Joghurt ist Landliebe genug

Vom Glück, in der Großstadt zu leben
 
 
Blanvalet (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 10. Juni 2013
  • |
  • 272 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-641-10895-3 (ISBN)
 
Die Landlust-Illusion enttarnt

Draußen auf dem Land, zwischen Rüben und Rhododendren, ist die Welt eine bessere? Von wegen! Nur die Stadt bietet angesagte Kneipen und Kinderkrippen, Jobs und Junkfood ebenso wie Biogemüse, Bus und Bahn und Bibliotheken. Mögen uns noch so bunte Hochglanzmagazine in Millionenauflage ein Landidyll vorgaukeln - die Realität sieht anders aus: von Vielfalt und Flexibilität keine Spur.

Barbara Schaefer und Katja Trippel lieben das urbane Gewusel so sehr wie die stille Parkbank. Sie wohnen mittendrin - und sie singen das Hohelied auf ein Leben in der Stadt.

  • Deutsch
  • München
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  • Deutschland
Blanvalet
  • 20
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  • 20 schwarz-weiße Abbildungen
  • 1,38 MB
978-3-641-10895-3 (9783641108953)
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Journalistin Barbara Schaefer hat Theaterwissenschaften studiert und liebt das Reisen. Ihre Reisebücher und Reportagen für BRIGITTE, die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, die Süddeutsche Zeitung u. a. führten sie nach New York und Shanghai, nach Kuba und Kärnten, Süditalien und Nordnorwegen. Nach Stationen in München und in Stuttgart lebt sie inzwischen in Berlin.Katja Trippel studierte Geografie und besuchte die Hamburger Journalistenschule. Als GEO-Redakteurin schreibt sie über Wälder oder Perlenzucht, für einen Report zur Überfischung der Weltmeere erhielt sie 2008 den Henri-Nannen-Preis. Für ihre Reportagen reiste sie ins Allgäu und nach Kamerun, nach Paris, Marseille und Mayotte. Sie lebt in Berlin und Hamburg.

Intro

Gibt es Schöneres als eine Landpartie? Unsere Datsche ist ein wildes Stück Garten mit Holzhaus, Apfelbaum, Hängematte und Plumpsklo, gelegen am Dorfrand, umzingelt von Einfamilienhaus-Paradiesen. Direkt dahinter beginnen Wald, Feld und Wiese, in einem Badesee können wir uns treiben lassen. Abends trinken wir Wein unter Sternen. Dieser Ort ist ein Traum! Für kleine Fluchten.

Nach zwei Tagen fahren wir zurück Richtung Berlin, im Auto kratzen wir unsere Mückenstiche. Draußen zieht das letzte grüne Feld vorbei, vor uns türmen sich die ersten Häuser auf: Heimat.

Natürlich mögen auch wir das Land und die Natur. Den Duft nach Gras, das Glitzern von Libellenflügeln. Die Stille, wenn endlich alle Rasenmäher schlafen. Aber alles andere, was uns sonst am Leben gefällt: Es fehlt da draußen. Alles, was uns lebendig macht, was uns umtreibt und antreibt, gibt es im Wald und auf der Heide nicht.

Landlust, Landliebe, Land hin oder her - wir lieben die Stadt. Sollen doch die anderen rausziehen und glücklich werden mit ihren Gummistiefeln, ihren Karotten und den neuen Nachbarn mit dem schönen Carport. Wir sind Großstädterinnen aus Überzeugung - und wir werden es bleiben. Denn wer rauszieht, ist raus.

Wir sind reingezogen. Kaum erwachsen, haben wir die Provinz verlassen. Bei der ersten Großstadt blieb es nicht. Die eine (Katja Trippel) zog über Paris und Hamburg nach Berlin, die andere (Barbara Schaefer) über München und Stuttgart an die Spree. Das Hohelied der Landlust - singt es ohne uns. Die Landliebe ist uns als Joghurt genug.

Eine Million Leser folgen alle zwei Monate der Landlust zu weltbewegenden Themen wie »Schnittlauch«, »Sommersalate«, »Starke Pferde«. Und Landlust-TV - »Die schönsten Seiten des Landlebens« - beackert Themen wie »Blütenpotpourri«, »Ernte anno dazumal« und »Idyllische Hofgeschichten«. Da ist es, das verräterische Wort: Idylle. Was soll dieser Rückzug in Fluchtoasen? Die Landromantik, die biedermeierliche Gemütlichkeit? Diese Verrüschung und Verniedlichung, diese Stickdeckchenverspießerung? Diese Sucht, einfaches Leben nachzuspielen?

Die Idee dahinter ist noch nicht mal neu, auch wenn gerade jetzt, im 21. Jahrhundert, sich dazu Bücher stapeln. Sie ist sogar ein ziemlich alter Hut. Schon die französische Königin Marie-Antoinette ließ im 18. Jahrhundert im Park von Versailles ein Pseudodorf bauen, mit Kühen, Ziegen, Schafen, Hühnern. Natürlich nicht, um die arme Bevölkerung zu ernähren. Marie-Antoinette spielte Landleben mit silbernen Rechen und Eimerchen aus Porzellan - hat hier jemand »Manufactum« gesagt? Ihr persönlich ist diese Karikatur ländlichen Lebens nicht gut bekommen. In Paris, in der Hauptstadt, stürmte die Revolution die Bastille. Pardon, Marie-Antoinette.

In den Buchläden türmen sich die Selbsterfahrungsberichte jener, die rauszogen, sich Bauernhäuser kauften, Höfe renovierten, mit glücklichen Hühnern auf dem Sofa leben. In den Zeitschriftenregalen rieseln Heustaub und Hasenköttel aus Landlust und Country, diesen gedruckten Fluchthelfern. Die naturtrüben Hochglanzpostillen wollen uns vormachen, irgendwo da draußen, zwischen Rhododendron und alten Rosen sei die Welt noch in Ordnung, liegen Glück, Zufriedenheit oder mindestens ein Zustand zwischen Om und Oma.

Wir halten dagegen.

Diese Medien zeigen das Landleben so realitätsnah wie der Playboy Frauen oder Schöner Wohnen das deutsche Heim. Alltag auf dem Dorf findet in diesen Blättern nicht statt, das Landleben wird zur Lifestylewelle gehypt und zugleich degradiert, als Fortsetzung von Aerobic, Wellness, Yoga. Hat ja seine Berechtigung - wie Urlaub aufm Bauernhof. Aber doch nicht tagaus, tagein!

Die Sehnsucht nach da draußen ist purer Eskapismus. In einer Welt, in der wir immer weniger verstehen, in der Themen auf uns niederprasseln wie das CERN, die cloud, der Euro-Rettungsschirm, da wächst der Wunsch nach Vereinfachung. Der Mensch kapiert das alles nicht mehr, will das alles nicht mehr hören, will nur noch raus - und stattdessen Heimatromane lesen. Klar, kann man machen. Man kann auch weiter daran glauben, die Erde sei eine Scheibe. Doch die Welt ist rund und kompliziert. Wir können ihr nicht entfliehen.

Es funktioniert ohnehin nicht. Das Dorf ist nicht das simplere, einfachere Stück Welt, in dem Menschen ohne die neurotischen Anwandlungen leben können, die gemeinhin Städter befallen. Auch die Menschen auf dem Land haben stressige Jobs, Zukunftsängste, komplizierte Liebesbeziehungen. Sie können sich aber nicht davon ablenken, kaum auf andere Gedanken kommen. Bereits anno 1866 klagten die französischen Schriftstellerbrüder Edmond und Jules de Goncourt: »In der Provinz ist schon Regen eine Zerstreuung.« In der Stadt hingegen warten Chancen und Möglichkeiten statt Schnittlauch und Blütenpotpourri, warten Arbeit und Abenteuer, Menschen und Begegnungen.

Natürlich poppt manchmal so eine Sehnsucht auf nach Landschaft, Weite. Aber die ist so alt wie die Großstadt. Schon Kurt Tucholsky wusste davon: »Ja, das möchste: Eine Villa im Grünen mit großer Terrasse, / vorn die Ostsee, hinten die Friedrichstraße; / mit schöner Aussicht, ländlich-mondän, / vom Badezimmer ist die Zugspitze zu sehn - / aber abends zum Kino hast dus nicht weit. / Das Ganze schlicht, voller Bescheidenheit.« So beschrieb der Berliner Autor 1927 in seinem Gedicht »Das Ideal« die Wohnungssuche und schwärmt weiter von einer »Bibliothek und drumherum Einsamkeit und Hummelgesumm«. Weil aber alles zusammen nun mal nicht geht, muss sich der Mensch entscheiden. Und immer mehr Menschen entscheiden sich für die Großstadt.

Ein Drittel der Einwohner Deutschlands lebt in Städten mit mehr als hunderttausend Einwohnern. Die große Stadt und ihre kleinen Viertel, ihre Kieze, Veddel, Grätzel, sie geben uns alles, was wir brauchen. Die Großstadt ist die All-in-one-Lösung, Dorf und große Welt zugleich.

Klar sind die hohen Miet- oder Immobilienkosten in den Innenstadtlagen beklagenswert; zumal die Kommunalpolitik Möglichkeiten hätte, Mietsteigerungen und Verdrängungsprozesse zu begrenzen. Doch wer glaubt, das Leben auf dem Land sei insgesamt preiswerter, sitzt einer Milchmädchenrechnung auf: Jeden Euro, den das vermeintlich günstige Heim im Grünen spart, schluckt dafür die Tankstelle, dazu kommen die Kosten für den Zweit- oder Drittwagen. Viele Familien, die rausziehen, sind sich weder der Mobilitätskosten noch der Zeit, die das Pendeln frisst, bewusst und tappen in eine »raumstrukturelle Falle« - das hat eine Studie im Auftrag des Umweltbundesamts und des bayerischen Innenministeriums ermittelt. Das Problem hoher Mieten wird ersetzt durch eine lebenslange Abhängigkeit von der Benzinpreisentwicklung.

Schon ein paar Tage in Datschendorf reichen, um Landlust in Landfrust zu verwandeln: Der Bäcker hat schon lange zugemacht, Netto bietet Aufbackbrötchen, Dosenfood und unreifes Gemüse. Es gibt keinen Metzger, um Grillwürste einzukaufen, keine Apotheke für das Antizeckenkit, keine Kneipe, die anderes auftischt als Hausmannskost. Dafür Autowaschanlagen, Nagelstudios. Wir haben uns vor dem Rausfahren mit Baguette, Oliven und Wein eingedeckt. Wer im Dorf Rohmilchkäse oder Biofleisch essen möchte, muss es von der Stadt aufs Land exportieren.

Wir nähern uns dem Ortsschild: Berlin. Selbst nach fünfzehn Jahren hüpft uns das Herz, wenn es auftaucht. Zwei Ampeln später hat die Stadt uns geschluckt: rechts Häuser, links Häuser. Busse, Supermärkte, Werkstätten. Krankenhäuser, Dönerläden, Biergärten, Theater und Kinos. Parks und U-Bahn-Eingänge. Menschen, Gewusel, Graffiti.

»Die Stadt ist Multiperspektivität wie sonst nur noch das Gebirge, wo einen hinter jeder Wegbiegung ein anderer Blick, eine andere Landschaft erwartet«, sagt der Geisteswissenschaftler Wilhelm Schmid, der in Berlin und Riga lebt und lehrt. Wir lieben dieses urbane Gebirge! Die Berge und die Wegbiegungen. Vor allem aber lieben wir das Gewusel. In der Stadt leben die unterschiedlichsten Lebensentwürfe Seite an Seite. Man kann nicht alle, nicht einmal die meisten davon teilen oder gutheißen. Ätzende Assis und protzende Promis, grüne Spießer und geistig tiefergelegte junge Männer, Kopftuch-Frauen und Hipster-Jungs, Sarrazins und Nazis, Normalos und Nutten, alle sind sie da. Das muss man schon aushalten. Die gute Nachricht: In der Masse der Stadt neutralisieren sie sich. Wir halten sie aus. Und sie uns. ?

Gibt es in Datschendorf Gewusel? Oder gar Graffiti an den Wänden? Natürlich nicht. Unsere Nachbarn halten ihre Häuser tadellos in Schuss. Rollos am Küchenfenster, Terrasse mit pseudotoskanischen Säulen, ein Lattenzaun um die gemähten Latifundien. Dahinter Kaninchen für die Kleinen, Autos für die Großen. Ansonsten: nix Schräges, nix, was einen zum Staunen bringt, nix, was ein bisschen raussticht aus dem Baumarktschick.

Nur wir haben wieder die halbe Nachbarschaft zum Staunen gebracht. Rollt unser Auto an, huschen sie an die Hecken und gucken. Dass drei Freundinnen sich eine Datsche teilen und jede kommt, wann und mit wem sie Lust hat, das haben unsere nächsten Anrainer bis heute nicht verwunden. »Wie soll denn das gehen?«, fragte Herr W. von gegenüber fassungslos. Dass wir unseren Schreibtisch im Büro, das Auto und sogar die Putzperle mit Freunden teilen, je nach Bedarf, haben wir ihm lieber verschwiegen. Nur Carola, unsere direkte Datschen-Nachbarin, die ihren Garten mit Hingabe verwildern lässt und auch sonst eine astreine Eigenbrödlerin zu sein scheint, erträgt uns...

"Ein flammendes Plädoyer für das Leben in der Großstadt."
 
"Eine Hommage an die Stadt, die aber keinesfalls verbissen oder besserwisserisch daher kommt, sondern einfach nur überzeugend."
 
"Unterhaltsames Plädoyer - Sie machen aus ihren Ansichten keine Ideologie, sondern sie argumentieren - sehr angenehm!"
 
"Die zusammengetragenen Fakten sind zum Teil ziemlich überraschend."
 
"Die beiden Autorinnen decken mit viel Charme die Vorzüge des Stadtlebens auf."

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