Deutsche Geschichte in 100 Objekten

 
 
Piper (Verlag)
  • 1. Auflage
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  • erschienen am 9. November 2015
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  • 656 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-492-97233-8 (ISBN)
 
Was haben diese Objekte sowie eine Ritterrüstung, die Tabakdose Friedrichs des Großen und der WM-Fußball von 1954 gemeinsam? Es sind drei von 100 Mosaiksteinen der deutschen Geschichte, stumme Zeugen der Vergangenheit. Hermann Schäfer, einer der führenden Vertreter der deutschen Museumsszene, fügt sie in diesem opulent ausgestatteten Band zusammen. Anschaulich und gut verständlich bringt er die Objekte zum Sprechen und macht zugleich auch ihre erstaunliche Umdeutung im Dienst politischer Interessen und gesellschaftlicher Umbrüche deutlich. Für den interessierten Laien leicht zugänglich, eine Schatzkiste für immer neue Entdeckungen: Aus 100 fesselnden Geschichten wird eine große historische Erzählung. Ein farbiges Panorama der vergangenen über zwei Jahrtausende, von den vorgeschichtlichen Anfängen bis in die jüngste Gegenwart.
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978-3-492-97233-8 (9783492972338)
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Prof. Dr. Hermann Schäfer, geb. 1942, ist Historiker und international renommierter Museumsfachmann, Gründungspräsident der Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland. Das von ihm aufgebaute und zwanzig Jahre geleitete Museum für Zeitgeschichte erhielt zahlreiche Auszeichnungen und Preise, es setzte neue Maßstäbe für Themen und in der Gestaltung von Ausstellungen.

Vorwort

Aus Vorgeschichte und Antike

1 Homo erectus und die »deutsche« Vorgeschichte
Die Speere von Schöningen

2 Weltsicht in der Bronzezeit
Die Himmelsscheibe von Nebra

3 Die Schlacht im Teutoburger Wald: Arminius contra Varus
Eine römische Gesichtsmaske

4 Die deutsche Weinkultur
Das Neumagener Weinschiff

Aus dem Mittelalter

5 Die Wikinger
Haithabu 1

6 Glocken im kulturellen Wandel
Der Saufang

7 Königsthron - Geschichte und Mythos
Der Karlsthron in Aachen

8 Gottes-, Herrschafts- und Wirtschaftszeichen
Das Trierer Marktkreuz

9 Gottesgnadentum und Kaiserherrschaft
Die Reichskrone

10 Frömmigkeit und Renovatio imperii
Christussäule und Bernwardtür

11 Heldenepik und das Ideal der Treue
Das Nibelungenlied

12 Der Ritter als Idol
Der Bamberger Reiter

13 Gesetzgebung und Rechtsprägung
Der Sachsenspiegel

Vom Spätmittelalter in die Frühe Neuzeit

14 Armen- und Krankenpflege im Spätmittelalter
Kabäuschen im Lübecker Heiligen-Geist-Hospital

15 Klöster als Wirtschaftsunternehmen
Das Tennenbacher Güterbuch

16 Mit den Städten blühen die Zünfte auf
Die Schmiedefenster im Freiburger Münster

17 Königswahl und Kaisermacher
Die Goldene Bulle

18 Die Hanse - eine Wirtschaftsmacht
Die Bremer Kogge

19 Ritter - Söldner - Landsknechte - stehende Heere
Der Plattenrock

20 Universitäten - Gründung und Wandel
Das Große Siegel der Universität Heidelberg

21 Kathedralen und Dombauhütten in der Spätgotik
Das Parlerzeichen auf der Parlerin

22 Revolution der Wissenstechnik
Gutenbergs bewegliche Lettern

23 Globalisierung im 15./16. Jahrhundert
Martin Behaims Erdapfel

24 Körperbilder und Geschlechterrollen in der Renaissance
»Das Frauenbad« von Albrecht Dürer

25 Stifter, Kunst und Politik
Die »Markgrafentafel« von Hans Baldung Grien

26 Bier - vom Wasserersatz zum Volks- und Kultgetränk
Das Reinheitsgebot

27 Handel im Frühkapitalismus
In der »Goldenen Schreibstube«

28 Bauernkrieg und frühbürgerliche Revolution
Werner Tübkes Panoramabild in Bad Frankenhausen

29 Bibelübersetzung und Reformation
Martin Luthers Biblia Deutsch

30 Stadtleben in Spätmittelalter und Früher Neuzeit
Die Augsburger Monatsbilder

Aus der Frühen Neuzeit

31 Der Dreißigjährige Krieg
Die Zapfhähne aus der Schlacht bei Wittstock

32 Jüdisches Leben und Traditionen
Ein Chanukka-Leuchter

33 Der Schwarze Tod
Die Pestarztmaske

34 Von der Ewigkeit zur Endlichkeit des Lebens
Der »Tanzende Tod«

35 Einwanderungsland Preußen
Das Edikt von Potsdam

36 Architektur und Baukunst im Barock
Balthasar Neumanns Instrumentum Architecturae

37 Das »Mirakel des Hauses Brandenburg«
Die Tabakdose Friedrich des Großen

38 Erhellende Aufklärung
Der Blitzableiter

39 Französische Revolution in Deutschland
Goethes »Freiheitsbaum«

Aus dem 19. Jahrhundert

40 An der Schwelle zur Moderne: Die preußische Reformpolitik
Das Oktoberedikt

41 Altes Volksgut und neue Ideen: Die Romantik
Die Sammlung der Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm

42 Die Völkerschlacht - vom Befreiungskrieg zum Nationalismus
Skelett mit Kanonenkugel

43 Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit
Beethovens »Neunte«

44 Ingenieurskunst auf der Großbaustelle
Der Grabstein von Johann Gottfried Tulla

45 Erste Demokratieversuche und ihre Niederschlagung
Die Hambacher Fahne

46 Der Deutsche Zollverein
»Gränzverlegenheiten«

47 Die Eisenbahn - Deutschlands Aufbruch in die Industrialisierung
Der Adler

48 »Einigkeit und Recht und Freiheit«
Der Erstdruck des »Deutschlandlieds«

49 Landwirtschaft im Wandel
Der Goldene Pflug

50 Der deutsche Militarismus
Die Pickelhaube

51 Armutsflüchtlinge und Auswanderung
Geburtsmatrikel von Löb Strauß

52 Das Gespenst einer alternativen Gesellschaftsutopie
Das Kommunistische Manifest

53 Die Paulskirche: Wiege der deutschen Demokratie
Der »Zug der Volksvertreter« von Johannes Grützke

54 Die Elektroindustrie
Die Dynamomaschine von Werner von Siemens

Aus dem Kaiserreich

55 Die Proklamierung des Kaiserreichs
»Versailles« von Anton von Werner

56 Die Anfänge der Arbeiterbewegung
Die Traditionsfahne der Sozialdemokratie

57 Malerischer Realismus in der Industrialisierung
Das »Eisenwalzwerk« von Adolph Menzel

58 Grundlegung des Sozialstaats - das Zuckerbrot zur Peitsche
Die Kaiserliche Botschaft vom 17. November 1881

59 Der Start ins automobile Zeitalter
Der Benz Patent-Motorwagen Nummer 1

60 Die pharmazeutisch-chemische Industrie wird Weltmarktführer
Das Aspirin

61 Von der Bildergeschichte zum modernen Comic
Die Bleistifte des »lachenden Pessimisten« Wilhelm Busch

62 Weltmachtpolitik und Kolonialismus
Der Sarotti-Mohr

Aus dem 20. Jahrhundert

63 Industrialisierter Krieg und Kriegsschuldfrage
Das MG 08/15

64 Die Urkatastrophe des Ersten Weltkriegs
»Der Krieg« - das Triptychon von Otto Dix

65 Frankreichs Triumph und Deutschlands Rache
Der Waffenstillstandswaggon von Compiègne

66 Ausrufung der Republik
Die Scheidemann-Schallplatte

67 Gleichberechtigung und Emanzipation
»Frauen! - für die Wahl«

68 Der Nationalsozialismus als Weltanschauung und Ideologie
Hitlers Mein Kampf

69 Terror gegen den Geist: Die Bücherverbrennung
Ein Buch, das den Flammen entging

70 Antisemitismus, Rassenwahn und Massenmord
Der »Judenstern«

71 Rundfunk im Dienst der Propaganda
Der Volksempfänger

72 Widerstand gegen den Nationalsozialismus
Die Werkbank von Georg Elser

73 Staatlicher Willkür und Anmaßung
Nicht einfach »eine« Guillotine

Aus der Zeitgeschichte seit 1945

74 Der 8. Mai 1945 - Niederlage und Befreiung
Die sowjetische Fahne auf dem Reichstag

75 Flucht und Vertreibung
Die Suchdienst-Kartei

76 Die Nürnberger Prozesse - das erste internationale Strafgericht
Die Anklagebank

77 Hilfe in großer Not: Mythos und Realität
Carepaket und Westpäckchen

78 Die Erfindung des Computers - aus Rechenfaulheit
Zuse-Rechenmaschine Z3

79 Staatsgründung mit eingeschränkter Souveränität
Das Besatzungsstatut

80 Das Wunder von Bern
Der WM-Ball 1954

81 Ein geeinter Kontinent - Idee und Realität
Die Europaflagge

82 Von zwei Armeen im Kalten Krieg zu einer im Einsatz
Helme von Bundeswehr und NVA

83 Antibabypille versus Wunschkindpille
Anovlar und Ovosiston

84 Vom KdF-Automobil zum Wirtschaftswunder-Käfer
Der Volkswagen

85 Einwanderung ins Wirtschaftswunder
Das »Gastarbeiter«-Moped

86 Die RAF und der Deutsche Herbst
Magnum-Revolver

87 Holocaust - eine TV-Serie: Die Vergangenheit holt die Deutschen ein
Bilder einer Familiengeschichte

88 Der Volksaufstand am 17. Juni 1953
Die Geheimkamera

89 Überwachung und »Vorratsdatenspeicherung« in der Diktatur
Die Geruchsproben der Stasi

90 Grenze im geteilten Deutschland
Abfertigungskabine im Tränenpalast

91 Der erste Deutsche im All - ein Bürger der DDR
Der Raumanzug von Sigmund Jähn

92 Die Friedensbewegung in der DDR
»Schwerter zu Pflugscharen«

93 Die Öffnung der Mauer
Schabowskis Zettel

Auf dem Weg ins 21. Jahrhundert

94 Die Immer-und-überall-Kultur
MPlayer3 (Pontis)

95 Protestbewegungen in der Bundesrepublik
Sprechende Logos

96 Geld - Währung - Inflation
Die DM-Urpatrize

97 »Wir sind Papst«
Der Stuhl Benedikts XVI.

98 Ausspähen unter Freunden
Merkels Handy

99 Die Energiewende
Großspeicherbatterien

100 Jeder ist ein Fremder - fast überall
Das Plakat »Dein Christus - ein Jude«

Dank


Anhang
Literatur
Bildnachweis
Personenregister

1

Die Jagd mit diesen Waffen verlangte höhere Fähigkeiten und bessere Kommunikation unserer Vorfahren, als bislang bekannt, neue Forschungsfragen stellen sich.

Die Speere von Schöningen

Homo erectus und die »deutsche« Vorgeschichte

Die ältesten auf deutschem Boden gefundenen Überreste unserer Vorfahren gehören - natürlich - zu unserer Geschichte. Und das nicht nur, weil sie überraschend einsatzfähig aussehen: acht Speere, sieben aus Fichten-, einer aus Kiefernholz, 1,80 bis 2,50 Meter lang, drei bis fünf Zentimeter dick, beidseits angespitzt, sorgfältig von Menschenhand gefertigt und bearbeitet. In Bauform und Wurfeigenschaften ähneln sie sogar heutigen Speeren und lassen sich 70 Meter weit werfen. Sensationsfunde aus dem Oktober 1994, die allen wissenschaftlichen Untersuchungen zufolge die weltweit ältesten bisher gefundenen Jagdwaffen der Menschheit sind und deren Erforschung das Bild der kulturellen Entwicklung des frühen Menschen nachhaltig verändert.

Als 1983 der Abbau im Helmstedter Braunkohlerevier an der innerdeutschen Grenze bei Schöningen begann, ahnte niemand, welche archäologischen Schätze hier Jahrtausende überdauert hatten. Die Entdeckungen sprengten selbst die kühnsten Erwartungen aller Experten. Archäologen begleiteten den Tagebau und fanden anfangs dicht unter der Oberfläche viele Spuren der jüngeren Vergangenheit. Nach neun Jahren kamen schließlich - gut zehn Meter unter der Oberfläche und aufbewahrt in Jahrmillionen alten Torfschichtungen über die Abfolge zweier Eiszeiten hinweg - acht hölzerne Speere aus der Altsteinzeit zum Vorschein. Nach allen bisherigen Erkenntnissen dienten sie den hier lebenden Urmenschen - Homo erectus - zu Jagd- oder auch Verteidigungszwecken und sind unfassbare 300 000 bis 400 000 Jahre alt.

Neben den Wurfspeeren legten die Archäologen in angrenzenden Schichtpaketen weitere Artefakte frei, die dem Urmenschen dieser Region vermutlich als Distanzwaffen dienten. So die als Lanze, als Wurfstock bzw. -holz und als Klemmschäfte interpretierten menschlichen Jagd- und Arbeitsgeräte, etwa 20 bis 30 Steinwerkzeuge (Schaber) sowie einen angekohlten, auf den Gebrauch von Feuer verweisenden Holzstab, möglicherweise in der Funktion eines Bratspießes. Diese menschlichen Hinterlassenschaften wiederum befanden sich inmitten einer Ansammlung von etwa 12 000 Tierknochen, die von mehr als 20 Wildpferden, vereinzelt von Rothirsch, Wisent, Nashörnern und Elefanten stammen. Die Spuren an den Skelettresten der Pferde sowie aufgeschlagene Knochen weisen auf gezielte menschliche Bearbeitung, vermutlich Schlachtung durch Steinwerkzeuge, hin, wie sie der afrikanische Urmensch bereits vor 1,5 Millionen Jahren etwa mit dem Faustkeil praktizierte.

Alles in allem liegt mit dem Fundensemble die beinahe eine halbe Million Jahre alte Momentaufnahme menschlicher Frühgeschichte vor, im luftdichten Boden des Tagebaus konserviert für die Gegenwart. Was sagt sie uns für das Verständnis unserer Vorfahren, über ihre Intelligenz, das Sozialverhalten und die Anpassungsfähigkeit des Homo erectus im Nordwesten des heutigen Deutschland?

Der mittlerweile gut dokumentierte Fund der Schöninger Speere, dem mit dem »Paläon« am Entdeckungsort seit 2013 ein Besucherzentrum und Museum gewidmet ist, schließt eine große Lücke im archäologischen Geschichtsbuch der frühen Menschheitsgeschichte, auch wenn noch viele Mutmaßungen bleiben. Etwa 800 000 Jahre ist es nach bisherigem Erkenntnisstand her, dass die ersten Vertreter der vom Menschenaffen und Frühmenschen unterschiedenen Menschenart Homo erectus von Afrika aus Europa erreichten. Als nomadisierender Jäger und Sammler fand dieser aufrecht gehende Urmensch auch im Norden des heutigen Deutschland gute Lebensgrundlagen. Das belegen die ältesten hierzulande gefundenen Überreste von Menschen wie der 1907 entdeckte Unterkiefer des »Homo erectus heidelbergensis« von Mauer bei Heidelberg (600 000 Jahre) und der 1933 gefundene Schädel des »Urmenschen von Steinheim« an der Murr (250 000 bis 300 000 Jahre alt). Der 1856 bei Düsseldorf entdeckte Neandertaler ist demgegenüber viel jünger (40 000 Jahre), und noch jünger ist das 1914 bei Bonn-Oberkassel gefundene Paar mit dem ältesten Haushund Europas (14 000 Jahre).

Dabei bedurfte das Überleben des altsteinzeitlichen Menschen in dieser Region ausgebildeter Anpassungsfähigkeiten an wechselvolle Lebensverhältnisse und das entsprechende Klima. Sein Lebensraum im geologischen Eiszeitalter, dem mittleren Pleistozän, wurde über Jahrhunderttausende bestimmt durch den Wechsel von Warm- und Kaltzeiten, den Vorstoß gigantischer skandinavischer Gletschermassen, die in der Zeit vor 400 000 bis 320 000 Jahren auch den niedersächsischen Mittelgebirgsrand erreichten.

Auch die Schöninger Jagdrelikte stammen aus einer Warmphase zwischen zwei Eiszeiten, der Elster- und der Saale-Eiszeit. Am Speere-Fundort, davon geht die Forschung heute aus, entstand im Verlauf eiszeitlicher Ablagerungen aus einer Senke ein See und damit ein vom Menschen häufig aufgesuchter Rast- und Jagdplatz. In der Folge wurde dieses Gebiet wiederum über Jahrhunderttausende hinweg (bis vor etwa 150 000 Jahren) von bis zu 100 Meter hohen Gletschern übertürmt und am Übergang zum Holozän vor etwa 11 700 Jahren mit einer viele Meter starken Schicht aus Löss bedeckt. Auf diese Weise konnten die Speere wie in einem Magazin ungestört lagern und zum Zeitpunkt ihrer Entdeckung wie »frisch vergraben« erscheinen.

Das Eiszeitalter oder Quartär ist der jüngste Abschnitt der Erdgeschichte; darin findet die Entwicklung des Menschen, der Gattung »Homo«, statt. Sie begann vor 2,6 Millionen Jahren und dauert bis heute an. Das Quartär wird in zwei geologische Zeitabschnitte unterteilt, das Pleistozän und das Holozän, die Jetztzeit. Die altsteinzeitlichen Funde von Schöningen stammen aus dem mittleren Pleistozän, sind also 320 000 bis 300 000 Jahre alt. Tausende von Generationen vor der Bildung erster Zivil- und Staatsgemeinschaften in Mesopotamien (ca. 4000 v. Chr.) und den ältesten Hochkulturen der Menschheit in Ägypten, Babylonien, Mexiko und Kreta erscheint also der Mensch im Pleistozän. Im nördlichen Mitteleuropa beginnt er als Homo erectus mit seiner Herrschaft über widrige Naturbedingungen, auf heutigem deutschem Boden bewährt er sich als mutiger und listiger Jäger von Wasserbüffel, Auerochse oder Wildpferd, und er tritt bewaffnet den Giganten des Eiszeitalters wie dem Eurasischen Altelefanten, der Säbelzahnkatze oder dem Steppenmammut gegenüber.

Der Schatz von Schöningen fügt sich in dieses archäologische Bild ein und ergänzt es zugleich, denn er wirft Fragen zum Entwicklungsgrad dieses europäischen Homo erectus im Allgemeinen und zum Heidelbergmenschen im Besonderen auf. Fragen, die nicht nur den Archäologen bewegen. Umso spannender, wie die moderne Forschung die »Schöninger Jagdszene« aus der Altsteinzeit interpretiert.

Da die Jagdgeräte, der »Bratspieß« und die steinernen Werkzeuge zum Zerlegen inmitten einer Fläche lagen, die von Tausenden Tierknochen bedeckt war und erwiesenermaßen nicht durch nachträgliche Seebewegungen entstand, lassen sich diese Relikte tatsächlich als Beleg für die - mutmaßlich häufiger stattfindende - systematische Jagd des steinzeitlichen Jägers und Sammlers deuten. Der Homo erectus wie später der Neandertaler ernährte sich sehr fleischreich; nördliches Klima und Lebensraum verlangten viel Energie bei einem nomadisch geführten Leben. So wurden wohl auch hier an dem ehemaligen Ufer eines Sees gemeinsam Wildpferde gejagt und vermutlich Strategien der Großwildjagd in der sozialen Gemeinschaft verabredet. »Wer glaubt«, so der Speere-Entdecker Hartmut Thieme, »dass das mit Grunzlauten und Armfuchteln möglich war, der irrt! Eine subtile Kommunikation war nötig, mit Sicherheit gab es bereits eine Form von Sprache.« Zu den kognitiven Fähigkeiten (bewusst und vorausschauend planen, strategisch denken, sozial kommunizieren und koordinieren) kommen also handwerkliche Fertigkeiten und ein technologisches Wissen hinzu, wie das gezielte handwerkliche Bearbeiten von Rohmaterial (Holz, Stein) zur Werkzeug- oder Waffenherstellung für den gemeinschaftlichen Jagdzweck. Zu solchen Intelligenzleistungen sind nur Wesen aus der Familie der Hominiden befähigt. Sie setzen ein großvolumiges, hoch organisiertes Gehirn voraus, aber auch von Generation zu Generation weitergegebene Erfahrungen.

Die Speere belegen, dass die Schöninger Jäger bereits eine Jagdtechnik besaßen, denn sie sind nicht nur sorgfältig bearbeitet und mit ihren unterschiedlichen Längen vermutlich der Konstitution ihrer Werfer angepasst. Sie sind auch ballistisch optimal austariert, geformt wie heutige Wettkampfspeere und als Distanzwaffen gebaut. Unbeantwortet bleibt bislang die Frage, weshalb die Speere am Schöninger Jagdgrund zurückgelassen wurden. Sind sie eventuell Relikte ritueller Handlungen (H. Thieme), Bestandteil eines frühen Opferkults des Homo erectus?

Ungeachtet der Vielzahl...

»Jede Objektgeschichte fesselt auf andere Weise, in der Zusammenschau zeigen sie ein großes, facettenreiches Gesamtbild unserer Geschichte - ein rundum gelungenes Buch!«, Prof. Dr. Lothar Gall
 
»Eine lebendige und anschauliche Schilderung zentraler Wegmarken, Wendepunkte, Wandlungen und Weiterentwicklungen deutscher Vergangenheit. (...) Dringende Empfehlung.«, Gießener Allgemeine, 02.07.2016
 
»Wie Deutsche ihre Geschichten und Objekte im Laufe der Jahrhunderte immer wieder neu gedeutet, gebraucht, missbraucht haben, zeigt Hermann Schäfer wunderbar an mehreren Beispielen.«, Sächsische Zeitung, 20.02.2016
 
»Mit seinen im Buch vorgestellten Gegenständen möchte Schäfer Zusammenhänge zu einem Gesamtbild weben, er wirbt für eine >Sensibilisierung für die Objekte<, will eine Auseinandersetzung mit den von ihm vorgeschlagenen Themen provozieren. Es gelingt famos.«, Kölner Stadtanzeiger, 12.02.2016
 
»Von der römischen Gesichtsmaske im Teutoburger Wald bis zum Handy von Bundeskanzlerin Merkel schmökert man mit Lust und Gewinn in der deutschen Geschichte.«, NZZ Geschichte, 18.01.2016
 
»Schäfer möchte den Leser neugierig machen auf die Auseinandersetzung mit der Geschichte. Und dieses Ziel erreicht er auf sehr kurzweilige Weise.«, Mannheimer Morgen, 11.01.2016
 
»Hermann Schäfer erzählt anhand von 100 Gegenständen vielfältig und lebendig die deutsche Geschichte nach, weiß über die Tabakdose Friedrichs des Großen oder Jakob Hemmers Blitzableiter ebenso spannend zu berichten wie über Merkels Handy.«, Stuttgarter Nachrichten, 17.12.2015
 
»Hermann Schäfer hat 100 Objekte aus 2000 Jahren deutscher Geschichte ausgewählt. Darunter eine Pestarztmaske, die Tabaksdose Friedrich des Großen, der Blitzableiter und die Aspirintablette. Die Geschichten, die sich an jedem einzelnen Objekt ablesen lassen, sind erstaunlich komplex und facettenreich.«, WDR 3 Mosaik, 17.12.2015
 
Der persönliche Tipp von Prof. Dr. Rainer Blasius:
»Der frühere Präsident der Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland in Bonn präsentiert eine höchst informative und vor allem leicht verständliche Objekte-Schau. Ganzseitige, farbige Abbildungen mit Kurzerläuterungen dienen als Aufmacher für die einzelnen Artikel, die vom technikgeschichtlichen Wissen des Autors und von seiner museumspädagogischen Erfahrung sehr profitieren.«, Sachbuch Bestenliste, 01.12.2015
 
»Hermann Schäfers >Deutsche Geschichte in 100 Objekten< bietet wunderbare Zugänge zu den Epochen deutscher Geschichte. Objekte, die die Schnittstellen deutscher Geschichte markieren, erleichtern die Identifizierung mit der Vergangenheit und machen neugierig auf Museumsbesuche.«, Hans-Martin Hinz, Präsident des International Council of Museums, ICOM, 15.11.2015
 
»Objekte erzählen Geschichte - aber nur, wenn sie jemand so prägnant zum Sprechen bringt wie Hermann Schäfer.«, Wolfgang Herles, 14.11.2015
 
»Der Leser erfährt eine Menge über die deutsche Vergangenheit und die kollektiven Erinnerungen einer Nation - und doch dürfen Vergangenheit und Erinnerung die Rätsel bleiben, die sie sind.«, Der Spiegel, 13.11.2015
 
»Der Gründungsdirektor des Hauses der Geschichte in Bonn hat mit einem der schönsten Bücher des Jahres ein neues Meisterstück geliefert: 100 Objekte sind der Anlass für einhundert meisterhafte Essays, die ein Bild deutscher Geschichte zeichnen, das nicht indoktriniert, sondern einlädt, nachzudenken, sich überraschen und verunsichern zu lassen und das Verständnis von Epochen, Ereignissen und fremden Welten verständlich machen will.«, Prof. Dr. Peter Steinbach, 12.11.2015
 
»Zu jedem der 100 Objekte findet man Überraschendes, manchmal ganz Unglaubliches. Der Kunstgriff, den Zeitgeist einer Epoche, die Entstehungsgeschichte des Objekts, seinen Stellenwert im Kontext vergleichbarer Objekte, die vielfach abenteuerliche Geschichte auf dem Weg in eine Sammlung zu beschreiben, ist für jeden, der Sinn für Geschichte hat, von hohem Reiz.«, Prof. Dr. Hans-Peter Schwarz

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