Vulva

Die Enthüllung des unsichtbaren Geschlechts. Aktualisiert und mit einem neuen Nachwort
 
 
Wagenbach (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 20. Dezember 2018
  • |
  • 256 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-8031-4244-3 (ISBN)
 
Diese freche, facettenreiche, lustvoll erzählte Kulturgeschichte des weiblichen Geschlechts, eine Geschichte von Aberkennung und Aneignung, ist längst zum Standardwerk geworden.

Was nicht existiert, benötigt keinen Namen, und was keinen Namen hat, existiert nicht. Das ist die Ausgangsthese von Mithu M. Sanyals bahnbrechender Studie über die Vulva.

Sie sucht nach der Geschichte der Vulva und stößt in vergessenen Quellen auf fast sakrale Wertschätzung genauso wie auf hasserfüllte Diffamierung. Sie erzählt von Baubo, die in der griechischen Mythologie die Menschheit durch die Enthüllung ihres Genitals rettete, findet zahlreiche Darstellungen selbst in der mittelalterlichen Kunst, geht auf gewaltsame Verstümmelungen ebenso wie auf die Mode der Vaginalverjüngung ein, untersucht Schleiertanz und Striptease sowie die subversiven Performancekünstlerinnen Valie Export oder Annie Sprinkle.

Eine kulturgeschichtliche Pionierarbeit für Leser jeden Geschlechts. Unterhaltsam, intelligent, provokativ, notwendig.
  • Deutsch
  • Berlin
  • |
  • Deutschland
  • 5,52 MB
978-3-8031-4244-3 (9783803142443)
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Mithu M. Sanyal, geboren 1971, ist indisch-polnischer Abstammung und lebt in Düsseldorf. Sie promovierte in Kulturwissenschaften und arbeitet als Journalistin und Buchautorin. Zuletzt erschien: "Vergewaltigung. Aspekte eines Verbrechens", Edition Nautilus 2016.

Shaming and Naming

Die englische Redewendung naming and shaming bedeutet übersetzt: >öffentliches Bloßstellen<. In der Regel wird sie noch von einem dritten gleichklingenden Wort begleitet, nämlich blaming, also >Schuld zuschreiben< oder >verurteilen<. Die britische Regierung nutzt die Strategie des naming and shaming derzeit extensiv, um Bilder von mutmaßlichen oder tatsächlichen Straftätern in der Presse, auf Webseiten und Baumstämmen zu platzieren, und erzeugt damit keineswegs nachbarschaftlichen Zusammenhalt, sondern vielmehr explosionsartige Gewalt gegen die >Beschämten< (und Menschen, die das Pech haben, ihnen ähnlich zu sehen). Dasselbe geschah im großen Stil mit der Vulva. Nur dass ihre Bilder eben nicht weithin verbreitet wurden, sondern das öffentliche Bloßstellen mit einer öffentlichen Verschleierung und Fehlbezeichnung einherging: >shaming and re-naming< also.

Die Journalistin Gloria Steinem erinnert sich:

Ich komme aus der >Da-unten<-Generation. >Da unten<, das waren die Worte - nur selten und mit gedämpfter Stimme ausgesprochen -, mit denen die Frauen in meiner Familie alle weiblichen Geschlechtsorgane, innere wie äußere, bezeichneten. [...] [Ich] habe keine korrekten Bezeichnungen gehört, ganz zu schweigen von Wörtern, die Stolz auf diese Körperteile ausdrückten. [...] So wurde mir, ob ich nun sprechen oder schreiben oder Hygiene lernte, die richtige Bezeichnung für jeden unserer wunderbaren Körperteile beigebracht - außer für die in der unaussprechlichen Gegend. Dies machte mich schutzlos gegenüber den beschämenden Ausdrücken und schmutzigen Witzen auf dem Schulhof und, Jahre später, gegenüber dem weit verbreiteten Glauben, dass Männer, ob als Ärzte oder als Liebhaber, mehr über den weiblichen Körper wissen als die Frauen selbst.4

Gloria Steinem wuchs in den 1930er und 1940er Jahren in Ohio auf. Ihre Erfahrungen unterscheiden sich eklatant von denen später geborener Mädchen, wozu sie als zentrale Figur der Frauenbewegung und Mitgründerin der feministischen Zeitung Ms - benannt nach der damals revolutionären Selbstbezeichnung von Frauen, die sich nicht mehr entweder als >Miss

Fräulein< oder >MrsEhefrau von< anreden lassen wollten - selbst maßgeblich beigetragen hat. Trotzdem erschien noch im März 2006 ein Buch in Deutschland, das doch angeblich so viel weniger prüde ist als Amerika, mit dem keineswegs ironisch zu verstehenden Titel: Ich nenne es >Da unten< - Frauen erzählen über ihre Vagina, die Lust und den Sex.5 Auch die Frauenzeitung Woman bezeichnete das weibliche Genital in ihrem Heft 3/2006 als »Unsere Wissenslücke«6 und fuhr jovial fort: »Wir haben uns schlaugemacht in Sachen Bezeichnungen, Funktion und Pflege. Und jetzt bitte nicht verschämt die Beine übereinanderschlagen!«7 Bei den Bezeichnungen, mit denen Woman aufwartete, kam >da unten< an erster Stelle, dicht gefolgt von >zwischen den Beinen<. Das einzig halbwegs Originelle, mit dem die Journalistinnen, die den Artikel zusammengestellt hatten, aufwarteten, war die Erklärung, warum sie die Bezeichnung >Vulva< ablehnten: Sie erinnerte sie an eine schwedische Automarke.

Ist der Gebrauch des Wortes Vulva schon schwierig, dann ist derjenige von cunt - oder auf Deutsch >Fotze< - absolut verpönt, wie die Autorin Inga Muscio feststellen musste, als sie unter einen ihrer Artikel die Wortzahl tippen wollte, aber das >o< in word count vergaß:

Ich betrachtete die beiden Wörter nebeneinander und fand, dass >word cunt<, also >Wort Fotze< ein hervorragender Titel für eine Autorin wäre. Die Handvoll Menschen, die meine Originalmanuskripte zu Gesicht bekamen, reagierten entsetzt und fragten, warum ich ausgerechnet diese beiden Wörter unter meine Artikel setzte. Nachdem ich Verlagsassistenten, Redakteuren, Korrekturlesern und Empfangsdamen meine Beweggründe erklärt hatte, begann ich mir Gedanken über die tatsächliche, kontext-unabhängige Macht von >cunt< zu machen.8

Tatsächlich ist die Bezeichnung für das weibliche Genital in seiner vulgären Form das heftigste Schimpfwort, mit dem die englische Sprache aufwarten kann. In den Medien ist cunt sogar noch unaussprechlicher als fuck. Man muss nur an die Kontroverse denken, die die BBC im Januar 2005 auslöste, als sie in Jerry Springer - The Opera die Worte »cunting, cunting, cunting, cunting cunt« (Deutsch etwa: hinterfotzige Fotze) als Beschreibung für den Teufel über den Äther schickte. Wenn jedoch nicht einmal der Teufel etwas mit dem weiblichen Genital zu tun haben will, dann muss damit etwas ernsthaft im Argen liegen. Dabei drückte das alte englische Wort cunt in seiner ursprünglichen Bedeutung >heiliger Ort< die höchste Wertschätzung aus; es ist etymologisch eng mit queen, kin und country verwandt - also mit Königin, Sippe und (Mutter-)Land. Nach der Eroberung Englands durch die Normannen wurde cunt offiziell durch den lateinischen Begriff vagina ersetzt, hielt sich jedoch hartnäckig im Sprachgebrauch. Der englische Poet und Philosoph des 14. Jahrhunderts Geoffrey Chaucer benutzte es in zahlreichen Schreibweisen - queynte, queinte - in seinen Canterbury Tales, und in London gab es eine Straße mit dem sprechenden Namen Gropecunt Alley, wo Prostituierte auf ihre Kunden warteten. Erst im frühen 18. Jahrhundert wurde der >heilige Ort< verfemt. Der endgültige Siegeszug der Vagina begann.

Vagina

Zusammen mit ihrer direkten Übersetzung >Scheide< ist Vagina auch im Deutschen die häufigste und akzeptierteste Bezeichnung für das weibliche Genital. Wie bereits erwähnt, bezieht sich Vagina jedoch ausschließlich auf die Körperöffnung, die die Vulva mit den inneren Geschlechtsorganen verbindet. Damit wird nicht nur der gesamte sichtbare Teil des weiblichen Genitals sprachlich unsichtbar, es hat so auch keine eigenständige Bedeutung mehr, ist nur ein Loch, in das der Mann sein Genital stecken kann, oder, um im Bild zu bleiben: eine Scheide für sein Schwert. Und genau daher kommt der Begriff, denn in der Anatomie war es üblich, Analogien zur Namensgebung zu verwenden. Der italienische Anatom und Chirurg Matteo Realdo Colombo, der das Wort >Vagina< 1599 in die Medizin einführte, begründete seine Wahl in der Abhandlung De Re Anatomica mit der Beschreibung des weiblichen Sexualorgans als: »desjenigen Teils, in den der Spieß eingeführt wird wie in eine Scheide.«9 Das ist umso bemerkenswerter, als von Colombo beispielsweise auch die Bezeichnung labia minora - >innere Schamlippen< - stammt. Offensichtlich war er also durchaus in der Lage, die Vulva zu sehen, zu beschreiben, nicht jedoch zu erkennen. Mit dieser selektiven Blindheit war er nicht alleine. So beschreibt Barbara Walker in ihrer Enzyklopädie des Geheimen Wissens der Frauen:

[B]ei einem Hexenprozess im Jahre 1593 entdeckte der untersuchende Scherge (ein verheirateter Mann) offensichtlich zum ersten Mal eine Klitoris und identifizierte sie als ein Teufelsmal, sicherer Beweis für die Schuld der Angeklagten. Es war ein >kleines Stück Fleisch, herausstehend, als ob es eine Zitze sei, ein halber Zoll lang<, was der Henkersknecht >beim ersten Blick davon bemerkte, aber es war versteckt, denn es lag an einem sehr geheimen Ort, den anzusehen unschicklich war; jedoch am Ende, da er nicht bereit war, eine derart seltsame Sache zu verschweigen<, zeigte er dieses Ding mehreren Zuschauern. Die Zuschauer hatten noch nie zuvor so etwas gesehen. [sic!]10

Das ist zumindest überraschend, da die Akten der >peinlichen< Befragungen und die Gestaltung von Folterwerkzeugen wie der Vaginalbirne oder der Judaswiege11 zeigen, dass das Interesse an dem tabuisierten Genital enorm war. Der Arzt und Philosoph Ludwik Fleck brachte in den 1930er Jahren den Mechanismus, dass nur wahrgenommen werden kann, was auch wahrgenommen werden darf, auf die Formel: »In der Naturwissenschaft gibt es gleichwie in der Kunst und im Leben keine andere Naturtreue als die Kulturtreue.«12

Doch auch bevor Anatomen und Ärzte das weibliche Genital im 17. Jahrhundert auf die Vagina reduzierten, waren sie keineswegs präziser in Bezug auf den >unaussprechlichen Bereich<. Gynäkologische Werke zeichneten sich durch vage Euphemismen wie sinus pudoris - >Höhle der Schamhaftigkeit< - und ernsthafte Begriffsverwirrungen aus. >Vulva< wurde wahlweise entweder für die Vulva, die Vagina oder den Uterus oder für alles zusammen verwandt. Da die Kirche die Auffassung vertrat, die weiblichen Geschlechtsorgane seien ohnehin nur zur Fortpflanzung gut, galt das Hauptinteresse der Forscher der Gebärmutter, wo die Unklarheiten jedoch genauso evident waren. So gab es ernsthafte Beschreibungen, nach denen das Jungfernhäutchen den Penis davon abhalten solle, in den Uterus einzudringen.13

Da Sprache das System ist, mit dem wir uns in der Welt orientieren und Bewertungen vornehmen, geht das Verschwinden von wertschätzenden oder schlicht präzisen Bezeichnungen stets mit dem Verschwinden eines wertschätzenden Umgangs einher, spiegelt dieses wider oder bereitet es vor. Und da Menschen sich so stark über ihre Geschlechtsorgane identifizieren, dass sie sich aufgrund dieser sogar in zwei grundlegende Gruppen unterscheiden - Männer und Frauen -, sind Aussagen über Geschlechtsorgane in der Regel als Aussagen über das...

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