Hoffnung im Alentejo

Roman
 
 
Hoffmann & Campe (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 19. April 2013
  • |
  • 416 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-455-81117-9 (ISBN)
 
Die Provinz Alentejo, das Land der Sonne, Olivenhaine und Korkeichen, aber auch das Land der Latifundien, Großgrundbesitzer und Tagelöhner. José Saramago schildert wortmächtig den harten Alltag der Arbeiter, ihr anfängliches Aufbegehren gegen die Allmacht des Patrons bis hin zu den ersten organisierten Streiks. "Hoffnung im Alentejo" ist ein bewegender Tribut an die Männer und Frauen, unter denen Saramago als Kind aufwuchs, und ein faszinierender Einblick in das frühe Werk des Nobelpreisträgers.
  • Deutsch
  • Hamburg
  • |
  • Deutschland
  • 2,38 MB
978-3-455-81117-9 (9783455811179)
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José Saramago (1922-2010) wurde in Azinhaga in der portugiesischen Provinz Ribatejo geboren. Er entstammt einer Landarbeiterfamilie und arbeitete als Maschinenschlosser, technischer Zeichner und Angestellter. Später war er Mitarbeiter eines Verlags und Journalist, bevor er Schriftsteller wurde. Während der Salazar-Diktatur gehörte er zur Opposition.1998 erhielt er den Nobelpreis für Literatur.

Der Regen überraschte sie am späten Nachmittag, die Sonne stand zur Rechten eine halbe Handbreit über den niedrigen Hügeln, das ist die Zeit, wenn die Hexen sich kämmen. Der Mann brachte den Esel zum Stehen, und um ihm auf dem schroffen Hang die Last zu erleichtern, stieß er mit dem Fuß einen Stein bis an den Rand des Karrens. Dieser Regen, was hatte dem Herrscher über alle Himmelswasser nur die Sinne verdreht – das ist ein Regen, der nicht in diese Jahreszeit gehört. Sonst nämlich ist der Weg staubig, trocken sind Kuhfladen und Pferdemist, den niemand holen kam, weil es so weit ist zur nächsten Ortschaft. Kein Junge, der sich mit dem Korb überm Arm so weit gewagt hätte, der Spur des natürlichen Düngers zu folgen und vorsichtig mit den Fingerspitzen die runden Gebilde, manche geplatzt wie reife Früchte, aufzulesen. Unter dem Regen, der nun stumm auf den dichten Staub fiel, war der fahle, heiße Boden plötzlich mit dunklen Sternen besprenkelt, bis schließlich ein Platzregen alles überschwemmte. Doch war der Frau genügend Zeit geblieben, das Kind vom Karren zu heben, aus der Kuhle der gestreiften Strohmatratze zwischen den beiden Truhen. Sie schmiegte es an ihre Brust, schützte sein Gesicht mit dem Zipfel des aufgeknüpften Schultertuches und sagte, es ist nicht aufgewacht. Das war die erste Sorge, dann die nächste: es wird alles nass werden. Der Mann schaute zu den hohen Wolken, zog die Nase kraus und verkündete in seiner Männerweisheit, das geht vorbei, ist nur ein Schauer; aber für alle Fälle rollte er eine der Decken aus und breitete sie über den Hausrat, gerade heute musste es regnen, verdammt.

Ein heftiger Windstoß trieb den Regen auseinander. Der Esel wackelte heftig mit den Ohren, als der Mann ihm einen Schlag gegen die Flanke versetzte, und ruckte kräftig an der Deichsel, der Mann griff unterstützend in das Rad. Weiter ging es die kleine Anhöhe hinauf. Das Kind auf dem Arm, folgte die Frau, beglückt über die Ruhe des Kleinen, blickte sie prüfend in sein Gesicht und murmelte, mein Junge. Links und rechts des Weges erhoben sich Büsche, hier und da standen verloren einige Steineichen mit halbverdorrten Stämmen, schutzlos und wie zufällig geboren. Die Räder des Karrens quälten sich mit einem mahlenden Geräusch durch die feuchte Erde, und mitunter, wenn sich ein Stein zu weit hervorgewagt hatte, sprangen sie hoch und krachten wieder schwer zu Boden. Die Möbel knarrten unter der Decke. Stumm schritt der Mann an der Seite des Esels, die rechte Hand auf die Deichsel gedrückt. So kamen sie oben auf dem Hügel an.

Ihnen entgegen schob sich von Süden her über die strohfarbene Ebene eine gewaltige Wolkenmasse, dicht und wie eingerollt. Der Weg tauchte nach rechts weg, kaum sichtbar zwischen den bröckelnden und von Wettern abgewetzten Markierungen. Weit unten stieß er auf eine breite Straße, hochtrabende Bezeichnung für die miserablen Ortsverbindungen dieser Gegend. Links, fast am tiefen Horizont, wiesen die weißen Mauern eines kleinen Ortes nach Westen. Unermesslich war die Ebene, wie schon gesagt, gleichmäßig, wie glatt geschliffen, wenige Eichen, einzeln oder paarweis, und wenig mehr. Von jener kleinen Anhöhe aus fiel es nicht schwer, daran zu glauben, dass die Erde endlos sei. Dort, unter dem bleiernen Wolkenschild, lag im gelblich trüben Licht die Ortschaft, das Ziel, unerreichbar scheinend von hier oben. São Cristóvão, sagte der Mann. Und die Frau, die niemals zuvor so weit nach Süden gereist war, erklärte, Monte Lavre ist größer, es schien nur so um des Vergleichs willen dahingesagt, doch vielleicht auch aus Heimweh.

Sie waren auf der Hälfte des Abstiegs, als der Regen zurückkehrte. Erst fielen einige dicke Tropfen, die in Wasserfäden übergingen, als es schon Schauer waren. Dann schor der Wind die Ebene, fegte sie wie mit einem Reisigbesen und wirbelte Stroh und Staub in die Höhe, der Regen rückte vom Horizont her weiter vor, eine dunkle Gardine, die binnen kurzem die Landschaft verdeckte. Es war ein Landregen, Regen, der für Stunden kommt, sich in Strömen ergießt und alles überschwemmt, er kommt und will nicht weichen, und wenn die Erde fast in der Flut ertrinkt, ist es uns gleich, ob es der Himmel ist, der uns durchnässt, oder die Erde, die uns durchtränkt. Der Mann sagte nochmals, verdammt. Das ist die Art der Menschheit, sich zu erleichtern, wenn sie es nicht auf andere, genehme Weise gelernt hat. Weit und breit kein Unterschlupf, so ungeschützt muss man den Regen denn ertragen, wie er fällt. Bis zum Dorf, den Schritt des müden Esels einberechnet, wird es nicht weniger als eine Stunde Wegs sein, bis dahin wäre es dunkel. Die Decke, die mehr schlecht als recht den Hausrat schützt, rutscht, sie ist durchgeweicht, und von den weißen Stricken tropft das Wasser, wie wird es mit der Wäsche unten in den Truhen bestellt sein, das armselige wandernde Hab und Gut dieser Familie, die ihre Gründe hat, das Latifundium zu durchqueren. Die Frau schaut zum Himmel, es ist ein alter ländlicher Brauch, in diesem über unseren Köpfen aufgeschlagenen Buch zu lesen, jetzt, um zu sehen, ob es aufklart, doch dem war nicht so, stattdessen war die Luft wie schwarze Tinte, vom Nachmittag war nichts mehr zu erhoffen. Weiter rollt der Karren, ein schwankendes Boot in der Flut, es wird alles herabfallen, mit irgendeiner Absicht, scheint es, treibt der Mann den Esel an, es ist die Eile, jene Eiche zu erreichen, die uns vor dem Allerschlimmsten schützen wird. Schon sind sie angekommen, Mann, Karren und Esel, es fehlt nur noch die Frau, sie watet im Schlamm heran, rennen kann sie nicht, weil sonst das Kind erwachen würde, so ist die Welt, dass manche nicht die Kümmernisse anderer sehen, selbst wenn sie so nahe sind wie Mutter und Kind.

Unter der Eiche breitet der Mann mit großer, ungeduldiger Geste die Arme aus, man sieht sofort, dass er nichts davon weiß, was es bedeutet, ein Kind zu tragen, er täte besser daran, die Stricke wieder zu spannen, deren Knoten sich bei dieser Hast bestimmt gelockert haben, sicher sind auch die Möbel verrutscht, das fehlte noch, dass uns das Wenige zerbricht. Unter dem Baum regnet es schwächer, doch große Tropfen fallen von den Blättern, das hier ist nicht die Krone eines Orangenbaumes, diese riesigen, knorrigen Arme, es ist wie unter einem Wetterdach voller Löcher, man weiß nicht, wohin, nur gut, das Kind begann zu weinen, da hat man Eiliges zu tun, die Bluse aufzuknöpfen und ihm die Brust zu geben, deren Milch schon fast versiegt ist, es bleibt nur wenig mehr als nötig, den Mund zu täuschen. Kaum dass es angefangen, brach das Weinen ab, Mutter und Kind waren gemeinsam friedlich in das weite Rauschen des Regens eingehüllt, indessen ging der Vater um den Karren, die Knoten lösend und neu knüpfend, indem er das Knie gegen die Karrenwände stemmte, um die Stricke straff zu ziehen, während der Esel die Ohren kräftig hin und her bewegte und wie verträumt auf die Wasserlachen und Bäche auf dem Weg starrte. Beinahe hätten wir es geschafft, und plötzlich dieser Regen, meinte der Mann, es waren Worte stillen Zorns, freudlos und bar jeder Hoffnung ausgestoßen, der Regen wird nicht aufhören, nur um mich zu ärgern, dies ist ein Ausspruch des Erzählers, auf den er gut hätte verzichten können. Wenden wir uns dem Vater zu, der endlich fragt, und der Kleine? Er nähert sich und späht unter das gefaltete Tuch, Freiheiten des Ehemannes, doch schamhaft bedeckte sich die Frau so schnell, dass er selbst nicht mehr wusste, ob er wirklich den Sohn oder die entblößte Brust hatte sehen wollen. Jedoch hatte er im lauen Halbdunkel, in der duftenden Wärme der zerknitterten Wäsche wahrnehmen können, wie ihn von dort, aus jener intimen Zuflucht, die so blauen Augen des Kindes ansahen, ungewöhnlich klares Licht, das ihn aus den Tüchern anstarrte, transparent und streng, wie etwas, was sich ausgestoßen fühlt unter all den dunklen Augen, den braunen, in welche Familie bin ich hineingeboren?

Die dicke Wolke löste sich ein wenig auf, der erste Ansturm des Regens war vorüber. Der Mann trat auf den Weg, befragte die Lüfte, drehte sich nach allen Himmelsrichtungen und sagte zur Frau, wir müssen weiter, können nicht bis zur Nacht hierbleiben. Und die Frau antwortete, gehen wir. Sie entzog dem Mund die Brustwarze, worauf das Kind vergebens saugte, weinen zu wollen schien, aber nein, es kuschelte sein Gesicht an die bereits bedeckte Brust und schlief mit einem Seufzer ein. Es war ein ruhiges Kind, freundlichen Sinns und seiner Mutter eine Freude.

Jetzt gingen sie nebeneinander, schweigsam wie der Regen und so durchnässt, dass nicht einmal ein schützender Strohschober sie anzulocken vermochte, es galt allein, das Zuhause zu erreichen. Die Nacht brach herein, sie kam schnell. Im Westen leuchtete ein letztes mattes Licht, das sich schließlich rot färbte, und kaum erglüht, verlosch es auch schon, die Erde wurde zu einem dunklen Brunnen, still und echoschwanger, wie groß ist doch die Welt, wenn die Nacht heraufzieht. Deutlich war das Ächzen der Räder zu hören, das Atmen des angetriebenen Tieres war so unvermittelt wie ein urplötzlich ausposauntes Geheimnis, und selbst das Scheuern der durchnässten Wäsche glich einer fortgesetzten Unterhaltung, einem Geflüster, dem pausenlosen Gespräch guter Geselligkeit. Meilenweit war kein einziges Licht zu sehen. Die Frau bekreuzigte sich und schlug das Kreuz über dem Gesicht des Kindes. In diesen Stunden ist es ratsam, den Körper zu verteidigen und die Seele zu schützen, denn die Geister erscheinen an den Wegen, sausen im Wirbel vorbei oder setzen sich auf einen Stein, in Erwartung des Reisenden, an den sie die drei Fragen richten werden, auf die es keine Antwort gibt, wer bist du, woher kommst du, wohin gehst du. Der Mann, der an der Seite des Karrens schreitet, hätte gern gesungen, doch es...

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