Phantom

Thriller
 
 
Piper (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 9. März 2015
  • |
  • 464 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-492-96801-0 (ISBN)
 
Sie verwenden kein Telefon, kein Internet, keine Banktransaktionen. Niemand weiß, wer sie sind, sie hinterlassen keine Spuren. Sie sind ein Phantom. Solveigh Lang von der Europapolizei ECSB und Kriminalhauptkommissar Paul Regen sind auf der Jagd nach einer Gruppe gewaltbereiter Terroristen, die sich allen modernen Ermittlungstechniken entzieht. Sie müssen ihre Arbeit vollkommen neu erfinden. Und dabei dürfen sie keine Zeit verlieren, denn der nächste Anschlag steht unmittelbar bevor .
  • Deutsch
  • München
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  • Deutschland
Piper ebooks in Piper Verlag
  • 1,01 MB
978-3-492-96801-0 (9783492968010)
weitere Ausgaben werden ermittelt
Jenk Saborowski, geboren 1977 im Taunus, studierte Publizistik und Germanistik und zog nach New York. Er organisierte die erste interaktive Hundeschau der Welt, betextete unzählige Reklametafeln und arbeitete bei mehreren Medienunternehmen, bevor er sich der Schriftstellerei zuwandte. Heute lebt der Autor mit seiner Frau und seiner Tochter in München und Frankfurt.

TEIL 1


Der tote Informant, Kriegsopfer und ein neuer Job


PROLOG

Frankfurt, Deutschland


18. 01. 2014, 17.22 Uhr


Hadi Farhan wischte mit dem Tuch aus der blau gekennzeichneten Verpackung über die blanke Edelstahlfläche und beobachtete den roten Streifen am Horizont mit Sorge. Das Ambulanzzimmer war klein, aber es gab viele Flächen unter den Schränken und immer die Gefahr, dass jemand hereinplatzte. Hadi beeilte sich mit den Schranktüren und widmete sich danach dem Boden. Der Feudel schwang fröhlich über das graue Linoleum. Er machte seine Arbeit gerne, obwohl ihnen der Schichtleiter fast monatlich neue Zeitvorgaben machte, die immer schwerer einzuhalten waren. Wer sich beschwerte, flog, so einfach war das. Also beschwerte sich niemand mehr. Hadi nicht, die Kollegen aus dem Senegal nicht und die Rumäninnen auch nicht. Der einzige Deutsche in ihrem vierzig Mann starken Trupp, der für diesen Teil der Universitätsklinik verantwortlich war, war der Schichtleiter. Ein kleiner unfreundlicher Mann mit einem Schnauzbart, der nur lächelte, wenn sich jemand beschwerte.

Als Hadi den Mopp mit dem Klarwasser auswrang, war die Sonne untergegangen. Er rollte den Reinigungswagen neben die Tür und spähte nach draußen. Bis auf eine Schwester, die mit einem Klemmblock vor dem Stationszimmer stand, war der Flur leer. Hadi schloss die Tür leise und zog den Wagen direkt unter die Klinke. So gewann er zumindest ein paar Sekunden Vorwarnung. Er würde nicht lange brauchen für das, was er vorhatte.

An einem kleinen Waschbecken wusch Hadi sich Gesicht und Arme. Dann zog er eine schmale Plastikrolle aus dem Reinigungswagen, die er bei Schichtbeginn zwischen die Flaschen mit den Putzmitteln gestellt hatte. Es war eher eine Plane als ein Teppich, aber der Imam sagte, es wäre in Ordnung. Der Imam der Fatih-Moschee war ein deutscher Konvertit, aber seine Lehre und seine Überzeugung standen selbst für die iranischstämmigen Muslime wie Hadi außer Zweifel. Er hatte beobachtet, dass die Deutschen konservativer sein konnten als die meisten Muslime, die mit ihrem Glauben aufgewachsen waren. Hadis eigenes Weltbild war moderner geprägt als das seines Imam. Aber es war nun einmal seine Moschee, zu der er gehörte wie der Wischmopp zu seiner Arbeit. Beides war einfach da, weil es schon immer so gewesen war. Hadi war niemand, der gerne hinterfragte, was offensichtlich so sein sollte. Seine Weltanschauung war einfach, aber effektiv. Er breitete das Tuch im 45-Grad-Winkel zur Tür auf dem Boden aus. Beim ersten Mal hatte er den Kompass seines Handys benutzt, um herauszufinden, in welcher Richtung Mekka lag. Er hatte diesen Raum schon oft für das Ischa-Gebet genutzt.

Dann zog Hadi die Schuhe aus und ging auf die Knie.

Um 22 Uhr 30 verließ Hadi die Universitätsklinik nach einer Standpauke ihres Schichtleiters. Sie hatten wieder einmal eine Viertelstunde länger gebraucht als vorgesehen. Zwar entstand ihrem Arbeitgeber kein finanzieller Schaden, da die Viertelstunde ohnehin nicht bezahlt wurde, aber darauf schien es ihm auch gar nicht anzukommen.

Als Hadi vor der Klinik auf die Straßenbahnlinie 15 wartete, zog er den Reißverschluss seiner Adidas-Trainingsjacke zu und beobachtete einen großen Jet bei der Landung auf dem nahen Flughafen. Seine blinkenden Positionslichter signalisierten den Ruf fremder Länder. Vielleicht kam der Jet sogar aus seiner Heimat. Hadi war im Iran geboren, lebte aber seit seinem zehnten Lebensjahr bei einem Onkel in Frankfurt. Er vermisste nichts am Iran, weder sein Land noch seine Eltern. Beides war ihm fremd. Seine Heimat war Deutschland, auch wenn das bedeutete, dass er auf Jobs angewiesen war, die kein Deutscher mehr erledigen wollte. Für Hadi ging das in Ordnung. Er konnte es sich leisten, mit der Straßenbahn zu fahren. Er hätte sogar Geld für ein eigenes kleines Zimmer gehabt, wenn er Verwendung dafür hätte. Sein Leben war einfach, aber er kam zurecht. Nicht, dass er jemals viel vom Leben erwartet hätte. Er wusste, dass er die Schule nicht hätte hinschmeißen dürfen, solange er noch Träume hatte. Hadi war nicht an seinen eigenen Träumen gescheitert, sondern an denen der anderen. Niemand, mit dem er befreundet war, hatte Interesse an einem Schulabschluss gezeigt. Und so hatten sie sich gegenseitig darin bestärkt, dass es das Richtige war, erwachsen zu werden und sich möglichst früh eine Arbeit zu suchen. Es war das Leben, das Hadi kannte. Er versuchte die Gebete einzuhalten - vor allem, seit seine Freunde darauf immer mehr Wert legten. Sie lernten die Suren wie andere Vokabeln. Und Hadi war gut darin, sich Dinge zu merken, auch wenn sie auf den ersten Blick kompliziert wirkten.

An der Gartenstraße stieg er in die 16 Richtung Hauptbahnhof um. Er fragte sich, was der Imam von ihm wollte. Er hatte um ein persönliches Gespräch gebeten, es ginge um Hadis Zukunft.

Hadis Verhältnis zum Imam war kompliziert. Er respektierte ihn als das Oberhaupt seiner Gemeinde. Er war ein gläubiger Muslim. Aber die Abende in der Moschee bereiteten ihm zunehmend Bauchschmerzen. Nicht die Gottesdienste oder das Auswendiglernen der Suren, sondern das Programm für die ganz Jungen: die Diskussionsabende und die Vortragsreihen. Manchmal wurde nur Geld gesammelt, das Hadi nicht hatte, aber manchmal wurde auch davon gesprochen, was einen Muslim ausmachte. Und Hadi glaubte nicht, dass so etwas zu seinem Glauben gehörte.

Am Hauptbahnhof angekommen, machte er sich auf den Weg in die Niddastraße, in der das Gemeindezentrum lag. Die Moschee befand sich im Hinterhof eines Reisebüros, das auch Bestattungen verkaufte, was insofern Sinn ergab, als dass gläubige Muslime in heimatlicher Erde bestattet werden wollten und bereit waren, dafür den Wert eines Kleinwagens zu investieren. Der Bestatter war der Vermieter der Gemeinderäume, was für den Erhalt des chronisch klammen Vereins nach deutschem Recht von großer Bedeutung war. Hadi glaubte nicht, dass der Bestatter etwas von den Abendveranstaltungen wusste. Er war ein weltoffener, gläubiger Moslem, der nichts dagegen gehabt hatte, einen deutschen Konvertiten als Imam zu akzeptieren. Vermutlich glaubte er, dass es sie näher zusammenrücken lassen würde, ihre Gastgeber und sie.

Als Hadi den Hinterhof betrat, warf er einen Blick nach oben in den zweiten Stock. Dort wohnte der Imam mit seiner Familie. Er lächelte, als er die einzelne Kerze in ihrem Fenster bemerkte. Es war ihr kleines subtiles Signal, dass Golshan an ihn dachte. Nicht mehr. Aber auch nicht weniger. Wenn sie sich im Treppenhaus trafen, gingen sie wie in Zeitlupe aneinander vorbei, manchmal berührten sich ihre Arme dabei. Alles andere war viel zu gefährlich. Der Gedanke daran elektrisierte Hadi. Er blieb kurz stehen und betrachtete die Kerze vor dem zugezogenen Vorhang. Er spürte die Haare auf seinem Arm unter der Jacke, und es war nicht die Kälte, die ihn schaudern ließ. Langsam ging er zu dem Fahrradständer. An dem kleinen roten Rad von Golshans Bruder steckte er den Wimpel von der rechten auf die linke Seite. Sie würde es sehen, bevor sie zu Bett ging. Mehr blieb ihnen nicht, weil nicht sein durfte, was sie beide wussten: dass sie füreinander bestimmt waren. Nur war Golshan längst einem anderen versprochen, und Hadi hätte den Ansprüchen des Imam auch niemals genügt.

Bevor er das Gemeindezentrum betrat, warf er noch einmal einen Blick auf ihr Fenster, und er glaubte zu bemerken, dass sich der Vorhang bewegt hatte.

Wie immer bei ihren Abendveranstaltungen, lief der Fernseher im Aufenthaltsraum. Frank und Wolfgang, die sich seit ein paar Wochen Saif al-Almani und Jafar al-Almani nennen ließen, saßen auf der Couch und starrten auf den Bildschirm. Es lief eine der DVDs, die der Imam besorgt hatte: Überwachungsaufnahmen einer amerikanischen Drohne, die über Pakistan flog. Ein kleines weißes Viereck tanzte über Gebäude, noch kleinere Zahlen zeigten die Entfernung zum Ziel. Als die Bombe das Wohnhaus zerfetzte, das nicht viel mehr als eine Hütte war, flogen arabische und deutsche Schriftzeichen ins Bild: Sie töten unsere Brüder. Sie töten unsere Kinder. Und was tust du? Für Hadi war die Propaganda nichts anderes als das deutsche Fernsehen aus anderer Perspektive. Die Amerikaner führten Krieg gegen ihre Länder, weil sie selbst Krieg führten. Es war ein unausweichlicher Kreislauf, und er wurde nicht akzeptabler, wenn man sich die Folgen vor Augen führte. Hadis Hass wuchs nicht, wenn er immer wieder die gleichen Schrecken sah, weil er wusste, dass man nur Menschen hassen konnte und keine Völker. Es gab solche und solche unter ihnen. Die Konvertiten waren die schlimmsten Hasser, wie ehemalige Raucher die vehementesten Nichtraucher werden konnten. Hadi glaubte, dass der Hass eine Droge war wie die Liebe, vor allem die unerfüllte.

Als er an die Tür zum Büro des Imam klopfte, schlug sein Herz schneller. Und er glaubte, die hämischen Blicke von Frank und Wolfgang im Rücken zu spüren. Es hieß, sie wollten nach Syrien. Für die gerechte Sache kämpfen. Etwas Dümmeres hatte Hadi noch niemals gehört.

Der Imam öffnete selbst die Tür. Er umarmte und küsste Hadi zur Begrüßung. Seine Wangen fühlten sich kalt an, noch kälter als seine Hand. Er bot ihm einen Tee an auf dem kleinen Tisch in der Sitzecke mit den unbequemen Stühlen. Theo Richter war ein Mann großer Worte. Er sprach vom Glauben und von dem, was wichtig war im Leben. Er hörte sich gerne reden, und sein langer Bart schien sich scheinbar schneller als sein Mund zu bewegen. Er sprach von dem Weg, den Saif und Jafar beschritten, davon, dass er ihre Entschlossenheit und ihre...

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