Der Clan der Kinder

Roman
 
 
Hanser, Carl (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 29. Januar 2018
  • |
  • 416 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-446-25945-4 (ISBN)
 
Zehn Jungen rasen auf ihren Motorrollern durch die Stadt. Sie heißen Maraja, Dentino, Lollipop, Drone, sie tragen Markenschuhe und den Namen der Freundin auf die Schulter tätowiert - und sie wollen alles haben. In Neapel ist das nur eine Frage der richtigen Camorra-Bande. Der Weg vom Pusher zum Killer ist kurz. Auf den Dächern der Stadt üben die 15-jährigen mit Sturmgewehren, zielen auf Mülltonnen und Fensterscheiben. Bald gilt ein Menschenleben weniger als ein gebrochenes Wort. Sie fühlen sich unsterblich, bis der Glanz ihres rasanten Lebens sie schließlich selbst blendet. Roberto Savianos erster großer Roman erzählt von einer Jugend ohne Gott: schnell, brutal und ohne Pardon.
  • Deutsch
  • München
  • |
  • Deutschland
  • 2,04 MB
978-3-446-25945-4 (9783446259454)
3446259457 (3446259457)
weitere Ausgaben werden ermittelt
Roberto Saviano, 1979 in Neapel geboren, arbeitete nach dem Studium der Philosophie als Journalist. Gomorrha kam rasch nach Erscheinen auf die italienische Bestsellerliste und machte ihn schlagartig berühmt. Nach wiederholten Morddrohungen von Seiten der Camorra steht Saviano permanent unter Personenschutz und lebt seit vielen Jahren im Untergrund. Bei Hanser erschienen Gomorrha (Reise in das Reich der Camorra, 2007), Das Gegenteil von Tod (2009), Der Kampf geht weiter (Widerstand gegen Mafia und Korruption, 2012), ZeroZeroZero (Wie Kokain die Welt beherrscht, 2014), Super Santos (Hanser Box, 2014) und Der Clan der Kinder (Roman, 2018). 2009 erhielt Saviano den Geschwister-Scholl-Preis, 2012 den Olof-Palme-Preis für seinen publizistischen Einsatz gegen organisiertes Verbrechen und Korruption und 2016 den M100 Media Award.

Das Nuovo Maharaja


Forcella ist Materie der Geschichte. Materie aus jahrhundertealtem Fleisch. Lebendige Materie.

Drinnen, in den Falten der Gassen, die es zeichnen wie ein vom Wind gegerbtes Gesicht, steckt die Bedeutung dieses Namens. Forcella, von forca, Gabel, Galgen, Engpass. Ein Weg hinein und eine Gabelung. Etwas Unbekanntes, das dir immer anzeigt, wo du losgehen musst, doch nie, wo du ankommst, ob du ankommst. Eine Straße als Symbol. Von Tod und Auferstehung. Sie empfängt dich mit dem riesigen, auf eine Hauswand gemalten Bildnis von San Gennaro, der dich beobachtet, wenn du hereinkommst, und dich mit seinen Augen, die alles sehen, daran erinnert, dass es nie zu spät ist, sich wieder zu erheben, dass man die Zerstörung aufhalten kann wie die Lava.

Forcella ist eine Geschichte von Neuanfängen. Von neuen Städten über alten Städten, von neuen Städten, die alt werden. Von lärmenden, menschenwimmelnden Städten aus Tuffstein und Basalt. Steine, die hier jede Mauer errichtet, jede Straße trassiert, alles verändert haben, auch die Menschen, die seit jeher mit diesem Material arbeiten. Nein, es anbauen. Man sagt nämlich, dass Basalt angebaut wird wie eine Reihe von Weinstöcken, die gewässert werden müssen. Steine, die zur Neige gehen, denn man verbraucht den Stein, den man anbaut. In Forcella sind auch die Steine lebendig, auch sie atmen.

Die Häuser kleben aneinander, die Balkone küssen sich in Forcella wirklich. Sogar leidenschaftlich. Auch wenn dazwischen eine Straße verläuft. Und wenn es nicht die Wäscheleinen sind, die sie verbinden, sind es die Stimmen, die sich die Hände schütteln, einander zurufen, dass dort unten kein Asphalt liegt, sondern ein von unsichtbaren Brücken überquerter Fluss.

Immer wenn Nicolas am Cippo vorbeikam, den alten Steinen aus griechischer Zeit, packte ihn diese Fröhlichkeit. Dann fiel ihm ein, wie sie vor zwei Jahren, aber es fühlte sich an wie Jahrhunderte, den Weihnachtsbaum aus der Galleria Umberto geklaut und geradewegs hierher gebracht hatten, mitsamt den leuchtenden Kugeln, die ohne Strom aber nicht mehr leuchteten. Damit hatte er Letizia auf sich aufmerksam gemacht, die am Morgen vor Weihnachten aus dem Haus gegangen war und, als sie um die Ecke bog, die Spitze gesehen hatte. Wie in den Märchen, wo man abends sät, und wenn die Sonne aufgeht, steht da hoppla ein Baum, der bis in den Himmel reicht. An dem Tag hatte sie ihn geküsst.

Den Baum war er nachts holen gegangen, mit der ganzen Gruppe. Sobald ihre Eltern schlafen gegangen waren, waren sie los und hatten sich zu zehnt den Baum auf ihre mageren Jungenschultern geladen, eine herkulische Schufterei, leise fluchend, um keinen Lärm zu machen. Dann hatten sie ihn auf die Mopeds gebunden: Nicolas und Briatò mit Stavodicendo, »Sag ich doch«, und Dentino, dem »Zähnchen«, vorne, dahinter die anderen, die den Stamm hochhalten mussten. Es hatte stark geregnet, und es war nicht leicht gewesen, mit den Mopeds durch die breiten Pfützen und die reißenden Bäche zu fahren, die die Gullys ausspuckten. Motorroller hatten sie, das erforderliche Alter nicht, aber sie waren »gelernt« geboren, wie sie es ausdrückten, und konnten sich besser durchhangeln als die Älteren. Doch mit diesem Wasserfilm hatten sie kämpfen müssen. Mehrmals hatten sie angehalten, um Luft zu holen und die Stricke festzuziehen, aber schließlich hatten sie es geschafft. Sie richteten den Baum im Viertel auf, sie hatten ihn zwischen die Häuser, mitten unter die Leute gebracht. Wo er stehen sollte. Am Nachmittag waren dann die Falken vom Überfallkommando gekommen, um sich den Baum zurückzuholen, doch das zählte dann schon nicht mehr. Sie hatten die Sache durchgezogen.

Lächelnd ließ Nicolas den Cippo hinter sich und parkte vor Letizias Haus, er wollte sie abholen und in die Bar einladen. Doch sie hatte schon die Posts auf Facebook gesehen: die Fotos von Renatino, mit Scheiße beschmiert, die Tweets, in denen die Freunde seine Demütigung verkündeten. Letizia kannte Renatino und wusste, dass er hinter ihr her war. Er hatte nur einen einzigen Fehler gemacht, er hatte ein paar ihrer Fotos mit »Gefällt mir« kommentiert, nachdem sie ihn auf Facebook als Freund akzeptiert hatte - eine unverzeihliche Schuld in Nicolas' Augen.

Nicolas stand vor ihrem Haus, geklingelt hatte er nicht. Nur Postboten, Wachleute, Polizisten, der Unfallwagen, Feuerwehrmänner und Fremde benutzen die Gegensprechanlage. Wenn du deine Freundin rufen willst, deine Mutter, deinen Vater, einen Freund oder die Nachbarin, die sich als Teil deines Lebens fühlen darf, schreist du. Alles steht offen, sperrangelweit, alles wird gehört, und wenn man nichts hört, ist das ein schlechtes Zeichen, dann ist etwas passiert. Von unten schrie Nicolas sich die Kehle aus dem Hals: »Letì! Letizia!« Das Fenster ihres Zimmers lag nicht zur Straße hin, es ging auf einen lichtlosen Schacht. Das Fenster zur Straße, das Nicolas sah, beleuchtete einen breiten Treppenabsatz, der Gemeinschaftsraum für mehrere Wohnungen. Wer gerade durchs Treppenhaus ging, hörte seine Rufe und klopfte an Letizias Wohnungstür, ohne zu warten, bis sie öffnete. Die Leute klopften und gingen weiter, das war der Code: »Man will was von dir.« Wenn Letizia aufmachte und niemanden im Hausflur sah, wusste sie, dass jemand auf der Straße nach ihr rief. Doch an diesem Tag schrie Nicolas so laut, dass sie ihn bis in ihr Zimmer hörte. Schließlich zeigte sie sich auf dem Treppenabsatz, wütend, und brüllte: »Du kannst abziehen. Ich geh nirgendwohin.«

»Los, komm runter, beweg dich.«

»Ich komm nicht runter .!«

In dieser Stadt läuft das so. Alle wissen, dass du Streit hast. Sie müssen es wissen. Jede Beleidigung, jede Stimme, jeder scharfe Ton hallt zwischen den Steinen der Gassen wider, die Zank zwischen Liebespaaren gewöhnt sind.

»Was hat Renatino dir überhaupt getan?«

Halb ungläubig, halb erfreut fragte Nicolas: »Also weißt du's schon?«

Im Grunde reichte es ihm, dass seine Freundin Bescheid wusste. Die Heldentaten eines Kriegers gehen von Mund zu Mund, erregen Aufsehen und werden zur Legende. Er sah Letizia am Fenster und wusste, dass sein Bravourstück zwischen abgeblättertem Putz, Aluminiumfensterrahmen, Regenrinnen und Terrassen und weiter oben zwischen den Antennen und Satellitenschüsseln widerhallen und weitergetragen würde. Und während er Letizia betrachtete, wie sie über der Brüstung lehnte, die Haare nach dem Duschen noch lockiger als sonst, erhielt er eine Nachricht von Agostino. Eine dringende und rätselhafte Nachricht.

Damit endete der Wortwechsel. Letizia sah ihn auf den Motorroller steigen und mit quietschenden Reifen davonfahren. Ein Minotaurus, halb Mensch, halb Räder. Durch Neapel fahren heißt, alles überholen und überall durchkommen, Straßensperren, Einbahnstraßen, Fußgängerzonen gibt es nicht. Nicolas fuhr zu den anderen zum Nuovo Maharaja, dem Restaurant in Posillipo. Ein imponierendes Lokal mit einer großen Terrasse direkt über der Bucht. Diese Terrasse allein, die für Hochzeiten, Erstkommunionfeiern und Partys vermietet wurde, hätte genug Geld eingebracht. Seit seiner Kindheit faszinierte Nicolas dieses weiße Gebäude, das mitten über einem Felsen von Posillipo aufragte. Das Maharaja gefiel ihm, weil es so unverschämt protzig war. Es stand da wie auf die Klippen geschweißt, eine uneinnehmbare Festung, alles war weiß, die Fensterrahmen, die Türen, sogar die Rollläden. Majestätisch wie ein griechischer Tempel blickte es aufs Meer, mit seinen schneeweißen Säulen, die direkt aus dem Wasser aufzuragen schienen und ebenjenen breiten Balkon trugen, über den, so stellte sich Nicolas vor, die Männer schlenderten, von denen er einer werden wollte.

Nicolas war mit dem Maharaja aufgewachsen, so oft war er daran vorbeigegangen, hatte die Scharen von Motorrädern und Autos betrachtet, die Frauen, die Männer, ihre Eleganz und den zur Schau gestellten Reichtum bewundert und sich geschworen, dass er um jeden Preis dort hineinkommen werde. Das war sein Ehrgeiz, ein Traum, mit dem er seine Freunde angesteckt hatte, sodass sie ihm irgendwann den Spitznamen »Maraja« verpassten. Dort eintreten, nicht als Kellner, auch nicht, weil jemand dir einen Gefallen tut - »du kannst eine Runde drehen und dann Abmarsch« -, nein, er und die anderen wollten Gäste sein, möglichst diejenigen, denen der größte Respekt entgegengebracht wurde. Wie viele Jahre würde er brauchen, fragte sich Nicolas, bis er sich erlauben konnte, dort drinnen den Abend und die Nacht zu verbringen? Was würde er tun müssen, um das zu erreichen?

Die Zeit ist noch Zeit, wenn du von etwas träumen kannst, dir zum Beispiel vorstellst, dass du, wenn du zehn Jahre lang sparst oder einen Wettbewerb gewinnst oder ein bisschen Glück hast oder alles dransetzt, vielleicht . Aber das Gehalt von Nicolas' Vater war das eines Sportlehrers, und seine Mutter hatte ein kleines Geschäft, eine Wäscherei. Die von seiner Familie vorgezeichneten Wege hätten eine unzumutbar lange Zeit erfordert, um ins Maharaja hineinzukommen. Nein. Nicolas musste es jetzt schaffen. Mit fünfzehn.

Und es war alles ganz einfach gewesen. Die wichtigen Entscheidungen, von denen es kein Zurück gibt, sind immer die einfacheren. Das Paradox in jeder Generation: Entscheidungen, die sich rückgängig machen lassen, sind gründlich überlegt, durchdacht, abgewogen. Unumkehrbare Entscheidungen verdanken sich einem plötzlichen Entschluss, werden durch eine instinktive Regung hervorgerufen und widerstandslos hingenommen. Nicolas tat das, was alle in seinem Alter taten: Nachmittage auf dem Moped vor der Schule, Selfies und die Sucht nach...

"Roberto Saviano legt mit 'Der Clan der Kinder' ein bestechendes Buch über die kriminelle Verführbarkeit von Jugendlichen vor." Katrin Cerny, Profil, 26.02.18

"Ein hartes Buch, ungeschminkt und schroff ... Dabei sind die Figuren fiktiv, doch die Geschichte ist nicht frei erfunden, sie hat Vorbilder in der Wirklichkeit, stützt sich auf Gerichtsfälle und Abhörprotokolle der Polizei." Andreas Rossmann, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 07.02.18

"Der italienische Mafia-Aufklärer Roberto Saviano erzählt von Neapel und der Tyrannei der Babygangs. Das Beunruhigende: Saviano hat seine Protagonisten nicht erfunden ... Eine Geschichte, die einen nicht loslässt." Elmar Krekeler, Die Welt, 05.02.18

"Ein schmerzhaft realistischer Roman ... Atemraubend und sehr schockierend." Ana Schotte, WDR 5, 02.02.18

"Saviano ist ein zwar bedrückender, aber mindestens ebenso packender Roman gelungen, da er die Jugendlichen in ihrer Mischung aus Skrupellosigkeit, Konsumgier und Menschlichkeit psychologisch feinziseliert und außerordentlich berührend präsentiert." Carolin Fischer, Deutschlandfunk, 29.01.18

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