Emotionen und Affekte in der Psychotherapie

 
 
Hogrefe (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 11. Juni 2014
  • |
  • 221 Seiten
 
E-Book | PDF mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-8409-2623-5 (ISBN)
 
Ängste, Trauer, chronischer Ärger bei fast allen psychotherapeutischen Prozessen spielen Emotionen eine zentrale Rolle. Klienten formulieren häufig selbst den Wunsch, die eigenen Gefühle besser verstehen und regulieren zu können. Für Therapeuten ist daher das Wissen, wie solche Emotionen psychologisch funktionieren und wie sie effektiv therapeutisch bearbeitet werden können, unentbehrlich.
In diesem Buch wird erstmals zusammengetragen, was die Emotionspsychologie zum Verständnis klinisch relevanter emotionaler Reaktionen beitragen und wie dieses Wissen durch Erfahrungen aus der psychotherapeutischen Praxis ergänzt werden kann. Auch das verwandte Phänomen der felt senses körperliche Reaktionen, die in bestimmten Situationen mehr oder weniger klare Hinweise auf die Motive, Annahmen und Bedürfnisse des Klienten geben können wird mit einer psychologischen Theorie unterfüttert und in den Therapieprozess integriert. Es wird der allgemeine therapeutische Umgang mit Emotionen und auch der Umgang mit spezifischen Emotionen sowie das Erzeugen von Gegenemotionen erörtert. Weiterhin werden Focusing und imaginative Techniken behandelt sowie das Konzept der Achtsamkeit vorgestellt.
1. Auflage 2014
  • Deutsch
  • Göttingen
  • |
  • Deutschland
  • 1,69 MB
978-3-8409-2623-5 (9783840926235)
weitere Ausgaben werden ermittelt
1 - Emotionenund Affekte in der Psychotherapie [Seite 1]
2 - Inhalt [Seite 7]
3 - 1 Einleitung: Worum es uns geht [Seite 11]
4 - 2 Emotionspsychologie und Psychotherapie [Seite 17]
5 - 3 Von Affekten zu Emotionen durch interpersonale Regulation [Seite 31]
6 - 4 Bedeutung von Affekten [Seite 36]
7 - 5 Implikationsstrukturen von Emotionen [Seite 49]
8 - 6 Schemata und ihre Relevanz fu¨r affektive und emotionale Verarbeitung [Seite 58]
9 - 7 Therapeutischer Umgang mit Emotionen [Seite 75]
10 - 8 Grundlagen der Emotionsregulation [Seite 90]
11 - 9 Entwicklung von Emotionsregulationskompetenz [Seite 110]
12 - 10 Therapeutischer Umgang mit Trauer [Seite 123]
13 - 11 Therapeutische Arbeit mit Affekten: Allgemeine Prinzipien [Seite 137]
14 - 12 Emotionen, Affekte und das Konzept der Achtsamkeit [Seite 140]
15 - 13 Focusing: Die Repräsentation affektiver Bedeutungen [Seite 158]
16 - 14 Die Erzeugung von Gegenaffekten [Seite 181]
17 - 15 Der therapeutische Umgang mit Träumen [Seite 185]
18 - Literatur [Seite 193]
ÿþ2.1.2 Drei Perspektiven der Emotionsentstehung

Die Frage, warum Menschen Emotionen haben und welche Funktion sie erfüllen, kann aus drei unterschiedlichen Perspektiven beantwortet werden: Einer evolutionspsycho- logischen (aus welchem Grund haben sich Emotionen entwickelt?), einer ontogeneti- schen (wie hängt das Emotionserleben mit der Lerngeschichte eines Menschen zusam- men?) und einer aktualgenetischen (wie entstehen Emotionen in einer aktuellen Situation?).

Aus einer evolutionspsychologischen Perspektive haben sich Emotionen als ein Ver- haltenssystem entwickelt, dass es Menschen und Tieren erlaubt, schnell und effizient auf vital bedeutsame Ereignisse zu reagieren, die eine Gefahr für das eigene Wohlerge- hen oder eine außerordentlich Gelegenheit zur Steigerung der eigenen Fitness signali- sieren. Menschen verfügen demnach ebenso wie die ihnen evolutionär verwandten nichtmenschlichen Primaten über eine begrenzte Anzahl an Basisemotionen, die spezi- fischen adaptiven Problemen in Zusammenhang mit Selbsterhaltung oder Fortpflan- zung zugeordnet werden können (siehe Abbildung 2.1). Emotionen koordinieren ko- gnitive, physiologische und behaviorale Prozesse mit dem Ziel, adaptive Probleme möglichst rasch, im Hier-und-Jetzt zu bewältigen. Zum Beispiel reagieren Primaten wie Menschen auf einen Eindringling in das eigene Territorium bzw. auf ein Über- schreiten der eigenen Grenzen mit einer perzeptuellen Zuwendung (der andere steht im Zentrum der Aufmerksamkeit), der Aktivierung des sympathischen Nervensystems (die auf energisches Handeln vorbereitet) und einem mimischen Ausdruck, der dem an- deren signalisiert, dass man sein Territorium notfalls auch verteidigen wird. Aus dieser Sicht haben Menschen Emotionen, weil sie schon unseren nichtmenschlichen Vorfah- ren über tausende von Jahren dabei geholfen haben, den eigenen Körper zu schützen, nahestehende Menschen nicht zu verlieren, das eigene Territorium gegen Feinde zu schützen und Nachkommen zu zeugen. Und auch wenn sich das menschliche Emo- tionserleben nicht im Kampf und Ressourcen, der Abwehr von Gefahren und der Lust erschöpft, so ist es dennoch notwendig, festzustellen, dass dieses sehr basale Verhal- tenssystem fest im Urgrund unseres Wesens verdrahtet ist und den Ausgangspunkt für alle emotionalen Prozesse, auch die darauf aufbauenden spezifisch menschlichen, bildet.

Dass das menschliche Emotionserleben im Vergleich zu nichtmenschlichen Prima- ten an Komplexität gewonnen hat, hat mehrere Gründe. Aus der ontogenetischen Per- spektive wird dafür einerseits die Lerngeschichte verantwortlich gemacht. Vereinfacht gesprochen sind emotionale Reaktionen demnach ein Niederschlag der Erfahrungen, die ein Mensch mit ähnlichen Situationen in der Vergangenheit gemacht hat. Erfah- rung ist hier sehr weit gefasst und beinhaltet sowohl Prozesse des klassischen Kondi- tionierens als auch kognitive Interpretations- und Verdichtungsprozesse, die zu der Entwicklung von kognitiven und affektiven Schemata führen. Der weitaus wichtigere Grund, dass unser Emotionssystem an Komplexität gewonnen hat, liegt in der mensch- lichen Fähigkeit, ein Bild der eigenen Person, der eigenen Bedürfnisse, Wünsche und Merkmale, kurz ein Selbst zu entwickeln.

Wir verstehen unter dem Selbst in Einklang mit Fonagy et al. (2004) und Kuhl (2001) eine Verdichtung aller bedürfnisrelevanten Beziehungserfahrungen eines Individuums, oder anders gesagt, als Niederschlag der Beziehungsbotschaften, die ein Mensch im Hinblick auf interaktionelle Grundbedürfnisse (Motive wie Anerkennung, Wichtigkeit, Verlässlichkeit, Solidarität, Autonomie und Gren- zen, vgl. Sachse, 2006b) erhalten hat. Neben eher bewussten Anteilen wie dem Selbstkonzept und den von einer Person angestrebten Zielen (die identitätsstif- tenden Charakter haben, siehe Brunstein, 1993) sowie idealisierten Anteilen (dem Ideal Self nach Higgins, 1987), umfasst das Selbst nach Kuhl (2001) ein komplexes, umfassendes Geflecht von Erfahrungen und autobiographischen Er- innerungen, die sich weniger in deklarativen Wissenstatbeständen, sondern eher in emotional gefärbten Wünschen, Phantasien und Zielen mitteilen.

Bereits James (1890) hat darauf hingewiesen, dass das Selbst zwei Perspektive kennt: Aus einer Innenperspektive (dem I oder Ich) nimmt man den eigenen Bewusstseins- strom mit den dort auftauchenden Wahrnehmungen, Gedanken, Wünschen und Phan- tasien wahr. Spezifisch menschlich ist die Fähigkeit, die eigene Person zum Gegen- stand der Betrachtung zu machen und damit sich selbst wie mit den Augen anderer Menschen wahrzunehmen (nach James das Me oder eben das Selbst). Diese Fähig- keit führte zur Entwicklung selbstwertrelevanter Emotionen wie Scham, Schuld und Stolz (Bischof, 2012).

Durch die Existenz des Selbst können aus evolutionär noch recht simplen Emotio- nen hochkomplexe Erlebensmuster werden. Das wohl beste Beispiel dafür ist das Phä- nomen der Liebe. Die aus der evolutionär der Brutpflege entstammende und durch se- xuelle Lust aufgeladene Emotion wird beim Menschen zu einer Frage der Selbstakzep- tanz: Werde ich geliebt, dann bin ich (ist mein Selbst) akzeptabel, gut und schön. Werde ich abgelehnt, dann bin ich als ganze Person durch und durch wertlos. Entsprechend findet sich Eifersucht als primitive Ärgeremotion bei nichtmenschlichen Primaten; beim Menschen wird diese einfache Emotion durch eine Vielfalt von selbstrelevanten Einschätzungen ( was hat er, das ich nicht habe? ) überformt und gewinnt dabei an (oft destruktiver) Energie. Ein weiteres Beispiel: Primaten können bei schweren Verlusten, wie etwa dem Tod eines Familienmitglieds, einen Zustand empfinden, der strukturell einer menschlichen Trauerreaktion gleicht. Beim Menschen führen solche Verluste aufgrund der Existenz des Selbst zu weitreichenderen psychologischen Erschütterun- gen, die u.a. die Revision von Zukunftsplänen (erwarteten Interaktionen) einschließt. Unsere Kernaussage ist, dass Emotionen auf menschlicher Ebene durch die selbstrele- vanten Implikationen eines Ereignisses entstehen.

2.2 Der Sinn von Emotionen

Emotionen haben für ein Individuum eine wichtige Funktion: Emotionen dienen dazu, die Umgebungsreize nach Aspekten persönlicher Relevanz zu scannen und den Or- ganismus darüber zu informieren, ob alles in Ordnung ist oder ob Störungen auftre- ten: Treten Störungen auf, werden diese systematisch analysiert und sollten diese Stö- rungen relevant sein, wird Alarm gegeben. Aufgrund dieses Alarms sollte und kann der Organismus dann reagieren: Er kann schnelle Handlungen einleiten, um z.B. Gefahr wirkungsvoll abzuwenden, er kann aber auch gründlichere Situationsanalysen einlei- ten, um die Störung genau zu erfassen; er kann problemlösendes Verhalten initiieren, um die Störung nachhaltig zu beseitigen u.ä. Emotionen dienen somit dazu, eine schnelle Reaktion zu ermöglichen und damit ei- ne schnelle Anpassung an Situationen zu erlauben; Emotionen dienen aber auch dazu, den Organismus zu komplexerem Handeln zu motivieren, um Störungen u.U. gründli- cher und langfristiger zu beseitigen.

Emotionen sind damit sehr wesentliche Informationsquellen, die zur optimalen An- passung an die Realität von großer Bedeutung sind.

Bedauerlicherweise können emotionale Verarbeitungen aber auch falsch program- miert werden: Wie wir sehen werden können ungünstige Schemata emotionale Verar- beitungen stark beeinflussen und damit bewirken, dass Emotionen keine adaptive Funktion mehr haben, sondern stark dysfunktional wirken. In diesen Fällen informie- ren die Emotionen über die Notwendigkeit, Psychotherapie zu machen und den emotio- nalen Verarbeitungen damit ihre adaptive Funktion zurückzugeben.

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