Claraboia oder Wo das Licht einfällt

Roman
 
 
Hoffmann & Campe (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 19. April 2013
  • |
  • 336 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-455-81108-7 (ISBN)
 
Eine Sensation aus dem Nachlass des Nobelpreisträgers: Jahrzehntelang galt sein Roman "Claraboia" als verschollen. Nun wurde er erstmals veröffentlicht.

In seinem 1953 vollendeten Werk beleuchtet Saramago das Schicksal der Bewohner eines Lissabonner Wohnhauses. Er blickt hinter jede Tür, lüftet die kleinen und großen Geheimnisse, erfasst die Sorgen und Nöte und beschwört dabei eindrucksvoll die Atmosphäre in Portugal während der Salazar-Diktatur.

Ein früher Morgen im Lissabon der 1950er Jahre. In einem Mietshaus nahe am Fluss erwacht das Leben. Der Schuster Silvestre öffnet seine Werkstatt, Isaura, die die Wohnung mit drei anderen Frauen teilt, setzt sich an die Nähmaschine. Justina plagt sich mit ihrem ständig nörgelnden Mann herum. Dona Lídia, die als Geliebte eines reichen Fabrikanten als Einzige keine finanziellen Sorgen hat, raucht ihre erste Zigarette... Die Atmosphäre ist geprägt von Armut, Melancholie und Argwohn. Der Alltagstrott verändert sich erst, als Silvestre einen Untermieter aufnimmt, der frischen Wind in die Hausgemeinschaft bringt.
  • Deutsch
  • Hamburg
  • |
  • Deutschland
  • 0,88 MB
978-3-455-81108-7 (9783455811087)
weitere Ausgaben werden ermittelt
José Saramago (1922-2010) wurde in Azinhaga in der portugiesischen Provinz Ribatejo geboren. Er entstammt einer Landarbeiterfamilie und arbeitete als Maschinenschlosser, technischer Zeichner und Angestellter. Später war er Mitarbeiter eines Verlags und Journalist, bevor er Schriftsteller wurde. Während der Salazar-Diktatur gehörte er zur Opposition.1998 erhielt er den Nobelpreis für Literatur.

Das einst verlorengegangene und wiedergefundene Buch


Saramago war gerade dabei, sich zu rasieren, da klingelte das Telefon. Er hielt den Hörer an die nicht eingeseifte Seite und sagte nicht viel: »Tatsächlich? Das kommt überraschend. Machen Sie sich keine Umstände, ich bin in einer knappen halben Stunde da.« Er legte auf. So schnell war er noch nie im Bad fertig. Dann sagte er zu mir, er wolle einen Roman abholen, den er Ende der vierziger, Anfang der fünfziger Jahre geschrieben habe und der seitdem verschollen gewesen sei. Als er zurückkam, hatte er Claraboia unter dem Arm, das heißt einen Stapel mit der Maschine beschriebener Blätter, weder vergilbt noch beschädigt, vielleicht weil die Zeit dem Manuskript gegenüber mehr Respekt bewiesen hatte als die Menschen, denen es 1953 zugegangen war. »Es wäre dem Verlag eine Ehre, das bei einem Umzug gefundene Werk zu veröffentlichen«, sagte man zu José Saramago in jenen Tagen des Jahres 1999, als er die letzten Seiten von Das Evangelium nach Jesus Christus schrieb. »Nein danke, jetzt nicht«, antwortete er und verließ den Verlag mit dem wiedergefundenen Roman und endlich der Antwort, die man ihm siebenundvierzig Jahre zuvor, als er einunddreißig und voller Träume war, verweigert hatte. Das damalige Verhalten des Verlags hatte ihn in leidvolles, unabänderliches, Jahrzehnte währendes Schweigen versinken lassen.

»Das einst verlorengegangene und wiedergefundene Buch«, so wurde Claraboia bei uns genannt. Alle, die den Roman lasen, versuchten den Autor davon zu überzeugen, dass er ihn veröffentlichen müsse, doch José Saramago weigerte sich beharrlich und sagte, zu seinen Lebzeiten werde das Buch nicht erscheinen. Mit keiner weiteren Begründung als der so oft schriftlich und mündlich benannten Richtschnur seines Lebens: Niemand ist verpflichtet, einen anderen zu lieben, aber wir alle sind verpflichtet, einander zu achten. Nach dieser Logik befand Saramago, kein Verlag sei verpflichtet, die dort eingereichten Manuskripte zu veröffentlichen, wohl aber habe er die Pflicht, dem eine Antwort zu geben, der Tag für Tag, Monat für Monat ungeduldig, ja sogar ruhelos darauf wartet, denn das eingereichte Buch, das Manuskript, ist mehr als ein Stapel Blätter, darin steckt ein ganzer Mensch mit seiner Intelligenz und seiner Sensibilität. Wir fürchteten, dass die Demütigung, die es für den jungen Saramago bedeutet hatte, nicht einmal ein paar schlichte Zeilen erhalten zu haben: ein kurzes, förmliches »Unsere Programmplanung ist abgeschlossen«, jedes Mal wieder aufbrechen würde, sobald die Rede auf das Buch käme. Also drängten wir nicht weiter zu einer Veröffentlichung. Auf diese alte Verletzung führten wir es zurück, dass er das Manuskript einfach zwischen tausend anderen Papieren auf seinem Schreibtisch liegen ließ. José Saramago las Claraboia nicht, vermisste das Manuskript auch nicht, als ich es wegbrachte, um es in Leder binden zu lassen, und fand, ich übertreibe, als ich es ihm schenkte. Dennoch wusste er – denn er war der Autor –, dass es nicht schlecht war, dass einige Themen in seinem künftigen literarischen Werk wiederkehrten und dass sich schon andeutete, was sich später zu voller Blüte entfaltete: seine ganz eigene Erzählstimme.

»Alles kann auch anders erzählt werden«, sagte Saramago, nachdem er Wüsten durchquert und stürmische Meere überwunden hatte. Wenn wir diese Aussage akzeptieren, müssen wir, nachdem alle Fakten und Vermutungen offengelegt wurden, Zeichen interpretieren und seine Besessenheit im Licht eines erfüllten, engagierten und von dringendem Mitteilungsbedürfnis geprägten Lebens verstehen. »Sterben heißt, da gewesen zu sein und nicht mehr da zu sein«, sagte José Saramago. Und es ist wahr, er ist gestorben und nicht mehr da, doch dort, wo Claraboia veröffentlicht wurde, in Portugal und Brasilien, den Ländern seiner Muttersprache, geht auf einmal ein neues Buch von Hand zu Hand, und die Menschen unterhalten sich abermals bewegt und überrascht über die Lektüre. Man entdeckt, dass Saramago noch ein Buch geschrieben hat, einen Roman von enormer Frische, der unsere Gefühle anspricht und uns begeisterte und staunende Ausrufe entlockt, und wir begreifen, endlich begreifen wir, dass dies das Geschenk ist, das der Autor hinterlassen wollte, um weiterhin dabei zu sein, nachdem er ja nun endgültig nicht mehr da ist. Unermüdlich hört man: Dieses Buch ist ein Juwel, wie ist es möglich, dass ein junger Mann von Ende zwanzig mit solcher Reife, solcher Sicherheit schreiben konnte, die bereits literarische Ambitionen verrät sowie seinen Arbeitsplan und sein Einfühlungsvermögen so deutlich erkennen lässt? Ja, diese Fragen stellen sich die Leser. Woher nahm Saramago die Weisheit, die Fähigkeit, Figuren so subtil und mit so sparsamen Mitteln zu charakterisieren, harmlose und ebenso tiefsinnige wie allgemeingültige Situationen zu schildern, Grenzen auf so brutal gelassene Art zu überschreiten? Ein junger Mann, wir erinnern uns, noch keine dreißig Jahre alt, der nicht die Universität besucht hat, Sohn und Enkel von Analphabeten, Mechaniker von Beruf, dann Büroangestellter, der es wagt, den Kosmos, den ein Mietshaus bildet, mit seinem eigenen Kompass und mit Pessoa, Shakespeare, Eça de Queirós, Diderot und Beethoven als freundlichen Begleitern zu erkunden. Dies ist der Eintritt in das Universum Saramago, so wurde es schon damals umrissen.

In Claraboia finden sich Saramagos männliche Figuren wieder, der einfach H Genannte aus Das Handbuch der Malerei und der Kalligraphie, Ricardo Reis aus Das Todesjahr des Ricardo Reis, Raimundo Silva aus Geschichte der Belagerung von Lissabon, Dom José aus Alle Namen, der Musiker aus Eine Zeit ohne Tod, Kain, Jesus Christus, Cipriano Algor, all die wortkargen, einsamen, freien Männer, die eine Liebesbegegnung brauchen, um für einen Augenblick ihr konzentriertes und introvertiertes Dasein zu durchbrechen.

Auch Saramagos starke Frauen werden in Claraboia sichtbar. Wenn der Autor sich an den weiblichen Figuren delektiert, zeigt sich seine Fähigkeit, gegen Regeln zu verstoßen, besonders deutlich und unverhohlen: Lídia, von einem Geschäftsmann ausgehalten, erteilt diesem eine Lektion in Würde, es geht um lesbische Liebe, die tradierte Unterwürfigkeit, die sich im Schoß der Familie als pathetisch erweist, die unerträgliche gesellschaftliche Verurteilung, Vergewaltigung, Trieb, die Kraft, sich zu behaupten, die Beschränktheit der kleinen Lebensverhältnisse und die Ehrlichkeit, die in manchen Figuren steckt, auch wenn sie es leid sind, so viel Mangel und Unglück zu ertragen.

Claraboia ist ein Roman, der von seinen Charakteren lebt. Er spielt in Lissabon Anfang der fünfziger Jahre, als der Zweite Weltkrieg beendet ist, nicht aber die Salazar-Diktatur, die wie ein Schatten oder ein Schweigen über allem liegt. Es ist kein politischer Roman, folglich wäre es falsch, zu glauben, er sei der strengen Zensur zum Opfer gefallen und deshalb seinerzeit nicht veröffentlicht worden. Allerdings hat angesichts der damals herrschenden Fügsamkeit zu der Entscheidung, das Buch nicht zu veröffentlichen, fraglos Folgendes beigetragen: Es ist ein Roman, der geltende Werte missachtet, in dem die Familie kein Synonym für Heim ist, sondern für Hölle, wo der äußere Schein mehr zählt als die wahre Realität, wo gewisse Utopien, die zunächst löbliche Ziele zu sein scheinen, ein paar Seiten weiter relativiert werden und wo die Misshandlung von Frauen ausdrücklich verurteilt wird oder ganz selbstverständlich von gleichgeschlechtlicher Liebe die Rede ist, zwar unter Beklemmung von der betreffenden Figur geäußert, doch ohne Verurteilung seitens des Autors. Allzu stark, allzu gewagt, aus der Feder eines Unbekannten, viel zu mühselig, es gegenüber der Gesellschaft zu verteidigen, gemessen daran, wie wenig man damit verdienen würde. Wahrscheinlich blieb das Buch deshalb liegen, ohne ein verbindliches Ja, ohne ein Nein, das auch für die Zukunft gegolten hätte. Vielleicht, und damit wenden wir uns wieder der Spekulation zu, hat man es für später liegen lassen, wenn die Zeiten sich geändert hätten, ohne zu ahnen, dass es Jahrzehnte dauern würde, bis die sogenannte politische Öffnung allmählich erkennbar wurde. In der Zwischenzeit gingen und kamen Generationen und mit ihnen das Vergessen. In der Welt und im Verlag. Auch José Saramago hatte eine andere Beschäftigung, er arbeitete als Lektor, hatte sein Schweigen und seine Einsamkeit überwunden und bereitete sich darauf vor, weitere Bücher zu schreiben.

Das Leben war nicht einfach für José Saramago. Zu der Kränkung, von dem Verlag keine Antwort zu Claraboia erhalten zu haben, das er spätabends nach anstrengenden Arbeitstagen in prekären Beschäftigungen geschrieben hatte, kamen weitere Brüskierungen, weil er unbekannt war, nicht studiert hatte, nicht der Elite angehörte – wichtige Faktoren in einer kleinen Gesellschaft wie der Lissabons in den fünfziger und sechziger Jahren. Seine späteren Kollegen machten sich über ihn lustig, weil er stotterte, und wegen dieses Problems, das er überwinden konnte, blieb er immer zurückhaltend; das große Wort überließ er anderen, er beobachtete und lebte fest verankert in seiner inneren Welt, vielleicht konnte er deshalb so viel schreiben. Nachdem er Claraboia eingereicht hatte, vergingen zwanzig Jahre, bis er wieder etwas veröffentlichte. Er machte einen Neuanfang mit Lyrik – Os Poemas Possíveis und Provavelmente Alegria –, der dritte Band, O Ano de 1993, schlägt bereits eine Brücke zum Erzählen. Des Weiteren zwei Bücher...

»Ein Buch, das zutiefst von
Menschlichkeit geprägt ist, das Fragen stellt und manchmal auch Antworten gibt.
Und dessen Übersetzerin fantastische Arbeit geleistet hat! «
 
»Claraboia lässt
tatsächlich viel Licht fallen auf das Lebenswerk Saramagos. «
 
»Den liebevoll boshaften Bericht
von den Sehnsüchten der verarmten Bewohner eines Mietshauses in Lissabon. «
 
»Auch heute noch wirkt dieser
Text aus dem Jahre 1953 ungewöhnlich frisch.«
 
»Wie nah Hass und Lust
beieinander liegen, beschreibt der knapp 30-jährige Saramago mit faszinierender
Präzision.«
 
»Hoch interessant als ein Werk,
in dem man rückblickend die künftige Meisterschaft erkennt.«
 
»Ständig staunt man, dass Jose
Saramago schon in den 1950er-Jahren solche Charaktere schaffen konnte -
die er in späteren Büchern wieder auftauchen ließ.«
 
»Das wunderbar zu lesende,
farbenreiche und klare Bild eines Mikrokosmos, das die Stimmung eines ganzen
Landes wiedergibt.«
 
»Scharfsinnig ist der Blick des
Schriftstellers, dabei von liebevoller Boshaftigkeit.«
 
»Ein Roman wie ein Geschenk. Mit
Witz, Selbstironie und dieser tiefen portugiesischen
Traurigkeit. «

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