Wir töten nicht jeden

Kriminalroman
 
 
dtv (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 1. Juni 2011
  • |
  • 288 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-423-40762-5 (ISBN)
 

Fesselnd, komisch, kultig

Ein heißer Sommer. Ferienzeit. Pharmavertreter Juan Pérez Pérez freut sich auf vier Wochen Strand mit seinen Kindern. Doch just vor der Abreise erklären ihm seine Chefs, dass sein Urlaubsziel stattdessen ein FKK-Campingplatz am Meer sei. Juan Pérez Pérez kann sich ihnen nicht widersetzen - denn er hat eine zweite Persönlichkeit, von der sonst niemand weiß: Er ist die Nummer 3 einer internationalen Killer-Organisation. Wie üblich gibt man ihm die Autonummer des Opfers. Das bringt den hochkarätigen Killer in die Bredouille: Es handelt sich um den Wagen seiner Ex, der Mutter seiner Kinder. Warum hat man sie im Visier? Oder soll ihr Lover sterben? Oder will man etwa ihn, die erfolgreiche Nummer 3, ausschalten?

  • Deutsch
  • München
  • |
  • Deutschland
  • Format: EPUB
  • |
  • Format: EPUB
  • 1,72 MB
978-3-423-40762-5 (9783423407625)
weitere Ausgaben werden ermittelt

Carlos Salem, 1959 in Buenos Aires geboren, arbeitete nach dem Publizistikstudium für diverse Fernsehprogramme und jobbte nebenbei als Kellner, Taxifahrer, Buchhändler, Hotelportier, Werbegestalter, Radiosprecher, Drehbuchschreiber, Pizzabäcker und Vertreter für Mittel zur Kakerlakenbekämpfung. 1988 wanderte er nach Spanien aus, wo er zunächst für diverse Print- und TV-Medien arbeitete. Neben einigen Erzählungs- und Gedichtbänden hat er bisher fünf Romane veröffentlicht. ›Wir töten nicht jeden‹, sein zweiter Krimi, erhielt den Premio Novepol für den besten 2008 veröffentlichten Krimi und in Frankreich den Prix Paris Noir 2010. Seit 2000 lebt Salem in Madrid.

04


»Dein Problem ist, dass du gern schwimmst, dich dabei aber nicht nass machen willst«, sagte die ehemalige Nummer Drei des Öfteren zu mir. Auf seine Weise mochte er mich. Eine Weise, die ziemlich beschissen war.

Er warb mich an und brachte mir das Töten bei.

Und er war es auch, der mir erklärte, dass man ein schlechter Schütze sei, wenn man zweifele, weil die Kugeln das spüren würden.

Er hatte so viele Leute umgebracht, dass er, als er selbst an der Reihe war, noch die Professionalität seines Mörders benotete.

»Neun.ein.halb Punkte von . zehn .«

Das waren seine letzten Worte.

Ich weiß das, weil ich ihn selbst erschossen habe.

Manchmal vermisse ich ihn.

Er legte den Finger gern in die Wunden und war ein ausgefuchster Killer, dem absolut nichts entging.

»Töten, mein Junge, töten kann jeder. Die wahre Kunst besteht darin, einen kühlen Kopf dabei zu bewahren. Wer eine wilde Lust verspürt und einen Steifen kriegt, wenn er jemanden abknallen kann, ist kein guter Killer. Weil dann Gefühle mit im Spiel sind, verstehst du?«

»Du meinst ein körperliches .«

»Nein, nein, ich meine eine seelische Regung, Nummer Dreiunddreißig. Wenn ich einen Steifen kriege, bricht meine Frau in Tränen aus.«

Dreiunddreißig war damals vermutlich meine Position in der Rangordnung der FIRMA, manchmal nannte er mich aber auch spöttisch»Doc«, in Anspielung auf mein abgebrochenes Medizinstudium.

Zum Arzt habe ich es nämlich nie gebracht.

An jenem Abend, als ich Leticia kennenlernte, vernarrte ich mich sofort in ihre unbeschwerte, überschäumende Lebensfreude. Und natürlich in ihren Hintern, an dem ich mich nicht sattsehen konnte.

Ich lernte sie in einer Diskothek in einer dieser Vorstädte von Madrid kennen. Obwohl mehrere Mädchen mich umschwirrten, da ich am Nachmittag die Meisterschaft im Scheibenschießen gewonnen hatte, saß ich allein an der Theke. An diesem Abend fühlte ich mich jedoch anders als sonst: Ich war seltsam erregt. Wahrscheinlich wegen der Glückshormone: Zum ersten Mal seit langem hatte mich ein Sieg wieder berauscht, auch wenn ich es nicht zeigte. Deshalb trank ich. Beobachtete die Leute. Trank immer weiter.

Ich sah Leticia und den Blonden nicht kommen. Der Blonde war ebenfalls betrunken und zudem stinkwütend. Es war seine Heimatstadt, und er war als Favorit in den Wettkampf gegangen, aber als er sah, wie mühelos ich ihn überflügelte, ärgerte ihn das so, dass er mehrmals danebenschoss und zum Schluss gerade mal Sechster wurde.

»Sechster zu werden ist wirklich das Letzte!«, schrie er das Mädchen mit dem wundervollen Hintern an diesem Abend nun ein ums andere Mal an und verdrehte ihr dabei grob den Arm, weil sie versuchte, sich aus seiner Umklammerung zu befreien, während seine Kumpel so taten, als würden sie es nicht bemerken.

Und da geschah es: Die Theke der Disko verwandelte sich für mich plötzlich in das Deck eines Zweimasters und der Blonde in einen widerlichen englischen Offizier. Von hinten packte ich ihn an der Hand, sodass er sich zu mir umdrehen musste. Voller Verachtung sah er mich an - worauf ich ihm von meinem Barhocker aus einen solchen Kinnhaken verpasste, dass er nach hinten fiel. Sogleich stürzte sich einer aus seiner Clique auf mich, den ich mit einem kräftigen Tritt in die Eier außer Gefecht setzte. Beim nächsten verlor ich allerdings das Gleichgewicht, sodass ich mich an ihn klammern musste, um nicht zu Boden zu gehen. Ich war echt ziemlich besoffen.

Weil einige sich dann auf meine Seite schlugen, hielten sich die Kräfte bei der darauffolgenden Massenschlägerei jedoch in etwa die Waage. Leticia zufolge war ich von einem zum anderen geflogen und hatte, dreckig lachend wie ein Freibeuter beim Kapern eines englischen Schiffes, mit meinen Fäusten und mit Flaschen heftig ausgeteilt.

Das hatte sie zumindest früher immer behauptet, wenn wir auf die Schlägerei zu sprechen kamen, von der ich selbst nicht mehr viel wusste.

Das letzte Mal, dass sie mir das in Erinnerung gerufen hat, ist allerdings schon Jahre her.

Der Rest steht mir noch klarer vor Augen: Leticia, die mich gerade noch rechtzeitig aus dem Gewühl rausholte und nach draußen zerrte, bevor die Polizei anrückte; die Wohnung einer Freundin, wo wir uns zum ersten Mal liebten, und zum zweiten und zum dritten Mal, bis wir in dieser Nacht nicht mehr mitzählten; das Gefühl, alles um mich herum würde schwanken, wie es einem eben geht, wenn man auf hoher See ist und alle Segel gesetzt hat.

Leticia war die Tochter eines Halbgotts in Weiß, eines berühmten Chirurgen, der seine Praxis in jener Kleinstadt aus purer Sentimentalität behalten hatte, selbst aber schon lange in den besten Madrider Kliniken arbeitete.

Der Blonde, dem ich die Fresse poliert hatte, war Leticias Freund und studierte im zweiten Jahr Medizin.

Heute ist der Blonde ein angesehener Neurochirurg.

Ich hingegen brachte es nur bis zum Pharmareferenten.

Oder so was Ähnlichem.

»Dein Problem ist, Doc, dass du gern schwimmst, dich dabei aber nicht nass machen willst«, sagte die frühere Nummer Drei immer zu mir. »Wenn du jemanden ins Jenseits beförderst und es anschließend bereust, bist du wie eine Hure, der die Tränen kommen, nachdem sie kassiert hat. Ein guter Killer muss jedoch alles um sich herum vergessen und sich ganz auf seine Kugel konzentrieren. Okay, die Zielscheibe bewegt sich. Aber es ist nur eine Zielscheibe. Wenn du anfängst, darüber nachzudenken, ob sie vielleicht Familie hat, schießt du garantiert daneben. Und das macht es für die Zielscheibe nur noch schlimmer: Da sie nun mal dran glauben muss, stirbt sie entweder einen langsamen, qualvollen Tod, oder du musst ihr noch eine zweite Kugel in den Kopf jagen. Nein, das Beste ist, sich nicht ablenken zu lassen, zu zielen und es kurz und schmerzlos zu machen.«

»Und wo liegt mein Schwachpunkt?«, fragte ich ihn einmal.

»Du hast keinen, mein Junge, das ist ja das Schlimme. Du triffst eine Fliege noch auf hundert Meter Entfernung mitten in die Eier. Aber ich sehe dein Gesicht, kurz bevor du abdrückst. In dem Moment bist du nicht mehr du selbst, so als würde der Finger am Abzug einem anderen gehören. Und das kann böse enden, Nummer Dreiunddreißig. Man kann nicht schwimmen, ohne sich nass zu machen. Du zielst, denkst, gleich wird er umkippen und nicht wieder aufstehen, und schießt. Und er fällt tot um. So einfach ist das.«

Wenn man ein anderer sein will als der, der man ist, oder wieder der werden will, der man einmal hätte sein können, zieht man am besten in eine fremde Stadt. Bereits zwei Monate nachdem ich Leticia kennengelernt hatte, lebte ich in Madrid und hatte mich für Medizin eingeschrieben. Es war ganz einfach. Auf einmal war ich wieder der brillante, von allen bewunderte junge Mann, den alle mochten: die Dozenten, die Kommilitonen, ja sogar Leticias Vater.

»Dieser junge Mann wird es noch weit bringen«, sagte er zu seiner Tochter, als sie mich ihm vorstellte.

Leticias Vater verschenkte kein Lob. Nie.

Die Prüfungen am Ende des erstes Studienjahrs bestand ich mit guten Noten. Ich wollte gerne glauben, dass die Medizin mein Ding war. Dass ich dazu geboren war.

»Manche Menschen sind einfach dazu bestimmt, Menschenleben zu retten, und du bist einer davon«, sagte Leticias Vater damals.

Wenn der wüsste.

Im zweiten Jahr setzte sich mein vielversprechender Start fort, und Leticias Vater legte uns nahe, zu heiraten; dann könne er auch das Studium seines Schwiegersohns finanzieren, meinte er, es sei nämlich ein Jammer, dass ein so brillanter Kopf nebenher jobben müsse, anstatt sich auf seine Karriere zu konzentrieren.

»Betrachte es als Investition«, sagte er und klopfte mir väterlich auf die Schultern.

Das dritte und vierte Jahr absolvierte ich daraufhin mit Auszeichnung, im fünften - unsere Tochter war soeben zur Welt gekommen- ging ich jedoch von der Fakultät ab und begann als Vertreter für ein großes Pharmaunternehmen zu arbeiten. Und das, obwohl ich eigentlich vorgehabt hatte, mich hinter mein Studium zu klemmen und mich vorzeitig zu den Prüfungen der höheren Semester anzumelden.

Mein Entschluss kam für alle völlig unerwartet. Leticia suchte in meinen Augen zwar noch nach dem Piratenkapitän, in den sie sich fünf Jahre zuvor verliebt hatte, doch vergeblich - von heute auf morgen war aus dem Überflieger wieder der unscheinbare Durchschnittstyp geworden, dem die Supermami heute Mittag im Fahrstuhl gegenübergestanden hat.

Seit dem unglücklichen Zweikampf hinter der Schule waren zehn Jahre vergangen.

Ich hatte Tony in der medizinischen Fakultät wiedergetroffen.

Er trug eine Klappe über dem Auge.

Ich hätte schwören können, dass es noch immer dieselbe Klappe war.

»Dein Problem ist, dass du gern schwimmst, dich dabei aber nicht nass machen willst«, sagte die ehemalige Nummer Drei immer zu mir. »Du bist der einzige Mörder, den ich kenne, der noch Scham besitzt. Nur ist die völlig fehl am Platz, mein Junge, denn unser Geschäft ist der Tod. Und dabei geht es unweigerlich um die nackte Existenz, genau wie im Leben.«

Ich hatte ihn gerngehabt, die alte Nummer Drei. Aber wenn ich ihn nicht damals, als es mir befohlen wurde, umgebracht hätte, müsste ich es jetzt tun.

Damit er endlich aufhört, sich über mich lustig zu machen.

...

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