Identitti

Roman
 
 
Hanser (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 15. Februar 2021
  • |
  • 432 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-446-26999-6 (ISBN)
 

Was für ein Skandal: Prof. Dr. Saraswati ist WEISS! Schlimmer geht es nicht. Denn die Professorin für Postcolonial Studies in Düsseldorf war eben noch die Übergöttin aller Debatten über Identität - und beschrieb sich als Person of Colour. Als würden Sally Rooney, Beyoncé und Frantz Fanon zusammen Sex Education gucken, beginnt damit eine Jagd nach "echter" Zugehörigkeit. Während das Netz Saraswati hetzt und Demos ihre Entlassung fordern, stellt ihre Studentin Nivedita ihr intimste Fragen.

Mithu Sanyal schreibt mit beglückender Selbstironie und befreiendem Wissen. Den Schleudergang dieses Romans verlässt niemand, wie er*sie ihn betrat.

  • Deutsch
  • München
  • |
  • Deutschland
  • 4,35 MB
978-3-446-26999-6 (9783446269996)
weitere Ausgaben werden ermittelt

Mithu Sanyal wurde 1971 in Düsseldorf geboren und ist Kulturwissenschaftlerin, Autorin, Journalistin und Kritikerin. 2009 erschien ihr Sachbuch "Vulva. Das unsichtbare Geschlecht", 2016 "Vergewaltigung. Aspekte eines Verbrechens". Zuletzt erschien bei Hanser ihr erster Roman Identitti (2021).

Strange Fruit


1


Der Tag, an dem die Hölle ihre Schlünde öffnete und heulende Furien ausspie, fing an wie ein ganz normaler Tag, wenn ein normaler Tag mit einer Rakete anfängt.

Das ist keine Rakete, das ist ein Satellit, las Nivedita, zumindest interpretierte sie die Whatsapp ihrer Cousine Priti so. Was Priti tatsächlich geschrieben hatte, war: tisNOrukula isssSATELITE!!! und dazu ein Emoji, das aussah wie ein Bund Spargel. Nivedita schaute an den neunzehn Betonetagen des Deutschlandfunks hoch, die prekär auf einem winzigen Sockel balancierten, der sich zum Rest des Funkhauses verhielt wie der Feuerschweif auf grafischen Darstellungen des Rückstoßprinzips zum Flugkörper, und textete zurück: Eindeutig eine Rakete!

An der Spitze des Gebäudes, da, wo sich bei Saturn V die Apollokapsel befunden hatte, formten Eisenstreben einen Pyramidenpfeil in den gleißend grauen Himmel und Nivedita fühlte sich gleichzeitig erhaben und winzig angesichts dieses Betonraumschiffs, über dessen Eingang in blauen Buchstaben stand: Die Nachrichten.

Stell dir vor, du wärst eine Terroristin, die schon mehrere Menschen umgebracht hat, riet ihr die nächste Whatsapp von Priti in einer noch fantasievolleren Ansammlung von Buchstaben, oder dass du eine Terroristin bist, die schon gefaked hat, she'd killed loads of Leute. Dann ist das hier ein Klacks. Und ein paar Sekunden später: A small step for you, a big step for humankind ROFL LMAO.

Die Glastüren glitten lautlos vor Nivedita auf, sie betrat die heiligen Hallen des Deutschlandfunks. Es roch nach Kerzenwachs und Kunstleder wie bei einer Mischung aus Finanzamt und Geheimdienst, falls der Bundesnachrichtendienst so roch, wie James-Bond-Filme aussahen. Durch die Glasscheibe hatte sie nur den Anzug des Pförtners gesehen und erschrak, als er den Kopf hob, weil er nicht älter war als sie. Doch durch sein bisschen schwarze Dienstkleidung gehörte er zu einer anderen Generation und tanzte zu einer anderen inneren Trommel, es sei denn, er zog sein korrektes Jackett aus oder Nivedita ihre Mischung aus radical chic und seriös - was in vollkommener Unkenntnis der Codes bedeutete, dass sie ihre langen schwarzen Haare am Morgen zu einem Gretchenzopf geflochten hatte, der sich seitdem in stummem, aber entschlossenem Protest Strähne für Strähne auflöste. »Ich soll zu meinem Blog interviewt werden«, sagte sie den Satz, den sie die ganze Zugfahrt über auswendig gelernt hatte.

Der Pförtner entgegnete kryptisch: »Wo?«

»Äh . hier .?«

Er sah sie väterlich an. »Nein, was ist der Name der Redaktion?«

Einen Augenblick lang konnte sich Nivedita nicht einmal erinnern, was ihr eigener Name war. Sie fühlte sich wie ein schräg zugezogener Reißverschluss: verhakt und verrutscht. Dann klingelte das nachtblaue Festnetztelefon auf der Theke und rettete sie.

»Nivedita Anand«, sagte sie im selben Moment, in dem er auflegte und verkündete: »Sie werden abgeholt.«

Sie tat, was sie immer tat, wenn sie sich einer Situation nicht gewachsen fühlte, und ging aufs Klo. Nicht weil sie sich nach einem Quadratmeter Privatsphäre sehnte, sondern um in den Spiegel zu schauen und zu kontrollieren, ob sie noch da war. Auf dem Milchglas der Toilettentür stand: »Frau [ahd. Frouwa >Herrin<, >Gebieterin<], weibl. erwachsener Mensch. Die Wesensdefinition der F. variiert ja nach geograph. Raum, histor. Epoche sowie Gesellschafts- und Kulturtypus.«

»Bist du drin?«, fragte Priti.

»Ja«, raunte Nivedita.

»Warum gehst du dann ans Handy?«

Gespräche mit Priti verliefen immer nach Pritis Regeln, gleich würde ihr bestimmt einfallen, dass sie Wichtigeres zu tun hatte als mit Nivedita zu plaudern, auch wenn sie selbst angerufen hatte. Vor allem dann. Deshalb machte sich Nivedita nicht die Mühe, sich oder irgendetwas zu erklären, sondern sagte nur: »Du solltest das Klo hier sehen, das ist ein Proseminar in Germanistik.«

»That's the spirit!«, stimmte Priti resolut zu. »Fühl dich superior zu das toilet und dann . wait! . Something's come up, Niv.« Wenn Priti Nivedita wohlgesonnen war, nannte sie sie Niv, ausgesprochen wie der irische Vorname Niamh, der Nieve ausgesprochen wurde. Priti kam aus Birmingham und mochte das, nicht weil man sich in Birmingham besonders mit irischen Frauennamen ausgekannt hätte, sondern weil sie damit Differenz markieren konnte. Als hätte irgendjemand zu bezweifeln gewagt, dass Priti Anders mit großem O wie Other war! Solange sie Nivedita mit dem Sternenstaub ihrer Anerkennung besprenkelte, fühlte sich Nivedita ebenfalls bemerkenswert und nicht merkwürdig. Nur konnte Pritis Laune jederzeit umschlagen, und in weniger großzügiger Stimmung nannte sie Nivedita Nivea, wie die weiße Hautcreme-Marke, die regelmäßig mit rassistischer Werbung Skandale auslöste.

»Shit!«

»Priti?«

»Gotta go. Rufe dich später zurück!«

Nivedita tippte auf das rote Telefonhörer-Icon und warf einen tiefen Blick in ihre eigenen Augen, der ihr so gut wie nichts verriet. Sie wünschte inständig, sich von außen sehen zu können, so wie andere sie sahen. Doch war sie genau dazu nicht in der Lage. Sie konnte sich noch nicht einmal so sehen, wie sie sich selbst sah. Aber sie konnte ihren Kajal verwischen, um intellektuellere Schatten um die Augen zu bekommen, also tat sie wenigstens das.

Auf der anderen Seite der Milchglastür wartete eine kleine Frau mit einem großen Hund und sagte: »Willkommen bei Deutschlandfunk Nova, ich bin Verena. Kann ich dich Identitti nennen?«

Verena hatte perfekte Grübchen wenn sie lächelte, und Nivedita stellte sich sofort vor, wie es wäre, mit ihr Sex zu haben. Dann stellte sie sich vor, wie es wäre, mit ihrem Hund Sex zu haben, verlor aber umgehend das Interesse und kehrte zur ersten Überlegung zurück. Das Treppenhaus erinnerte sie wie die Toilette an die Uni - Brutalismus meets Parkhaus -, und sie fühlte sich einen Moment lang wie Freida Pinto in Slumdog Millionaire, bis sie in einer spiegelnden Fensterscheibe bemerkte, dass ihr Kajal weniger nach smokey eyes aussah, sondern eher, als hätte sie auf dem Klo geheult.

Im Studio reichte ihr Verena ein absurd großes Paar Kopfhörer. Der Hund legte sich umständlich in eine Ecke und sah sie dabei unverwandt aus melancholischen braunen Augen an, als wolle er sein Mitgefühl für die Gesamtheit der menschlichen Gattung ausdrücken.

»Das ist Mona«, stellte Verena vor und Nivedita berichtigte sich: sie/ihr Mitgefühl.

»Hallo Mona«, sagte sie, woraufhin Mona sofort wieder aufstand und zu ihr kam, um sich stoisch streicheln zu lassen.

Auf dem Pult gab eine Ampel kontraintuitive Signale.

Grünes Licht: Warten.

Rotes Licht: Aufnahme läuft!

Verena zog das Mikrofon näher zu sich heran und begann: »Wo kommst du her? Über diese Frage wird heftig debattiert. Rassismus oder nur Interesse? Was dürfen wir noch sagen? Was dürfen wir um keinen Preis sagen? Und was sagt uns das alles? Im Studio ist die Bloggerin Nivedita Anand, laut dem Missy Magazine eine der PoCs, die wir kennen müssen. Nivedita, bevor du uns alle Fragen beantworten wirst, erklär doch erst einmal die Bezeichnung PoC, ohne die Worte >People< und >of< und >Colour< zu verwenden?«

Nivedita starrte Verena an, als hätte sie gesagt: Kannst du atmen, ohne Luft zu holen? Oder kannst du deine Mutter treffen, ohne sie wegen einer völlig unerheblichen Angelegenheit anzuschreien? Oder kannst du an Indien denken, ohne dass dir von der Leere, die sich sofort in dir ausbreitet, schwindelig wird? Dann hörte sie ihre eigene Stimme antworten: »PoCs, das sind die Menschen, die gefragt werden: Wo kommst du her?«

»Und wo kommst du her, Nivedita?«

Langsam fühlte sich Nivedita von Verena und ihren Grübchen verarscht. Sie wusste, dass die Frage lustig gemeint war. Provokation ergab gutes Radio. Aber sie konnte nicht zurückprovozieren, weshalb sie defensiv erwiderte: »Aus dem Internet. Ich lebe im Internet.«

Doch das schien genau die Antwort zu sein, auf die Verena gewartet hatte: »Unter dem Namen Identitti bloggt Nivedita über Identitätspolitik und .«

»Brüste«, warf Nivedita ein: Wie du mir, so ich dir.

»Mehr über Brüste oder mehr über Identitätspolitik?«, jubelte Verena. Und Niveditas Abwehr schmolz in der Sonne ihrer Begeisterung.

»Nicht nur über Brüste, ich blogge auch...

"Ein leichtfüßiger Debütroman über ein gar nicht leichtes Thema: die inneren Widersprüche postkolonialistischer Identitätspolitik." Anne-Catherine Simon, Die Presse, 20.02.21

"Was für eine gnadenlos witzige Identitätssuche, die nichts und niemanden schont. Man ist nach der Lektüre nicht bloß schlauer - sondern auch garantiert besser gelaunt." (Alina Bronsky)

"Wer sein Wissen ganz enorm erweitern will und dabei jede Menge Spaß haben und einfach ein tolles Buch lesen möchte, liest 'Identitti'." Volker Weidermann, Spiegel Online, 20.02.21

"Ein anregendes, gescheites Lesevergnügen, eine Einladung, noch dazu eine sehr lustige. . Sanyals Kunst besteht darin, die ganzen Identitätsdiskurse so komisch, so leicht zu erzählen. Mit einem Hauch magischen Realismus." Brigitte Kleine, ARD ttt, 21.02.21

"Dem Hass dem Debatten um Identitätspolitik und Rassismus oft ausgesetzt sind, hält Mithu Sanyal mit ihrem Roman hunderte Seiten voller Liebe, Pop und Intelligenz entgegen." Kristine Harthauer, SWR2 Literatur, 19.02.21

"'Identitti' diskutiert Fragen von Herkunft und Identität, gibt BIPoCs [Black, Indigenous and People of Color] in der deutschen Literatur eine Stimme." Thomas Hummitzsch, Freitag, 18.02.21

"'Identitti': der Titel knallt. Und knallig, da so gewagt wie witzig zugleich, ist auch der Roman selbst. Denn in dem befördert die studierte Kulturwissenschaftlerin eine der gewichtigsten Debatten unserer Zeit in den Schleudergang." Claudia Kramatschek, Deutschlandfunk Kultur, 13.02.21

"Ein Debatten-Roman, der gute Laune macht? Mithu M. Sanyal ist genau das gelungen. ... 'Identitti' zerpflückt literarisch die Fragen rund um Identitätspolitik - und nimmt sie gleichzeitig sehr unterhaltsam auf die Schippe." Laura Freisberg, BR2 Diwan, 14.02.21

"Das Romandebüt greift mitten hinein in die aktuellen Diskurse über Identitätspolitik und Rassismus. ... Ein Coming-of-Age- und Campusroman, in dem Theorie-Collagen ins Märchen kippen, wobei die Handlung munter, unterhaltsam und sogar spannend ihrem schließlich versöhnlichen Ende entgegenstrebt." Ronald Düker, Die Zeit, 11.02.21

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