Fall tat es genau das.

Die Mutter fühlte sich angesichts des harmlosen Abszesses am Augenlid ihrer Tochter und ihrer übrigen körperlichen Entwicklung zu einer Anleitung in Waschhygiene berufen und nahm dafür ihren eigenen Waschlappen. Marlene schrubbte sich noch, als die Mutter das Badezimmer lange verlassen hatte, und auch noch, als das Gerstenkorn wieder verschwunden war. Sie wusch sich fortan abwechselnd kalt und so heiß, wie es der Wasserhahn hergab, und die kleine Unentschiedenheit der Haut zwischen Hitze und Kälte war der Moment, der ihr Lust bereitete. Sie rieb ihre Hände unter heißem Wasser, bis das Rot den ganzen Tag hielt, zog sich später die Härchen aus allen Poren des Körpers unter Zuhilfenahme des Rasierspiegels ihres Vaters, dessen Vergrößerung sie darin bestätigte, dass sie behaart war wie irgendein Tier.

Die Schule durchlief Marlene John in derselben Mittelmäßigkeit, mit der sie im Alphabet an die Reihe kam. Es war noch nicht die Zeit, in der in jedem Schüler etwas Besonderes vermutet wurde, und das kam ihr gelegen, denn sie vermutete auch nichts Besonderes in sich. Ihre Noten ließen es aber jederzeit zu, ungefragt in ihrem Zimmer oder im Bad zu verschwinden, sie grüßte die Lehrer, saß in der vorderen Hälfte, machte keine Flecken, stand in der Pause bei den Mädchen, die auch nichts anderes hatten als einen Heuschnupfen oder ein Pflegepferd, und sehnte den Gong weder herbei, noch fürchtete sie ihn. Über ihr Aussehen wurde niemals ein Wort verloren, woraus Marlene viel später einmal die Erkenntnis ableitete, weder schön noch hässlich zu sein, was sie als besonders ungerecht empfand. Die anderen machten die ersten Schritte, Marlene John blieb stehen. Die anderen sagten die ersten eigenen Sätze, Marlene John dachte sie nur und verschob das Sprechen auf später, und das allein, diese kleine Schüchternheit, besorgte ihr einen Abstand, den sie nie mehr aufholen konnte.

Sie mochte ihren Vater, fand aber nichts in sich, womit dieses Gefühl zu veröffentlichen gewesen wäre. Ihrem Vater ging es ähnlich, er tröstete sich aber damit, dass das für Väter mit heranwachsenden Töchtern normal war. So waren sich beide über den Flur herzlich zugetan, ohne sich darüber je verständigt zu haben, und als der Vater in ihrem letzten Jahr an der Schule starb, mitten in einer Operation, die den Ärzten und der Mutter als Routine gegolten hatte, war es zu spät.

Auf der Abschlussfeier verliebte sich Marlene in einen Jungen, neben dem sie das ganze Jahr schon in zwei Fächern gesessen hatte. Sie schrieb ihm am nächsten Tag einen Brief, weil sie von dieser Methode gehört hatte, vier Seiten, die sehr ehrlich waren. Sie warf den Brief dort ein, wo der Junge wohnte, und in dieser Minute war die Verliebtheit vorbei, es hatte ihr nie jemand gesagt, dass man nicht gleich alles aufschreiben durfte, weil man damit manchmal das Verliebtsein mit hinausschrieb, aber so war es.

Die Mutter legte ihr Informationsblätter einer Universität auf den Tisch, und Marlene schrieb sich an einer anderen für das Fach Biologie ein. Sie zog in eine Wohnung weit am Rand der neuen Stadt, wo außer ihr nur noch Arbeiterfamilien mit schmutzigen kleinen Kindern wohnten, die im Treppenhaus spielten, auch wenn draußen die Sonne schien. Die Trennung von der Mutter fiel Marlene leicht, sie ließ sich aber nichts anmerken, alle drei Wochen stieg sie in den Zug und besuchte die Mutter, brachte von der Bäckerei am Bahnhof Kuchen mit, und dann ließen sie den ganzen Sonntagnachmittag mit dem Auf- und Abdecken des Kaffeetischs vergehen, so kam es Marlene vor. Beide Frauen versteckten sich hinter dem Auffüllen der Zuckerdose, dem Zählen der restlichen Teelichte und sprangen alle paar Minuten auf, um die Gardinen zu sortieren. Die Mutter sprach währenddessen viel über Ärzte. Was sie vom Leben ihrer Tochter wissen wollte, beantwortete sie sich im gleichen Atemzug selbst, und so kam es, dass Marlene niemandem von ihrem Studium erzählte und niemand Genaueres von der kleinen Wohnung wusste, für die sie mit ihrer Halbwaisenrente Bett, Tisch und zwei Stühle gekauft hatte. Sie war in dieser Zeit nicht eigentlich unglücklich, es war nur so, dass ihr alles andere noch fremder war.

Das Studium lag ihr, wie man so sagte. Sie fand die Seminaraufgaben verblüffend einfach, und die Referate, vor denen sie anfangs wieder viel gezupft hatte, brachte sie nach einem Jahr mit der gleichen Strenge hinter sich, mit der sie auch ihren Waschzwang mittlerweile kontrollierte. Sie hatte einen Büchereiausweis, und an den Wochenenden lag sie in ihrem Bett und las einfache Bücher, die von Frauen in London oder New York handelten und deren Leben sich ausschließlich um die Suche nach einem Mr. Right, den Abgleich mit Freundinnen, überraschenden Sex und Einkaufen drehte. Es gab sehr viele dieser Bücher, was Marlene als großes Glück empfand. Sie identifizierte sich mit keiner der Frauen aus diesen Geschichten, aber sie identifizierte sich mit der Zahl der Druckauflage, die gelegentlich auf dem Deckblatt stand. Unter den zweihunderttausend, die das Buch gekauft hatten, musste es statistisch eine ganze Menge Frauen geben, die genauso waren wie sie, und das genügte Marlene als Gesellschaft.

Im zweiten Jahr an der Universität nahm sie an einem Sportkurs teil, in dem abends abwechselnd Volleyball und Handball gespielt wurde. Beim Handball stand sie im Tor, weil sich dafür niemand gefunden hatte. Sie genoss die Angst, wenn der Angriff der gegnerischen Mannschaft auf sie einstürmte, und erschrak vor der Entschlossenheit, mit der die anderen sich in ihren Torraum warfen. Steif stellte sie sich gegen die Bälle und erwartete schon ungeduldig den Moment, wenn sie in ihrem kleinen Bad die blauen Flecke betrachten konnte. Probleme bereitete es ihr, den Ball wieder ins Spiel zu bringen, wem immer sie ihn zuwarf, schien gerade nicht damit gerechnet zu haben. Bald ging sie nur noch zu den Handballtagen, Volleyball ließ sie aus. Nach den Spielen wurde geduscht, aber Marlene beließ es dabei, sich die Hände sehr heiß zu waschen, und da sie nur Torwart war, wurde das von den anderen als hinreichend genommen. Was sie in der Dusche sah, fand sie unerheblich, bloß manchmal träumte sie seither, sie wäre die einzige Nackte und alle anderen würden sich nur die Hände waschen. Nach dem Sport ging man in großer Runde noch in eine der Kneipen, die ganze Altstadt war voller Studentenkneipen, und sie wäre mitgegangen, wenn nicht der letzte Bus in ihre Siedlung schon um zehn Uhr gefahren wäre. Sie kannte das schon, es war immer ihr Bus, der fuhr, immer ihr Hinterkopf, den der Schneeball traf, immer ihr Name, der doch nicht auf der Liste war.

Zur Weihnachtsfeier bot ihr ein Mädchen an, in seiner Wohngemeinschaft zu übernachten, und Marlene stimmte zu. Sie trank Rotwein, den sie nicht gewöhnt war, und stellte kurz danach fest, dass sie in den Trainer des Sportkurses verliebt war, und noch etwas später und mit der Routine, die sie aus ihrer Wochenendelektüre hatte, dass es eine unglückliche Liebe war, denn der Trainer war mit einem Mädchen zusammen, das eine Haut in der Farbe von Zimtstangen hatte. Zimthaut war etwas, vor dem Marlene bereitwillig kapitulierte. Diese Nacht auf dem Sofa in der unübersichtlich großen Wohngemeinschaft verbrachte sie nicht mit Schlaf, sondern mit der wichtigen Erkenntnis, dass nicht zwingend für jeden Menschen etwas vorgesehen ist. Von da an fiel ihr das Leben etwas leichter, und sie ging nicht mehr zum Sport.

Im dritten Jahr an der Universität begann Marlene eine Affäre mit einem Mann aus ihrem Wohnhaus, einem schmalen, dunklen Vorarbeiter, der im Erdgeschoss wohnte und eine Frau und zwei Kinder hatte. Er hatte sie schon eine ganze Weile im Treppenhaus sehr nett gegrüßt und war mehrmals vor ihrer Tür gestanden, um sie über nebensächliche Hausangelegenheiten zu informieren. Marlene fand dieses Verhalten aufdringlich, wusste aber kein Gegenmittel, und die Tür nicht zu öffnen wäre ihr zu unhöflich vorgekommen. Eines Abends brachte er Blumen und eine Flasche Wein und flüsterte im Hausflur davon, wie oft er an sie denken müsse. Das war doch aber erstaunlich, dachte Marlene, ließ ihn herein, und es kam zu einer Küsserei im Gang. Mit ihm zu schlafen war ihr nicht unangenehm, sie konnte nach dem ersten Mal nur kaum das Lachen zurückhalten. Wegen dieser Sache machte man so einen Aufruhr? War es nicht einfach zu komisch, das eindeutige Streicheln, die oberflächlichen Erregungszustände, das verbissene Theater mit den Geräuschen und Beschwörungen, dann der stillschweigende Ablauf, die Ernsthaftigkeit des Mannes, das Gluckern der Mägen, sah denn niemand, wie albern das alles war?

Robert kam sonntags, wenn er wusste, dass sie daheim war, und blieb ein oder zwei Stunden, rauchte hinterher auf ihrem Bett, sie saß dann auf einem Stuhl und sah in den Hof, wo Teppiche über einer Stange ausgeklopft wurden, mit einem schönen, dunklen Poff, wenn der Teppichklopfer in die weichen Falten...

»Ein Junge plaudert über seinen Alltag auf einem fast normalen Einsiedlerhof und verwandelt ihn durch die Macht der Sprache in einen geradezu magischen Ort. Große Klasse.«
 
»Scharnigg verleiht seinem Helden einen solchen Zauber, dass sich die eigentlich tragische Handlung fast wie ein Märchen liest. FAZIT: Fantastisch! Hat das Zeug zum Kultbuch.«
 
»Ein sympathisch skurriler
Schelmenroman.«
 
»Eine magische Geschichte von
außergewöhnlicher Erzählkraft.«
 
»Was für ein Buch! Welche sprühende Fantasie und Erzählfreude, welch einmalige Stimmungen, originellen Wort- und Satzschöpfungen, welche Liebe des Autors Max Scharnigg zu seinen Romanhelden.«
 
»Ein virtuos erzählter
Entwicklungsroman. «
 
»Geschichten vermögen also
Ängste zu bannen. Und wenige Geschichten schaffen das so eindrucksvoll wie Max
Scharniggs "Vorläufige Chronik des Himmels über Pildau".«
 
»Max Scharnigg [.] hat zwei
hervorragende Romane geschrieben.«
 
»Mit welcher Zärtlichkeit und
Sympathie Scharnigg seine Protagonisten beschreibt, fasziniert und beglückt. Man
ist verblüfft über die Wortwahl und -findungen, die schöner nicht sein
könnten.«
 
»Der Journalist Max Scharnigg
erzählt so liebevoll und mit wunderbar anschaulicher Sprache vom Alltag dieser
schrulligen Typen, dass man gar nicht anders kann, als sie ins Herz zu
schließen.«

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