Unterwasserflimmern

Roman
 
 
Haymon Verlag
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 2. März 2021
  • |
  • 240 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-7099-3948-2 (ISBN)
 
Ein Mensch für jedes Stückchen Ich: Wie sich spüren, wen lieben, an wessen Schulter den Kopf legen?


"Ich habe uns ein Stück Land gekauft", sagt ihr Freund, "ich baue uns ein Haus."
An jeder Kreuzung ein Ja, ein Nein oder ein Vielleicht später. Jede Entscheidung ein Wegzoll, um weitermachen zu können oder Zeit zu gewinnen. Um der Mensch zu werden, der man selbst sein möchte. Die eigene, für sich richtige Lebensform zu entdecken. Um sich mit den anderen vielleicht an einem Punkt wiederzufinden, an dem sich die gemeinsamen Wünsche treffen. - Und nun steht sie in diesem Raum, vor ihrem Freund und einer Wand aus Zukunft. Gelegt aus Steinen, die schon alles vorzeichnen: Da sind sie, nur noch sie beide. Nur noch Emil, der für sie alles sein muss. Und sie, die alles für ihn sein muss. Was, wenn sie das nicht will? Nicht heute, möglicherweise auch nicht morgen? Weil ein Mensch allein für den anderen vielleicht gar nicht genug sein kann?

Ein Romandebüt, das Lesen in Spüren verwandelt
In einer Sprache, die unsere Poren öffnet, schreibt Katharina Schaller über das, was zwischen uns liegt: Über das Salz auf unserer Haut, wenn wir uns ganz nahe sind. Die Kälte im Blick einer Person, die uns fremd geworden ist. Über Freundschaft und Familie, unverhoffte Beziehungen und Liebe, Vertrauen und Begehren. Und über eine Ebene der Kommunikation, die mehr sagt, als Worte es können: Was passiert, wenn wir durch unsere Körper mit anderen in Dialog treten? Welche Grenzen stecken wir mit ihnen ab? Welche Nähe wird durch sie fühlbar? Wenn wir uns halten, wenn wir miteinander schlafen, wenn wir uns guttun, wenn wir uns wehtun, wenn nichts zwischen uns Platz zu haben scheint - oder gleich ein ganzer Ozean.
  • Deutsch
  • Innsbruck
  • |
  • Österreich
  • 3,84 MB
978-3-7099-3948-2 (9783709939482)
weitere Ausgaben werden ermittelt
Katharina Schaller ist eine Unruhestifterin im besten Sinne: Was sie zu sagen hat, bewegt. Ihre Sprache öffnet Poren, verwandelt Lesen in Spüren. Sie wurde 1989 in Innsbruck geboren und studierte Sprachwissenschaften. Heute arbeitet sie als Literaturscout und Text- und Konzeptentwicklerin für die Verlagsgeschwister Löwenzahn und Haymon. Als unsere Kollegin uns mit ihrem Manuskript überraschte, war auf der Stelle klar: Dieser Roman, diese Intensität ist genau, wonach wir suchen. "Unterwasserflimmern" (2021) ist Katharina Schallers Romandebüt. Literaturpreis der Universität Innsbruck 2020

Er liegt neben mir. Ich spüre sein Bein über meinem, seinen Arm an meinen Brustwarzen. Ich spüre seine Haut, die warm ist. Es ist heiß unter der Decke, und es ist feucht zwischen uns. Schweißtropfen haben sich auf meinem Rücken und seinem Bauch gebildet, unsere Körper kleben aneinander. Ich denke an den Saft, den ich gestern auf den blassen Linoleumfliesen verschüttet habe, und daran, wie sich die halbtrockenen Flecken auf meinen bloßen Sohlen angefühlt haben.


Dass Leo neben mir ist, ist nicht neu. Es ist auch nicht alt. Es ist gerade. Die Sonne scheint durch die Scheiben, grelle Strahlen, die das Zimmer aufheizen, und ich strample die Decke von mir, um Luft zu bekommen. Leo rührt sich kaum, und trotzdem merke ich, dass er wach geworden ist. Seine Atmung hat sich beschleunigt.

Die Wohnung ist hell. Sie ist stilvoll, würde man sagen. Man würde sagen, sie ist groß, sie ist lichtdurchflutet, sie ist auf den Punkt. Die Küchenzeile ist weiß, der Boden in Wohnzimmer und Flur ein Parkettboden, der Tisch eine Tafel. Wer daran sitzt, ist egal. Nichts hier sieht nach Wohnen aus, alles nach Besuch.

Wir stehen auf, trotten in die Küche, und ich muss lachen. Darüber, wie Leo sich krümmt, um die Tassen aus dem Schrank zu holen. Seine Haare fallen leicht abwärts mit dieser Bewegung, zum ersten Mal sehe ich ihn in dieser Position, sehe ihn anders als sonst, und es ist, als würde sich ein neuer Teil zum Rest dieses Menschen fügen.

"Wer räumt Tassen in den unteren Küchenschrank?", frage ich.

"Wer räumt sie nach oben?", fragt er.

"Alle, die ich kenne", antworte ich.

"Egal", sagt er und schenkt den Kaffee ein.

Er schmeckt. Ich denke darüber nach, ob er jemals nicht geschmeckt hat, ob ich mich an das Bittere gewöhnen habe müssen wie an den Zigarettenrauch in meinem Mund, und ich denke daran, dass ein Morgen seltsam wäre, auch dieser, ohne diese beiden Dinge. Ich nehme einen Schluck und ziehe kurz darauf an der Zigarette, abwechselnd, und blase den Rauch langsam aus meinem Mund. Es bilden sich Kreise, die weiter werden.

Leo öffnet ein Fenster und schaut mich an, er setzt sich zu mir, streicht über meine Wange, die wahrscheinlich rot geworden ist. Weil meine Backen immer rot werden, wenn die Temperatur zu hoch ist oder ich mich ertappt fühle. Er erzählt mir etwas, und ich höre nicht genau hin, aber ich spüre seine Hand. Ich mag sie, denke ich, diese Hand.

Ich rieche die Kresse, die vor mir auf dem Tisch steht, blicke auf die zarten Stängel, die aus den Wattebauschen wachsen und die so gar nicht in diese Umgebung passen. Ansonsten ist die Küche fast leer, nur die wichtigsten Dinge sind darin verstaut. Dieser Geruch wird mir in Erinnerung bleiben, denke ich. Weil ich mit Kresse keine anderen Gefühle verbinde, nur dieses Zimmer hier, nur Küchengefühle.

Leo starrt mich an, als hätte ich meinen Einsatz verpasst, als hätten wir ein Gespräch geführt und ich wäre ihm eine Antwort schuldig. Ich stiere zurück, direkt in das Glasige seiner Augen. Dann küsst er mich, und ich drehe meinen Kopf zur Seite. Ich bemerke seinen Atem auf meinem Gesicht.

"Wann sehen wir uns wieder?", fragt er mich.

Ich gehe durch die Straßen. Bis ich mich nicht mehr erinnere, ob ich schon hier war oder dort. An den Häuserfronten kann man den Dreck der Jahre sehen, an manchen schwarze Buchstaben, die irgendwann auf die Mauern gesprüht und nicht mehr entfernt wurden. Runde, hastig geschriebene Buchstaben. Fick dich, steht unter einem Fenster, in dem ein Klangmobile baumelt.

Ich beobachte den Abfall, der vom Wind bewegt wird. Eine Coladose klimpert über den Asphalt, Zigarettenfilter rollen hinterher. Ich denke an ihn. An Leo und seine Frage, wann wir uns wiedersehen. Dass ich es nicht wisse, habe ich geantwortet. Das ist meine Standardantwort in so einer Situation.

Ich hebe meinen Kopf, während ich die Straße entlanggehe, in der die Kirschbäume blühen. Nur kurz blühen sie, aber wenn sie es tun, glaubt man, dass es keine schöneren Blüten geben kann. Ich gehe weiter geradeaus, immer weiter, um nicht nach Hause zu müssen. Ich versuche, etwas nachzufühlen von uns. Ich denke an seine Hände, an die Finger. An seinen Mund, an den Schwanz. An Leos gesamten Körper, der vertraut wird. An die Haare in den Achselhöhlen, in die ich meine Nase stoße, und an die, die sich an den Innenseiten seiner Oberschenkel kringeln.

Und dann wieder die Frage. Er stellt sie jedes Mal. Als würden wir füreinander verpuffen, würde er sie nicht aussprechen. Leo braucht die Vergewisserung. Er will, dass ich mich nach jedem Mal für das nächste Mal entscheide. Nicht, dass ich ihn nicht wiedersehen will. Ich will, dass er mich berührt. Ich will das Geräusch unserer klatschenden Körper. Ich will die Luft, die er mir in den Nacken bläst. Ich stelle mir sein Gesicht vor, kurz nach dem Aufwachen. Ich höre sein Flüstern, die Wörter, die so anders sind als meine, solche, die ich nicht auswählen würde und die vielleicht deshalb so richtig klingen.

Leo weiß, dass ich eine Beziehung führe. Eine öffentliche. Eine, die man nicht verstecken muss. So wie er. Ich weiß, dass er eifersüchtig ist, dass er sich ausmalt, wie dieser andere Mann sich anfühlt im Vergleich zu ihm, wo seine Finger ansetzen, ob es dieselben Stellen sind oder andere.

Leo wollte wissen, ob mir das nie passieren würde. Ob ich nie eifersüchtig werden würde. Ich habe mit den Schultern gezuckt. Er hat mich nachgeäfft, seine Schultern auf dieselbe Weise nach oben gezogen. Ich habe ihn gefragt, wovon er rede, und dabei an vergangene Jahre gedacht, an Bekanntschaften und Beziehungen. An das Warten auf Nachrichten. An die Sehnsucht, die sich nicht wegerklären lässt. An die Vorstellung von Körperteilen, die sich ineinander verhaken. An dieses enge Gefühl, das ein anderer Mensch auslösen kann, so wie Leo es manchmal bei mir tut und so wie ich es bei ihm tue. An das Masturbieren zu der Fantasie, mein Freund würde gerade mit einer anderen schlafen. An die Erniedrigung, die mich geil gemacht hat. Trotzdem habe ich Leo nicht geantwortet, ihn nicht belohnt für seine Ehrlichkeit.

Jetzt bleibe ich vor der grünen Mülltonne stehen, denke an ihn und die Frau, mit der er verheiratet ist. Ich weiß nicht, wie sie aussieht, und doch habe ich ein detailliertes Bild von ihr. Ich sehe, wie er durch ihr Haar streicht. Wie er seine Hand auf ihr Knie legt. Wie seine Finger nach oben wandern. Wie er zwischen ihre Beine greift. Ich denke daran, dass er sie auf dieselbe Weise berührt, auf dieselbe Weise an ihr schnuppert. Mir wird übel. Nur ein Anflug, denke ich und atme tief in den Bauch. Ich will Leo anschreien, dass er das lassen soll. Er soll aufhören, steif zu sein, während er neben ihr sitzt.

Das ist Eifersucht, stelle ich fest und schließe die Tür auf.

Ich komme in die Wohnung. Es riecht nach Emil. Kein intensiver Geruch, nur Nuancen, die sich ausgebreitet und über die Kissen und Laken gelegt haben. Vielleicht sind das wir, denke ich, und nicht er allein. Ich rufe seinen Namen.

Klingt das alt? Dieser Name? Emil ist fast vierzig. Zehn Jahre älter als ich.

"Hier", ruft er zurück. Die Wohnung ist klein genug, dass ich höre, wo genau sich dieses "hier" befindet.

Ich habe zu viel Zeug, denke ich, während ich meine Tasche auf den Boden gleiten lasse und mit einem Fuß gegen die Schwelle stoße. Überall Zeug, alles voll. Jede Ecke eine Erinnerung. Überall etwas von früher, von viel früher, von vorgestern. Von irgendwann. Von Reisen. Flugtickets, Eintrittskarten, Nationalparkscheine. Als wäre man ohne sie nicht dort gewesen. Als brauchte man den Beweis. Ich, um genau zu sein.

Emil ist minimalistisch. Er hat nichts gegen Fotos, aber für sie hat er auch nichts. Emil kauft keine Souvenirs. Ab und zu glaube ich, würde ich nicht mit ihm hier wohnen, gäbe es kein persönliches Stück von ihm. Ein paar Bilder an den Wänden. Emil mag Kunst. Er ist fasziniert von Techniken, von Materialien, von Menschen und der Zeit, die die Ergebnisse prägt. Emil analysiert.

Ich stehe hinter ihm, er sitzt auf dem Lesestuhl im Schlafzimmer. Ich wuschle in seinem Haar, das dicht ist und sich nicht verändert hat, seit wir zusammen sind. Er nimmt meine Hand und legt sie zurück.

"Ich lese", sagt er, und dann doch: "War eure Feier gut?"

Ich nicke und reibe meinen Oberarm, will ansetzen zu erzählen, ansetzen zu lügen. Ich müsste von dem Geburtstagsessen einer Freundin berichten, von dem Abend, der sich in die Länge gezogen hat, davon, wie es später wurde und wir die Nacht in ihrer Wohnung verbracht haben. Stattdessen habe ich mich irgendwann verabschiedet und bei Leo übernachtet. Emil sieht in sein Buch, keine Regung und kein Geräusch, außer dem Umblättern der Seiten. Vielleicht spürt er, dass ich noch im Zimmer stehe, aber er dreht sich nicht um. Also schleiche ich rückwärts, versuche, leise zu sein, was keinen Sinn ergibt. Nur will ich plötzlich nicht mehr mit ihm sprechen und keinen Satz provozieren.

"Hast du Hunger?", rufe ich später aus der Küche.

Emil tritt hinter mich, nimmt mich an den Hüften, küsst meinen Hals. Wir sind uns nah. Wir berühren uns oft, und jede Berührung prägt sich ein, mit jeder weiteren werden wir mehr, mehr wir. Ich denke daran, wie wir im Bett liegen, Emil hinter mir, sein Arm um meinen Bauch. Beinahe jede Nacht schlafen wir so. Es ist eine unausgesprochene Vereinbarung. Wie wir einschlafen.

"Ja", antwortet er.

Wir kochen gemeinsam. Emil mag es, in der Küche zu stehen, die Töpfe auszuwählen. Ich sehe ihn vor mir, wie er mit der Gabel gegen das Filetsteak...

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