Was bleibt, sind wir

Roman
 
 
Random House ebook (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen im Januar 2018
  • |
  • 384 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-641-21397-8 (ISBN)
 

Zwei Menschen. Ein Augenblick. Was wäre wenn?

Lucy und Gabe treffen sich mit Anfang zwanzig in einem Uni-Seminar, und diese Begegnung verändert ihr beider Leben für immer. Gemeinsam lernen sie die erste große Liebe kennen. Nur eines bedenken sie nicht: dass ihre Wünsche sie immer weiter auseinander treiben könnten. Lucy macht Karriere in New York, während Gabe als Fotograf um die Welt reist. Trotzdem können sie einander dreizehn Jahre lang nicht vergessen. Werden sie erneut zueinander finden? Ein einziger Augenblick könnte das entscheiden ...



  • Deutsch
  • München
  • |
  • Deutschland
Random House
  • 0,65 MB
978-3-641-21397-8 (9783641213978)
3641213975 (3641213975)
weitere Ausgaben werden ermittelt

Jill Santopolo lebt in New York und arbeitet als Lektorin. Sie hat bereits zahlreiche Jugendromane veröffentlicht und sich als erfolgreiche Autorin etabliert. Zudem reist sie als Dozentin durch die Welt und spricht über das Schreiben und Geschichtenerzählen. »Was bleibt, sind wir« ist ihr erster Roman bei Heyne.

4

Du hattest mir ein Mittagessen versprochen, deshalb gingen wir zurück in dein Wohnheim. Du sagtest, dass du nach dem Essen noch einmal mit deiner Kamera aufs Dach gehen würdest, um Fotos zu machen.

»Für den Spectator?«

»Die Unizeitschrift?«, fragtest du. »Nee. Für mich.«

In der Küche fiel mein Blick auf einige deiner Fotos, die dort herumlagen - Schwarzweißbilder, auf dem Campus aufgenommen. Die Fotos waren wunderschön, ungewöhnlich, in Licht getaucht. Die Motive waren so herangezoomt, dass alltägliche Gegenstände wie moderne Kunst aussahen.

»Was ist das?«, fragte ich. Nachdem ich das Foto eine Zeit lang betrachtet hatte, erkannte ich, dass es die Nahaufnahme eines Vogelnests war, ausgekleidet mit Zeitungen und einem Aufsatz über französische Literatur.

»Ach, das war unglaublich«, sagtest du. »Jessica Cho, kennst du sie? Sie singt a cappella und ist die Freundin von David Blum. Jessica hat dieses Nest, in das eine Hausarbeit eingeflochten war, von ihrem Fenster aus gesehen und mir davon erzählt. Also bin ich hin und habe mir das angesehen. Ich musste mich ganz weit aus dem Fenster lehnen, um es zu fotografieren. David hat mich an den Knöcheln festgehalten, weil Jessica Angst hatte, ich könnte hinunterfallen. Aber ich hab's geschafft.«

Nachdem ich diese Geschichte gehört hatte, sah ich dich mit anderen Augen. Du warst mutig, unerschrocken, du wolltest Kunst machen. Wenn ich zurückblicke, glaube ich, dass ich genau diesen Eindruck von dir bekommen sollte. Du wolltest mich beeindrucken, aber damals merkte ich das nicht. Ich dachte nur: Wow! Ich dachte: Er ist wunderbar.

Die Wahrheit ist, damals wie heute, dass du überall Schönheit siehst. Dir fallen Dinge auf, die andere Menschen gar nicht bemerken. Das habe ich von Anfang an bewundert.

»Willst du das später beruflich machen?«, fragte ich und zeigte auf die Fotos.

Du hast den Kopf geschüttelt. »Das mache ich nur zum Spaß«, sagtest du. »Meine Mutter ist Künstlerin. Du solltest ihre riesigen abstrakten Bilder sehen, die sind einfach großartig. Aber ihren Lebensunterhalt verdient sie mit kleinen Gemälden vom Sonnenuntergang in Arizona. So ein Leben will ich nicht. Ich will keine Bilder machen, nur weil sie sich verkaufen.«

Ich lehnte mich gegen die Arbeitsplatte und schaute mir die restlichen Fotos an. Rost, der in eine steinerne Bank sickerte, gesprungene Marmoradern, Patina auf einem Metallgitter. Schönheit, wo ich sie niemals vermutet hätte. »Ist dein Dad auch Künstler?«, fragte ich.

Dein Blick verfinsterte sich. Ich sah, wie hinter deinen Augen eine Tür zufiel. »Nein«, sagtest du. »Ist er nicht.«

Ich war in ein Gefahrengebiet geraten, von dem ich nichts geahnt hatte. Da ich dabei war, deine innere Landschaft zu entdecken, merkte ich mir den Ort. Und hoffte bereits in jenem Moment, dass ich dieses Terrain gut kennenlernen, mich irgendwann blind dort zurechtfinden würde.

Du warst still. Ich war still. Im Hintergrund plärrte der Fernseher. Der Nachrichtensprecher berichtete über den Brand im Pentagon und den Flugzeugabsturz in Pennsylvania. Das ganze Grauen dieses Tages stürzte wieder auf mich ein. Ich legte deine Fotos beiseite. Es schien falsch zu sein, mich in diesem Moment mit Schönheit zu befassen. Wenn ich heute zurückdenke, war es jedoch vielleicht genau das Richtige.

»Hast du nicht etwas von Mittagessen gesagt?«, fragte ich, obwohl ich nicht hungrig war. Obwohl die Fernsehbilder mir auf den Magen schlugen.

Die Tür hinter deinen Augen ging wieder auf. »Das habe ich«, sagtest du mit einem Nicken.

Du hattest nur Zutaten für Nachos. Also schnitt ich ganz mechanisch Tomaten und machte mit einem alten, verrosteten Öffner eine Dose Bohnen auf, während du Tortillachips in eine billigen Aluschale geschichtet und Käse in eine angeschlagene Müslischüssel gerieben hast.

»Was ist mit dir?», sagtest du, als ob uns unser Gespräch nicht für einen Moment entgleist wäre.

»Hm?« Ich drückte den Dosendeckel auf die Bohnen, damit ich ihn abnehmen konnte.

»Bist du Künstlerin?«

Ich legte den Deckel auf die Arbeitsplatte. »Nein«, sagte ich. »Ich schreibe Geschichten für meine Mitbewohner, kreativer bin ich nicht.«

»Worüber?« Dabei hattest du den Kopf auf die Seite gelegt.

Ich blickte zu Boden, damit du nicht sehen konntest, wie ich rot wurde. »Das ist sehr peinlich«, sagte ich. »Die Geschichten handeln von einem Minischwein mit Namen Hamilton, das versehentlich am College für Kaninchen angenommen wurde.«

Dein Lachen klang überrascht. »Hamilton. Ein Schwein«, sagtest du. »Ich verstehe. Das ist lustig.«

»Danke«, sagte ich und schaute dich wieder an.

»Das willst du also nach dem Studium machen?« Deine Hand griff nach dem Glas mit der Salsa und schlug den Deckel leicht gegen die Arbeitsplatte, damit er sich leichter aufdrehen ließ.

Ich schüttelte den Kopf. »Ich glaube nicht, dass es ein großes Interesse an Geschichten von Hamilton, dem Schwein, gibt. Ich hatte daran gedacht, in die Werbung zu gehen, aber auf einmal kommt mir das dumm vor.«

»Warum dumm?« Der Deckel ging mit einem Plopp auf.

Ich schaute zum Fernseher hinüber. »Hat das irgendeine Bedeutung? Werbung? Wenn das meine letzten Tage auf Erden wären, und ich würde mein gesamtes Erwachsenenleben damit zubringen, Kampagnen für geraspelten Käse oder Nachos zu entwerfen, hätte ich dann das Gefühl, dass mein Leben sinnvoll wäre?«

Du hattest dich mir zugewendet. Deine Augen sagten: Ich denke darüber nach.

Ich lernte mehr über deine Topografie. Vielleicht hattest du auch etwas über meine innere Landschaft gelernt. »Was macht ein sinnvolles Leben aus?«, fragtest du schließlich.

»Das versuche ich herauszufinden«, sagte ich. Meine Gedanken kreisten. »Ich denke, es geht darum, ein Zeichen zu setzen, in positiver Weise. Damit man eine bessere Welt verlässt als die, in die man hineingeboren wurde.« Daran glaube ich immer noch, Gabe. Mein ganzes Leben lang habe ich danach gestrebt, genau das zu erreichen. Und ich glaube, du hast das auch. Doch bis zu diesem Moment hatte keiner von uns auf diese Art über sein Leben nachgedacht.

Ich sah, wie sich dein Gesichtsausdruck veränderte. Ich war nicht sicher, was das bedeutete. Ich kannte dich noch nicht gut genug. Heute kenne ich diesen Blick. Er besagt, dass sich dein Blickwinkel verschiebt.

Du hast einen Chip in die Salsa getunkt und mir hingehalten. »Willst du?«

Ich biss ab, den Rest stecktest du dir in den Mund. Deine Augen glitten über mein Gesicht und an meinem Körper hinab. Ich spürte, wie du mich aus unterschiedlichen Blickwinkeln und unter verschiedenen Gesichtspunkten betrachtetest. Dann strichen deine Fingerspitzen über meine Wange, und wir küssten uns erneut. Dieser Kuss schmeckte nach Salz und Chili.

Als ich fünf oder sechs Jahre alt war, bemalte ich die Wand in meinem Kinderzimmer mit roter Wachsmalkreide. Ich glaube nicht, dass ich dir das jemals erzählt habe. Egal. Während ich also kleine Herzen und Bäume, Sonnen und Monde und Wolken zeichnete, wusste ich, dass ich das eigentlich nicht durfte. Das spürte ich tief in meiner Magengrube. Aber ich konnte einfach nicht aufhören. Ich wollte unbedingt meine Wand bemalen. Mein Zimmer war rosa und gelb gestrichen, aber meine Lieblingsfarbe war Rot. Ich wollte ein rotes Zimmer haben. Ich brauchte ein rotes Zimmer. Die Wand zu bemalen fühlte sich gleichzeitig vollkommen richtig und absolut falsch an.

Genauso war es auch an dem Tag, als ich dich kennenlernte. Dich inmitten von Tod und Unglück zu küssen fühlte sich vollkommen richtig und zugleich absolut falsch an. Ich konzentrierte mich auf das, was sich richtig anfühlte, so mache ich das immer.

Ich ließ meine Hand über deinen Rücken in die hintere Tasche deiner Jeans gleiten, und deine Hand rutschte in meine Hosentasche. Wir drückten uns aneinander. In deinem Zimmer klingelte das Telefon, aber das kümmerte dich nicht. Dann klingelte das Telefon in Scotts Zimmer.

Einige Sekunden später kam Scott in die Küche und räusperte sich. Wir ließen einander los, und du sahst ihn an. »Stephanie sucht dich, Gabe«, sagte er. »Sie ist noch dran.«

»Stephanie?«, fragte ich.

»Ach, niemand«, sagtest du, gerade als Scott antwortete: »Seine Ex.«

»Sie heult, Mann«, sagte Scott zu dir.

Du sahst unschlüssig aus, deine Augen wanderten von Scott zu mir und wieder zurück. »Könntest du ihr bitte sagen, dass ich sie in ein paar Minuten zurückrufe?«, sagtest du zu ihm.

Scott nickte und ging aus dem Raum. Du hast meine Hand genommen und deine Finger mit meinen verschränkt. Unsere Augen trafen sich, wie zuvor auf dem Dach. Ich konnte den Blick nicht abwenden. Mein Herz schlug schneller.

»Lucy«, sagtest du. Plötzlich war mein Name von Sehnsucht erfüllt. »Ich weiß, du bist hier, und deshalb klingt das seltsam, aber ich sollte Stephanie zurückrufen. Wir waren letztes Jahr zusammen und haben uns erst vor einem Monat getrennt. Dieser Tag .«

»Ich verstehe schon«, sagte ich. Merkwürdigerweise machte dich das noch sympathischer, dass du dich um Stephanie kümmern wolltest, obwohl ihr nicht mehr zusammen wart. »Ich sollte mich sowieso bei meinen Mitbewohnerinnen blicken lassen.« Im Grunde wollte ich nicht gehen. »Danke für .«, begann ich, wusste aber nicht weiter. Mir fiel nichts ein.

Du hast meine Finger gedrückt. »Dank dir ist dieser Tag mehr als nur der Moment...

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