Axel Rudolph - Gesammelte Werke 1

Die Diamantensucher. Die Eisfrau. Gebt uns ehrliche Waffen!
 
 
Books on Demand (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 11. Februar 2019
  • |
  • 651 Seiten
 
E-Book | ePUB ohne DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-7481-9235-0 (ISBN)
 
Sammelband mit drei Romanen
· Die Diamantensucher
· Die Eisfrau
· Gebt uns ehrliche Waffen!
Axel Rudolph lebte von 1893 bis 1944 und war ein deutscher Schriftsteller.

1

Der erste Eindruck, den man von Kimberley erhält, ist kein besonders guter. Gleich vor dem Bahnhof fängt es an: Straßen, die voll liegen von schmutzigen Papierfetzen, vernachlässigte Häuserfassaden, heruntergelassene Läden vor den Schaufenstern und überall eine sich langsam vorwärts schiebende Menschenmenge, durch die die wenigen Autos sich nur mühsam hindurchwinden können.

Die Neger sehen noch verhältnismäßig am anständigsten aus. Zum größten Teil wohlhabende Geschäftsleute, die sauber und ganz europäisch gekleidet sind. Bei den übrigen, den schwarzen Arbeitern, fällt die Armut nicht so sehr ins Auge. Bei einem Schwarzen erwartet man an sich schon einen gewissen Mangel an Bekleidungsstücken, und die Tatsache, daß er nur einen breitrandigen Strohhut und eine Hose von nicht zu beschreibender Farbe trägt, macht ihn noch nicht zu einem Jammerbild.

Viel schlimmer sehen die meisten Weißen aus. Abgesehen von einigen Beamten und Angestellten der Minenkompanien, die sich einen richtigen Tropendreß leisten können, scheinen die Menschen, die sich da in den Straßen herumschieben, direkt aus den Slums von Soho und Whitechapel herausgeholt zu sein. Dürftige, schmächtige Gestalten, finstere, trübe Gesichter, ein paar verwegene Verbrecherphysiognomien darunter, alle aber schlecht und ärmlich gekleidet, vernachlässigt, ungepflegt, bedrückt.

Wenn man sich die modernen Straßenzüge, die klingelnden Straßenbahnen und die Schauläden wegdenkt, kann man glauben, nicht in einer südafrikanischen Großstadt, sondern in einem frisch aus der Erde geschossenen Minenkamp zu sein. Selbst die gleißende afrikanische Sonne vermag nicht das düstere Elendsbild freundlicher zu gestalten.

»Schneller fahren, Chauffeur!« Sophus Trolle tippt dem Wagenlenker ungeduldig auf die Schulter. »Was ist denn los da vorn?«

Der Autoführer zuckt die Achseln und weist mit einer stummen Gebärde auf die vor dem Wagen sich zusammenballenden Menschenmassen, die ein Durchkommen unmöglich machen. Irgend etwas scheint da wirklich los zu sein. Ein Zusammenrennen, Aufstauen, eine plötzliche Bewegung, die all diese herumlungernden Gestalten ergriffen hat und aus den Seitenstraßen immer neue Menschenhaufen magnetisch herbeizieht. Drängen und Stoßen, Geschnatter in zehn, zwölf Sprachen und Dialekten, Fragen und Geschrei und höhnische, hetzende Rufe:

»Loslassen den Mann!«

»Was ist mit ihm?«

»Nehmt ihm den Gummiknüppel ab!«

Wie eine Beule bauscht sich über den Köpfen, mitten in der erregten Menge, der Helm eines Polizisten, der sich müht, einen Festgenommenen abzuführen. Gestikulierend, beschwichtigend drängt sich dicht an die Seite des Uniformierten ein kleiner, bürgerlich gekleideter Mann, der den Hut verloren hat und zum Schutz gegen die Sonne krampfhaft ein Taschentuch auf dem Schädel hält.

Pfiffe. Vergebens sucht der Polizeibeamte die ihn umdrängende Menge mit seinem Stab abzuwehren, schimpft auf die Leute ein in demselben Niggerjargon, der rings um ihn ertönt.

Das Geschrei macht es unmöglich, ein Wort zu verstehen, aber man sieht, daß der kleine Mann in Zivil ängstlich auf den Polizisten einredet, der genug damit zu tun hat, seinen Inhaftierten zu schützen und festzuhalten.

»Gebt ihm eins über den Kopf, dem Schnüffler.«

Die Wut der Leute richtet sich anscheinend viel mehr gegen den kleinen Zivilisten als gegen den Beamten. Hände greifen nach seinem Rock, beuteln und schütteln ihn. Klatsch! Von irgendwoher fährt eine breite Hand nieder und sitzt dem Manne mitten im Gesicht.

Der Polizeibeamte hat die Signalpfeife an die Lippen gehoben. Ein paar schrille Pfiffe gellen über den Platz. Aber die Menge achtet nicht darauf. Wieder ein Schlag. Und noch ein Schlag! Der kleine Mann taumelt. Das Taschentuch auf seinem Kopf beginnt sich rot zu färben.

Helga Trolle hat sich im Wagen aufgerichtet und sieht verständnislos aber ohne Furcht in das Gewühl.

»Verbrecherjagd, Chauffeur?«

Der Chauffeur wendet sich halb um zu Sophus Trolle, der ruhig im Wagen sitzengeblieben ist:

»Sie haben einen Diamantensucher erwischt, Sir, der heimlich einen Stein verkauft hat.«

»Einen gestohlenen?«

»No, Sir.« Der Chauffeur macht ein finsteres Gesicht. »War sein rechtmäßiges Eigentum, schätze ich. Aber er hat ihn unter der Hand verkauft, an der schwarzen Börse. Und hinter der schwarzen Börse sind sie höllisch her.«

»Und deshalb schlagen die Leute den Mann«, fragt Helga verwundert.

Der Chauffeur grinst. »No. Der Mann, der die Prügel gekriegt hat, ist Detektiv der Minenkompanie. Sie sind ihm gegönnt.« Der Chauffeur, noch selber aufgeregt von dem Schauspiel, das sich da eben abspielte, kommt ins Schwatzen. »Sie glauben gar nicht, was die schwarze Börse .«

»Interessiert mich nicht.« Sophus Trolle schnippt die Asche von seiner Zigarre. »Sehen Sie zu, daß wir weiter kommen! Setz dich, Helga.«

Mit einem Ruck zieht der Wagen an, bahnt sich unter fortwährendem Hupen einen Weg durch die von den Polizisten zurückgedrängte Menge, bis er auf den eleganten, von hübschen Anlagen umrahmten Botha Square einbiegt.

Vor einem etwas größeren Hause in der Mafeking Road hält der Wagen. Ein Negerportier schleppt das Gepäck in die Halle, während Sophus Trolle den Chauffeur bezahlt.

Vornehm ist der »Traek« wirklich nicht, aber beliebt, das kann man wohl sagen. Als Hotel weniger, denn er hat nur zehn bescheidene Zimmer im oberen Stockwerk für gelegentliche Gäste, die hier übernachten, aber unten in den Restaurationsräumen ist jeden Abend Betrieb. Als Digger-Bar ist der »Traek« seit Jahrzehnten berühmt. Oder berüchtigt, wie man will.

Als Kimberley noch keine Industriegroßstadt war, sondern eine aufstrebende Goldgräberstadt, hat es im »Traek« oft genug blutige Raufhändel gegeben, bei denen die Bulldoggs und Brownings bellten. Um ein Mädel oder um ein Stück Glitzerstein. Bis Samuel Woomer, der Inhaber des »Traek«, genug Geld aus den Diggers und Farmern gezogen hatte, um seine Bar in ein regelrechtes »Hotel« zu verwandeln. Seither ist es manierlicher geworden im »Traek«. Aber seine Anziehungskraft unter den Diggern hat das alte Lokal trotzdem behalten. Die vornehmen Fremden, die nach Kimberley kommen, wohnen im »Majestic«, die Geschäftsreisenden im »Queen Victoria« oder im »Tralle Hotel«. Die Diamantensucher, die Diggers, und die Diamantenhändler besuchen aber immer noch den »Traek«, wo man abends keinen Smoking zu tragen braucht und wo Samuel Woomer eine große Kreidetafel hat, auf der man seinen Whisky ankreiden lassen kann, wenn mal die Scheine im Hosensack fehlen.

Mancher Claim, mancher Stein ist schon im »Traek« zwischen einer Varieténummer und einer Runde Whisky verhandelt worden, und mancher erfolgreiche Digger hat hier, bevor er als gesunder Mann den afrikanischen Boden verließ, den Kameraden ein rauschendes Abschiedsfest gegeben, bei dem dann Samuel Woomer stillschweigend die Beträge, die gerade auf der Kreidetafel standen, dem glücklichen Festgeber mit auf die Rechnung gesetzt hat.

Während Sophus Trolle seinen Namen in das Fremdenbuch einträgt, sieht Helga sich neugierig in der »Halle« um. Die Einrichtung ist primitiv. An der Wand hängen zwei verräucherte Öldruckbilder friedlich nebeneinander. Die alte Queen von England und das bartumkränzte Altmännergesicht Ohm Krügers. Erinnerungsstücke aus der Zeit, da Samuel Woomer, freier Burgher in Bloomfontain, seine Frau todkrank aus dem Konzentrationslager Kitcheners zurückholte.

Zwei Leute sitzen in den einfachen Korbsesseln und werfen verstohlen neugierige Blicke auf die Ankömmlinge. Ein Dritter kommt hinzu und wechselt ein paar halblaute Worte mit den beiden, die durch ein gleichgültiges Achselzucken antworten, dann schlendert er zu Sophus Trolle heran, der eben im Begriff ist, dem schwarzen Hausdiener zu der Holztreppe im Hintergrund zu folgen.

»Wollen Sie einen fabelhaften Stein sehen, Sir?«

»Hä?« Sophus Trolle bleibt stehen und wendet dem Mann ein erstaunt fragendes, von Furchen und Runzeln durchzogenes Gesicht zu. Der Mann zeigt in der hohlen Hand etwas Glitzerndes.

»Gelegenheitskauf, Sir. Finden Sie so leicht nicht wieder in Kimberley.«

Sophus Trolle schüttelt barsch den Kopf. »Ohne Interesse für mich. Was soll ich mit dem Spielzeug? Aber wenden Sie sich an meine Tochter.« Ein leises, hüstelndes Lachen. »Meine Tochter hat eine Leidenschaft für Diamanten.«

Und ächzend beginnt Sophus Trolle die etwas steile Treppe hinaufzuklettern.

»Bitte, Madam!« Der Mann hat sich an Helga gewendet und hält ihr den Stein zuvorkommend hin. Die beiden andern haben sich aus ihren Korbsesseln emporgeräkelt und sind neugierig nähergekommen.

In Helga Trolles schmalem Gesicht steht ein frohes Leuchten. »Darf ich den Stein mal sehen?«

»Selbstverständlich, Madam.« Ein haselnußgroßer Diamant liegt in Helgas Hand, die ihn hin und her wendet, während ihre Augen sich entzückt an den Strahlenbrechungen weiden.

»Prachtstück für eine Sammlung, Madam. Fragen Sie Mr. Fletcher hier. Er versteht was davon.«

Mr. Fletcher nickt bedächtig. »Handle seit zwanzig Jahren mit den Dingern, Madam. Würde den Stein da selber kaufen, wenn nicht das Geld jetzt so knapp wäre. It's a pity«, brummt er vor sich hin. »Ist mal ein gutes Geschäft zu machen, fehlen unsereinem die Mittel.«

»Und Mr. Webster hier ist ein noch besserer Kenner«, sagt der Besitzer des Diamanten eifrig, auf den zweiten der beiden Herren deutend.

»Bin ich«, bestätigt der feiste, würdevolle Webster, der in seiner behäbigen Bürgerlichkeit beruhigend wirkt gegenüber den dünnen Condottierigestalten der beiden anderen....

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