Alles richtig gemacht

Roman
 
 
Penguin Verlag
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 19. August 2019
  • |
  • 240 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-641-23098-2 (ISBN)
 
Freunde kommen, Freunde gehen, Freunde bleibenEin funkelnd-wunderbarer Roman über die frühen und späteren Jahre des wiedervereinten Deutschland und eine helle Feier der Freundschaft.Thomas und Daniel kommen aus Rostock und sind noch jung, als es mit der DDR zu Ende geht, aber alt genug, um sich von der aufregenden neuen Zeit mitreißen zu lassen. Die ungleichen Freunde ziehen nach Berlin, das Leben scheint eine einzige Party. Doch irgendwann verschwindet Daniel. Als er Jahre später wieder auftaucht, wird Thomas' inzwischen bürgerliche Rechtsanwaltsexistenz gerade gewaltig durchgeschüttelt: Seine Frau ist weg und hat die beiden Töchter mitgenommen. Hat Daniel etwas damit zu tun, und wer hat hier überhaupt etwas richtig gemacht?
weitere Ausgaben werden ermittelt
Gregor Sander, geboren 1968 in Schwerin, lebt als freier Autor in Berlin. Für seine Romane und Erzählungen wurde er mehrfach ausgezeichnet. Sein Romandebüt »Abwesend« war für den Deutschen Buchpreis nominiert, sein Roman »Was gewesen wäre« wurde prominent besetzt verfilmt.

1. Montag


Noch fünf Minuten, dann hat es die Morgensonne über die Pappeln geschafft, und ich beschließe, so lange sitzen zu bleiben. Der Rasen ist noch taufeucht und frisch gemäht, und es gibt nicht vieles, das mich so beruhigt wie der Anblick und der Duft von frisch geschnittenem Gras. Spießig, klar, aber ist so.

Ich stelle die Kaffeetasse auf mein linkes Knie, und die Wärme durchdringt den Stoff sofort. Nur schwer konnte ich der Versuchung widerstehen, mir dazu eine Zigarette anzuzünden. Die Schachtel lag auf der Kaffeemaschine, neben der noch die Flasche Chardonnay vom Vorabend stand. Die war leer, die Schachtel ist es nicht, auch wenn nur noch drei Zigaretten darin stecken. Das muss wieder aufhören, denke ich. Das Saufen, diese Qualmerei, und überhaupt muss das alles wieder ins Lot kommen hier. In dem Moment treffen mich die ersten Sonnenstrahlen.

Die Fahne am Mast vor dem Haus knarzt im Wind. Das hier war die Ostberliner Botschaft von Libyen, als der Revolutionsführer Gaddafi dort noch sein Unwesen trieb. Inzwischen wohnen in den quadratischen Blöcken mit Flachdach überall Leute, auch wenn sie die Häuser nicht so billig gekauft haben wie wir damals. Dreihundertfünfzig Quadratmeter Wohnfläche und tausend Quadratmeter Garten mitten in der Stadt. Wenn man die Gästewohnung mitrechnet sogar vierhundertfünfzig Quadratmeter. Ghana betreibt im Viertel noch eine Botschaft, genau wie Kuba und noch ein, zwei Länder, die sich keine bessere Adresse leisten können als die Esplanade an der Grenze zwischen Pankow und Prenzlauer Berg.

Als die Künstlerin mich vor ein paar Wochen fragte, ob wir mitmachen würden bei einem Projekt, bei dem Fantasiefahnen vor die Häuser gehängt werden sollten, war ich mir gar nicht sicher, ob ich das wirklich eine gute Idee fand. Sie war klein, die Künstlerin, und dünn, fast wie ein Kind, aber ihr Haaransatz war grau. Ich stimmte zu, weil sie mir die Liste der Nachbarn vor die Nase hielt, die alle dabei sein wollten. Sie möchte daran erinnern, was für Gebäude das einmal gewesen sind, sagte die Künstlerin, und ich antwortete, dass das doch noch jeder wisse und außer den Leuten, die hier in den angrenzenden Plattenbauten wohnten, und den Kunden des ALDI, den sie zwischen die alten Botschaften gebaut haben, doch niemand hierherkommen würde. Aber sie tippte mit ihrem Kugelschreiber auf das Blatt Papier, das sie an einer Klemmmappe festgemacht hatte, und ich kam mir vor, als würde ich einen Versicherungsvertrag an der Haustür unterzeichnen. Was ich natürlich nie machen würde.

Libyen hatte eine erstaunlich große Anzahl von Flaggen, wenn man bedenkt, dass es das Land erst seit 1952 so richtig gibt. Die Kunsttrulla hat natürlich die aktuelle genommen, die, die wieder benutzt wird, seit der Revolutionsführer aus dem Amt gejagt und auch gleich umgebracht worden ist. Ich bin mir sicher, dass keiner meiner Nachbarn sagen könnte, wer da jetzt gerade wie regiert. Aber egal. Sie hat die Farben schwarz, weiß, rot und grün zu winzig kleinen Strichen variiert, so, als hätte sie die Fahne mit drei Längsstreifen, einem Halbmond und einem Stern geschreddert und dann wieder zusammengesetzt. Das Ganze sieht nun eher aus wie ein Schottenrock, der da am Mast weht. Zwischen 1971 und 2011 war die Flagge Libyens einfach nur grün gewesen. Die Farbe des Islam hätte dann über uns geweht.

Das hätte Agneszka gefallen, meiner Kanzleipartnerin. Gestern war ihre Stimme auf meiner Mailbox: »Ich weiß ja nicht, wie schlimm krank du bist, Thomas, und ob eine Woche reicht, aber es wäre gut, wenn du morgen da wärst. Kammergericht geht weiter, und auch sonst wäre es gut. Ach ja, und komm mit dem Auto.« Als sie das sagte, hatte sie fast schon aufgelegt. Warum soll ich mit dem Auto kommen?, denke ich, und wenn ich gestern abgenommen hätte, anstatt auf das Display mit Agneszkas Nummer zu starren, dann wüsste ich es. Aber ich wollte mit niemandem sprechen, gestern noch nicht. Doch Agneszka hat recht, eine Woche Blues ist genug.

Die Sonne scheint mir ins Gesicht, ich stehe auf, stelle die Tasse in die Spülmaschine und hole die Autoschlüssel. Der Nachbar verlässt grüßend seine Botschaft, um in einer Bank zu arbeiten. Ich nicke zurück, und meine Sonnenbrille fällt dabei wie ein Visier nach unten.

Ich fahre über die Bornholmer Brücke und den Wedding nach Moabit. Der Verkehr ist erträglich für diese Zeit, und ich bekomme auch einen Parkplatz direkt vor der Kanzlei. Das ist vielleicht ein etwas großes Wort für die Dreizimmer-Hochparterrewohnung. Aber immerhin gibt es Stuck an der Decke und ein altes Parkett, auch wenn mich das alles hier eher an eine WG erinnert als an Rechtsanwälte, zumindest sahen die Kanzleien, die ich während meines Studiums gesehen habe, anders aus. In der Gegend um die JVA Moabit, dem Knast, in dem Erich Honecker, Erich Mielke, Andreas Baader und Ernst Busch saßen, gibt es noch ganz andere Kanzleien. In Ladengeschäften oder auf Hinterhöfen. Trotzdem amüsiert mich das polierte Messingschild am Eingang immer noch: Lewocianka, Piepenburg und Kollegen.

Ich bin heute der Erste hier, Frau Möller, unsere Sekretärin, kommt immer Punkt neun. Der Nichtraucher, wie wir Salah nennen, der am Ende des schmalen Flurs sein Büro hat, kommt nicht vor elf, wenn er keine Verhandlung hat, und heute hat er offensichtlich keine. Er raucht natürlich wie ein Schlot, so wie der Nichtraucher im »Fliegenden Klassenzimmer«. Bleibt noch Agneszka, aber die will ja erst um zehn zu unserem Islamistenprozess kommen. Die Anwaltszimmer liegen alle zur Straße. Meines in der Mitte, das habe ich mir vor neun Jahren so ausgesucht.

Ich ziehe mein T-Shirt und die Jeans aus, ein paar Trainingsklamotten an, schalte mein Laufband hinter dem Schreibtisch an und haue mir die Alabama Shakes auf die Ohren. Bei »Don't wanna fight« komm ich in den Lauftakt und renne fünf Kilometer mit dem Blick gegen die Wand.

Frisch geduscht, im schwarzen Anzug und mit weißer Krawatte betrete ich das Kriminalgericht in der Turmstraße. Es gibt inzwischen Berliner Kollegen, die nicht mal mehr eine Robe benutzen, weil sie keine Distanz zum Angeklagten aufbauen möchten. Ich bin für Distanz manchmal ganz dankbar, und wenn schon Kammergericht, dann natürlich auch eine weiße Krawatte. Einen »weißen Langbinder«, wie es im schönen Amtsdeutsch heißt, und über die Robe brauchen wir gar nicht zu reden. Selbstverständlich trage ich sie beim Betreten des Saales. Ich begrüße den Angeklagten Mohammed R. in seinem vergitterten Verschlag hinter mir. Er ist maulfaul und genervt von der Haft und versteckt sich hinter seinem beeindruckenden Vollbart. Er war ein paar Wochen in Syrien, eingereist über die Türkei, um, wie er sagt, zu erkunden, ob er in dem neu entstehenden Islamischen Staat mit seiner Frau und seinen fünf Kindern leben könnte. Dabei soll er wohl an Kampfhandlungen teilgenommen haben, jedenfalls hat man entsprechende Filme auf seinem Handy gefunden, und nun ist er angeklagt wegen Unterstützung einer terroristischen Vereinigung, nur weil man ähnliche verwackelte Filmaufnahmen, die Leichen auf einem Schlachtfeld in Syrien zeigen, auch im Internet entdeckt hat. Mohammed R. sitzt in meinem Rücken. Seine schwarzen Augenbrauen sind zu einem Strich zusammengewachsen. Vermutlich hat er da unten gekämpft, aber ob man ihn dafür tatsächlich in ein deutsches Gefängnis stecken kann, bezweifle ich.

Die Besuchertribüne ist leer. Nur Mohammeds Frau sitzt dort, zumindest vermute ich, dass es seine Frau ist, denn sie trägt einen Gesichtsschleier, der nur einen schmalen Schlitz über ihren Augen frei lässt, und einen Tschador, der auch ihre Kleidung verdeckt. Wenn sie die Beine übereinanderschlägt, sieht man ihre neuen weißen Sneaker, ansonsten ist alles schwarz. Das Publikum, die Presse und die anderen Angehörigen kommen bei so einem Prozess am ersten und am letzten Tag. Dazwischen sind wir unter uns.

Eine junge blonde Frau vom BKA, die den ganzen Tag das Internet nach terrorrelevanten Videos oder postings durchforstet, ist als Erste geladen. Sie antwortet monoton und manchmal fast im gleichen Wortlaut, wie es in den Akten steht. Die fünf Richter des Staatsschutzsenats sind offensichtlich ausgeschlafen und gut vorbereitet, aber das ist ja auch kein Wunder, denn das ist gerade der einzige Prozess, der vor der großen Strafkammer läuft.

Sie haben also genügend Zeit zum Aktenstudium. Der Vorsitzende Richter, Paul Henning, trägt einen akkuraten Seitenscheitel, eine randlose runde Brille und gibt sich freundlich und verständnisvoll, aber er ist ein harter Hund. Eine Weile beobachte ich die beiden Ergänzungsrichter, die hinter dem eigentlichen Gericht sitzen. Wie Spieler auf der Ersatzbank, falls einer der fünf Richter ausfällt. Was nicht passieren wird. Aber sie müssen trotzdem dort sitzen, für den Fall der Fälle. Annedore Weiser, die mit verschränkten Armen in dieser zweiten Reihe sitzt, kämpft schon in der ersten halben Stunde sichtbar mit der Müdigkeit. Das wird heute nicht leicht für sie.

Ich werfe einen Blick auf die Kaiserloge, die leer ist wie immer, aber auch zu Zeiten Wilhelm Zwos soll dort nicht übermäßig Betrieb gewesen sein. Dann schließe ich mein Smartphone als Modem an meinen Laptop, um wenigstens ein paar E-Mails zu bearbeiten, während sich die blonde Dame vom BKA über eine Facebook-Seite der Salafisten auslässt.

Keine Mail von Stephanie, und auch die Zwillinge haben sich nicht gemeldet. Keine Mail, kein WhatsApp, kein Instagram. Das war aber auch nicht zu erwarten. Ich soll mich melden. Ich soll den Ball aufnehmen. Die beiden Töchter halten zur Mama, von der ich nicht mal weiß, wo sie ist. »Du kannst mich anrufen, wenn du mit mir reden...

»Eine ungemein unterhaltsame Lektüre. . Vor allem aber, und das ist die größte Stärke des Romans, lässt Sander den Lauf der Geschichte durch seine Figuren hindurchfließen.«
 
»Temporeich erzählt, aber nie atemlos. Schillernd, aber nicht abgedreht. Kunstvoll und dabei in handwerklicher Vollendung. Das ist ein richtig rasanter Roman: berührend, spannend, in Teilen wirklich unglaublich - aber dabei in jedem Satz glaubhaft.«
 
»Dieser staubtrockene, aber seewindumtoste Ton ist eigenwillig schön.«
 
»Mit präzisen, nostalgiefreien Strichen weiß der Autor Szenen und Stimmungen zu schaffen, die seinen Lesern sofort plastisch und lebensecht vor Augen treten und unterhält damit im besten Sinne.«
 
»Mit wunderbarer Leichtigkeit packt Gregor Sander große Themen an und erzählt mit seinem schönen, trockenen Humor eine ganz gegenwärtige Geschichte. ... Unterhaltsam, gehaltvoll und gut geschrieben.«
 
»Eines dieser Bücher, von denen man sich wünscht, sie mögen gar nicht enden.«
 
»Ein kunstvoll unprätentiöser Roman. ... Eine Geschichte von Freundschaft in der jüngsten Geschichte.«
 
»Vor allem aber ist Sanders dritter Roman die große, sentimentale Geschichte einer Freundschaft, eine Geschichte vom Sichfinden und -verlieren, Verschweigen und Vertrauen.«
 
»Es ist ein Buch über die Generation der heute 50-Jährigen: Wer waren wir, wer sind wir geworden? Diesen Fragen geht dieser Roman nach, witzig, bestürzend, liebevoll, detailgenau.«
 
»Kurzweilig, witzig und realistisch.«
 
»Gregor Sander hat mit >Alles richtig gemacht< einen wunderbaren zeitgeschichtlichen Roman geschrieben, den zu lesen eine Freude ist.«
BISAC Classifikation
Warengruppensystematik 2.0

Dateiformat: ePUB
Kopierschutz: Wasserzeichen-DRM (Digital Rights Management)

Systemvoraussetzungen:

Computer (Windows; MacOS X; Linux): Verwenden Sie eine Lese-Software, die das Dateiformat EPUB verarbeiten kann: z.B. Adobe Digital Editions oder FBReader - beide kostenlos (siehe E-Book Hilfe).

Tablet/Smartphone (Android; iOS): Installieren Sie bereits vor dem Download die kostenlose App Adobe Digital Editions (siehe E-Book Hilfe).

E-Book-Reader: Bookeen, Kobo, Pocketbook, Sony, Tolino u.v.a.m. (nicht Kindle)

Das Dateiformat ePUB ist sehr gut für Romane und Sachbücher geeignet - also für "fließenden" Text ohne komplexes Layout. Bei E-Readern oder Smartphones passt sich der Zeilen- und Seitenumbruch automatisch den kleinen Displays an. Mit Wasserzeichen-DRM wird hier ein "weicher" Kopierschutz verwendet. Daher ist technisch zwar alles möglich - sogar eine unzulässige Weitergabe. Aber an sichtbaren und unsichtbaren Stellen wird der Käufer des E-Books als Wasserzeichen hinterlegt, sodass im Falle eines Missbrauchs die Spur zurückverfolgt werden kann.

Weitere Informationen finden Sie in unserer E-Book Hilfe.


Download (sofort verfügbar)

12,99 €
inkl. 5% MwSt.
Download / Einzel-Lizenz
ePUB mit Wasserzeichen-DRM
siehe Systemvoraussetzungen
E-Book bestellen