Die Summe unseres Glücks

Roman
 
 
Piper (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 5. Oktober 2015
  • |
  • 624 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-492-97170-6 (ISBN)
 
Francois Roux erzählt wie die großen Amerikaner: von Illusionen und Wahrheiten, von Träumen und Kompromissen und der Suche nach dem richtigen Platz im Leben. - Der glänzende Schüler Rodolphe sieht seine Zukunft in der Politik, hier möchte er seine Ideale verwirklichen. Auch seine Freunde Paul, Benoît und Tanguy haben große Pläne für die Zukunft. Sie sind siebzehn, und das Leben liegt ihnen zu Füßen. Erst Jahre später treffen sie sich wieder. Rodolphe hat es ins Parlament geschafft. Er hat einen PR-Berater, eine kluge Frau, einen mächtigen Schwiegervater. Doch die Frage, die sich Rodolphe und seine Freunde stellen, wiegt schwer: Führen sie das Leben, das sie sich gewünscht haben? Haben Sie das Beste, das Richtige aus sich gemacht? - In diesem »epischen Generationenroman und perfekten Pageturner« (Livres Hebdo) zeichnet Francois Roux ein aktuelles Bild der französischen Gesellschaft und stellt die alte Frage nach dem gelungenen Leben neu - in einer Gesellschaft, in der das Streben nach Glück das höchste Gut ist.
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978-3-492-97170-6 (9783492971706)
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6. Juli 1981


Die letzten Ergebnisse bekamen wir an einem Montag.

Eigentlich war es für niemanden eine Überraschung: Rodolphe hatte mit Auszeichnung bestanden, ich dagegen holte mit langwierigen mündlichen Nachprüfungen gerade ein Ausreichend.

»Kann man gleichzeitig die Todesstrafe ablehnen und die Abtreibung befürworten?« hatte das Aufsatzthema der Philosophieprüfung gelautet, mit dem sich die Kandidaten des naturwissenschaftlichen Zweigs dieses Jahr herumschlagen mussten.

Rodolphe, wie sollte es anders sein, brillierte. Er hatte das Thema längst in aller Ausführlichkeit mit seiner sozialpolitischen Arbeitsgruppe diskutiert, die er selbst gegründet hatte. Ich dagegen begnügte mich mit einer klassischen Erörterung, in der es der These schmerzlich an Beispielen und der Antithese an Überzeugung fehlte, sodass meine Synthese äußerst dürftig ausfiel und mir das Ganze ein Mangelhaft einbrachte.

Rodolphe hob sein Bierglas und zwang mich, mit ihm anzustoßen.

»Du hast es doch geschafft, oder? Ist das nicht eigentlich das Wichtigste?«

Wir saßen auf der Terrasse des Café des Écoles - legendärer Treffpunkt für die Oberschüler und unser bevorzugtes Pausengelände. Wir waren alle da, gut hundert Abiturienten des naturwissenschaftlichen, wirtschaftlichen und sprachlichen Zweigs, und kommentierten die Erfolge der einen und das - immer unverdiente - Scheitern der anderen. In diesem Café waren wir mindestens drei, manche auch vier Lycée-Jahre lang ein und aus gegangen. Es war der Nabel der Welt. Hier tauschten wir die besten Tipps und das schlimmste Geläster aus. Hier kritzelten die Mutigsten unter uns, ermuntert von ihren Kumpels und vom Alkohol, höchst utopische Anmachversuche auf Bierdeckel, was den betroffenen Mädchen aber völlig gleichgültig war. Hier zettelten wir Verschwörungen an gegen Lehrer und Eltern, küssten die ersten Mädchen, weinten unseren ersten Kummer aus. Von der Schule abzugehen bedeutete, diesen Ort nicht wiederzusehen, und diesen Ort nicht wiederzusehen brach uns allen das Herz. Unser Café aufzugeben hieß, ein gutes Stück von uns selbst zurückzulassen. Und was sollte stattdessen kommen? Natürlich winkten die Uni oder die Classe Prépa, neue Freundschaften, neue Lieben, ein Beruf wollte bewältigt werden, die Welt erobert. Natürlich würden wir uns wiedersehen, das schworen wir uns, manchmal unter Tränen und mit einem dicken Kloß im Hals. Niemals würde der Rausch des Neuen die Unbeschwertheit der alten Tage auslöschen. Oh nein, egal, wie weit wir auseinandergerissen wurden, wir würden noch viel Zeit zusammen verbringen. Es war doch nur ein kleiner Riss in einer so stabilen Hülle. Ja, natürlich. Dabei war uns allen klar, dass nichts mehr sein würde wie vorher.

Von hinten war Tanguy aufgekreuzt. Ein langes Elend von einem Meter achtzig mit einem Blick wie unter Hochspannung und einem immerwährenden, geheimnisvollen Mona-Lisa-Lächeln, bei dem man sich unwillkürlich fragte, welchen Streich er wohl gerade gespielt und welchen er als Nächstes im Sinn hatte. Er schlug mir mit der flachen Hand auf den Rücken.

»Bravo, Junge. Du bist ein Sprintertyp, das habe ich schon immer gewusst. Auf den letzten Metern bist du am besten.«

»Mach dich nur lustig.«

»Ich mache mich doch nicht lustig! Rodolphe, mache ich mich über ihn lustig?«

Er schrie fast.

»Er hat es gerade so geschafft, und du brüllst wie ein Irrer.«

»Mann, er hat es geschafft, das ist doch das Wichtigste.«

Er fing an, mir mit der Hand kräftig den Nacken durchzuschütteln.

»Paul, das ist doch das Wichtigste.«

»Das sage ich ihm auch schon die ganze Zeit«, meinte Rodolphe.

»Ihr seid lustig mit euren Auszeichnungen. Ihr habt doch keine Ahnung, was ein Ausreichend für meinen alten Herrn bedeutet. Das Wort existiert in seinem Wortschatz überhaupt nicht.«

In dem Moment kam ein Kellner vorbei, und Tanguy rief ihm zu:

»Michel, einen Whisky ohne Eis, oder nein, einen doppelten bitte.«

Michel, ein hagerer Typ mit Kupferrose und Kaninchenaugen, trat misstrauisch heran.

»Seit wann bist du denn achtzehn?«

»Seit heute früh. Genau um 1:35 Uhr. Ich war schon immer ein Frühaufsteher. Willst du Beweise?«

Tanguy kramte in seiner Hosentasche und präsentierte stolz seinen Personalausweis. Seit Generationen den billigen Tricks der Schüler ausgeliefert, warf der Barkeeper einen Blick auf das amtliche Papier und schlurfte mit missbilligendem Gebrumme davon.

Ich runzelte die Stirn.

»Tanguy, es ist drei Uhr nachmittags.«

»Was kannst du nur für ein Spielverderber sein«, flötete er freundlich.

»Ich korrigiere: Paul Savidan ist niemals ein Spielverderber, er verkörpert nur den gesunden Menschenverstand«, sagte Rodolphe.

»Paul Savidan kann das Leben nicht genießen, und Rodolphe Lescuyer sollte ihn tunlichst seinem traurigen Schicksal überlassen, wenn ihr meine Meinung hören wollt.«

Tanguy kniff mir freundschaftlich in die Wange, woraufhin ich mich schmollend zurückzog. Er sank in seinen Stuhl und griff unvermittelt nach dem Bierdeckel, der auf dem Tisch herumlag. Minutenlang zerlegte er ihn sorgfältig in Fetzen, Schicht für Schicht, Krümel für Krümel, während er das Kommen und Gehen der Schüler beobachtete. Etliche sprach er mit ihren Namen an und hatte ein aufmunterndes oder ein tröstendes Wort für sie übrig, je nach Notenschnitt. Von uns allen war Tanguy sicher der Beliebteste im Lycée. Es umgab ihn eine gewisse Aura, die er seinem vielfältigen Engagement im Schulleben verdankte. Tanguy war nicht nur Klassensprecher, sondern auch Spielführer und Trainer der Tischtennismannschaft - er spielte hervorragend -, Vorsitzender von Geld oder Leben - in dem von ihm gegründeten Verein konnte man sein Taschengeld gewinnbringend in mediokren Spekulationen anlegen -, Schatzmeister der Ortsgruppe für die Partnerschaft zwischen der Bretagne und Irland und - wegen ernsthafter Absichten auf die Vorsitzende - Schriftführer der Initiative gegen Tierquälerei.

Tanguy war ein regelrechter Actionjunkie. Wenn er sich nicht gerade an seinem Schreibtisch abrackerte - niemand sonst lernte so viel wie er -, verausgabte er sich beim Tischtennis oder bei seinen Vereinssitzungen, aber auch beim Fußball, Tennis, Schach und was weiß ich, wo noch . Weder sein Körper noch sein Geist wollten offenbar je zur Ruhe kommen. Pausenlos nestelten seine Hände an allem herum, was ihm in die Finger kam, kaute er irgendetwas, wanderten seine Augen von rechts nach links wie bei einem lauernden Tier. Manchmal machten wir uns über seine Hyperaktivität lustig. Unsere Frotzeleien konnten ihn in eine stumme Wut versetzen, die wir zu fürchten gelernt hatten. Nur vor uns, seinen engsten Freunden, erlaubte er sich - gelegentlich -, seiner Verärgerung Luft zu machen. Vor den anderen - vor allen anderen - wollte er immerzu entspannt wirken, witzig, selbstsicher, selbst wenn ihn das manchmal enorme Kraft kostete. Und doch. Wenn er nur ein bisschen locker ließ, spürte man, dass seine Nervosität auf sehr viel mehr zurückging als auf ein Bedürfnis, sich abzureagieren: Er war von einer Unruhe erfüllt, einem Gefühl, für das ich erst im Lauf der Jahre einen Namen fand: Rastlosigkeit.

»Wie kannst du dir nur so viele Namen merken? Du solltest Bürgermeister werden in diesem Kaff«, sagte Rodolphe.

Er selbst versuchte sich nie bei jemandem anzubiedern, und für Tanguys Beliebtheit hatte er nur Argwohn übrig.

»Na, wer weiß, eines Tages vielleicht? So schwer ist es gar nicht, nett zu sein, solltest du auch mal versuchen. Und stell dir vor, es könnte dir sogar nützen. Glaub mir, gewählt wird man fürs Händeschütteln, nicht für heruntergenuschelte geniale Reden. Ernst genommen wirst du erst, wenn du weißt, wie man fachgerecht eine Wurst aufschneidet. Schau doch deinen Präsidentenfreund an mit seiner >ruhigen Kraft<, seiner Bodenständigkeit, der hat uns ganz schön an der Nase herumgeführt!«

Ich lachte laut auf, während Rodolphe die Bemerkung mit einem spöttischen Lächeln einsteckte - den Rat mit der Wurst behielt er dennoch im Hinterkopf, man wusste ja nie. Wenig später stellte der Kellner ein Whiskyglas auf den Tisch. Tanguy ließ ab von seinem Bierdeckel und wischte sich mit einer forschen Bewegung dessen Reste von den Knien. Konfetti regnete nieder. Er streckte die Hand aus, kippte das Glas hinunter und bestellte umgehend ein zweites.

»Wenn ich das richtig verstehe, hast du beschlossen, dich volllaufen zu lassen«, sagte Rodolphe.

»Ich trinke auf das Ende einer Ära.«

Mit einem kleinen Stich in der Brust hob er sein leeres Glas.

»Und auf meine achtzehn Jahre, verdammt noch mal!«

Er sprach sehr laut, wie um den ungewöhnlich mürrischen Tonfall des vorangegangenen Satzes abzumildern. Mit besorgtem Blick brachte der Kellner das zweite Glas Whisky. Rodolphe erhob sein Bierglas.

»Und auf dein Abi . auf unser Abi!«

Unsere drei Gläser stießen aneinander. Tanguy mied den Augenkontakt mit Rodolphe. Er senkte den Kopf und begann, hektisch mit einer Hand sein Glas zu drehen. Ich beobachtete ihn aufmerksam. Ein paar Sekunden lang meinte ich, einen tiefen Kummer an ihm wahrzunehmen. Er musste meinen Blick gespürt haben, er fasste sich wieder und lachte, um mich zu beruhigen.

Ich wusste, dass Tanguy hinter dieser leutseligen, munteren Fassade von Scham zerfressen war. Ich wusste, dass er seinen »guten« Schnitt im...

»In >Die Summe unseres Glücks< zeichnet der Autor ein aktuelles Bild der französischen Gesellschaft und zeichnet das Panorama einer ganzen Epoche, die bislang von der französischen Literatur ignoriert wurde.«, Bayern 2 Favoriten, 15.02.2016
 
»>Die Summe unseres Glücks< ist ein großartiger Generationenroman, der die Leser mit sprachlicher Brillanz und philosophischer Tiefe fesselt.«, Oberhessische Presse, 29.01.2016
 
»Ein französischer Gesellschaftsroman neuen Typs - und ein literarischer Seismograph für die aktuelle Stimmung in unserem Nachbarland.«, Saarländischer Rundfunk, Kulturradio, 20.01.2016
 
»Er spiegelt in den Lebenswegen der vier Freunde ganz unaufdringlich und darum um so überzeugender die radikalen Veränderungen, die sich in Gesellschaft, Wirtschaft und Politik vollzogen haben. Die Zeiten ändern sich - ganz gewiss nicht immer zum Positiven. Aber die Suche nach dem Glück jedes Einzelnen von uns bleibt; davon erzählt François Roux. Großartig!«, Aachener Zeitung, 12.01.2016
 
»Das Buch stellt die Frage, was Glück ist, ist toll geschrieben, spannend und unterhaltsam. Die perfekte Lektüre für lange Winterabende«, Weser Kurier, 10.12.2015
 
»Klug beobachtete, sehr differenzierte Charaktere - ein Buch, das man mit Spannung und Vergnügen liest«, Deutschlandfunk >Büchermarkt<, 01.12.2015
 
»Roux versteht es, das private Schicksal der vier Freunde mit der gesellschaftlich-politischen Entwicklung der französischen Republik zu verknüpfen. Und: Roux schreibt einfach wunderbar!«, Nürnberger Zeitung, 28.11.2015
 
»ungezwungener, richtig unterhaltender Duktus, ein erzählerischer Tsunami, von dem man einfach mitgerissen wird.«, sandammeer.at, 23.11.2015
 
»ein packendes Generationenporträt«, St. Galler Tagblatt, 19.11.2015
 
»er leuchtet mit großer Genauigkeit Lebenswelten aus, in denen die Gesetze der schönen neuen Welt Gültigkeit haben und zum Verderben führen... Virtuos und eines Balzac würdig...«, Die Welt, 14.11.2015
 
»Roux versteht sich ebenso auf glatt fließende Wechsel der Perspektiven zwischen seinem Ich-Erzähler (Paul) und dem auktorialen wie auf eine pointierte, anschauliche Sprache.«, Westfälischer Anzeiger, 11.11.2015
 
»Anhand von vier Lebenswegen lässt Roux eine ganze Epoche der jüngsten Vergangenheit noch einmal aufscheinen. Lesenswert.«, Ruhr Nachrichten, 05.10.2015
 
»François Roux ist ein höchst talentierter Vermittler von Stimmungen und hat ein Händchen für die Schilderung schwieriger und komplexer menschlicher Beziehungsmomente.«, Buchkritik.at
 
»François Roux hat in epischer Breite einen psychologisch tiefgründigen Roman über eine lang währende Männer-Freundschaft geschrieben. Er erzählt vom Erwachsenwerden und -sein der einzelnen Charaktere, vor allem aber vom gesellschaftlichen Wandel während der vergangenen drei Jahrzehnte in Westeuropa. Große Themen wie Aids oder Arbeitslosigkeit, Umweltzerstörung, Überkonsum, Globalisierung oder Finanzmarktkrise verwebt er geschickt mit den leiseren Dramen seiner vier fiktiven Helden (...) streckenweise spannend wie ein Wirtschaftskrimi...«, Focus online
 
»Die miteinander verwobenen, psychologisch extrem genauen Lebensgeschichten bauen eine solche Spannung auf, dass man eine Seite nach der anderen verschlingt.«, Siegessäule
 
»ungemeine Leichtigkeit und sprachliche Eleganz... im einen Augenblick Porträt einer Generation und im nächsten intimer Moment einer persönlichen Entwicklung.«, booksection.de

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