Mein Körper, mein Trauma, mein Ich

Anliegen aufstellen - aus der Traumabiografie aussteigen
 
 
Kösel-Verlag
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 2. Oktober 2017
  • |
  • 368 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-641-19389-8 (ISBN)
 
Ein erlittenes Trauma, das nicht geheilt wurde, lebt im Körper weiter und äußert sich durch Schmerzen, Entzündungen oder Krankheiten. In jedem Körpersymptom steckt also ein Stück Lebensgeschichte. Durch das von Franz Ruppert entwickelte Verfahren »Aufstellen des Anliegens« können Traumata rekonstruiert und aufgelöst werden, gleichzeitig werden die Selbstheilungskräfte des Körpers unterstützt. 25 Autoren-Beiträge verdeutlichen den Zusammenhang zwischen Körpersignalen, Psyche und Trauma am Beispiel von Kopfschmerzen, Rücken- und Gelenkschmerzen, Herz- und Kreislauf- sowie Hauterkrankungen, Krebs und Schlafstörungen. Ausführliche Eingangskapitel von Franz Ruppert und Harald Banzhaf führen in die Aufstellungsmethode ein und zeigen, wie ganzheitliche Heilung möglich wird.

  • Deutsch
  • München
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  • Deutschland
Kösel
  • 5
  • |
  • 5 s/w Abbildungen
  • 1,08 MB
978-3-641-19389-8 (9783641193898)
3641193893 (3641193893)
weitere Ausgaben werden ermittelt
Dr. Franz Ruppert, geboren 1957, ist Professor für Psychologie an der Katholischen Stiftungsfachhochschule München und approbierter Psychologischer Psychotherapeut in eigener Praxis.

Harald Banzhaf

Trauma als Schlüssel zum Verständnis körperlichen Leidens

Polytrauma und psychisches Trauma - medizinische und psychologische Wirklichkeiten

Wenn sie das Wort Trauma hören, assoziieren Menschen höchst unterschiedliche Phänomene. Als Arzt mit notfallmedizinischer Weiterbildung dachte ich lange Zeit unmittelbar und ausschließlich an »Polytrauma« - ein Begriff, der sowohl im Rettungsdienst als auch in der Notfallambulanz eines Krankenhauses reflexartig höchste Alarmbereitschaft auslöst. Allein dieses Wort genügte, um während meiner aktiven Zeit als Notarzt meine Stresshormone maximal zu stimulieren. Seltsamerweise war ich in diesen Momenten auch für die mich begleitenden Rettungsassistenten emotional auffällig gelassen angesichts der äußeren Situation und fühlte mich richtig lebendig.

Menschen, die aufgrund eines Verkehrsunfalls oder Sturzes aus großer Höhe an unterschiedlichen Organsystemen mehr oder minder schwer verletzt wurden, bezeichnet man in der Medizin als polytraumatisiert. Hierbei handelt es sich um akute Zustände vor allem organischer Dysfunktion, die einer raschen und gezielten Intervention bedürfen. Betroffene befinden sich dadurch in einer akut lebensbedrohlichen Situation, die mit der exzessiven Ausschüttung von Stresshormonen und Entzündungsmediatoren verbunden sind.

Im psychologischen Kontext meint Trauma etwas gänzlich anderes. Hier geht es vor allem um psychische Folgezustände nach einem überstandenen überwältigenden Akutereignis, verbunden mit Todesangst und Kontrollverlust, welches die Psyche nicht vollständig verarbeiten konnte und das Wunden hinterlassen hat, die zu einer tief greifenden Störung geistiger und körperlicher Integrität führen. Psychotrauma meint auch die lang andauernde Bedrohung durch äußere Gefahren, zum Beispiel durch eine gewalttätige Person, und deren kurz- wie langfristige körperliche und psychische Folgen. Dies gilt vor allem für Kinder, die ihre gesamte Kindheit hindurch traumatisierten Eltern schutzlos ausgeliefert sind.

Je nachdem, worauf der medizinische oder psychologische Fokus gerichtet wird, sind die Wahrnehmungen sehr unterschiedlicher Natur. Im einen Fall steht der Organismus mit seinen gestörten physiologischen Funktionen im Vordergrund. Im anderen Fall richtet sich die Aufmerksamkeit überwiegend auf psychische, emotionale und mentale Aspekte des Betroffenen. Das Dilemma ist, dass in einem Fall seelenlose Körper, im anderen körperlose Seelen gesehen und dementsprechend »behandelt« werden. Obwohl fast alle jüngeren wissenschaftlichen Untersuchungen zu dem Schluss kommen, dass Körper und Psyche nicht voneinander zu trennen sind, hängen wir in der westlichen Medizintradition immer noch einem überholten Weltbild an und konstruieren unsere Wirklichkeit auf diese vereinfachte Weise (Maté 2003). Dies bringt für die Alltagspraxis zwar eine gewisse Erleichterung. Wir verbauen uns dadurch aber den Weg zu einem ganzheitlichen Verständnis der Welt und des Lebens. Wir schneiden uns von einem Geschehen ab, das wir Gesundheit oder Heilung nennen könnten. Denn ein Prozess der Heilung kann nur gelingen, wenn alle Teile eines Systems die notwendige Beachtung und Würdigung finden.

Der Psychiater Daniel Siegel, der den Begriff der Interpersonellen Neurobiologie geprägt hat (Siegel 2015), spricht in diesem Zusammenhang vom Dreieck des Wohlbefindens - dem Zusammenwirken von Geist, Gehirn und unseren Beziehungen. In diesem Kontext ist mit Gehirn die physiologische Komponente, also auch der Körper als physischer Organismus gemeint. Diese drei Teile zu integrieren, scheint der Schlüssel zu Gesundheit und Heilung zu sein. Die Art und Weise unserer Beziehungen zu anderen Menschen spielt hierbei eine überragende Rolle. Diese Beziehungsfähigkeit sowohl zu uns selbst als auch zu anderen Menschen wird durch traumatische Erlebnisse in ihren Grundfesten erschüttert. Durch eine überwältigende Erfahrung verändern sich sowohl das Gehirn, der Geist als auch der Körper in gravierender Weise. Es ist gleichsam ein Angriff ins Zentrum unseres Seins. Trauma erzeugt keine graduelle und vorübergehende Veränderung unseres Selbst. Es desorganisiert und zerlegt dieses Selbst dauerhaft in puzzleartige Teile, die keinen kohärenten Zusammenhang und keine Verbindung mehr miteinander haben.

In diesem Buch werden wir zahlreichen individuellen Lebensgeschichten begegnen und erfahren, dass jedes Organ oder Organsystem auf seine Art zum Träger der Traumaenergie werden und die damit verbundene Angst, Panik und Not in Form von differenzierter Symptomatik zum Ausdruck bringen kann. Um zu verstehen, dass wir Körper, Psyche und Geist für einen gelingenden Prozess der Integration benötigen, müssen wir uns daran erinnern, dass wir ein dreieiniges Gehirn besitzen, welches sich im Laufe unserer individuellen Menschwerdung entwickelt (McLean 1990). Es stellt die materielle Blaupause für unsere menschlichen Fähigkeiten des Denkens und Fühlens dar. Bewusst sind wir uns meistens unseres Großhirns (»Menschengehirn«), welches die Funktionen von logischem, analytischem Denken und Kombinieren vereint und hochkomplexe kognitive Prozesse wie Sprache, Zukunftsplanung usw. ermöglicht. Darunter verbirgt sich ein evolutionsgeschichtlich viel älterer Gehirnanteil, das »Säugetiergehirn«, welches unsere Emotionen, Gefühle und alles Nonverbale beherbergt. Tief im Inneren unseres Kopfes liegt der älteste unserer Gehirnanteile, das »Reptiliengehirn«, ausgestattet mit allem, was wir zum physischen Dasein benötigen. Hier werden Herzschlag, Blutdruck, Körpertemperatur, Wasserhaushalt und alles existenziell Wichtige koordiniert. Dort finden sich auch die Schaltzentren für die zum Überleben in äußerster Not wichtigen Funktionen wie Kampf- und Fluchtreflexe einschließlich des sogenannten Totstellreflexes, wenn weder Kampf noch Flucht Erfolg versprechend erscheinen und alle sonstigen Strategien der Stressbewältigung versagt haben.

Um die enge Beziehung zwischen körperlichen und psychischen Prozessen aufzuzeigen und sich gleichzeitig bewusst zu sein, dass es sich hierbei um unterschiedliche Kategorien handelt, weisen Walach, Wittmann und Schmidt (2017) auf den Begriff des Komplementaritätsprinzips hin. Damit sind Beschreibungen gemeint, die gleichzeitig nötig sind, um einen Sachverhalt zu verstehen. Dadurch wird deutlich, dass wir zum Menschsein sowohl Körperlichkeit als auch Geistigkeit benötigen. Deshalb sind uns in Wahrheit immer beide Seiten bewusst, auch wenn wir mit unserer Aufmerksamkeit einmal die körperlich-physiologischen Prozesse beobachten, um Messergebnisse zu erhalten, oder ein anderes Mal uns den geistig-psychologischen Phänomenen zuwenden, um subjektive Erfahrungen zu beschreiben.

Insofern wäre es für die medizinische als auch psychologische Fraktion der Wissenschaft vorteilhaft, sich der jeweils anderen Position nicht zu verschließen. Die Medizin muss anerkennen, dass es keinen seelenlosen Körper gibt. Und die Psychologie sollte die Vorstellung aufgeben, dass psychische Prozesse ohne eine biologisch-physiologische Matrix möglich sind. Die Verbindung dieses Phänomens wird auch als »Embodiment« beschrieben (Storch, Cantieni, Hüther und Tschacher 2010). Damit könnten wir das veraltete »Maschinenmodell« der Medizin hinter uns lassen und zugleich verstehen, dass psychische Vorgänge einer biologischen Matrix bedürfen und eine physiologische Entsprechung aufweisen.

Dies wird deutlich in einer Untersuchung von fünf- und zehnjährigen Kindern, in der die Telomere7 bei denjenigen Kindern deutlich verkürzt waren und damit einen vorzeitigen Alterungsprozess anzeigten, in deren Biografie Misshandlung, Mobbing oder häusliche Gewalt stattgefunden hatten.8 Hier hatten Traumata also zu einer tief greifenden Veränderung der Körperbiochemie und letztlich des gesamten Organismus geführt, verbunden mit weitreichenden negativen Folgen für das gesamte weitere Leben dieser Menschen. Heute gilt es als unbestritten, dass es einen engen Zusammenhang zwischen Gesundheit und Langlebigkeit und der Länge der Telomere gibt. Eine Untersuchung aus dem Jahr 2014 wies auf die Wechselbeziehung zwischen der Länge der Telomere und bestehenden stressassoziierten Krankheiten wie Depression und posttraumatischer Belastungsstörung hin und stellte die These auf, dass traumatischer Stress nicht nur psychische Erkrankungen auslöst, sondern auch die Zellalterung beeinflusst.9 Dies ist ein weiterer Hinweis darauf, dass Körper und Psyche keine Gegensätze darstellen, sondern ein sich selbst organisierendes System sind. Die Abspaltung eines Teiles dieser Ganzheit verhindert zwangsläufig Heilung im umfassenden Sinn.

Akuter Stress ist lebensrettend, chronischer Stress macht krank

Die Natur hat alle Lebewesen einschließlich uns Menschen mit einem Programm ausgestattet, in lebensbedrohlichen Situationen blitzschnell zu reagieren, um die gefährliche Situation zu entschärfen und das Überleben zu sichern. Ob die Bedrohung real ist oder virtuell, ist für die Reaktion des Organismus nicht entscheidend, da unser Stammhirn nicht zwischen tatsächlicher und mental vorgestellter Gefahr unterscheidet. Wenn wir unsere Kräfte als stark genug einschätzen, nehmen wir in Notfallsituationen den Kampf auf und behaupten uns im günstigen Fall gegen die akute Gefahr. Wenn unsere Ressourcen nach eigener Bewertung nicht ausreichen, ziehen wir uns zurück und flüchten aus dem Gefahrenbereich. Hierfür mobilisiert unser Körper alle zur Verfügung stehenden Kraftreserven. Über das endokrine System werden Hormone wie Adrenalin und Noradrenalin ausgeschüttet. Damit wird das Herz-Kreislauf-System maximal...

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