Lesereise Neapel

Wo die Fische nach Vulkan schmecken
 
 
Picus Verlag
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 17. Februar 2021
  • |
  • 132 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-7117-5447-9 (ISBN)
 
Pizza fritta oder pizza a portafoglio - das ist eine der elementaren Fragen in Neapel. Denn außer der legendären Margherita, die in Neapel erfunden wurde, gibt es pizza hier auch frittiert oder in Papier eingeklappt als Streetfood. Darüber hinaus entdeckt Barbara Schaefer in der süditalienischen Stadt Alltägliches und Überraschendes: Sie befragt eine linke Stadträtin zur Flüchtlingspolitik, lässt sich von einer Sängerin die Wurzeln des neapolitanischen Belcanto erklären, stromert durch den Bauch Neapels entlang der Straßenschlucht Spaccanapoli und spricht mit Frauen über den Ferrante-Effekt.
  • Deutsch
  • Wien
  • |
  • Österreich
  • 2,19 MB
978-3-7117-5447-9 (9783711754479)
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Barbara Schaefer, geboren 1961, schreibt regelmäßig für Zeitschriften und Zeitungen. Im Picus Verlag erschienen ihre Lesereisen Lappland und Amalfi/Cilento sowie, gemeinsam mit Rasso Knoller, Inseln des Nordens und Südliches Afrika. Barbara Schaefer war unter den Top Ten "Reisejournalisten des Jahres" 2019. 2021 erschien ihre Lesereise Neapel.

Spaccanapoli


Eine Straße, die teilt und verbindet zugleich


Es tropft und riecht nach Waschmittel. Wie ein messerscharfer Schnitt durch eine Buttertorte zerteilt die Via Pasquale Scura die Altstadt Neapels. Mit dieser engen Straße beginnt Spaccanapoli, eine Abfolge von sieben Straßen, deren Name tatsächlich dies bedeutet: Neapelzerteilerin. Vor allem von oben, vom Stadthügel Vomero aus, ist diese Schneise gut zu erkennen. Dabei ist die Straße genau genommen älter als die Häuser an ihren Seiten, denn sie folgt bis heute dem Decumanus, der wichtigsten Ost-West-Achse der antiken römischen Stadt - die auch schon ihrem griechischen Vorläufer in Neapolis, der Neuen Stadt, entsprach.

Steigt man vom Vomero steile Treppen hinab, kann man sich direkt in Spaccanapoli einfädeln und gelangt mitten hinein in den Bauch Neapels. Es tropft und riecht nach Waschmittel, weil hier traditionell die Wäsche über die Gasse gespannt wird, heute war Feinwäsche dran, Dessous baumeln an den Wäscheleinen. Darunter verkauft Electrolux Haushaltsleitern und Bügeleisen. Die Bäckerei Pane, Amore e Fantasia wird umlagert von Nachbarinnen, cornetti und pane - das Gebäck des Hauses - müssen wohl gut sein. Einer auf einem E-Bike mit dicken Reifen kommt vorbei, grüßt den Bäcker. Es folgen ein Wettbüro, eine polleria, also eine Hähnchenbraterei, ein Obststand, ein Putzmittelladen; hier wohnen die, die schon immer hier wohnten, auch wenn das nun als Fußgängerzone ausgewiesen ist. Das heißt, hier fahren also fast nur Motorroller; umkurven erschreckend nah die Passanten. Abstand halten? Solange dich der Rückspiegel nicht streift, ist doch alles in Ordnung.

Aber gegenüber der Bäckerei ist das Birrificio Geco eingezogen, das »Craft Beer« ausschenkt, und das sagt schon alles. Wo Craftbier angeboten wird, breitet sich die Gentrifizierung aus, hier verkehrt nicht mehr nur die Nachbarschaft.

Spaccanapoli geht weiter als Via Maddaloni und kreuzt die Via Toledo, die Einkaufsmeile der Stadt - von Einheimischen immer noch Via Roma genannt. Denn unter den Faschisten war alles verboten, was nicht italienisch war. Also wurde die Via Toledo in Via Roma umgetauft, eine Via Roma sollte durch jede Stadt führen, und natürlich musste das eine repräsentative Straße sein. Hierher kamen die Menschen zum Bummeln, fare lo struscio hieß das, struscio bedeutet Streifen und bezeichnete das Geräusch der Kleidersäume auf dem Boden.

Weiter geht es in die Altstadt, kurz danach heißt Spaccanapoli Via Domenico Capitelli, hier beginnt jener Teil des centro storico, der 1995 von der UNESCO als »Patrimonio dell'umanità« ausgezeichnet wurde, als Weltkulturerbe. Sofort steigt die Dichte an Souvenirläden mit Keramik aus Vietri, bunten Nudeln, Lederwaren. Ich kaufe mir eine Umhängetasche, die ich auch quer tragen kann. Denn vor dem Handtaschenraub von Motorrollern aus, dem sogenannten scippo, sollte man sich immer noch in Acht nehmen.

Aber Spaccanapoli hat sich verändert. Vor Jahren war es hier düster, unheimlich, man schaute, dass man weiterkam, wenn man sich hierher verirrte. Heute muss man eher schauen, dass man noch vorwärtskommt. Hat ein Kreuzfahrtschiff angelegt, und davon kommen nun viele, schieben sich Gruppen durch die enge Gasse. Mordi e fuggi wird dieser Tourismus genannt, beißen und flüchten lautet die wörtliche Übersetzung, »auf die Schnelle« die übertragene Bedeutung. Alle wollen dieses spezielle Neapelgefühl genießen, und einige auch die Sehenswürdigkeiten. Tatsächlich bietet die berühmte Straße nicht nur Atmosphäre in geballter Version - sondern auch viel zu sehen.

So an der ersten breiteren Stelle, der Piazza del Gesù Nuovo. Gerade wird eine ganze Welle junger Menschen aufs Pflaster gespült. Es ist Mitte September, der erste Schultag nach den endlosen Sommerferien zu Ende. Alle chillen, checken ihre Handys, haben einander viel zu erzählen. Nebenan steht die Jesuitenkirche Gesù Nuovo, ein Umbau, entstanden aus einem Renaissancepalast, dessen Besitzerfamilie in Ungnade gefallen war und Neapel verlassen musste. Die Jesuiten schnappten sich den palazzo mit der auffälligen Fassade: Die Diamantenquader aus Tuffstein zeigen eigenartige Querstriche. Eine Erklärung lautet, sie stammten von den Handwerkern, die so festhielten, was sie gebaut hatten, und abrechneten. Eine andere These besagt: Die Jesuiten hätten darin eine alte Notenschrift versteckt. 1767 wurden dann auch die Jesuiten aus dem Königreich Neapel verbannt, durften aber ein halbes Jahrhundert später zurückkehren.

Auch ein Blick auf das Straßenpflaster lohnt sich: blank gewetzte und schwarz glänzende Quader, Basalt vom Vesuv. Doch vor allem fällt auf: Überall ist es eng und voll. Der Eindruck täuscht nicht: Im Durchschnitt liegt die Bevölkerungsdichte in Neapel bei über achttausend Menschen pro Quadratkilometer, das allein ist schon fast das Doppelte von München. In der Innenstadt aber, etwa im neunten Stadtteil San Lorenzo, sind es rund dreiunddreißigtausend Einwohner pro Quadratkilometer.

Aus einem Hof nebenan fahren vier schwere Motorräder heraus, vier Männer nehmen auf dem Soziussitz Platz, keiner der acht Fahrer trägt einen Helm, das fällt sogar in Neapel auf. »Zivilpolizei«, raunt mir eine Neapolitanerin zu. Woher sie das wisse, frage ich. »Das sieht man doch sofort«, sagt sie mit einem müden Lächeln.

Eine gewisse Mattigkeit bemächtigt sich meiner nun. Zu viele Menschen, zu viele Eindrücke, aber genau hier naht Abhilfe. Wenige Schritte entfernt wartet Santa Chiara, ein gewaltiger gotischer Kirchenbau, mit seinem zauberhaften zierlichen Kreuzgang, dem Chiostro delle Maioliche. Maria Amalia von Sachsen, die Gattin des neapolitanischen Bourbonenkönigs Karl III., ließ den Kreuzgang einst in einen Garten verwandeln. Hier kann man durchatmen, Vögel zwitschern, Orangenblütenduft zieht vorbei und die Farbenpracht ist doppelt: Begrenzungsmauern, Säulen und Bänke sind geschmückt mit bunten Majolika-Fliesen.

Erholt wie nach einem kurzen Mittagsschlaf werfe ich mich wieder in Spaccanapoli. Meine Wasserflasche ist leer, ich sehe einen Brunnen, »kann man das trinken?«, frage ich die Umstehenden. »L'acqua é buona«, rufen sie aus, zur Bestätigung beugt sich einer hinunter, drückt auf den Knopf des messingfarbenen Hahnes, trinkt sogleich. Ich fülle meine Flasche auf. Wo kommt Neapels Wasser her? Kurz geht mir ein Thriller von Robert Harris durch den Kopf. In »Pompeji« erzählt er spannend und anschaulich ganz nebenbei die Geschichte der Trinkwasserversorgung Neapels während des Römischen Reiches. Es wurde und wird aus der Gegend des Vesuv in die Stadt geleitet.

Ausnahmslos alle Souvenirläden bieten kleine rote Hörnchen an, meist als Schlüssel- oder Kettenanhänger. Das curniciello erinnert an eine Pepperonischote, wurzelt aber tief im Aberglauben. Es soll gegen den bösen Blick helfen, wirkt aber nur, wenn man es geschenkt bekommt. Ein perfektes Mitbringsel also. Es ist traditionell aus Koralle, meist aus bemalter Terrakotta oder eben aus Plastik und aus China.

An der nächsten, blau-weiß dekorierten Bar hängen Bilder des inoffiziellen Stadtheiligen: Maradona, seit fast schon vierzig Jahren verehrtes Idol der Stadt. Diego Armando Maradona Franco, geboren 1960 in Argentinien, kam 1984 als bereits weltberühmter Fußballer zum SSC Napoli. Ein nie gelüftetes Geheimnis blieb, wie der Verein die gewaltige Ablösesumme von damals vierundzwanzig Millionen D-Mark auftreiben konnte. Der Ankauf lohnte sich jedenfalls: Mit und für den SSC Napoli gewann Maradona bis 1991 zweimal die italienische Meisterschaft sowie den italienischen Pokal und den UEFA-Pokal. Für Neapel war der Argentinier Balsam auf die wunde Seele, man konnte den großen norditalienischen Teams etwas entgegensetzen, Neapel galt etwas, und nicht nur in der Fußballwelt. Maradonas Titelflut machte ihn zum Helden der Stadt. Aber der Sturz war tief: Bei einer Dopingprobe wurde ihm 1991 Kokain nachgewiesen, Maradona setzte sich nach Argentinien ab. Dort wurde er wegen seines Drogenkonsums verhaftet, zu einer Freiheitsstrafe verurteilt, als Spieler gesperrt und zu einer Entziehungskur verpflichtet. Eine Vaterschaftsklage kam noch hinzu. Das scheint in Neapel alles vergessen, nicht aber die Erfolge, Siege, Triumphe, auch wenn diese nun fast vierzig Jahre zurückliegen. Das Gesicht hochemotional verzerrt ist sein Porträt in der Stadt allgegenwärtig, und das blau-weiße Trikot mit der Nummer 10 kann man als Souvenir kaufen. Der SSC Napoli aber war nach Maradonas Weggang im freien Fall, stieg ab, verschuldete sich, musste 2004 Konkurs anmelden. Später hat er sich berappelt und spielt heute wieder verlässlich oben mit. Doch Maradonas Trikotnummer 10 wird nicht mehr vergeben.

Da sich auf den knapp zwei Kilometern von Spaccanapoli alles ereignet, was zu Neapel gehört, wird hier auch viel geheiratet. Immer wieder flaniert ein Brautpaar mit...

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