Cassada

Roman
 
 
eBook Berlin Verlag
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 16. Februar 2015
  • |
  • 204 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-8270-7811-7 (ISBN)
 
Ein amerikanischer Air-Force-Stützpunkt im Deutschland der fünfziger Jahre: zwei Düsenjägerpiloten, in Marseille gestartet, versuchen bei schlechtem Wetter zu landen. Die niedrige Wolkendecke verhindert einen präzisen Anflug, den beiden geht der Treibstoff aus und sie geraten in eine verzweifelte Lage. Captain Isbell und Lieutenant Cassada sind Freunde und Rivalen zugleich, denn beide lieben sie dieselbe Frau und müssen sich nun trotzdem blind aufeinander verlassen.
  • Deutsch
  • Munich
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  • Deutschland
Berlin Verlag
  • 0,30 MB
978-3-8270-7811-7 (9783827078117)
weitere Ausgaben werden ermittelt
James Salter, 1925 in Washington, D.C. geboren und in New York aufgewachsen, wurde mit seinen großen Romanen »Lichtjahre« und »Ein Spiel und ein Zeitvertreib« auch in Deutschland berühmt. Er diente als Kampfflieger zwölf Jahre lang in der US Air Force und nahm 1957 seinen Abschied, als sein Debüt, Jäger, erschien. Seitdem lebte Salter als freier Schriftsteller in New York City und auf Long Island. Am 19. Juni 2015 verstarb James Salter wenige Tage nach seinem 90. Geburtstag in Sag Harbor. Er gilt als moderner Klassiker der amerikanischen Literatur.

I

Gegen Ende des Nachmittags saß Dunning im Büro, sah Papiere durch, leckte von Zeit zu Zeit am Daumen, wenn er eine Seite umblätterte. Beim Lesen legte er die breite Stirn in Falten, aber er war der Inbegriff von Ruhe, wie ein Richter, der Anklageschriften prüft. Draußen war der Himmel dunkel, die Wolken drohten Regen an. Das war schon seit dem Morgen so gewesen. Von Zeit zu Zeit drangen die Rufe der Krähen durch die Stille, die auf Zaunpfosten saßen oder auf nackten Ästen am Rande des Flugplatzes. Später Samstagnachmittag. Fast alle waren weg.

Ein tiefes Geräusch, zu Beginn kaum hörbar, ließ ihn den Kopf heben. Einen Moment schien er fast verwundert. Das Geräusch war schwach, aber es wuchs an, und es war nicht zu überhören, wie ferner Donner. Es waren Triebwerke, weit aufgerissen. Und sie schienen auf ihn zuzukommen. Er konnte sie hören, voll und nicht nachlassend, plötzlich sehr nahe, fast über ihm, sie donnerten die Landebahn hinunter, niedrig, aber in den Wolken. Er sah die Maschinen nicht. Dann waren sie vorüber, doch das Geräusch blieb da, schwer und prophetisch, bevor es langsam schwächer wurde und dann Stille hinterließ. Dunning griff zum Telefon, deutsches Fabrikat wie fast alles hier, und wählte eine Nummer. Während er darauf wartete, dass jemand antwortete, wandte er sich wieder zum Fenster. Es war vollkommen still, die Krähen hatte sich wieder in den Bäumen niedergelassen. Ungeduldig öffnete er das dünne Verzeichnis, um die Nummer noch einmal zu überprüfen, als eine Stimme sagte: »Wetterstation.«

»Geben Sie mir den Mann, der die Vorhersage macht«, befahl Dunning.

»Is nich hier, Sir.«

»Wo ist er?«

»Weiß nich. Vielleicht unten, Kaffee trinken.«

»Holen Sie ihn sofort an den Apparat.«

»Na ja, ich weiß nich so genau, wo er im Moment is. Kann er zurückrufen?«

»Nein, gottverdammt! Holen Sie ihn! Finden Sie ihn, los!«

»Ich darf die Wetterstation nicht verlassen«, sagte die Stimme klagend, fast beleidigt.

»Ist mir scheißegal, was Sie dürfen oder nicht. Hier ist Major Dunning. Sie suchen ihn jetzt auf der Stelle!«

Der Mann antwortete nicht, nur ein leises Atmen war zu hören.

»Haben Sie mich verstanden?«, sagte Dunning.

»Jawohl, Sir.«

»Dann holen Sie ihn endlich!«

Nach einem Moment hörte man, wie der Hörer hingelegt wurde. Dunning versuchte selbst, die Höhe der Wolkendecke abzuschätzen. Er konnte den Kontrollturm gerade noch sehen, der eine Meile von ihm entfernt war, die Signallampe an der Spitze drehte sich stetig, leer und blass, wie der Blick eines Blinden. Da waren dunkle, rauchige Wolkenfetzen in seiner Nähe, kaum höher als der Tower. Er schob das Fenster hoch, um besser hören zu können. Stille, umfassender noch, als sie ihm vorher erschienen war. Jemand nahm den Hörer auf. Ein Räuspern.

»Wettervorhersage hier.«

»Wer sind Sie?«, sagte Dunning fordernd.

»Sergeant McEnerny, Sir.«

»Wo zum Teufel sind Sie gewesen? Sie sind doch im Dienst, oder?«

»Ja, Sir«, sagte der Sergeant, »ich hab Dienst. Ich bin die ganze Zeit hier im Gebäude gewesen.«

»Ich krieg schon raus, wo Sie gewesen sind, machen Sie sich keine Sorgen. Wie sieht die Wetterlage aus? Jemand hat hier gerade einen missglückten Landeanflug gemacht.«

»Major Dunning, Sir?«

»Ja, das bin ich.«

»Gut, Sir«, sagte der Sergeant. »Nach unserer letzten Beobachtung ist die Wolkenuntergrenze durchgehend bei 500 Fuß«, er las von einem gelben Blatt Papier ab, »und eineinhalb Meilen Sicht in leichtem Nebel.«

»Wann haben Sie das denn gemessen? Gucken Sie mal aus dem Fenster.«

»Die Beobachtung wurde zur vollen Stunde gemacht. Das ist genau .«, eine Pause, »vor achtzehn Minuten.«

»Was hat Spangdahlen?«, sagte Dunning. Er konnte die Bewegung am anderen Ende hören, das Aufheben eines Klemmbordes.

»Moment. Sie melden etwas niedriger, Major. Sie sagen dreihundert.«

»Dachte ich mir.«

»Dreihundert aufgelockert, fünfhundert durchgehend, eine Meile Sicht im Nebel.«

»Das kommt der Sache schon näher.«

»Na ja, Sir, wir haben fünfhundert und anderthalb Meilen. Das ist der Stand.«

»Machen Sie noch eine Messung, Sergeant«, sagte Dunning, »und rufen Sie zurück. Das ist ein Befehl.«

Das Geräusch von Fußtritten unterbrach ihn. Jemand kam den Korridor heruntergelaufen. Ein Kopf erschien in der Tür. Godchaux, eins seiner Asse.

»Major?« Da war etwas in seiner Stimme.

»Was ist los?«, sagte Dunning, nun ganz wach.

»Das waren zwei von unsern.«

* * *

Dunning war Staffelchef, eine erhabene Position. Er war auf jener letzten Kommandoebene, bei der man noch alle Männer unter sich kennen konnte, etwa fünfunddreißig Piloten und hundertvierzig Mann, einige von ihnen Veteranen, andere in ihrer unvergesslichen ersten Einheit, viele darunter, die er beim Vornamen hätte nennen können, aber er sprach die Rangbezeichnung gerne aus, ließ sie von der Zunge rollen, Sergeant irgendwer, Lieutenant. Sein Mund zog sich dabei merkwürdig zusammen. Er kam aus den Südstaaten; er hatte einen Schuss Förmlichkeit im Blut.

Er war im Geschwader und darüber hinaus bekannt. Er war seit sechs Jahren Major, seine Frau, Mayann, war Vorsitzende des Clubs der Offiziersfrauen gewesen. Eine vom Pentagon in Auftrag gegebene vertrauliche Liste des Zwölften Geschwaders der Air Force hatte zwanzig Offiziere im Majorsrang aufgeführt, die ohne Rücksicht auf Dienstzeit für die Beförderung zum Lieutenant Colonel empfohlen wurden. Davis R. Dunning, Kommandeur der Vierundvierzigsten Jagdstaffel, war der erste Name darauf. Niemand wusste bisher, was aus der Liste geworden war, ob nach ihr verfahren werden würde.

Isbell war sein Einsatzoffizier und seine rechte Hand. Er war Captain, und er unterschied sich von seinem Major, er war äußerlich kühl und innerlich noch kühler, aber er hatte einen Fehler: Er war ein Idealist. Davon abgesehen, besaß er fast alles, was es brauchte. Er war erfahren, selbstbewusst, unermüdlich. Er hatte siebenhundert Flugstunden in der neuen Maschine und zweitausend in anderen, hundertsechzig davon bei Gefechtsflügen gegen die Russen und Chinesen in Korea, gefährliche Flüge am Yalu entlang. Außerdem kannte er Dunning gut. Sie waren jetzt seit mehr als zwei Jahren zusammen. Zusammen mit dem First Sergeant, Banda, einem Ex-Marine, bildeten sie ein Triumvirat. Alles, was zu tun und zu lassen war, ging von ihnen aus.

Giebelstadt. Es war typisch für Isbell, vor dem Morgengrauen aufzustehen, um sich um den Alarmflug zu kümmern. Es war Frühherbst. Der Sommer war kurz gewesen, etwa eine Woche statt der üblichen zwei, wie Dunning bemerkte. Früher Frost tönte das Gras silbrig und legte weiße Flecken auf die Planen, unter denen die Maschinen standen. Der kühle Geruch von Schnee war schon in der Luft, zusammen mit dem Krähen eines fernen Hahns. Isbell ging in der Dunkelheit zur Toilette hinunter. Das Wasser war laut, als er es anstellte. Eine Weile wärmte er die Hände darunter. Die Kälte drang durch die Flügelfenster.

Dunning schlief noch in ihrem Zelt, er lag wie ein alter Bär unter einem Haufen Decken. Er würde frühestens in einer Stunde aufwachen, stöhnend und die Arme streckend. Er schlief in seiner Khaki-Unterwäsche und empfing manchmal den First Sergeant darin - das verminderte seine Autorität nicht. Er würde zur Messe gehen, um einen Kaffee zu trinken, ein bisschen mit irgendjemandem, der gerade da war, reden, und dann zur Flugleitung hinüberwandern.

Isbell war schon die lange schwarze Straße hinuntergefahren, ins Offene hinaus, an den Bäumen vorbei, hinter denen die stille Start- und Landebahn lag wie ein geheimnisvoller Strom. Es war windig, ein deutscher Oktoberwind, kalt, mit ein paar Regentropfen darin. Sie waren zu Manövern hierher geschickt worden, es gab nur eine einsame Start- und Landebahn, das eine oder andere Gebäude. Sterne standen noch am Himmel und Positionslichter zwischen den in einer langen Linie parkenden Maschinen.

In der Wachstube saß Ferguson am Ofen, der Schürhaken hing in seinen Händen. Ein wütendes Geräusch erfüllte den Raum. Es kam vom Ofen, der am Boden rot glänzte, die Klappe und das Rohr glühten auch. Draußen tanzte ein Strom wilder Funken über dem dunklen Dach.

»Kommen Sie rein und wärmen Sie sich auf, Chef«, lud Ferguson ihn ein. »Ein Geschenk des >B<-Schwarms.«

»Es wird Ihnen heiß genug werden, wenn das Ding explodiert.«

»Das müssen wir riskieren, Cap'n«, sagte Ferguson. »Die Natchez versucht uns zu überholen.«

»Welche Natchez

»Sie ist direkt hinter uns, Cap'n. Nur 'ne halbe Seemeile zurück und holt die ganze Zeit auf.«

»Sie sollten lieber die Zugluft ein bisschen kleiner machen«, sagte Isbell.

Ferguson hob den Stiefel und stieß die Klappe zu.

Auf dem Fußboden lag eine Seite der Stars and Stripes, die er mit der glühenden Spitze des Schürhakens durchbohrt hatte. Ein Mädchen im Badeanzug nahm die ganze Seite ein. Nur ihr Kopf und ihre Schultern waren unberührt.

»Wann gehen Sie auf Bereitschaft?«

»In etwa fünf Minuten.«

Gerade als er das sagte, läutete das Alarmtelefon. Ein Leitungscheck. Als Ferguson auflegte, kamen die anderen nach und nach herein, händereibend stellten sie sich vor den Ofen. Godchaux war der Letzte. Er war zwanzig und gehörte der Staffel seit gut...

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