Yeziden in Deutschland

Eine Religionsgemeinschaft zwischen Tradition, Integration und Assimilation
 
 
Tectum Wissenschaftsverlag
  • 1. Auflage
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  • erschienen am 10. Oktober 2016
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  • 420 Seiten
 
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978-3-8288-6546-4 (ISBN)
 
Sie missionieren nicht, sie kennen keine Hassprediger und sie legen Gott nicht entsprechend der eigenen Wünsche aus: Das Yezidentum ist eine der ältesten Religionen der Menschheit - und eine pazifistische Volksreligion. Die schicksalhafte Geschichte dieser Religionsgemeinschaft zeigt jedoch ein anderes Bild. Seit mehr als 1400 Jahren leiden Yeziden in ihrer Heimat unter systematischer Zwangsislamisierung, Massakern, Genoziden und Strafexpeditionen. Seit August 2014 werden sie vor den Augen der Weltöffentlichkeit von IS-Terroristen enthauptet, versklavt und vergewaltigt. Kulturelle Schätze und menschheitsgeschichtliches Erbe werden für immer zerstört. Angesichts der Tatsache, dass in Deutschland mittlerweile über 100.000 Yeziden leben, ist es erstaunlich, dass diese Glaubensgruppe und ihre diasporabedingten Probleme bislang nur unzureichend Eingang in die wissenschaftliche Forschung fanden. Es fehlen fast vollständig wissenschaftlich relevante Studien über ihre Geschichte, Religionssoziologie, Theologie, Tradition, religiöse Einstellung, Identitäts- und Integrationsprobleme und Perspektiven in Deutschland. Wer sind die Yeziden? Wie sieht ihre Zukunft in Deutschland aus? Mit ethnologisch-kulturellem Gesamtblick untersucht Halil Savucu, Gründungsmitglied des ZYD - Zentralrat der Yeziden in Deutschland, in seiner interdisziplinär ausgelegten Studie neben den Besonderheiten der yezidischen Gemeinschaft erstmals auch die "neue yezidische Elite" und leistet damit einen wertvollen Beitrag zur Versachlichung der Debatte über Yeziden in Deutschland.
  • Deutsch
  • Baden-Baden
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  • Deutschland
  • 9,45 MB
978-3-8288-6546-4 (9783828865464)
weitere Ausgaben werden ermittelt
1 - Cover [Seite 1]
2 - Hinweis des Autors und Widmung [Seite 6]
3 - Vorwort und Danksagung [Seite 8]
4 - Inhaltsverzeichnis [Seite 10]
5 - AEinleitung: Wer sind die Yeziden? [Seite 16]
5.1 - ILiteratur und Methodik [Seite 20]
5.1.1 - 1Quellenlage der Studie [Seite 20]
5.1.2 - 2Methodik [Seite 20]
5.1.3 - 3Leitthesen und -fragen [Seite 22]
5.1.4 - 4Verwandte Begriffe [Seite 23]
5.2 - IIUntersuchungsaspekte [Seite 24]
5.2.1 - 1Zielrichtung der Studie [Seite 24]
5.2.2 - 2Einzelne Untersuchungsaspekte [Seite 24]
6 - BHistorischer Teil [Seite 28]
6.1 - IUrsprung und Herkunft der Yeziden [Seite 28]
6.1.1 - 1Verständnis von "kollektiver Identität" [Seite 28]
6.1.2 - 2Woher kommen die Yeziden? [Seite 31]
6.1.3 - 3Sind die Yeziden Zoroastrier? [Seite 35]
6.1.4 - 4Sind die Yeziden Yarasan (Ahl-e Haqq)? [Seite 42]
6.1.5 - 5Yezidentum - die älteste monotheistische Religion? [Seite 43]
6.1.6 - 6Yezidentum als Geheimreligion? [Seite 44]
6.2 - IIDie historische Manifestation des Yezidentums [Seite 49]
6.3 - IIIYeziden im Reich der sunnitischen Osmanen [Seite 57]
6.3.1 - 1Allgemeines [Seite 57]
6.3.2 - 2Verfolgung der Yeziden im Ottoman Empire? [Seite 60]
6.4 - IV"Unterdrückungsgeschichte" der Yeziden in der modernen Türkei? [Seite 77]
6.4.1 - 1Vorbemerkungen [Seite 77]
6.4.2 - 2Diskriminierung der Yeziden in der Türkei [Seite 78]
6.5 - VEinwanderungsgeschichte der Yeziden in die Bundesrepublik [Seite 85]
6.5.1 - 1Die erste Phase der yezidischen Migration nach Deutschland [Seite 86]
6.5.2 - 2"Vertreibung" der Yeziden aus der Türkei ab 1980 [Seite 88]
6.5.3 - 3Diskriminierung der Yeziden aus Syrien? [Seite 90]
6.5.4 - 4Yeziden aus dem Irak [Seite 92]
6.5.5 - 5"Assimilation" gegenüber Yeziden in Georgien und in Armenien [Seite 95]
6.5.6 - 6Was wollen Yeziden in der Bundesrepublik Deutschland? [Seite 98]
7 - CMigrationspolitischer Teil [Seite 100]
7.1 - IMigrations- und Integrationspolitik [Seite 100]
7.1.1 - 1Begriffliche und konzeptionelle Grundlagen [Seite 101]
7.1.1.1 - 1.1Assimilation als die negative Form der Integration [Seite 102]
7.1.1.2 - 1.2Inhaltliche Anforderungen an die Integration [Seite 104]
7.1.2 - 2Integrationspolitik in einigen EU-Staaten [Seite 109]
7.1.2.1 - 2.1Die Niederlande [Seite 109]
7.1.2.2 - 2.2Schweden [Seite 111]
7.1.2.3 - 2.3Frankreich [Seite 112]
7.1.2.4 - 2.4Großbritannien [Seite 114]
7.1.2.5 - 2.5Zusammenfassung [Seite 117]
7.1.3 - 3Integrationspolitik in Australien, in Kanada und in den USA [Seite 118]
7.1.3.1 - 3.1Australien [Seite 118]
7.1.3.2 - 3.2Kanada [Seite 120]
7.1.3.3 - 3.3Die USA [Seite 122]
7.1.3.4 - 3.4Zusammenfassung [Seite 124]
7.2 - IIMigrationspolitik in der Bundesrepublik Deutschland [Seite 125]
7.2.1 - 1Einwanderungs- und "Integrationspolitik" in Deutschland [Seite 125]
7.2.1.1 - 1.1Geschichte der ausländerrechtlichen Regelungen [Seite 125]
7.2.1.2 - 1.2Regelungen über die Staatsbürgerreform von 2000 [Seite 127]
7.2.2 - 2Gesetzliche Integrationsansprüche von 2005 [Seite 131]
7.2.2.1 - 2.1Integrations- und Orientierungskurse [Seite 132]
7.2.2.2 - 2.2Ausländer mit Teilnahmeanspruch an Integrationskursen [Seite 133]
7.2.2.3 - 2.3Verpflichtungsberechtigte ("Altmigranten gleich Altyeziden") [Seite 134]
7.2.3 - 3Ausführungen [Seite 135]
7.2.4 - 4Konsequenzen [Seite 138]
7.2.5 - 5Fazit [Seite 144]
8 - DReligionssoziologischer Teil [Seite 146]
8.1 - IDie Sonderstellung der Kirche in Deutschland [Seite 146]
8.2 - IIDie yezidische Gesellschaft in Deutschland [Seite 150]
8.2.1 - 1Allgemeines [Seite 150]
8.2.2 - 2Die yezidische Familie [Seite 151]
8.3 - IIIDas Glaubenssystem der Yeziden [Seite 153]
8.3.1 - 1Tawisî Melek [Seite 154]
8.3.2 - 2Sheikh Adî (der Reformer) [Seite 155]
8.3.3 - 3Das "Kastenwesen" und seine Besonderheiten [Seite 156]
8.3.4 - 4Weitere Normen des Yezidentums [Seite 159]
8.3.5 - 5Die Reformen von Sheikh Adî und ihre Folgen [Seite 163]
8.4 - IVProbleme der yezidischen Gesellschaft am Beispiel der Frau [Seite 169]
8.4.1 - 1Die Stellung der Frau in der "säkularen Welt" [Seite 170]
8.4.2 - 2Die Stellung der yezidischen Frau am Beispiel der Überlieferungen [Seite 171]
8.4.2.1 - 2.1Überlegungen zur Stellung der Frau [Seite 172]
8.4.2.2 - 2.2Überlegungen zu Auslegung und Relevanz yezidischer Texte [Seite 175]
8.4.2.2.1 - a)Hymne der Eltern (Qewlê Dayik û Bavan) [Seite 179]
8.4.2.2.2 - b)Hymne des richtigen Benehmens (Qewlê ?eqeserî) [Seite 179]
8.4.2.2.2.1 - aa)Wortlaut [Seite 180]
8.4.2.2.2.2 - bb)Entstehungsgeschichte [Seite 181]
8.4.2.2.2.3 - cc)Systematik [Seite 183]
8.4.3 - 3Die tatsächliche Stellung der Frau im Yezidentum [Seite 185]
8.4.4 - 4Ergebnis [Seite 188]
8.5 - VWeitere Probleme der yezidischen Gesellschaft [Seite 188]
8.5.1 - 1Die Kastenordnung [Seite 188]
8.5.2 - 2Sanktionen gegen Abweichler [Seite 190]
8.5.3 - 3Blutrache? [Seite 193]
8.6 - VIÄnderungen im Yezidentum in Deutschland [Seite 195]
8.6.1 - 1Die erblichen Würdenträger und ihr Machtverlust [Seite 195]
8.6.2 - 2Der Jenseitsbruder [Seite 198]
8.6.3 - 3Das ?eytan-Tabu [Seite 199]
8.6.4 - 4Tabus und Speiseverbote bei den Yeziden [Seite 204]
8.6.5 - 5Der Grundsatz von Respekt und Loyalität [Seite 206]
8.7 - VIIÄnderungen in der Stellung der Frau [Seite 208]
8.7.1 - 1Ehepartner in den Herkunftsländern [Seite 209]
8.7.2 - 2Der Brautpreis [Seite 210]
8.7.2.1 - 2.1Begriffliche Klärung [Seite 211]
8.7.2.2 - 2.2Die Aushandlung des Brautpreises [Seite 212]
8.7.2.3 - 2.3Probleme des Brautpreises [Seite 213]
8.7.3 - 3Fälle der Zwangsheirat [Seite 215]
8.7.3.1 - 3.1Wer ist betroffen? [Seite 216]
8.7.3.2 - 3.2Die Einstellung zu Zwangsehen [Seite 216]
8.7.4 - 4Jungfräulichkeit vor der Ehe [Seite 216]
8.7.4.1 - 4.1 Bedeutung der Jungfräulichkeit [Seite 217]
8.7.4.2 - 4.2Praxis der Jungfräulichkeit [Seite 218]
8.7.5 - 5Fälle der "einverständlichen Entführung" [Seite 219]
8.7.6 - 6Situation der jungen Ehepartner [Seite 221]
8.7.7 - 7 Außereheliche Verhältnisse [Seite 222]
8.8 - VIIIPazifismus im Yezidentum? [Seite 223]
8.9 - IXZusammenfassung [Seite 234]
9 - EEmpirischer Teil [Seite 240]
9.1 - IAnmerkungen zu Umfrage und Methodik [Seite 240]
9.2 - IIBefragung zur Integration und Assimilation der Yeziden [Seite 242]
9.2.1 - 1Einige Defizite des Schulsystems und die yezidische Einstellung zur Bildung [Seite 242]
9.2.1.1 - 1.1Die Haltung zu Veränderungen [Seite 249]
9.2.1.2 - 1.2Der Umgang mit Abweichlern [Seite 252]
9.2.1.3 - 1.3Die Benachteiligung der Yeziden in Deutschland [Seite 256]
9.2.1.4 - 1.4Sprachkenntnisse (Deutsch/Kurdisch) [Seite 260]
9.2.1.5 - 1.5Kenntnis der yezidischen Religion [Seite 262]
9.2.2 - 2Identitäts-Gefährdung [Seite 269]
9.2.3 - 3Fehlender Unterricht in der Religion [Seite 279]
9.2.4 - 4Fehlender Unterricht in der Muttersprache [Seite 284]
9.2.4.1 - 4.1Die Stellung von Amts- und "Migrantensprachen" [Seite 284]
9.2.4.2 - 4.2Die "Nicht-Förderung" des Kurdischen und die Folgen [Seite 286]
9.2.5 - 5Der PKK-Faktor und seine Nachteile [Seite 292]
9.3 - IIIDie Identifikation der Yeziden mit dem politischen System [Seite 295]
9.4 - IVZwischenergebnis [Seite 302]
9.5 - VDie neue yezidische Elite [Seite 305]
9.5.1 - 1Besonderheiten der yezidischen Elite [Seite 306]
9.5.2 - 2Yezidische Akademie mit Sitz in Hannover [Seite 309]
9.5.3 - 3Gesellschaft für Christlich-Yezidische Zusammenarbeit [Seite 310]
9.5.4 - 4Gesellschaft Ezidischer AkademikerInnen (GEA) [Seite 313]
9.5.5 - 5Zusammenfassung [Seite 320]
9.6 - VI Versäumnisse yezidischer Vereine [Seite 321]
10 - FSchlussteil [Seite 336]
10.1 - IReformen in den Religionen [Seite 336]
10.2 - IIYeziden in der Diaspora und Reformen - quo vadis? [Seite 338]
11 - Schlusswort: Plädoyer für mehr Chancengleichheit und Pluralismus [Seite 348]
12 - Literaturverzeichnis [Seite 352]
12.1 - Bücher (d, e, k*) [Seite 352]
12.2 - Aufsätze, Interviews, Gutachten (d, e, t, k*) [Seite 360]
12.3 - Tageszeitungen (d, t, e*) [Seite 386]
12.4 - TV-Programme (k*) [Seite 389]
12.5 - Yezidische Hymnen (Zeitschriften [Seite 390]
12.6 - Wörterbücher (d, t, o, e*) [Seite 391]
12.7 - Lexika (d, t*) [Seite 392]
12.8 - Homepages der yezidischen Vereine [Seite 393]
13 - Abkürzungsverzeichnis [Seite 396]
14 - Glossar [Seite 400]
15 - Bildanhang [Seite 406]
15.1 - Wappen, Wimpel, Symbole [Seite 407]
15.2 - Bilder von Ammar Salim [Seite 411]
15.3 - Bilder von Kamal Haraqi [Seite 413]
15.4 - Fotos von Halil Savucu [Seite 415]

BHistorischer Teil

IUrsprung und Herkunft der Yeziden

In diesem Abschnitt wird näher dargelegt, welches Verständnis von "kollektiver Identität" bei den Yeziden vorherrscht. Welche Erkenntnisse hat die Forschung bereits über Ursprung und Herkunft der Yeziden erlangt: Sind die modernen Yeziden Zoroastrier oder Yarasan bzw. umgekehrt? Woher stammt der Name "Yezidi"? Ist das Yezidentum vielleicht die älteste monotheistische Religion oder doch eine "Geheimreligion"?

1Verständnis von "kollektiver Identität"

Die Yeziden verstehen sich als Angehörige einer "uralten", pazifistischen Religionsgemeinschaft, denen historisch "großes Unrecht" widerfahren ist, aber auch als "millet", also als Volk. Als Religion verfügt das Yezidentum über ein vielfältiges Normengeflecht, das die spirituelle Verbindung zwischen Menschen in ihrer irdischen Existenz und einer überweltlichen, göttlichen bzw. heiligen Wesenheit begründet. Als Volk verstehen sich die meisten Yeziden als Teil der kurdischen Nation.

Historisch diente den Yeziden ihre religiöse Identität als Abgrenzung gegenüber den dominierenden kurdisch-sunnitischen Muslimen und fungierte gleichzeitig als inneryezidische Stütze22 gegen die jeweils in Kurdistan herrschende Mehrheit. Gleichwohl teilen die Yeziden historisch und geografisch das Schicksal der Kurden. Die in der Zeit des Ersten Weltkrieges und zum Teil bis in die Gegenwart in vielen Stämmen organisierten Kurden konnten, anders als die Türken und die Araber, keinen eigenständigen Staat gründen. Trotz politischer und zum Teil vertraglich festgehaltener Versprechen23 durch Briten und Franzosen, die das Mandat über Kurdistan ausübten, gingen die Kurden nach der Aufteilung des Osmanischen Imperiums leer aus. Kurdistan und somit alle Kurden wurden zwischen der neuen Republik Türkei (1923), dem Irak (1932) und später auch Syrien (1946) aufgeteilt.

Während die Yeziden bis zur Proklamation der Türkei als Republik fast alle innerhalb des Osmanischen Reichs lebten, wurden sie nun allmählich unter den drei neuen Staaten (Türkei, Irak, Syrien) aufgeteilt. Seit dieser, für alle Kurden verheerenden Aufteilung Kurdistans werfen nationale Entwicklungen und Umbrüche die Frage nach einer "kollektiven Identität" für Kurden im Allgemeinen und für Yeziden im Besonderen auf. So erklärten "die nationalistisch orientierten" Gebrüder Bedirxan24 bereits in den 1930er-Jahren die Yeziden als "die wahren Kurden" (Kurdên resen), die es bereits vor dem Aufkommen des Islam gab. Im Grunde hat die Suche nach einem "kollektiven Selbst", "kultureller Authentizität" bzw. einer "gemeinschaftlichen Lebensform" für Yeziden nicht schon in den 1930er-, sondern erst seit den 1980er-, zum Teil erst ab den 1990er-Jahren begonnen und hält weiter an. Die regionalen Entwicklungen und Diskussionen um Abstammung, Herkunft und Einordnung der yezidischen Gemeinschaft in ein Volk bzw. eine Nation sowie politische Vorstellungen der Yeziden in der Diaspora (Armenien, Georgien, Deutschland) als auch in der angestammten Heimat (Kurdistan bzw. Irak, Türkei, Syrien) sind zu vielfältig und unterschiedlich, als dass in dieser Studie des Umfangs wegen weiter darauf eingegangen werden könnte.

Trotz bzw. gerade wegen dieser "kollektiven Suche" nach nationaler Identität versteht sich das moderne Yezidentum mehrheitlich als exklusiver "urkurdische Glaube", gelebte Kultur und Lebensphilosophie. Nach yezidischer Auffassung hat das sich als Minorität definierende Yezidentum es vermocht, an seinen religiösen und gesellschaftlichen Besonderheiten (Sprache, Tradition, yezidische Identität) festzuhalten. Dies gelang trotz jahrhundertelanger Verfolgung und Anfeindung durch "orthodoxe Sunniten" und "osmanisch-türkische Statthalter" sowie der rigorosen Assimilationspolitik der modernen Türkei gegenüber der kurdischen Minderheit.

Wie dargelegt wird das Yezidentum vor allem von Kurden hofiert, die nationalistisch orientiert sind, obwohl es unklar ist, ob alle Kurden früher tatsächlich ausnahmslos Yeziden waren: Während die einen die Yeziden als eine vom Islam abgespaltene und folglich irregeleitete Sekte25 definier(t)en, ordnen die anderen sie ethnisch als Araber oder Türken ein. Die Yeziden selbst verstehen ihre Religion als die "älteste monotheistische Religion"26; beachtliche Teile davon begreifen sich als Zoroastrier27. Unter Yeziden und "nationalistisch orientierten Kurden" ist die Auffassung vorherrschend, dass vor der Islamisierungswelle in Kurdistan alle Kurden Yeziden waren. Angesichts dieser unter Kurden und Yeziden anhaltenden Kontroverse soll untersucht werden, ob die bisherige Forschung nachprüfbare bzw. gesicherte Erkenntnisse über Ursprung und Herkunft der yezidischen Kultur erbracht hat.28 Zur Überprüfung dieser These soll zuerst geklärt werden, was die Begriffe "Yezidi" bzw. "Ezdayî" oder "Êzîdî", etymologisch bedeuten. Sodann soll ausgeführt werden, wie diese Bezeichnungen bzw. Namen von den Yeziden selbst verstanden werden.

2Woher kommen die Yeziden?

Yezidischen Quellen29 zufolge stammt der Name "Ezdayî" vom "Ez da" bzw. "ewê ez dame", was mit "Schöpfer" bzw. "der mich selbst geschaffene Gott" gleichgesetzt wird. Diese Erklärung entspricht der Ansicht aller yezidischen Autoren und berücksichtigt die Etymologie des Begriffs "Ezdayî". Gleichwohl wurde bis zum 20. Jahrhundert in einigen islamisch orientierten Kreisen die Ansicht vertreten, dass die Bezeichnung "Yezidi" auf den muslimischen Kalifen Yazid I. (680 - 683 n. Chr.) hinweise und die Yeziden Anhänger des erwähnten Kalifen seien.30 Dazu erklärt John S. Guest

"It seems most probable that the name 'Yezidi' was used by Moslems, particularly Shiites, as an insulting nickname for the members of this alien faith and that in the course of time it became their official designation"31

Konsequenz dieser verwirrenden bzw. unhistorischen Auffassung war, die Yeziden als eine vom Islam abgespaltene Sekte zu betrachten. Es gibt keine nachvollziehbaren, historischen Beweise dafür, dass die Bezeichnung "Yezidi" oder "Ezdayî" etwas mit dem sunnitischen Kalifen Yazid zu tun haben könnte32. Andere Forscher leiten die Bezeichnung "Yezidi" von der altiranischen Bezeichnung "Yazata" oder von der persischen Bezeichnung "Yazdan" ab.33 An anderer Stelle wird versucht, den Namen "Yezidi" mit der sumerischen Sprache34 in Verbindung zu bringen, wenn auch bisher ohne Erfolg. Demgegenüber erklären yezidische Autoren unter Berufung auf mündliche Überlieferungen, dass der Name "Yezidi" vom Namen "Ezda" für Gott (Xwedê) abstamme:

Êzî ist ein König. Er gab sich selbst 1001 Namen. Doch sein wichtigster Name ist Xwedê (Gott),"35 m. Übers.

Demnach bedeutet "Ezdayî" so viel wie "Volk Gottes" ("gelê yan jî miletê Xwedê"). Yeziden zufolge seien ähnliche Namen wie "Ezd," "Ezda," "Ezdan" nur Namen Gottes, während die Bezeichnung "Êzîdî" oder "Ezdayî" "Anhänger Gottes" (Xwedêperest) bedeutet.36 In diesem Zusammenhang wird von Teilen der Yeziden die Auffassung vertreten, dass sie bis zur Ära der Sassaniden (224 - 651 n. Chr.) Zoroastrier hießen. Hingegen meint Pîr Mamou Othman, yezidischer Religionshistoriker, es sei unklar, wie die Yeziden vor dem Aufkommen des Islam wirklich hießen oder sich selbst nannten37.

Kreyenbroek und Khalil Jindy Rashow vermuten, dass der Name "Yezidi" oder "Êzidî" in früheren Zeiten (etwa vor 1415 n. Chr.) mehrere Gemeinschaften umfasst habe. Allerdings erwähnen sie nicht, welche weiteren Gemeinschaften gemeint sein könnten.

"Nor do we know exactly when the name Yezidi (or Êzîdî), which in earlier times seems to have been used for more than one community in Kurdistan, came to denote this particular group."38

Tatsächlich ist in den yezidischen Überlieferungen die Bezeichnung Êzidî aufgeführt, es fehlt hingegen der Name Zoroastrier. In den Überlieferungen werden Begriffe wie "Sunet" (Tradition) bzw. "Sûnî"39 oder auch "Sunetxan" (House of the Tradition) oder "Dasini" in unterschiedlichen Zusammenhängen erwähnt. Die Bezeichnungen "Sunet" bzw. "Sunetxan" stehen für "yezidische Tradition" oder "yezidische Gemeinschaft"40, bei der Bezeichnung "Dasinî" handelt es sich um den Namen eines yezidischen Stammes in Duhok (heutiger Irak).41 Pîr Dîma zufolge war Dasinî ein ehemaliges yezidisches Fürstentum (Mîrgeha Dasinî), dessen Hauptstadt Duhok42 war. Der Begriff "Sunet" weist zwar auf die yezidische Gemeinschaft hin, ist aber nicht der Name der Yeziden selbst. Es ist durchaus möglich, dass sich die Yeziden temporär als "Sunet" (peska sunnetê) oder "Sûní"43 bezeichnet haben, um einer gezielt politisch-religiösen Verfolgung vornehmlich durch orthodoxe Muslime wie z....

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