Osten, Westen

Kurzgeschichten
 
 
btb (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 9. Dezember 2013
  • |
  • 192 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-641-11268-4 (ISBN)
 
Brillante Kurzgeschichten vom Booker-Preisträger

Ost und West, West und Ost - Salman Rushdie kennt beide Sphären, weiß, wie es ist, wenn man zwischen den Stühlen lebt. Er weiß um das Vertraute, aber auch um das Fremde beider Welten. Diese neun Geschichten zeigen, was passiert, wenn der Osten auf den Westen trifft; wenn ein Rikscha-Fahrer davon träumt, Filmstar zu werden, oder wenn aus einem kleinen Fehler bei der Aussprache eine ungewöhnliche Liebesgeschichte wird .

  • Deutsch
  • München
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  • Deutschland
btb
  • 8
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  • 8 s/w Abbildungen
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  • 8 schwarz-weiße Abbildungen
  • 0,43 MB
978-3-641-11268-4 (9783641112684)
weitere Ausgaben werden ermittelt
Salman Rushdie, 1947 in Bombay geboren, studierte in Cambridge Geschichte. Mit seinem Roman »Mitternachtskinder« wurde er weltberühmt. Seine Bücher erhielten renommierte internationale Auszeichnungen, u.a. den Booker Prize, und sind in zahlreiche Sprachen übersetzt. 1996 wurde ihm der Aristeion-Literaturpreis der EU für sein Gesamtwerk zuerkannt. 2007 schlug ihn die Queen zum Ritter.

Guter Rat ist kostbarer als Rubine


Am letzten Dienstag des Monats brachte der Frühbus, die Scheinwerfer noch aufgeblendet, Miss Rehana vor das Tor des Britischen Konsulats. Er bremste in einer Staubwolke, die ihre Schönheit vor den Augen der Fremden verhüllte, bis sie ausstieg. Der Bus war grell mit bunten Arabesken bemalt. Auf der Stirnseite stand in grünen und goldenen Lettern PLATZ DA, SCHÄTZCHEN! Auf dem Heck stand TATA-BATA und außerdem O. K. ALLES GUTE! Miss Rehana sagte dem Fahrer, es sei ein wunderschöner Bus, woraufhin er hinaussprang, ihr die Tür aufhielt und sich, als sie ausstieg, übertrieben tief vor ihr verbeugte.

Miss Rehanas Augen waren groß und schwarz und so glänzend, dass sie der Hilfe von Antimon nicht bedurften, und als der Beratungsexperte Muhammad Ali diese Augen sah, hatte er das Gefühl, selbst wieder jung zu werden. Er beobachtete, wie sie sich, während das Tageslicht zunahm, dem Konsulatstor näherte und sich an den bärtigen lala in seiner Khaki-Uniform mit den Goldknöpfen und der Kokarde am Turban wandte, um ihn zu fragen, wann das Tor geöffnet werde. Der lala, sonst immer so schroff zu den Dienstagsfrauen des Konsulats, antwortete Miss Rehana so, dass es schon fast an Höflichkeit grenzte.

«In einer halben Stunde», erklärte er mürrisch, «vielleicht in zwei Stunden. Wer weiß? Die Sahibs sitzen beim Frühstück. »

Der staubige Platz zwischen der Bushaltestelle und dem Konsulat wimmelte bereits von Dienstagsfrauen, manche von ihnen tief verschleiert, nur wenige mit völlig unverhülltem Gesicht wie Miss Rehana. Sie alle wirkten ängstlich und stützten sich schwer auf den Arm eines Onkels oder Bruders, der sich jeweils große Mühe gab, selbstsicher dreinzublicken. Miss Rehana dagegen war allein gekommen und schien überhaupt keine Angst zu haben. Muhammad Ali, der sich darauf spezialisiert hatte, die am unsichersten wirkenden der allwöchentlich erscheinenden Ratsuchenden anzusprechen, merkte plötzlich, dass seine Füße ihn unwillkürlich zu dieser seltsamen, großäugigen und selbstbewussten jungen Frau hinübertrugen.

«Miss», begann er, «Sie kommen wegen Permit nach London, glaube ich?»

Sie war zu der kleinen Shanty Town, einer Ansammlung von baufälligen Holzhütten am Rande des Platzes, gegangen und kaute vor einem Imbissstand zufrieden Chili-pakoras. Als sie sich umwandte und ihn ansah, spielten ihre Augen so aus der Nähe seinem Verdauungstrakt übel mit.

«Das ist richtig.»

«Erlauben Sie mir dann bitte, Ihnen einen guten Rat zu geben? Kostet nur wenig.»

Miss Rehana lächelte. «Guter Rat ist kostbarer als Rubine», gab sie zurück. «Aber bezahlen kann ich leider nichts. Ich bin eine Waise und gehöre nicht zu den reichen Damen, die Sie gewohnt sind.»

«Vertrauen Sie meinen grauen Haaren!» Muhammad Ali ließ nicht locker. «Meine Ratschläge beruhen auf reicher Erfahrung. Sie werden sie sicher gut finden.»

Sie schüttelte den Kopf. «Ich sage Ihnen doch, ich bin ein sehr armes Ding. Hier sind Frauen mit männlichen Verwandten, die alle gut verdienen. Gehen Sie zu denen! Guter Rat sollte gutes Geld wert sein.»

 

Ich bin verrückt, dachte Muhammad Ali, denn er hörte seine Stimme völlig eigenmächtig sagen: «Miss, das Schicksal hat Sie zu mir geschickt. Was soll ich machen? Es war uns vorbestimmt, uns hier zu treffen. Ich bin auch nur ein armer Mann, Ihnen aber gebe ich meine Ratschläge gratis.»

Wieder lächelte sie. «Dann sollte ich sie mir anhören. Wem das Schicksal etwas schenkt, der erhält stets etwas Gutes.»

 

Er geleitete sie zu dem niedrigen Holzschreibtisch in seiner Ecke der Shanty Town. Im Gehen aß sie weiter pakoras aus der kleinen Zeitungspapiertüte. Ihm bot sie keine davon an.

Muhammad Ali legte ein Kissen auf den staubigen Boden. «Bitte, Platz nehmen!» Dem kam sie nach. Während er sich mit untergeschlagenen Beinen hinter dem Schreibtisch niederließ, war ihm klar, dass zwei bis drei Dutzend männlicher Augenpaare ihn neidisch beobachteten, dass sämtliche Männer hier die junge Schönheit begutachteten, die sich von diesem alten, grauhaarigen Gauner reinlegen ließ. Um sich zu beruhigen, atmete er tief durch.

«Den Namen, bitte!»

«Miss Rehana», antwortete sie. «Verlobt mit Mustafa Dar aus Bradford, London.»

«Bradford, England», korrigierte er sie freundlich. «London ist nur eine Stadt wie Multan oder Bahawalpur. England ist ein großes Land, bewohnt von den kältesten Fischen der ganzen Welt.»

«Ach so. Ich danke Ihnen», gab sie so ernst zurück, dass er nicht sicher war, ob sie sich nicht über ihn lustig machte.

«Haben Sie den Antrag ausgefüllt? Dann möchte ich ihn bitte sehen.»

Sie reichte ihm einen braunen Umschlag mit einem sorgsam gefalteten Dokument.

«Ist das okay?» Zum ersten Mal lag eine Andeutung von Besorgnis in ihrem Ton.

«Tipptopp», verkündete er schließlich. «Alles in Ordnung. »

«Ich danke Ihnen für Ihre Beratung», sagte sie und machte Anstalten, sich zu erheben. «Ich werde jetzt zum Tor gehen und dort warten.»

«Aber wie stellen Sie sich das vor?», rief er laut und schlug sich vor die Stirn. «Glauben Sie, das ist so einfach? Sie geben Ihren Antrag einfach ab, und – husch – schon überreichen die Ihnen mit freundlichem Lächeln die Einreisegenehmigung? Oh, Miss Rehana, ich sage Ihnen, Sie begeben sich an einen Ort, der schlimmer ist als jedes Polizeirevier.»

«Tatsächlich?» Seine Beredsamkeit schien zu wirken. Jetzt hatte er eine aufmerksame Zuhörerin gefunden, und er konnte sie noch einige Minuten länger bewundern.

 

Nach einem zweiten tiefen, beruhigenden Atemzug ließ er seine Standardrede vom Stapel und erklärte ihr, die Sahibs hielten sämtliche Frauen, die an den Dienstagen hier auftauchten und behaupteten, Angehörige von Busfahrern in Luton oder vereidigten Buchprüfern in Manchester zu sein, für Lügnerinnen, Schwindlerinnen und Betrügerinnen.

«Aber dann werde ich ihnen einfach sagen, dass ich eine Ausnahme bin, dass ich nicht so bin», protestierte sie.

Ihre Naivität ließ ihn vor Angst um sie erschauern. Ein Spatz sei sie, erklärte er ihr, die da drinnen aber seien Männer mit verhangenen Augen, wie Falken. Man würde ihr Fragen stellen, verriet er ihr, persönliche Fragen – Fragen, die sogar der eigene Bruder einer Lady nicht zu stellen wage. Ob sie noch Jungfrau sei, würden sie fragen, und falls nicht, welche Gewohnheiten ihr Verlobter bei der Liebe habe und welche geheimen Kosenamen sie füreinander erfunden hätten.

Muhammad Ali drückte sich bewusst brutal aus, damit der Schock, den sie bekommen würde, wenn es tatsächlich dazu oder zu Ähnlichem kam, sie nicht so hart traf. Ihr Blick blieb gelassen, doch ihre Hände auf der Schreibtischkante begannen zu zittern.

Er fuhr fort: «Man wird Sie fragen, wie viele Zimmer es im Haus Ihrer Familie gibt, welche Farbe die Wände haben und an welchen Tagen Sie den Müll ausleeren. Man wird Sie nach dem zweiten Vornamen der Stieftochter der dritten Cousine der Mutter Ihres Mannes fragen. Und all diese Fragen wurden bereits Ihrem Mustafa Dar in seinem Bradford gestellt. Und wenn Sie nur einen einzigen Fehler machen, sind Sie erledigt. »

«Ja», sagte sie, und er hörte genau, wie sie sich bemühte, ihrer Stimme einen festen Klang zu geben. «Und wie lautet Ihr Rat, guter Mann?»

 

An dieser Stelle begann Muhammad Ali sonst eindringlich zu flüstern und seiner Klientin zu erklären, er kenne da einen Mann, einen sehr netten Menschen, der im Konsulat arbeite, und über den könne er – für einen bestimmten Betrag – die notwendigen Papiere mit allen notwendigen Stempeln und Siegeln besorgen. Das war ein wahrhaft gutes Geschäft, denn die Frauen bezahlten nicht selten fünfhundert Rupien oder gaben ihm ein goldenes Armband für seine Bemühungen und gingen hochzufrieden davon.

Da sie aus Ortschaften kamen, die Hunderte von Meilen entfernt lagen – dessen versicherte er sich gewöhnlich, bevor er sich daranmachte, sie reinzulegen –, war es unwahrscheinlich, dass sie ihn abermals aufsuchten, wenn sie den Betrug entdeckten. Sie fuhren nach Sargodha oder Lalukhet zurück und fingen an zu packen, und ganz gleich, zu welchem Zeitpunkt sie darauf kamen, dass er sie geprellt hatte – es war in jedem Fall zu spät.

Das Leben ist schwer, und von irgendetwas muss ein alter Mann leben. Warum sollte Muhammad Ali Mitleid mit diesen Dienstagsfrauen haben?

 

Aber wieder spielte ihm seine Stimme einen Streich, sodass er Miss Rehana, statt mit der gewohnten Belehrung zu beginnen, sein bestgehütetes Geheimnis verriet.

«Miss Rehana», sagte seine Stimme, der er verwundert lauschte, «Sie sind ein Mensch, wie man ihn selten findet, ein Juwel, und ich werde für Sie tun, was ich vielleicht nicht mal für meine eigene Tochter tun würde. Ich bin an ein Dokument gelangt, das all Ihre Probleme auf einen Schlag lösen kann.»

«Und was ist das für ein wundertätiges Papier?», fragte sie, während ihre Augen ihn jetzt ganz unverkennbar anlachten.

Seine Stimme wurde ganz, ganz leise: «Ein britischer Pass, Miss Rehana. Absolut echt und über jeden Verdacht erhaben. Ich habe einen guten Freund, der Ihren Namen und ein Foto von Ihnen da hineinpraktiziert, und dann, in null Komma nichts – England, ich...

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