Paradeplatz

Roman
 
 
Gmeiner-Verlag
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 12. August 2020
  • |
  • 247 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-8392-6628-1 (ISBN)
 
Philipp Humboldt ist überzeugt, dass er es mit Fleiß und ehrlicher Arbeit weit bringen wird. Doch dann gerät seine Karriere am Zürcher Paradeplatz ins Stocken und seine große Liebe verlässt ihn für eine andere Frau. Aber Philipp lässt sich nicht unterkriegen und entwickelt seine eigenen, nicht immer legalen Methoden, die ihn ganz nach oben bringen sollen.
Ein packender Roman, der hinter die dicken Mauern der Bankpaläste blickt, mit einer sympathischen Hauptfigur, die so einiges auf dem Kerbholz hat. Von einem Insider geschrieben.
weitere Ausgaben werden ermittelt
Andreas Russenberger, geboren 1968 in der Schweiz, studierte Geschichte und Politologie in Zürich. Nach weiteren Diplomen an der Universität St. Gallen und der Stanford University (USA) arbeitete er viele Jahre als leitender Managing Director bei einem globalen Finanzkonzern. Neben dem Schreiben bestreitet er Triathlon Wettkämpfe auf der ganzen Welt und engagiert sich stark im sozialen Bereich. Der Autor lebt mit seiner Familie am Zürichsee. "Paradeplatz" ist sein zweiter Roman.

Das Bewerbungsgespräch


»Also, Herr Humboldt, warum sind Sie heute hier?« Der groß gewachsene Manager war hinter seinem Schreibtisch sitzen geblieben und musterte mich mit seinen wachen blauen Augen. Die Frage überraschte mich, und ich geriet etwas aus dem Konzept. Ich hatte allenfalls mit einem Nein gerechnet, aber nicht mit einem Warum. Meine Anzughose begann unangenehm in den Kniekehlen zu kleben. Es war ein heißer Sommertag, und schon die Vorbereitung auf das Bewerbungsgespräch war alles andere als optimal verlaufen.

Hoffentlich hält das Tipp-Ex.

Unruhig rutschte ich auf dem Stuhl hin und her. Alle meine Sinne waren in Alarmbereitschaft, und ich versuchte das Gespräch in die richtigen Bahnen zu lenken.

»Vielen Dank, Herr Falkenstein, dass Sie sich Zeit nehmen für mich. Ich bin wegen der offenen Stelle in der Rechtsabteilung hier. Mein Headhunter hat den Termin mit Ihnen abgemacht.«

»So, hat er das?« Theatralisch drehte sich Falkenstein auf seinem Ledersessel weg und blickte auf die beiden Bildschirme vor sich auf dem Schreibtisch. Mit einem leichten Kopfschütteln wandte er sich wieder zu mir und hob entschuldigend die Hände. »Bei mir ist nichts eingetragen. Da muss es sich wohl um ein Missverständnis handeln.« Der Manager genoss die Situation offensichtlich. Unter dem feinen Schnurrbart formten sich seine Lippen zu einem Lächeln.

Ich spürte, wie das Blut in meine Wangen schoss. Meine rechte Hand ballte sich zu einer Faust. Ich umschloss sie unauffällig mit ihrem linken Pendant. »Ihre Sekretärin hat mir den Termin schriftlich bestätigt. Eventuell ist ein interner Kommunikationsfehler unterlaufen. Wenn es Ihnen recht ist, können wir das Gespräch aus Effizienzgründen dennoch führen. Sonst müsste ich Ihre Zeit ein weiteres Mal beanspruchen. Für mich wäre das natürlich kein Problem. Ich bin flexibel für Sie. Aber Ihre Agenda als Divisionsleiter ist sicher prall gefüllt.«

Der hohe Manager blickte mich lange an und nickte schließlich. Zweifellos war er Schmeicheleien nicht abgeneigt. Behaglich drückte er seinen Rücken durch. Dann nahm er ein Dokument in die Hand und setzte sich zu mir an den runden Gesprächstisch. Vor ihm lag mein Lebenslauf! Der gewiefte Stratege hatte mich also nur getestet. Er blätterte durch die Unterlagen. Eine Minute herrschte Stille.

»Nun, wenn Sie schon hier sind, erzählen Sie mir doch ein wenig über Ihren bisherigen Werdegang.« Falkenstein nahm sein Nokia 8110 in die Hand, öffnete die gebogene Schutzhülle und blickte scheinbar gelangweilt auf das bananenförmige Gerät. Dabei fläzte er sich weit in den Stuhl zurück und überschlug seine langen Beine.

Ich ließ mich durch das inszenierte Desinteresse nicht provozieren. An Ausdauer und Kampfgeist hat es mir nie gefehlt. Dementsprechend legte ich los. »Nach dem Abitur habe ich an der Universität Rechtswissenschaft studiert. Ich habe mich auf internationales Wirtschaftsrecht spezialisiert und mit summa cum laude abgeschlossen.«

Der Manager legte sein Mobiltelefon vor sich auf den Tisch, lächelte mich spöttisch an und strich seinen kleinen Schnauzer glatt. »Herr Humboldt, ich leite den lukrativsten Bereich in diesem Finanzinstitut. Und jetzt hören Sie ganz genau hin. Im Tagesgeschäft zählen nur drei Dinge: Leistung, Leistung und nochmals Leistung. Es ist mir scheißegal, was meine Mitarbeiter studiert haben. Sie müssen für die Bank und die Kunden Geld verdienen. That's it! Wenn Sie also meinen, Sie könnten hier mit Ihrem Studienabschluss auf dicke Hose machen, sind Sie bei mir fehl am Platz. Ich habe zwar nur eine einfache Lehre als Bankkaufmann gemacht, stehe jetzt aber an der Spitze. Zuoberst.« Dabei zeigte er nach unten. »Sehen Sie diese Schuhe? 500 Piepen, each. Ohne Studium. Dafür mit Biss. Intellektuelle sind mir schon immer suspekt gewesen. Viel Luft und wenig Substanz. Schmelzen bei mir weg wie ein Schneemann in der Frühlingssonne. Sie fragen sich vielleicht, warum ich mir überhaupt die Zeit nehme und mich persönlich mit Ihnen unterhalte.« Er unterbrach seine Belehrung und sah mich mit zusammengekniffenen Augen an. Falkenstein erwartete eine Antwort. Ich ließ mich nicht mehr einschüchtern und hielt seinem Blick stand. Eine Prise Selbstsicherheit mit einem gehörigen Schuss Lobhudelei schien mir die beste Strategie zu sein.

»Ich glaube, dass die fachliche Qualifikation von anderer Stelle geprüft wurde. Sie, Herr Falkenstein, interessieren sich vor allem für die Persönlichkeit hinter der Bewerbung. Loyalität, Stressresistenz, Wille, Auftreten. Darum ist Ihr Geschäft auch so erfolgreich. Und darum bin ich hier.«

»Sie sind ein cleverer junger Mann, Humboldt«, sagte der Managing Director. »Aber können Sie mir garantieren, dass Sie in drei Jahren auch noch bei mir arbeiten, nachdem wir viel Geld in Ihre Ausbildung investiert haben?«

Das Eis war nun gebrochen, und ich hatte die volle Aufmerksamkeit meines Gegenübers. Wir spielten ein Spiel - und beide wussten es.

»Nein, das kann ich nicht garantieren. Das hängt einzig und alleine von Ihnen ab. Wenn Sie zufrieden mit mir sind, werde ich auch in drei Jahren noch hier sein. Sonst nicht. Aber sind Sie dann noch hier? Vielleicht braucht die Bank ja in der Zwischenzeit einen neuen CEO.«

Falkenstein nickte gebauchpinselt. Bevor er aber die nächste Frage stellen konnte, wurden wir von seiner Sekretärin unterbrochen. Ruhig und mit einer überraschenden Selbstverständlichkeit betrat sie ohne anzuklopfen das Büro und stellte ein kleines Tablett mit einer Tasse Kaffee und etwas Gebäck auf den Besprechungstisch. Der Raum füllte sich mit dem Geruch von frisch gerösteten Kaffeebohnen. Dazu kam ein sanfter warmer Duft nach Vanille, wahrscheinlich das Parfum der Assistentin. Ich schätzte sie auf etwa 30 Jahre, kaum älter als ich.

»Möchten Sie auch eine Tasse Kaffee, Herr Humboldt?«, fragte sie mich freundlich.

Bevor ich reagieren konnte, übernahm Falkenstein die Entscheidung. »Es ist gut so, Frau Huber. Wir sind sowieso bald fertig«, sagte er zu meinem Missfallen. Eine Tasse Kaffee wäre eigentlich genau das gewesen, was ich gebraucht hätte. Mein Mund war so trocken, dass ich nicht einmal den Ärger runterschlucken konnte. Die Sekretärin sah mich lächelnd an und hob entschuldigend ihre Schultern. Sie kannte offensichtlich die Launen ihres Vorgesetzten.

Falkenstein widmete sich in der Folge längere Zeit seinem Heißgetränk und schien mich vergessen zu haben. Immer noch fuchsig ob der groben Unhöflichkeit, beschloss ich, der beklemmenden Stille zu trotzen - auch wenn wir noch am nächsten Tag hier sitzen würden. Ich nutzte die Zeit stattdessen, um den Raum zu studieren. Da ich mich bis dato noch nie in einem Geschäftsleitungsbüro aufgehalten hatte, fehlten mir verständlicherweise die Vergleichsmöglichkeiten. Mein erster Eindruck war jedenfalls: teuer, modern, kalt. An den Wänden hingen ein für die damalige Zeit erstaunlich flacher Fernseher und zeitgenössische Kunst, abstrakt, ohne Rahmen. Von den Künstlern hatte ich schon gehört. Ich erkannte die Werke jedoch nicht an Stil, Technik oder Form, nein, sie waren ganz ordinär beschriftet: Contemporary Art - dazu der Name des Schöpfers und das Entstehungsjahr. Für mich roch das streng nach Effekthascherei. Mein Blick wanderte weiter. Eine Hydrokultur stand auf dem hellen Veloursboden und brachte etwas Leben in den Raum. Die beiden großen Tische waren aus geschwärztem Eichenholz gefertigt und standen auf polierten Chromstahlbeinen. Der Arbeitstisch von Falkenstein war zusätzlich in der Höhe verstellbar, wahrscheinlich ein wichtiges Anliegen des eleganten Managers, damit er zwischendurch stehend arbeitend seine teuren Maßanzüge - von Brioni, wie ich später erfuhr - schonen konnte. Auf den tiefen schwarzen Sideboards standen neben zwei Skulpturen (die sich mir nicht erschlossen) einige private Erinnerungsstücke: das Foto einer lächelnden Frau, schlank, blond, in den Armen zwei Kinder - natürlich ein Junge und ein Mädchen; eine weitere Aufnahme von Falkenstein mit Golfschläger und Pokal, eingerahmt von zwei strahlenden Hostessen, die ihm bis zu den Schultern reichten; ein kleiner Miniaturporsche, weiß; ein Werk über den Zürcher Reformator Zwingli, perfekt platziert, das Lesebändchen im hintersten Teil des Buches, als wollte es die Belesenheit des Hausherrn unterstreichen. Die edlen Büroschränke - erst viele Jahre später durfte ich mir die USM Haller auch anschaffen - dienten ganz eindeutig mehr als Abstellplatz für all die Bildchen, Bücher und Jungsträume denn der Aufbewahrung von geschäftsrelevanten Dokumenten.

Was für ein Fegefeuer der Eitelkeiten.

Eine Fliege schwirrte an meinem Kopf vorbei, um dann kopfüber an der Bürodecke zu landen. Mit ihren mikroskopisch kleinen Krallen und Haftpolstern drehte sie dort einige Runden. Zweifellos hielt auch sie sich in diesem Moment für das Zentrum der Welt.

Das Klimpern der nunmehr leeren Tasse brachte mich ins Hier und Jetzt zurück. Der Manager war - gestärkt durch Kaffee und Kuchen - wieder in Debattierlaune. Das unkonventionelle Bewerbungsgespräch ging in die Endphase. »Was sagen eigentlich Ihre Freunde über Sie, wenn alle etwas angetrunken sind?«

Spielerisch zog ich die Stirn in Falten und riss meinen Blick von der Fliege los. »Ich habe viele Freunde«, log ich und spürte, wie meine Ohren heiß wurden. »Die meisten würden sagen: Philipp ist ein loyaler Mensch, auf den man sich verlassen kann. Vielleicht etwas ehrgeizig, aber ein kluger und ehrlicher Typ. Darf ich nach unserem Gespräch Ihrer Sekretärin die gleiche Frage über Sie...

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