Die Lebenshungrigen

Roman
 
 
Hanser (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 19. August 2019
  • |
  • 400 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-446-26553-0 (ISBN)
 
Jetzt im Kino: "Paranza - Der Clan der Kinder". Nach dem Bestseller von Roberto Saviano

Sie sind gierig, sie sind jung, sie sind skrupellos - und sie haben nichts zu verlieren. Für Maraja, Tucano, Drane und Dragò beginnt der Kampf um die Vorherrschaft in Neapel früh. Maraja ist noch keine achtzehn, als er nach dem Mord an seinem Bruder Blutrache schwört. Doch eigentlich will der Clan vor allem eins: Die nächste Million mit Kokain machen. Als es zu Lieferschwierigkeiten kommt, muss Maraja Allianzen mit den Rivalen schmieden - und unterschätzt die Gefahr aus den eigenen Reihen. Bis eines Nachts an seiner Stelle irrtümlich ein junger Mann ermordet wird. Eine rasante Erzählung über die Kinder der Camorra: "Das erschütternde, eindrucksvolle Bild einer Generation ohne Zukunft." (La Repubblica).
  • Deutsch
  • München
  • |
  • Deutschland
  • 2,13 MB
978-3-446-26553-0 (9783446265530)
weitere Ausgaben werden ermittelt
Roberto Saviano, 1979 in Neapel geboren, arbeitete nach dem Studium der Philosophie als Journalist. Gomorrha kam rasch nach Erscheinen auf die italienische Bestsellerliste und machte ihn schlagartig berühmt. Nach wiederholten Morddrohungen von Seiten der Camorra steht Saviano permanent unter Personenschutz und lebt seit vielen Jahren im Untergrund. Bei Hanser erschienen Gomorrha (Reise in das Reich der Camorra, 2007), Das Gegenteil von Tod (2009), Der Kampf geht weiter (Widerstand gegen Mafia und Korruption, 2012), ZeroZeroZero (Wie Kokain die Welt beherrscht, 2014), Super Santos (Hanser Box, 2014) und Der Clan der Kinder (Roman, 2018). 2009 erhielt Saviano den Geschwister-Scholl-Preis, 2012 den Olof-Palme-Preis für seinen publizistischen Einsatz gegen organisiertes Verbrechen und Korruption und 2016 den M100 Media Award.

Es ist da


»Es ist da!«

»Wie, es ist da?«

»Ja, es ist da.«

Stille am anderen Ende, nur Atem krächzte ins Mikrophon. »Bist du sicher?«

Seit Wochen wartete Nicolas auf diesen Anruf, doch jetzt, wo Tucano es ihm sagte, musste er sich den Satz wiederholen lassen, um definitiv zu wissen, dass der Tag endlich gekommen war, um die Nachricht im Geiste voll auszukosten. Und bereit zu sein.

»Ich laber nur rum? Mann, ich sag's dir doch die ganze Zeit. Ist gerade geboren, adda murì mammà, hundertpro, die Koala liegt praktisch noch im Kreißsaal . Dentino ist nirgendwo zu sehen, bin sofort zum Krankenhaus gefahren.«

»Logisch, der hat nicht die Eier, sich blicken zu lassen. Wer sagt, dass das Kind geboren ist?«

»Ein Krankenpfleger.«

»Was soll denn der Scheiß jetzt? Wo kommt dieser Krankenpfleger her?« Allgemeine Informationen genügten Nicolas nicht mehr, diesmal wollte er Einzelheiten. Er konnte sich keine improvisierten Aktionen erlauben, nichts durfte schiefgehen.

»Hat für Biscottinos Vater gearbeitet, Enzuccio Niespolo heißt er. Ich hab ihm gesagt, die Koala ist unsere Freundin, und wir wollen als Allererste wissen, wenn das Baby kommt.«

»Und wie viel hast du ihm versprochen? Nicht dass das ein Bluff ist, weil du ihm keine hundert Euro gegeben hast?«

»Nein, hab ihm versprochen, er kriegt 'n iPhone. Der konnte es gar nicht erwarten, dass das Kind kommt. Hing mit dem Ohr immer direkt über Koalas Bauch.«

»Dann müssen wir schnell machen. Morgen, gleich wenn die Sonne aufgeht.«

Bei Tagesanbruch war er angezogen, bereit. Das Bett, auf dem er saß, war kaum zerwühlt, er hatte keine Minute geschlafen. Er schloss die Augen und atmete tief ein, dann stieß er die Luft aus, ein Zischgeräusch. Dies war der Tag. Er musste klar im Kopf bleiben, sich nicht von Erinnerungen aufweichen lassen. Er hatte eine Mission zu erfüllen, danach würde Zeit genug für alles andere sein.

Tucanos Stimme unten auf der Straße war wie ein Schalter, der den Strom anstellt. Nicolas steckte sich die Desert Eagle in die Jeans und war im Nu draußen.

Tucano trug schon seinen Integralhelm.

»Handy dabei?«, fragte Nicolas, während er seins einsteckte. »Ist noch in der Originalverpackung, oder?«

»Hab alles im Griff Maraja.«

»Dann los, Blumen besorgen.« Nicolas setzte sich hinter den Lenker und fuhr langsam los. Er verspürte eine Ruhe, die ihm den ganzen Körper wärmte. In einer Stunde würde alles wieder in Ordnung sein. Dann war das Kapitel abgeschlossen.

»Verdammte Asis .«, sagte Tucano, »immerzu heulen, dass sie nichts verdienen, und dann den Tag verpennen.«

Der Rollladen des Blumenhändlers war geschlossen, wo sie andere Blumenstände finden konnten, wussten sie nicht, und auf jeden Fall mussten sie sich beeilen. Nicolas bremste scharf, Tucanos Helm stieß gegen seinen.

»He, Maraja, Madonna!«

»Genau, die Madonna .«, sagte Nicolas und ließ den Scooter, sich mit den Füßen abstützend, zurück zum Anfang der Gasse rollen. Eine Andachtsnische im Schutz eines eisernen Käfigs, dessen Gitter, von einem kleinen Leuchtturm erhellt, in dem verfallenen Gemäuer wie Gold glänzte. Fotos von Votivgaben und Heiligenbildchen von Padre Pio bedeckten die Madonna fast ganz, doch sie lächelte aufmunternd, und Nicolas erwiderte ihr Lächeln. Er stieg vom T-Max, warf ihr einen Kuss zu, wie seine Großmutter es ihn gelehrt hatte, stellte sich auf Zehenspitzen und zog einen Strauß weißer Calla aus einer Vase.

»Wird die Madonna dann nicht sauer?«, fragte Tucano.

»Die Madonna wird nie sauer. Darum ist sie ja die Madonna.« Nicolas zog den Reißverschluss seines Sweatshirts hoch, um die Calla zu verstecken. Sie fuhren mit quietschenden Reifen los. In diesem Moment schritt Pesce Moscio, wie vereinbart, zur Tat.

Gleich hinter dem Gittertor erwartete sie der Krankenpfleger, in eine Daunenjacke gehüllt, mit den Füßen auf den Asphalt stampfend. Tucano winkte ihm zu, er hüpfte weiter auf der Stelle, allerdings war es jetzt weniger der Versuch, die Kälte zu vertreiben, als die leise Angst, die beiden Typen auf dem Motorroller mit ihren Integralhelmen könnten etwas anderes vorhaben, als ihm für seine Gefälligkeit zu danken.

»Bring uns rein, wir wollen dem Baby 'ne Überraschung bereiten«, fing Nicolas an.

Der Pfleger versuchte, Zeit zu gewinnen, um die Lage zu sondieren. Sie seien keine Verwandten, er könne sie nicht reinlassen.

»Was soll der Bullshit, wir sind keine Verwandten«, sagte Nicolas, »Verwandte sind ja nicht bloß die Cousins. Wir sind mehr als Verwandte, wir sind Freunde, die echte Familie.«

»Er ist im Säuglingszimmer. Gleich wird er zur Mutter gebracht.«

»Ein Junge?«

»Ja.«

»Besser so.«

»Warum?«, fragte der Pfleger, um Zeit zu gewinnen.

»Ist einfacher .«

»Was ist einfacher?«

Nicolas ignorierte seine Frage.

»Aufwachsen ist einfacher, wenn du 'n Junge bist, oder?«, schaltete sich Tucano ein. »Ist Mädchen sein etwa einfacher? Nach dem Motto, wenn du ficken kannst, kommst du wenigstens überall hin, wo du willst?«

Der Pfleger nahm Nicolas' Schweigen als ein Zeichen, dass sie warten würden. Er zuckte mit den Schultern, als wollte er sagen, nichts zu machen, das sind die Regeln.

»Ich will das Kind sehen, bevor es zwischen den Titten seiner Mutter steckt.« Der ungeduldige, wütende Tonfall traf den Pfleger wie ein Peitschenhieb, und noch bevor er eine Antwort herausbrachte, klebte sein Gesicht schon am Visier von Nicolas' Helm. »Ich hab dir gesagt, ich will dieses Kind sehen. Blumen für die Mutter hab ich auch dabei. Jetzt sag mir, wie ich da hinkomme«, und mit einem Stoß schickte Nicolas den Pfleger in eine aufrechte Haltung zurück.

Genaue Informationen folgten, der Weg war leicht zu finden. Tucano warf die Schachtel mit dem iPhone hoch in die Luft, und der Pfleger behielt sie, mit den Armen fuchtelnd, auf ihrer Flugbahn krampfhaft im Blick, aus Angst, das Handy könnte am Boden zerschellen. Er war so auf sein technisches Spielzeug konzentriert, dass er den dichten schwarzen Rauch nicht bemerkte, der wenige Meter entfernt aufstieg, und wahrscheinlich roch er nicht mal den beißenden Gestank brennender Autoreifen. Pesce Moscio hatte pünktlich ganze Arbeit geleistet. Nicolas hatte ihm gesagt, nein, befohlen: Ich will sehr viel Rauch. Du musst damit alles verdunkeln. Er wollte die Pförtnerloge leer haben, das Letzte, was er brauchen konnte, waren Wachleute, die einen Motorroller verfolgten. »Als Ablenkungsmanöver, Pescemò«, und Pesce Moscio hatte eine Toilette der Poliklinik in der Nähe der Pförtnerloge ausgesucht. Die Reifen hatte er noch am selben Morgen in einer Autowerkstatt geklaut, und mit ein bisschen Kerosin und einem Feuerzeug würde es ein großes Fest aus giftigem Rauch und Gestank werden und alle Aufmerksamkeit auf diese Toilette lenken.

Unterdessen fuhr der T-Max im Schritttempo durch das Tor. Bis hier war der Plan seiner eigenen Logik gefolgt. Nicolas hatte Zeiten berechnet und mögliche Schwierigkeiten einkalkuliert, und auch Tucano, der gewissenhaft seinen Part gespielt hatte, war sich wie ein Rädchen in diesem gutgeschmierten Getriebe vorgekommen. Doch nun gab Nicolas Gas und schickte jede Logik zum Teufel. Der Roller bäumte sich auf, um die erste Stufe zu nehmen wie ein Pferd, das über ein Hindernis springt, und kam, von einer Stufe zur nächsten hüpfend, oben am Eingang an. Die automatischen Türen des Krankenhauses öffneten sich, und der T-Max stürmte in die Eingangshalle.

Im geschlossenen Raum klang der Motor wie eine startende Boeing. Auf der Treppe war ihnen niemand begegnet, um diese Zeit hatte das Hin und Her der ambulanten Untersuchungen und Visiten noch nicht begonnen, doch nun eilten Leute vom Klinikpersonal herbei, kamen erschrocken aus den Türen im Korridor. Nicolas achtete nicht auf sie. Er suchte den Fahrstuhl.

In der Entbindungsstation empfing sie völlige Stille. Niemand auf den Fluren, keine Stimmen, kein Weinen, das den Weg zum Säuglingszimmer anzeigte. Das ganze Chaos, das sie unten ausgelöst hatten, schien die Ruhe dieses Stockwerks nicht zu stören.

»Wie heißt das Kind?«

»Irgendwo müssen doch die Nachnamen stehen, oder?«, erwiderte Tucano. Er kannte Maraja zu gut, als dass er riskiert hätte, ihn zu fragen, wie sie aus der Scheiße, in die sie sich geritten hatten, wieder rauskommen sollten. Genau das war ja Nicolas' Stärke, dich bis an die Grenze zu treiben, ohne dass du es merkst.

Sie ließen...

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