Stadt-Wölfe

Unsere Hunde stark machen für die täglichen Herausforderungen der modernen Welt
 
 
GRÄFE UND UNZER Verlag GmbH
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 2. März 2021
  • |
  • 208 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-8338-7617-2 (ISBN)
 

In unseren Hunden schlummert wölfisches Erbe. Die Herausforderung ist, diese Naturinstinkte mit den Gegebenheiten im urbanen Umfeld in Einklang zu bringen. Als Sichtjäger stehen sie z. B. bei dem vorbeifahrenden Auto/Radfahrer/Bus vor der Herausforderung, nicht in den Jagdmodus zu verfallen. Und sicher sah die Natur nicht vor, dass ein Schäferhund mit seinen 250 Millionen Riechzellen den Abgasen und tausenden anderen Reizen ausgesetzt ist.

Wie schützen sich die Menschen vor dieser täglichen Flut? Und wie erleben unsere Stadt-Wölfe diesen Lebensstil? Masih Samin lebt selbst mit seien Hunden im Herzen Kölns. Seine Erfahrungen hat er in diesem Buch zusammengetragen, mit dem er Hundehaltern helfen will, ihren Alltag zu koordinieren.

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Masih Samin, 1987 in Kabul geborenen, ist Hundeverhaltenstherapeut, TV-Moderator mit eigener SAT1-Dokutainmentserie und Tierschützer. Bereits in jungen Jahren entdeckte Masih Samin den Schlüssel zu seinem heutigen Erfolg. Schließlich machte der Kölner aus seinem Talent eine Profession, indem er sich zum Hundeverhaltenstherapeuten ausbilden ließ. Heute arbeitet Masih Samin erfolgreich im deutschsprachigen Raum. Er gilt als DER neue Hundeflüsterer.

WILLKOMMEN IM LEBEN


Die Teenager-Rebellion drängte mich dazu, mit 17 von zu Hause auszuziehen - und plötzlich musste ich neben den Vorbereitungen aufs Abitur arbeiten, um mir mein Leben zu finanzieren. Schluss mit gewaschener Wäsche, Adieu voller Kühlschrank. Dafür begrüßte ich jede Menge Rechnungen und eine Kostenkalkulation über meine Ausgaben.

Ich veränderte mich und mein Lebensstil wandelte sich ebenfalls drastisch. Schneller, als mir lieb war, kam von Jahr zu Jahr mehr Verantwortung auf mich zu. Ich fing an, mir Gedanken über mein Leben zu machen und darüber nachzudenken, was ich eigentlich mit mir anfangen wollte. Ich erinnere mich, dass ein Lehrer in der zehnten Klasse uns nach unseren Berufswünschen fragte. Die meisten meiner Klassenkameraden hatten eine genaue Vorstellung davon, was sie machen wollten. Mein bester Freund zum Beispiel war sich sicher, dass er eine Karriere als Chemikant machen würde - was er im Übrigen auch sehr erfolgreich gemeistert hat. Nur ich wusste nicht, was ich werden wollte. Ich erinnere mich, dass mich allein der Gedanke daran, eine Entscheidung treffen zu müssen, wütend machte. »Wie kann man von einem so jungen Menschen erwarten, eine Entscheidung für das gesamte Leben treffen zu können?«, dachte ich. Ich wusste noch nicht einmal, was ich zu Mittag essen wollte, wie sollte ich da entscheiden, womit ich die nächsten Jahrzehnte meinen Lebensunterhalt finanzieren sollte.

Nach zwei kurzen Alibi-Studiengängen, die nur dazu dienten, Zeit zu schinden, nahm ich meinen ganzen Mut zusammen: Ich wollte lieber ein volles Herz als ein volles Portemonnaie. Vor allem aber wollte ich eine bewusste Entscheidung treffen. Nicht eine, die mich irgendwann ins Unglück stürzte. Und so fragte ich mich: »Welche Vorstellung hast du vom Leben? Was macht dich eigentlich glücklich - nicht nur heute, sondern auch in der Zukunft und vielleicht sogar bis ins hohe Alter? Was kannst du aus deinen Möglichkeiten machen? Welche Fähigkeiten zeichnen dich aus?«

»Schon als kleiner Junge fühlte ich mich stark zu Hunden hingezogen. Aber es sollte noch viele Jahre dauern, bis ich endlich erfuhr, was mir diese Tiere wirklich geben können.«

Ich liebte Tiere, insbesondere Hunde, das wusste ich. Sie faszinierten mich. Ich konnte sie stundenlang beobachten. In ihrer Gegenwart verspürte ich eine Ruhe, die mich für einen Augenblick von allem löste. Hunde waren für mich die unkomplizierteren Menschen. Schon als kleines Kind in Afghanistan beobachtete ich die Straßenhunde und fühlte mich wahnsinnig zu ihnen hingezogen. Doch was könnte ich mit dieser Liebe anfangen?

Wo meine Hunde sind, bin ich zu Hause. Erst durch sie fühle ich mich angekommen.

Irgendwann stieß ich auf den Begriff »Hundeverhaltenstherapie«. Ich hatte noch nie zuvor davon gehört und wusste nicht, dass es diesen Beruf überhaupt gab - und wie vielfältig er wirklich ist, sollte ich erst Jahre später bemerken.

Ich würde lügen, würde ich sagen, ich wäre mir von Anfang an zu 100 Prozent sicher gewesen. Meine Eltern hatten schließlich viel auf sich genommen, um mir und meiner Schwester unsere Freiheit zu ermöglichen. Mein Vater trug als junger Mann die gesamte Verantwortung für die Familie auf seinen Schultern und zog mit uns über drei Jahre hinweg erst von Afghanistan nach Pakistan, dann nach Russland und schließlich nach Deutschland. Er konnte damals nicht einfach so seinem Traum folgen und genoss nicht den Luxus, sich von seinem persönlichen Glück tragen zu lassen. Er hatte Pflichten. Ich wollte seinen Bemühungen gerecht werden und etwas aus mir machen. Mein Erfolg sollte ihm und meiner Mutter meine tiefe Dankbarkeit deutlich machen - auch wenn ich Erfolg anders definierte als sie. Aber mit Hunden arbeiten? In den Augen meiner Eltern war das definitiv kein richtiger Beruf. In ihrer Kultur ist angesehen, wer als Mediziner oder Jurist Karriere macht. Aber als Hundetrainer? Sicher nicht! Das hörte sich in ihren Ohren eher an wie Schlangenbeschwörer. Wie sollte ich ihnen bloß erklären, was ich vorhatte?

Auf der anderen Seite schnürte mir der Gedanke an einen »normalen« Job die Kehle zu. Ich war schon immer ein Querkopf und ich merkte, dass dies das Ende meiner sorglosen Teenagerjahre war. Der Ernst des Lebens hatte mich eingeholt und nun saß ich mitten in seinem Wohnzimmer und wusste nicht weiter.

Ich wohnte damals, mit Anfang 20, mit meiner Freundin in einer kleinen zentral gelegenen Dachgeschosswohnung. In dieser Zeit war ich recht in mich gekehrt und hatte sehr mit mir und meinen Gefühlen zu kämpfen. Ganz offensichtlich hatten die Erfahrungen, die ich als Kind und Heranwachsender gemacht hatte, ihre Spuren hinterlassen. Ich stellte mir die essenziellen Fragen des Lebens und suchte dringend nach Antworten - häufig vergeblich.

Selbst die langweiligste Straße kann für Hunde zu einer Herausforderung und damit zum Problem werden.

Daher müssen sie sicher sein, dass sie sich jederzeit an uns orientieren können und wir auf sie achten.

Wenn ich morgens auf dem Balkon meinen Kaffee trank, konnte ich die Menschen auf der belebten Straße vor meiner Wohnung beobachten. Sie erinnerten mich an einen Ameisenstaat, der sich seinen Weg durch die grauen Straßen der Stadt bahnte. Verrückt, wie alle simultan funktionieren, als hätten sie eine Choreografie eingeübt, dachte ich nur. Der Gedanke, meinen Kaffee auszutrinken und mich ebenfalls in diese Choreografie einzufügen, bedrückte mich. Ich wollte nicht »funktionieren«. Ich wollte nicht irgendeinen Job machen und von montags bis freitags ausharren, um völlig erschöpft das Wochenende zu erreichen. Nein, das wollte ich auf keinen Fall!

Ich redete mir ein, dass meine Eltern dafür sicher nicht all die Strapazen auf sich genommen hatten. Und vor allem hielt ich an der naiv-romantischen Vorstellung fest, dass das Leben zu kostbar sei und mein Wunsch nach Glück und Zufriedenheit zu groß, als dass ich ihn einfach verschwenden könnte.

Je älter ich wurde, desto mehr sah ich Köln aus einer anderen Perspektive. Alles, was mir bisher an dieser Großstadt gefiel, bedrückte mich plötzlich. Sie wurde mir zu laut, zu schnell, zu impulsiv. Ich hatte das Gefühl, dass alles um mich herum in einem Tempo anwuchs, dem ich niemals hinterherkommen könnte. Das Leben schien so viel mehr zu verlangen, als es meinen Fähigkeiten entsprach. Ich wollte den Zug anhalten oder rausspringen. Doch das ging nicht. Noch nicht. Doch dann wurde eines Tages alles anders. Lisel zog ein.

»Meine Hunde haben mich gelehrt, die Stadt mit ganz neuen Augen zu betrachten. Mehr noch: Sie haben mich gelehrt, mich selbst neu zu sehen.«

Mit 20 Jahren bekam ich meinen ersten eigenen Hund: eine kleine Terrierhündin, die ich vom ersten Augenblick an liebte. Ich wusste, dass sich von nun an alles verändern würde, denn mit Lisel erfüllte sich mein größter Wunsch. Alles fühlte sich plötzlich richtig an. Ich trug auf einmal Verantwortung für ein anderes Lebewesen. Mir gefiel diese Aufgabe, vielleicht auch weil ich nun nicht mehr nur über mich nachdenken musste. Erst später sollte ich erfahren, dass ich noch nie mehr über mich nachdenken musste als mit Hund.

Obwohl ich dachte, Köln wie meine Westentasche zu kennen, lernte ich mit Lisel völlig neue Ecken kennen. Ruhigere Ecken. Ich bemerkte eine ganz andere Lebensqualität. Bis dahin hatte ich nur die Hunde von Nachbarn und Freunden ausgeführt. Das hatte Spaß gemacht und ich war gut darin. Aber jetzt begann ich, meine Intuition mit Wissen über Hunde zu ergänzen. Ich arbeitete ehrenamtlich als Pflegestelle für den Tierschutz, nahm traumatisierte Hunde auf und veränderte ihr Verhalten - und ich verstand mehr und mehr, wie wichtig mein eigenes Verhalten dafür war. Ich hörte mehr auf mich und auf meinen Körper, ging achtsamer mit meinen Entscheidungen um und erfuhr mich auf gänzlich neue Art. Paradoxerweise lernte ich durch Hunde, wer ich als Mensch bin. Ich habe verstanden, dass ich das Leben oder die Umstände zwar manchmal nicht verändern kann, aber durchaus entscheiden kann, welche Wirkung alles auf mich hat und wie ich damit umgehe.

Ich studierte die Verhaltenspsychologie der Hunde und bekam gar nicht genug davon, mehr über die Tierwelt und insbesondere über Hunde zu erfahren. Ich hatte nun eine genaue Vorstellung von mir. Ich wusste, dass ich auf dem richtigen Weg war. Ich führte mit Lisel an meiner Seite die Hunde der Nachbarn aus, verbrachte viele Stunden auf Hundewiesen und studierte jede ihrer Verhaltensweisen. Ich hatte plötzlich einen Lebensgeist, für den es sich lohnte aufzustehen. Nach all den Jahren des Zweifelns tanzte ich plötzlich nach meiner eigenen Musik, in meiner persönlichen Choreografie.

Meine Hunde zeigen mir jeden Tag, wie sie ticken und wie ein harmonisches Zusammenleben funktionieren kann.

Finanziellen Erfolg hatte ich noch nicht, aber das war mir egal. Darum ging es mir nicht, darum ging es noch nie. Wie gesagt: Ich wollte ein volles Herz - und je mehr ich mich in meiner Berufung verlor, desto mehr füllte es sich.

Nichtsdestotrotz musste ich auch meine finanziellen Kosten decken. Ich arbeitete daher drei Nächte die Woche in einem Lager, in dem ich für 15 Euro die Stunde Tiefkühlkost aus LKWs umpackte. Anschließend ging ich noch einem Zweitjob nach und putzte den Friseursalon eines Bekannten. So verdiente ich mir etwas Taschengeld und konnte meine Studiengebühren und die unverschämt hohe Miete in Köln finanzieren. Ich mochte diese Zeit und finde sie bis heute wertvoll für...

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