Ein grundzufriedener Mann

Roman
 
 
DuMont Buchverlag
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 19. Juni 2017
  • |
  • 780 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-8321-8953-2 (ISBN)
 
Von Pulitzer-Preisträger Richard Russo

Donald Sullivan, von allen nur Sully genannt, führt ein bequemes Leben in der verschlafenen Kleinstadt North Bath. Obwohl er geschieden ist, sein kaputtes Knie ihm immer wieder Ärger macht und er seit Langem eine Affäre mit einer verheirateten Frau hat, ist er mit seinem Leben zufrieden. Schon immer hat er sich gründlich vor jeder Verantwortung gedrückt - ob als Ehemann, als Vater oder als Untermieter seiner ehemaligen Highschool-Lehrerin. Jetzt holt ihn der Ernst des Lebens ein: Denn nicht nur sein Enkel, der aus einer zerstrittenen Familie flieht, braucht auf einmal seine Hilfe.
Mit leiser Ironie und viel Verständnis für die Verrücktheiten seiner kauzigen Figuren erzählt Richard Russo vom Amerika der kleinen Leute.
>Ein grundzufriedener Mann< ist die Neuausgabe eines Klassikers: Mit diesem Buch, das unter dem Originaltitel >Nobody's Fool< mit Paul Newman verfilmt worden ist, etablierte sich Richard Russo in der ersten Riege amerikanischer Romanciers. Jetzt liegt das Werk erstmals in vollständiger deutscher Übersetzung vor.

»Ein faszinierender Roman voll schräger Typen.« JOHN IRVING
  • Deutsch
  • Köln
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  • Deutschland
  • 1,99 MB
978-3-8321-8953-2 (9783832189532)
weitere Ausgaben werden ermittelt
Richard Russo, geboren 1949 in Johnstown, New York, studierte Philosophie und Creative Writing und lehrte an verschiedenen amerikanischen Universitäten. Für >Diese gottverdammten Träume< (DuMont 2016) erhielt er 2002 den Pulitzer-Preis. Bei DuMont erschienen außerdem >Diese alte Sehnsucht< (2010), >Ein grundzufriedener Mann< und >Ein Mann der Tat< (beide 2017) sowie der Erzählband >Immergleiche Wege< (2018).
Barbara Först studierte Anglistik, Romanistik und Ethnologie und übersetzt seit über zwanzig Jahren aus dem Englischen. Zu den von ihr ins Deutsche übertragenen Autoren zählen u. a. Richard Russo, Patricia Wentworth, Philippa Gregory, Kerstin March, Francis Duncan und Jill McGown.

Sully scherte sich nicht um materielle Besitztümer und empfand gewöhnlich auch keinen Neid auf die Reichen dieser Welt. Wie seltsam war es dann, so dachte er, dass er Carl Roebuck um so viele Dinge beneidete - zum Beispiel um seine Frau und den Bronco seiner Frau. Ziemlich schwere Brocken natürlich. Und jetzt noch die neue Schneefräse. Aber es gab auch kleinere Dinge: Eines Tages war er gekommen, als Toby Waschtag hatte und Carls Unterhosen und Socken auf einem Tisch stapelte. Sully hatte über fünfundzwanzig Unterhosen und ebenso viele Sockenpaare gezählt. Für einen Mann wie Sully, der seine Wäsche im Waschsalon wusch und viel öfter dorthin musste, als ihm lieb war - weil er wieder mal keine Hosen und Socken hatte -, schien die bloße Vorstellung von so viel Wäsche wie ein unglaublicher Luxus. Dass Carl Roebuck Unterhosen im Überfluss besaß, erschien Sully nicht gerecht - dass er auch noch das schönste Mädel des ganzen County zur Frau hatte, die ihm die Sachen wusch, war ein Skandal, der nach Umverteilung schrie. Sully war ziemlich sicher, dass Begehren schon im Allgemeinen nicht in Ordnung war, und ganz bestimmt war es keine gute Sache, die Unterhosen eines anderen Mannes zu begehren. Und dann war da natürlich dieses besondere Gebot, in Stein gemeißelt, dass man nicht die Frau eines anderen begehren solle. Aber was war nun mit seiner Lieblingstasse? Toby Roebuck hätte sie ihm vielleicht geschenkt, wenn sie gewusst hätte, wie sehr ihm die Tasse gefiel. Aber eigentlich wusste er gar nicht, ob er sie wirklich haben wollte. Wenn er sie mit nach Hause nahm, würde er sie wahrscheinlich im Schrank vergessen. Hier in Tobys Küchenschrank konnte er sie gelegentlich benutzen und bedauern, dass er nicht selbst so eine Tasse besaß.

Als er sich wieder hinsetzte, ließ Horace seinen Werkzeugkasten zuschnappen und erhob sich mühsam. Er war noch ein paar Jahre älter als Sully und hatte ebenfalls große Mühe mit dem Hinknien und Aufstehen. Da kam Toby Roebuck die Treppe heruntergehüpft, wie immer in engen, ausgewaschenen Jeans, einem Sweatshirt und Turnschuhen. Sie hatte auf dem College zwei oder drei Sportarten betrieben und joggte jetzt immer noch, wenn es warm war - ihr blonder Pferdeschwanz schwang dann wie bei einem jungen Mädchen durch die Alleen von Bath. Doch seit ihrem letzten Treffen hatte sie sich das Haar kurz schneiden lassen, und es war eher wie das eines Mannes frisiert, dachte Sully und war traurig, dass es im nächsten Frühling keinen hüpfenden Pferdeschwanz mehr geben würde. Zum Glück waren da noch ein paar andere Sachen, die fröhlich hüpften, bis Toby unten angekommen war.

»Alles fertig, Mr Yancy?«, zwitscherte sie.

»Alles fertig, Mrs Roebuck«, seufzte Horace und präsentierte ihr die Rechnung. »Ich wünschte nur, Sie hätten mich nicht dazu überredet.«

»Ich schreib' Ihnen einen Scheck«, sagte sie, nahm die Rechnung und verschwand im Arbeitszimmer.

»Auf mich wird er wütend sein, nicht auf Sie«, meinte Horace und setzte seine Werkzeugkiste wieder ab. Er starrte Sully an, als erwarte er von ihm mehr Verständnis für seine schwierige Lage.

»Männer sind ja so feige«, hörten sie Toby Roebuck im Arbeitszimmer sagen. Eine Minute später kam sie mit dem Scheck zurück und gab ihn dem traurigen Schlosser, der ihn mit dem Ausdruck eines Mannes anblickte, der gerade herausgefunden hat, dass er langsam pleitegeht, weil er vor dreißig Jahren die falsche Laufbahn eingeschlagen hat. Sully kannte dieses Gefühl.

»Ich würde ihn schnell einlösen«, riet Toby.

»Okay.« Horace stopfte den Scheck in die Hemdtasche. »Hier sind die Zweitschlüssel.«

Sie nahm sie und ließ sie in die Tasche ihrer Jeans gleiten; Sully konnte genau den Abdruck sehen.

Als Horace gegangen war, wandte sich Toby Roebuck ihrem Gast zu, den sie vorher gar nicht angesehen hatte. »Sag mal«, begann sie, »wie kann ein Mann - und sogar ein Mann wie du - bloß so dreckig werden?«

»Indem er für deinen Mann arbeitet«, gab Sully wahrheitsgemäß zurück.

»Aha«, sagte sie und nickte, als ob sie den Sinn dieser Antwort voll erfasst hätte. »So wie du aussiehst und so, wie mir zumute ist - ist das nicht ein toller Mann?«

»Er ist schon ein Prachtexemplar«, gab Sully zu. »Weißt du was? Wo du doch gerade dein Scheckheft zur Hand hast - wie wär's, wenn du mir 'nen Scheck für die Arbeit vom letzten Sommer ausstellst? Der Dummkopf und ich haben uns schon geeinigt, er hatte aber im Büro nur das Firmenscheckheft.«

Toby Roebuck grinste ihn an. »Ganz schön clever, Sully.«

»Was?«

»Er hat heute Morgen angerufen und mich gewarnt, dass du wahrscheinlich vorbeischauen würdest. Und er hat mir fast Wort für Wort vorausgesagt, wie du dich ausdrücken würdest.«

Sully grinste dämlich. »Aber er schuldet's mir, weißt du.«

»Mach dir nichts draus«, riet sie. »Er schuldet jedem was.«

»Ist ja gut, dass er so viel Geld hat«, meinte Sully.

»Welches Geld?«

»Also, mich brauchst du nicht für dumm zu verkaufen«, meinte Sully.

»Ich sag dir was, Sully, kannst ja mal einen Riesenhaufen Geld nehmen und dir eine vierfache Bypass-Operation antun und dann sehen, wie viel von dem Haufen noch übrig bleibt.«

Sully beschloss, nicht darüber zu streiten, aber er glaubte auch nicht, was Toby Roebuck ihm da auftischte. Seiner Erfahrung nach waren Leute, die so viel Geld hatten wie Carl Roebuck, ständig damit beschäftigt, andere davon zu überzeugen, dass dem nicht so war. Zwar hegte er keinen Zweifel daran, dass das Krankenhaus sehr teuer gewesen war, aber er bezweifelte, ob sie wirklich über die Finanzen ihres Mannes Bescheid wusste. Carl war ein findiger Kopf und hatte womöglich Geld an Orten gebunkert, auf die kein Mensch kommen würde. Vermutlich war es so gut versteckt, dass es nie ans Licht käme, falls Carl einmal während eines mittäglichen Schäferstündchens etwas zustoßen sollte.

»Kannst du mir mal verraten, was das mit den neuen Schlössern bedeuten soll?«, fragte Sully.

»Ich dachte schon, es interessiert dich nicht«, erwiderte sie. »Ich habe gerade heute Morgen beschlossen, dass mein Ehemann nicht mehr hier wohnt - jedenfalls nicht in nächster Zeit.«

Sully nickte. »Tja, das ist ein gewagter Zug. Hilft wahrscheinlich nichts, aber vielleicht wird er ja dadurch wach gerüttelt.«

»Wir werden ja sehen.« Toby Roebuck klang fröhlich und schien sich nicht besonders viele Sorgen zu machen. »So . und du bist also nicht mehr auf der Schule. Der alte Hund konnte die neuen Tricks doch nicht mehr lernen.«

»Ich wünschte, es gäb noch 'n paar Tricks für 'nen alten Hund, Dolly.«

»Und jetzt arbeitest du wieder für Carl?«

»Im Moment ja«, gab Sully zu, er mochte keine längerwährenden Verpflichtungen zugestehen. »Wir werden ja sehen.«

Beide schwiegen für einen Augenblick, denn keiner wollte offen eingestehen, dass sein Leben in so bedeutsamer Weise mit einem Mann wie Carl Roebuck verbunden war. »Willst du unsere neue Badewanne sehen?«, fragte Toby Roebuck schließlich.

»Wo denn?«

»Oben.«

»Dann möchte ich sie lieber doch nicht sehen«, erklärte Sully, der seiner Liste begehrenswerter Dinge nicht noch einen neuen Gegenstand hinzufügen wollte.

Toby goss sich einen Kaffee ein. »Ist es das Knie oder hast du dir noch was angetan, seit wir uns das letzte Mal gesehen haben?«

»Nee. Immer noch dasselbe, Dolly«, sagte er und starrte ihr kurz geschnittenes Haar an. »Und wo wir gerade davon reden, was man sich selber antun kann .«

»Ich habe eine Rolle in dem Stück in Schuyler gekriegt«, erklärte sie fröhlich. »Shakespeare - auf neu getrimmt: Ich muss mich als Junge verkleiden.«

Sully schaute sie lüstern an. »Viel Glück.«

Toby Roebuck ging darauf nicht ein. Sie setzte sich zu ihm an den Tisch und stellte die Füße auf den Stuhl, der neben ihr stand. »Du gehst also wieder arbeiten. Ich muss sagen, du und Carl, ihr verdient einander. Ihr macht euch gerne selbst kaputt. Nur hat er mehr Spaß dabei. Du kommst mit einem gebrochenen Knie nach Hause, und er schleppt den Tripper an.«

Sully streckte sein Knie. »Ich muss ja zugeben, dass ich gern mal für 'ne Weile mit ihm tauschen würde.«

Toby grinste ihn an. »Wenn du's doch tätest. Gebrochene Knie sind nicht ansteckend.«

Sully zog die Stirn kraus und dachte darüber nach; er wusste nicht, ob das eine Einladung von Toby sein sollte oder ob sie ihrem Mann ein gebrochenes Knie wünschte. Letzteres, so beschloss er, ergab mehr Sinn. »Hat er dich denn angesteckt?«

»Nur dreimal«, erwiderte sie.

»Großer Gott«, stieß Sully hervor, nun ehrlich überrascht. Es hatte ihn immer erstaunt, wie Toby Roebuck die unzähligen Verfehlungen ihres Mannes hinnehmen konnte; sogar diese letzte Schandtat gab sie in so sachlichem Ton wieder, als seien Geschlechtskrankheiten ein Umstand, den sie von vornherein in Kauf habe nehmen müssen, als sie Carl Roebuck heiratete. Und als sei erst mit dieser dritten Dosis Tripper ihre Geduld allmählich überstrapaziert worden. Sully erschien das unheimlich. Bei den Frauen, mit denen er zusammengewesen war, hatte es kaum je Toleranz gegenüber dem Mann gegeben, im Gegenteil: In einem einzigen effektiven Schachzug hatten sie meist seine Missetaten herausgefunden, beurteilt und ihm eine angemessene Strafe zugeteilt. Es ergab überhaupt keinen Sinn, dachte Sully, dass diese junge Frau, die jeden Mann im ganzen County haben konnte, mit einem Mann zusammenblieb, der ihr immer wieder einen Tripper anhängte.

»Ich habe ihm erst...

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