Journalismus

Das Lehr- und Handbuch
 
 
Frankfurter Allgemeine Buch (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 21. Juni 2016
  • |
  • 314 Seiten
 
E-Book | ePUB ohne DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-95601-179-5 (ISBN)
 
Für viele ist es immer noch der Traumjob schlechthin: Stets sind Journalisten dabei, wenn etwas Wichtiges passiert. Sie haben Zugang zur Prominenz und erfahren ein bisschen mehr über Vorder- und Hintergründe des Geschehens als "normale" Menschen. Aber wie den Traumjob zum Beruf machen? Das Buch leistet, woran es Einführungen in den Journalismus oftmals mangelt:

Praxis und Forschung werden zusammengeführt, der Leser erhält Einblick in Arbeitsweisen und Anforderungen im Berufsalltag sowie über Journalismus und Public Relations als eng aufeinander bezogene Arbeitsfelder. Ruß-Mohl spürt dramatischen Veränderungen nach und zeigt, wie Digitalisierung und Medienkonvergenz, soziale Netzwerke und Suchmaschinen den Journalismus zunehmend prägen.
  • Deutsch
  • Frankfurt am Main
  • |
  • Deutschland
  • 5,14 MB
978-3-95601-179-5 (9783956011795)
3956011791 (3956011791)
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Dr. Stephan Ruß-Mohl ist Professor für Kommunikationswissenschaft an der Università della Svizzera italiana in Lugano und Direktor des European Journalism Observatory. Bis 2001 war er Lehrstuhlinhaber an der Freien Universität Berlin. Er leitete dort den Studiengang Journalisten-Weiterbildung und das Journalisten-Kolleg.

2. Textgattungen


Es gibt viele Formen und Wege, den Publika Neuigkeiten zu präsentieren, und dementsprechend auch eine Fülle möglicher Stilformen oder Textsorten. Im Fachjargon ist auch von Genres die Rede, und es haben sich vier "Grundtypen" herauskristallisiert: die Nachricht, die Reportage bzw. das Feature, der Kommentar und das Interview. Jeder Journalist sollte diese kennen, auch wenn sich im Online-Journalismus die Genres mehr denn je vermischen und "multimediales Storytelling" (vgl. Kapitel 8) zum letzten Schrei geworden ist.

2.1 Nachricht (Meldung, Bericht)


Die wichtigste Textgattung ist weiterhin die Nachricht. Sie ist das Schwarzbrot journalistischer Berichterstattung. Zu ihr kann Vieles werden, fast alles, was außergewöhnlich, aktuell und nicht alltäglich ist: "News is what's different", sagen die Amerikaner. Das berühmteste Standardbeispiel steht in vielen Journalismuslehrbüchern: "Hund beißt Mann" ist keine Nachricht, "Mann beißt Hund" ist dagegen eine. So war es auch, gleichsam als Zitat aus den Lehrbuchklassikern, vor Jahren in der Frankfurter Rundschau zu lesen. Und so ähnlich hat der Hirsch, der drei Berliner aufgegabelt und getötet hat, auch die Seite1 des Boulevardblatts B.Z. erobert. Erlegten drei Jäger dagegen einen Elefanten, würde das noch nicht einmal eine Lokalmeldung in Kleinkleckersdorf abgeben.

Die Journalismuslehrbücher sollten allerdings umgeschrieben werden. Denn spätestens seit dem vorvorletzten Sommerloch wissen wir, dass zumindest Kampfhunde sehr wohl für Schlagzeilen sorgen können. Dabei waren sie in der Sommerhitze bestimmt nicht aggressiver und bissiger als sonst auch, nur fehlte es den Redaktionen offenbar an anderem Nachrichtenstoff.

Aber schon bevor Hunde in der nachrichtenarmen Zeit die Schlagzeilen füllten, hätte längst irgendwer Zweifel anmelden müssen, ob das Beispiel klug gewählt war. Nachzufragen wäre immerhin, ob die Mitteilung "Mann beißt Hund" wirklich Nachrichtenwert hat. Es handelt sich ja "nur" um eine unterhaltsame, aber letztlich irrelevante soft news. Der Tessiner Fernsehjournalist Aldo Sofia hat deshalb das Beispiel abgewandelt: "Hund wackelt mit dem Schwanz" sei keine News, "Schwanz wackelt mit dem Hund" ist dagegen in hohem Maße berichtenswert.1

Wenn der Schwanz mit dem Hund wackelt, sollte dies journalistische Urinstinkte wecken: Wir möchten wissen, was hinter dem ungewöhnlichen Vorgang steckt . Doch das ist dann schon die Überleitung zum Abschnitt Recherche (Kapitel 6).

Aktualität

"Was neu, was wichtig und was interessant ist, ist eine Nachricht", so würden wohl die meisten Praktiker definieren (Schneider/Raue 1998 Neuaufl., 54 ff.). Aktualität ist das allererste Auswahlkriterium des Nachrichtenjournalismus. Sie wird dabei verstanden als zeitliche Unmittelbarkeit. Einer der Gründerväter der Publizistikwissenschaft, Emil Dovifat, sprach vom "jüngsten Gegenwartsgeschehen" (Dovifat/Wilke 1976 Neuaufl., 17). Journalismus ist stets auch die Jagd nach den neuesten Neuigkeiten.

Kritik an diesem eindimensionalen Aktualitätsbegriff wurde vielfach geübt. Der gängige Vorbehalt lautet, im Journalismus rangierten "Neuigkeiten vor Wichtigkeiten", so soll es der Soziologe Niklas Luhmann auf den Punkt gebracht haben. Werden indes wichtige Neuigkeiten einmal nicht sofort berichtet, wie etwa die Raub- und Sexualdelikte der Silvesternacht 2015/16 in Köln, ist es auch nicht recht, und ganz schnell zirkulierte im Netz die Verschwörungstheorie vom Schweigekartell. Offenbar waren sowohl beim riesigen WDR als auch beim Express und beim Kölner Stadtanzeiger so wenig Redakteure im Einsatz, dass die Medien kollektiv der beschwichtigenden und krass fehlinformierenden Pressemitteilung der Kölner Polizei auf den Leim gingen, es sei ein friedlicher Neujahrsbeginn gewesen.

Wiederkehrende Versuche, Aktualität umfassender zu definieren, haben sich indes nicht durchsetzen können - nicht weil Praktiker uneinsichtig wären, sondern weil sie angesichts des Zeitdrucks, unter dem sie arbeiten, leicht handhabbare Entscheidungsregeln benötigen. Nur so können sie die Nachrichtenauswahl bewältigen. Zeitliche Unmittelbarkeit ist solch ein Entscheidungskriterium: Die allermeisten Ereignisse sind einfach deshalb keine Nachrichten, weil sie schon Schnee von gestern sind.

Abhängigkeit vom Erscheinungsrhythmus

Dabei kommt die Periodizität, der Erscheinungsrhythmus des jeweiligen Mediums ins Spiel. Das wöchentliche Nachrichtenmagazin hat gegenüber der Tageszeitung das Nachsehen, und die Tageszeitung gerät gegenüber dem Fernsehen, dem Radio und der Newssite bei der Jagd nach Aktualitäten ins Hintertreffen. Für viele Redaktionen, die mehrere Vertriebskanäle nutzen, gilt deshalb inzwischen als Prinzip online first, inzwischen sogar mobile first. Soll heißen: Die neuesten Neuigkeiten werden als Kundendienst sofort und gratis ins Netz gestellt, und zuallererst wird eine Nachricht so aufbereitet, dass sie sich auf dem Mobiltelefon konsumieren lässt. Allenfalls die teureren, einordnenden Hintergrundgeschichten verschwinden hinter einer Bezahlschranke. Die ist obendrein meist ziemlich durchlässig, weil man gelegentliche Nutzer auf keinen Fall verlieren möchte.

"Nichts ist so alt wie die Zeitung von gestern", lautet eine altbekannte Praktikerweisheit. Auch sie ist inzwischen von gestern. Denn in der Aktualitätskonkurrenz mit anderen Medien sieht bereits die Zeitung von heute ziemlich alt aus. Deshalb bieten uns gut gemachte Blätter immer weniger klassischen Nachrichtenjournalismus. Sie weichen auf andere Berichterstattungsformen aus und dringen damit ins Territorium von Wochenzeitungen, Nachrichtenmagazinen und Zeitschriften ein. Auch im Netz ist die Berichterstattung und die Mixtur der Stilformen bunter geworden, wie zum Beispiel die Schweizer Newssite watson.ch vorführt.

Aktualisierung

Aktuell sein heißt für Journalisten stets auch, sich um Aktualisierung der Nachrichten zu bemühen. Sie bleiben dem Fortgang des Geschehens auf der Spur, indem sie bekannt gewordene neue Einzelheiten oder neu vorliegende Stellungnahmen zu einem Ereignis mitteilen. Hat zum Beispiel am Vorabend bereits das Fernsehen berichtet, wer Wahlsieger geworden ist, so muss die Zeitung, die am nächsten Morgen erscheint, versuchen, aktueller zu sein - obwohl sie fast zur selben Zeit Redaktionsschluss hat wie die Tagesthemen oder die Spätausgabe von heute.

Verselbständigung der Berichterstattung

Oftmals reagieren Journalisten in ihrer Nachrichtengebung somit auf eine bereits entstandene Nachrichtenlage. Dies birgt die Gefahr in sich, dass der Journalismus seine eigene Realität kreiert, sich die Nachrichten "verselbständigen" und plötzlich auch Nichtereignisse oder zumindest nicht berichtenswerte Entwicklungen Nachrichtenwert erhalten.

So haben uns die Medien wochenlang täglich neu mit der Nachricht gequält, Ebola sei in Deutschland oder den USA noch nicht ausgebrochen; entsprechende Verdachtsfälle seien unter Kontrolle. Eigentlich keine News, denn auf bloßen Verdacht hin sollten seriöse Medien erst gar nicht berichten.

Ein zweites, bereits historisches, aber 25 Jahre nach dem Mauerfall aktualisierbares Beispiel: 1989 berichteten alle Medien die sensationelle Neuigkeit, dass die ungarische Regierung 6500 Ostdeutsche in den Westen ausreisen ließ. Daraufhin rückte die links-alternative taz die Dinge zurecht. Wie so oft, titelte sie in der Sache zutreffend, voller Ironie und zugleich gegen alle herrschenden journalistischen Spielregeln: "16 Millionen bleiben drüben" (taz, 11. 9. 1989). Auch hier wurde in Reaktion auf eine entstandene Nachrichtenlage eine no news zur Schlagzeile.

Selbsterzeugte Aktualität: Exklusivstories

Am schönsten ist es natürlich, wenn Medien mit Exklusivgeschichten selbst Aktualität erzeugen. Insbesondere Leitmedien wie dem Spiegel, den überregionalen Tageszeitungen oder dem Rechercheverbund von Süddeutscher Zeitung, NDR und WDR gelingt das bekanntlich öfter. Spektakuläre Erkenntnisse oder Enthüllungen werden dann bereits vor Erscheinen des eigenen Blattes in Form einer Pressemeldung an die Nachrichtenagenturen in Umlauf gebracht. Diese Praxis hat so überhandgenommen, dass sich darüber der Chefredakteur der Deutschen Presseagentur (dpa) schon vor Jahren beklagte.

Der Wunsch, das eigene Publikum exklusiv zu informieren, wird allerdings leicht zum Selbstzweck. So werden inzwischen sehr viel mehr Exklusivmeldungen produziert, als das Geschehen hergibt. Bei genauerem Hinsehen erweisen sie sich als übertrieben, spekulativ oder sogar rundweg falsch. Besonders peinlich: Zwei Jahre nach dem Skiunfall Michael Schumachers vermeldete die Bunte, der Formel-1-Weltmeister könne wieder gehen. Der "Exklusivnachricht" folgte das Dementi. Offenbar war sie pure Spekulation und Respektlosigkeit gegenüber der Familie, die Schumi vor Medienrummel zu schützen versucht (F.A.Z. 29. 12. 2015).

Andere Exklusivgeschichten sind einfach nur trivial. So hat der Tagesspiegel eine Zeitlang aus jedem Promi-Interview einen Aufmacher gedrechselt, auch wenn der Neuigkeitswert gegen null ging, weil beispielsweise der interviewte...

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