Der Fall Thomas Quick

Die Erschaffung eines Serienkillers
 
 
Heyne (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 26. August 2013
  • |
  • 560 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-641-11373-5 (ISBN)
 
Die wahre Geschichte eines unfassbaren Verbrechens

Thomas Quick ist das schlimmste Monster der schwedischen Geschichte - ein Serienkiller, Vergewaltiger, Sadist und Kannibale. So jedenfalls das Bild, das die Medien von ihm erschufen. In den Jahren zwischen 1992 und 2001 gesteht Thomas Quick dreißig Morde und wird für acht davon verurteilt. Nachdem immer wieder Zweifel an der tatsächlichen Schuld von Thomas Quick aufkommen, beginnt der bekannte Enthüllungsjournalist Hannes Råstam mit der Recherche. Das Ergebnis seiner Arbeit schlägt ein wie eine Bombe. Thomas Quick kann die Morde nicht begangen haben. Es gibt keinen haltbaren technischen Beweis. Thomas Quick ist unschuldig.

weitere Ausgaben werden ermittelt

Der Säter-Mann

Die haarsträubende Nachricht wurde von den Medien überbracht. Wie immer. Der Reporter vom Expressen hatte es eilig und kam gleich zur Sache:

»Unten in Falun hockt ein Kerl, der den Mord an Ihrem Sohn Johan gestanden hat. Was können Sie dazu sagen?«

Anna-Clara Asplund stand in Hut und Mantel in der Diele, die Hausschlüssel in der Hand, und war gerade von der Arbeit nach Hause gekommen. Schon beim Eintreten hatte sie das Telefon klingeln hören.

»Ich bin etwas in Eile«, erklärte der Journalist. »Morgen wird mein Leistenbruch operiert, und ich muss den Artikel noch fertig machen.«

Anna-Clara Asplund hatte keine Ahnung, wovon er sprach. Aber sie begriff, dass die offenen Wunden wieder aufreißen würden, und dass an jenem Montag, dem 8. März 1993, ihr Albtraum noch mal von vorn beginnen würde. Ein 42-jähriger Patient der Rechtspsychiatrischen Klinik Säter hatte den Mord an ihrem Sohn gestanden, berichtete der Journalist. »Ich habe Johan getötet«, habe der Mann gesagt. Anna-Clara fragte sich, warum die Polizei dies dem Expressen , aber noch nicht ihr mitgeteilt hatte.

Am 7. November 1980 stiegen Björn und Anna-Clara Asplund in die Hölle hinab. Es war ein ganz normaler Freitag. Es ist immer ein ganz normaler Tag, an dem so etwas passiert. Anna-Clara machte für ihren elfjährigen Sohn Johan Frühstück, bevor sie sich von ihm verabschiedete und zur Arbeit ging. Als ihr Sohn gegen 8.00 Uhr das Haus verließ, hatte er etwa 300 Meter bis zur Schule vor sich. Doch er kam nie dort an und blieb seitdem spurlos verschwunden.

Noch am selben Tag startete die Polizei eine umfassende Suchaktion mit Hubschraubern, Wärmebildkameras und Suchmannschaften, jedoch ohne eine Spur von dem Jungen zu finden. Der »Fall Johan« wurde zu einem der großen Kriminalrätsel Schwedens. Die Eltern meldeten sich in zahllosen Interviews, Reportagen und Talkrunden zu Wort. Immer wieder erzählten sie, wie es ist, sein einziges Kind zu verlieren, nicht zu wissen, was passiert ist, kein Grab zu haben, zu dem man gehen kann. Es half alles nichts.

Anna-Clara und Björn Asplund hatten sich getrennt, als Johan drei Jahre alt war, aber sie hatten ein gutes Verhältnis, waren sich gegenseitig eine Stütze auf der Golgathawanderung nach Johans Verschwinden und halfen einander bei den trostlosen Gesprächen mit Journalisten und Vertretern der Justiz.

Beide waren frühzeitig davon überzeugt, dass Johan von Anna-Claras ehemaligem Lebensgefährten entführt worden war. Unglückliche Liebe und übertriebene Eifersucht waren das angebliche Motiv, irgendetwas war aus dem Ruder gelaufen.

Der ehemalige Lebensgefährte gab an, er habe an jenem verhängnisvollen Morgen zu Hause im Bett gelegen und bis 9.00 Uhr geschlafen. Aber Zeugen hatten ihn um 7.15 Uhr das Haus verlassen sehen. Andere Zeugen hatten gegen 8.00 Uhr sein Auto vor Asplunds Haus gesehen. Seine Freunde und Arbeitskollegen sagten aus, dass er sich merkwürdig benommen habe, seit Johan verschwunden war. Selbst sein bester Freund teilte der Polizei mit, er sei überzeugt, sein Kumpel habe Johan mitgenommen. Im Beisein zweier Zeugen sagte Björn Asplund zu Anna-Claras früherem Lebensgefährten: »Du bist ein einfältiger Mörder, du hast meinen Sohn umgebracht, aber damit kommst du nicht davon. Ich werde jedem, den ich treffe, erzählen, dass du Johan getötet hast.«

Dass der Mann gegen solche Anschuldigungen nicht protestierte oder Björn Asplund wegen Verleumdung anzeigte, wurde von den Eltern als weiterer Hinweis für seine Schuld gedeutet. Es gab also Indizien, Zeugen und ein Motiv, aber keine sicheren Beweise.

Vier Jahre nach Johans Verschwinden beauftragte das Elternpaar Asplund den Rechtsanwalt Pelle Svensson, sich der Anklage gegen Anna-Claras ehemaligen Lebensgefährten anzuschließen, ein mutiges Unterfangen, das auch ein bedeutendes finanzielles Risiko barg, falls die Anklage nicht zugelassen oder es zu einem Freispruch kommen sollte.

Nach einem spektakulären Verfahren sah es das Landgericht als bewiesen an, dass der Angeklagte Johan entführt hatte. Er wurde wegen Menschenraubes zu zwei Jahren Haft verurteilt. Das war ein einzigartiges Ereignis und ein großer Sieg für Anna-Clara und Björn Asplund. Aus dem Erfolg am Landgericht wurde jedoch eine Niederlage, als das Oberlandesgericht ein Jahr später, nachdem die Verteidigung Berufung eingelegt hatte, das Urteil gegen den früheren Lebensgefährten aufhob. Da nach schwedischem Recht bei Freispruch die Verfahrenskosten nicht von der Staatskasse getragen werden, wurden Anna-Clara und Björn Asplund dazu verurteilt, für die aufgelaufenen 600000 Kronen aufzukommen. Die Regierung beschloss allerdings später »aus Barmherzigkeit«, dass Johans Eltern diese Summe nicht begleichen mussten.

Dann waren sieben Jahre vergangen ohne eine neue Spur von Johan. Es gab niemanden mehr, der noch nach seinem Mörder suchte.

Aber nun stand Anna-Clara wie angewurzelt in der Diele, in einer Hand den Telefonhörer, in der anderen den Schlüsselbund. Sie versuchte zu verstehen, was der Reporter erzählte, dass nämlich die Ermittlungen im Mordfall Johan wieder aufgenommen worden waren und ein Patient aus der Psychiatrie die Tat gestanden hatte. Aber ihr fiel kein Kommentar ein, der in die Zeitung gepasst hätte.

Anna-Clara Asplund nahm Kontakt mit der Polizei in Sundsvall auf, die die Informationen des Journalisten bestätigte. Der Ausgabe des Expressen vom folgenden Tag konnte sie entnehmen, dass der Psychiatriepatient zu Protokoll gegeben hatte, er habe Johan erwürgt und die Leiche vergraben.

Der Reporter hatte außerdem Björn Asplund erreicht, der die neuen Informationen skeptisch zur Kenntnis nahm. Er war noch immer davon überzeugt, dass Johans Mörder derjenige war, gegen den Anklage erhoben worden war. Aber er wollte sich auf nichts festlegen:

»Wenn sich herausstellen sollte, dass ein anderer Johan getötet hat, muss ich zu meinem Irrtum stehen«, sagte er dem Expressen . »Hauptsache, wir bekommen endgültige Gewissheit.«

Der Expressen blieb an dem Fall dran, und wenige Tage später konnte Anna-Clara Asplund weitere Details über das Geständnis des Säter-Patienten lesen.

»Ich habe Johan vor der Schule in mein Auto gelockt«, sagte der Säter-Mann, wie er genannt werden sollte, am 15. März dem Expressen . »Ich bin in ein Waldstück gefahren und habe mich dort an dem Jungen vergangen.«

»Ich wollte ihn nicht töten. Aber ich habe Panik gekriegt und Johan erwürgt. Dann habe ich ihn vergraben, damit er nicht gefunden wird.«

Der 42-Jährige war offensichtlich ein schwer kranker Mann. Schon 1969 hatte er sich sexuell an minderjährigen Jungen vergangen. Zuletzt war er 1990 gemeinsam mit einem jüngeren Komplizen wegen Bankraub in Grycksbo verhaftet und in die Psychiatrie in Säter eingewiesen worden, wo er in Therapiegesprächen den Mord an Johan gestanden hatte. Laut Expressen hatte er gesagt:

»Ich kann nicht länger damit leben. Ich will das aus der Welt schaffen; ich will Versöhnung und Vergebung, um wieder nach vorn zu blicken und weiterzukommen.«

Du kannst nicht mehr?, dachte Anna-Clara und ließ die Zeitung sinken.

Oberstaatsanwalt Christer van der Kwast war ein energischer Mann, 50 Jahre alt, mit ordentlich gestutztem Bart und kurz geschnittenem dunklem Haar. Er war bekannt für seine Gabe, mit sonorer Stimme derart überzeugend seine Ansichten darzulegen, dass sie sowohl von seinen Untergebenen als auch von Journalisten für die Wahrheit gehalten wurden. Kurz gesagt, war er ein Mann, der Selbstvertrauen ausstrahlte und es zu genießen schien, die Führung für seine Mannschaft zu übernehmen und mit ausgestrecktem Arm die Marschrichtung anzuzeigen.

Ende Mai ließ van der Kwast eine Pressekonferenz einberufen. Den erwartungsvollen Journalisten berichtete der Staatsanwalt, der Säter-Mann habe verschiedene Orte genannt, wo er Teile von Johans Leiche versteckt habe, und Techniker der Polizei würden nun in der Nähe von Falun nach den Händen suchen. Weitere Leichenteile seien angeblich in der Gegend von Sundsvall versteckt worden, doch trotz sorgfältiger Suche mit Spürhunden war an besagten Orten noch nichts gefunden worden.

»Dass wir nichts gefunden haben, muss nicht zwangsläufig bedeuten, dass es auch nichts gibt«, lautete der Kommentar des Staatsanwalts.

Andere Beweise, die den Verdächtigen mit Johan Asplunds Verschwinden in Zusammenhang brachten, gab es nicht, und van der Kwast sah sich gezwungen zuzugeben, dass er für eine Anklageerhebung nicht genug in der Hand hatte. Der Verdacht bleibe dennoch bestehen, erklärte er, denn auch wenn Beweise fehlten, stünde der Säter-Patient mit einem anderen Mord in Zusammenhang.

Van der Kwast erläuterte den Anwesenden, dass jener 1964 einen Jungen im gleichen Alter in Växjö getötet hatte. Das Opfer war der 14-jährige Thomas Blomgren.

»Die Angaben des Säter-Patienten sind sehr detailliert und decken sich mit den Ergebnissen der Ermittlungen in diesem Mordfall, sodass ich unter normalen Umständen nicht gezögert hätte, gegen den Mann Anklage zu erheben«, sagte van der Kwast....

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