Ein Mann der Tat

Roman
 
 
DuMont Buchverlag
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 18. Mai 2017
  • |
  • 688 Seiten
 
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978-3-8321-8942-6 (ISBN)
 
Eigentlich sollte das Memorial-Day-Wochende für alle Bewohner von North Barth eine Zeit der Ruhe und Besinnung sein. Aber in diesem Jahr ist es, als hätte jemand ungebeten die Büchse der Pandora geöffnet. Chief Raymer, der Leiter der Polizeidirektion, kollabiert auf einer Beerdigung, fällt ins offene Grab und verliert dabei das einzige Beweisstück dafür, dass seine Frau ihn betrogen hat. Die Wand eines Gebäudes, das der impotente Bauunternehmer Carl errichtet hat, stürzt ein. Sein ehemaliger Kontrahent Sully hat alle Hände voll damit zu tun, eine schwere Krankheit vor den Menschen, die er liebt, zu verheimlichen. Und zu allem Übel ist auch noch eine illegal gehaltene Giftschlange entwichen und irgendwo in den Straßen der Kleinstadt an der Ostküste unterwegs.
Chief Raymer, dem es eigentlich am liebsten ist, wenn die Dinge so bleiben, wie sie immer waren, wird aktiv: Er schreitet zur Tat, um wieder Ordnung in das verheerende Chaos zu bringen. Und um dem Mann auf die Schliche zu kommen, der ihn gehörnt hat. Aber auch die anderen Bewohner der Stadt müssen an diesem Wochenende Farbe bekennen und von ihren gewohnten Mustern abweichen ...
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Richard Russo, geboren 1949 in Johnstown, New York, studierte Philosophie und Creative Writing und lehrte an verschiedenen amerikanischen Universitäten. Für >Diese gottverdammten Träume< (DuMont 2016) erhielt er 2002 den Pulitzer-Preis. Bei DuMont erschienen außerdem >Diese alte Sehnsucht< (2010), >Ein grundzufriedener Mann< und >Ein Mann der Tat< (beide 2017) sowie der Erzählband >Immergleiche Wege< (2018).
Monika Köpfer war viele Jahre als Lektorin tätig und übersetzt heute aus dem Englischen, Italienischen und Französischen. Zu den von ihr übersetzten Autoren zählen neben Richard Russo u. a. J. L. Carr, Mohsin Hamid, Milena Agus, Fabio Stassi, Richard C. Morais, Theresa Révay und Naomi J. Williams.

Wünsche

Auf dem Seitenstreifen der Straße, die zwischen Hill und Dale verlief, saß Rub Squeers im Schatten des Baggers, mit dem er am frühen Morgen das Grab des alten Richters ausgehoben hatte. Rub hätte die Maschine gern an Ort und Stelle stehen lassen, aber Mr Delacroix, sein Boss, hatte gemeint, dass deren Anblick direkt neben dem Grab den Trauergästen bestimmt nicht gefallen würde. Auch würden sie nicht gern mit dem Gedanken konfrontiert werden, dass das Grab von einem so hässlichen, stumpfsinnigen, neumodischen Ding geschaufelt worden war. Und mit Sicherheit wollten sie da nicht jemanden wie Rub Squeers rumsitzen sehen, der ungeduldig darauf wartete, dass der Verstorbene in die Erde versenkt würde, damit er seine Arbeit beenden könnte. Also hatte Rub, der es an diesem Tag zufälligerweise wirklich nicht erwarten konnte, Feierabend zu machen, den Bagger ein paar Hundert Meter weiter gefahren und es sich in seinem Schatten bequem gemacht.

»Weißt du, was ich mir w-wünsche?« Er sprach diese Frage laut aus. Als Junge hatte er unter schrecklichem Stottern gelitten. Nach der Pubertät war es verschwunden, vor einer Weile jedoch aus unerfindlichem Grund wieder zurückgekehrt. Vielleicht weil es nicht ganz so ausgeprägt war, wenn sich niemand in der Nähe aufhielt, hatte er vor Kurzem angefangen, Selbstgespräche zu führen beziehungsweise so zu tun, als redete er mit seinem Freund Sully.

Was zum Teufel w-wünschst du dir denn jetzt schon wieder? Genau das hätte Sullivan gesagt, wenn er hier gewesen wäre. Rub würde an seinem besten Freund - okay, seinem einzigen Freund - fast nichts ändern wollen, aber manchmal wünschte er, Sully würde ihn nicht so oft auf den Arm nehmen. Das tat er vor allem wegen Rubs Stotterns. Er wusste, dass Sully so ziemlich alle Menschen wegen irgendetwas aufzog und es nicht persönlich meinte. Trotzdem war Rub es leid.

»Ich w-wünsche mir, dass dieser Typ endlich zu labern aufhört.« Der Mann in dem fließenden weißen Gewand predigte nun schon eine gefühlte Ewigkeit, jedenfalls schon etwas länger als eine halbe Stunde, da war sich Rub sicher. Freitags arbeiteten sie nur halbtags, und Mr Delacroix hatte ihm gesagt, er könne, sobald er mit dem Richter fertig sei, den Bagger in den Schuppen zurückgebracht und das Tor abgeschlossen habe, es für heute gut sein lassen. »Dann würden alle weggehen und wir könnten das hier fertig machen.« Als würden sie beide - er und Sully - nachher den Haufen Erde auf den Sarg schaufeln und damit diesen Job ruckzuck hinter sich bringen wie in alten Zeiten.

Wieder hatte er Sullys Stimme im Kopf. Pass auf, dass noch was von deinem Leben übrig bleibt, wenn du dir wünschst, dass alles anders ist, Dummy.

Rub machte es nichts aus, dass Sully ihn Dummy nannte, wusste er doch, dass sein Freund auf diese Weise so etwas wie Zuneigung ausdrückte. Außerdem nannte Sully die meisten Männer Dummy und die meisten Frauen, unabhängig von ihrem Alter, Dolly.

»Weißt du, was ich mir wirklich wünschen tät?«

Weißt du was? Von mir aus kannst du dir deine vielen Wünsche an den Hut stecken.

»Ich wünsche mir, du wärst nicht so vergesslich«, sagte Rub, denn in letzter Zeit schien Sully sich an rein gar nichts mehr erinnern zu können, und Rub war sich nicht sicher, ob er die Enttäuschung ertragen könnte, wenn er heute vergessen werden würde.

Ich vergesse es schon nicht. Ich hab die Leiter bereits hinten auf den Pick-up gehievt.

Sully hatte Rub versprochen, ihm beim Zurückstutzen des großen Baums zu helfen, der vor Rubs Haus stand. Jedes Mal, wenn es windete, schabte ein Ast über Bootsies Schlafzimmerfenster und trieb Rubs Frau damit in den Wahnsinn.

Wie meinst du das, Bootsies Fenster?

Sie waren noch kein ganzes Jahr verheiratet gewesen, als Rub das gemeinsame Ehebett satthatte. Um dessen Unbilden zu entkommen, hatte er behauptet, Bootsie schnarche - was sie nicht tat -, und so hatte er in das kleine, staubige, unbeheizte Gästezimmer am Ende des Flurs umziehen können. Dort schlief er auf einem alten Feldbett, das zu schmal und instabil für eine Frau mit Bootsies stattlichem Leibesumfang war. Rub hatte Sully das schon bei allen möglichen Gelegenheiten erklärt, aber Sully machte sich nach wie vor einen Spaß daraus, ihn damit aufzuziehen. Wie auch immer, nachdem ihr Mann ins Gästezimmer ausgewandert war, dauerte es nicht lang und Bootsie ersetzte ihn durch diese schrecklichen Liebesromane, die sie einen nach dem anderen verschlang und von deren Lektüre sie, wenn es windete, auf grausame Weise durcheinander gebracht wurde: Das Schaben des Asts über die Fensterscheibe klang für sie, als würde ein Kind daran kratzen - das, das sie einst zu bekommen gehofft hatte? - und versuchen, in ihr Zimmer zu gelangen.

Was sollte denn ein Kind neun Meter über der Erde im Baum vor ihrem Schlafzimmer zu suchen haben?, wandte Sully ein. Rub hatte sich diese Frage auch schon gestellt, sich aber gehütet, sie Bootsie gegenüber zu äußern. Es würde wahrscheinlich keine Viertelstunde dauern, den aufdringlichen Ast zurechtzustutzen, aber in letzter Zeit bekam Rub Sully nicht mehr so oft zu Gesicht wie früher, und er hoffte, die Aktion auf den ganzen Nachmittag ausdehnen zu können, vorausgesetzt, Sully ließ sich blicken.

»Weißt du, was ich mir n-noch wünsche?«, fragte Rub.

Was?

»Ich wünsche mir, alles wäre wieder so wie früher.« Das war natürlich ein reiner Wunschtraum. Rub wusste, es war zwecklos, sich so was zu wünschen, aber er konnte einfach nicht anders.

So läuft das nicht, Dummy. Das Leben läuft nicht rückwärts, nur weil du das gerne hättest. Sonst würden wir ja alle immer jünger werden.

Das stimmte natürlich. Ob es Rub gefiel oder nicht, Sullys Schicksal hatte sich gewendet. Er musste nicht mehr arbeiten, und mehr als ihre Freundschaft hatte sie die Arbeit, oder wirtschaftliche Notwendigkeit, so lange zusammengeschweißt. Da half kein Wünschen und Wollen. Er konnte sich danach sehnen, bis er schwarz wurde, dass alles wieder wie früher würde. Komm schon, sei kein Idiot. Du hast doch jetzt einen guten Job. Warum zum Teufel solltest du wieder für Carl Roebuck arbeiten wollen?

Das wollte er auch nicht, nicht wirklich jedenfalls. Carl hatte ihm und Sully immer nur die schmutzigsten, gefährlichsten Jobs gegeben, bei denen einem ständig kalt war, weil man immer irgendwie nass wurde. Und er hatte sie schwarz bezahlt, sodass sie deswegen nicht hatten aufmucken können. Aber egal, wie beschissen die Arbeit auch gewesen war, Rub hatte jede Minute davon genossen. Selbst wenn sie stundenlang knietief in irgendwelchen Abwasserkanälen herumstanden und es so kalt war, dass er seine Finger nicht mehr spürte, war er glücklich, weil Sully bei ihm war und ihm zeigte, wie was zu tun war, wie man trotz allem den Kopf über Wasser hielt und manchmal sogar die Oberhand bekam. Rub bezog Trost aus dem Umstand, dass, was immer ihm zustieße, auch Sully zustoßen würde. Es war, als wären sie auf einer Reise und sein Freund würde den besten Weg kennen. Wenn Rub mal wieder fror und hungrig und entmutigt und fertig war, machte das nichts. Da war immer Sully an seiner Seite, der ihm sagte, was er tun sollte, der zuhörte, wenn Rub seine zahlreichen Bedenken äußerte oder wieder einmal laut davon träumte, wie viel besser das Leben doch wäre, wenn alles anders wäre und Cheeseburger nichts kosten würden.

Dir hat es also besser gefallen, als mein Leben beschissen war, willst du das sagen? Als ich mit meinem vermurksten Knie, das immer anschwoll wie ein Ballon, zwölf Stunden am Tag schuften musste? Hat dir das besser gefallen?

Die andere Sache, die Rub an Sully nicht mochte, war sein Talent, ihm Schuldgefühle wegen aller möglichen Dinge einzujagen. Als wäre es seine Schuld, dass Sully von der Leiter gefallen war und sich dabei sein Knie kaputt gemacht hatte. Oder als könnte Rub etwas dafür, dass Sully kein einziges Mal in dreißig Jahren bei seinen Pferdewetten gewonnen hatte.

»Nein, ich wünsche mir ja nur .« Doch er beendete den Satz nicht. Reichlich spät und widerwillig hatte Rub angefangen zu begreifen, dass das Leben einen dazu verführen konnte, sich das absolut Falsche zu wünschen, um einem diesen Wunsch dann zu gewähren. Sully war dafür ein Paradebeispiel. Als sie damals noch für Carl Roebuck gearbeitet hatten, hatte sich Sully unentwegt gewünscht, dass aus seiner Pech- endlich einmal eine Glückssträhne würde, und Rub, der nie an der Intelligenz seines Freundes zweifelte, hatte einfach mitgemacht, sich das Gleiche gewünscht und dem Wunsch allem Anschein nach das richtige Drehmoment verschafft. Als Sully dann endlich diese Dreierwette gewann, dachte Rub, der den Haken an der Sache mal wieder nicht sah: Wow! Von nun an bräuchten sie nicht mehr für Carl zu arbeiten. Und wäre das Leben an dieser Stelle stehen geblieben, wäre ja alles in Ordnung gewesen.

Aber das Leben bleibt nicht stehen, oder? Es geht immer weiter. Darum pass auf, was du dir wünschst.

»Du hast damit angefangen«, erwiderte Rub auf diesen Hinweis, den er als unfair empfand. »Ich habe mir doch nur gewünscht, was du dir gewünscht hast.«

Und was hat dir das gebracht?

Nicht viel, musste er zugeben. Und dieser Gewinn der Dreierwette war, kaum zu glauben, nur der Anfang gewesen. Genau das, was Sully immer über Carl gesagt hatte - dass er so viel Glück habe, dass es auf keine Kuhhaut gehe -, traf mit einem Mal auch auf ihn selbst zu. Das Glück...

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