Der Windfisch

Erzählung
 
 
Suhrkamp (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 18. Mai 2020
  • |
  • 133 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-518-75375-0 (ISBN)
 
Wer hat nicht schon davon geträumt, dem »erstickenden Unsinnsgefu¨ge« unserer Wirklichkeit den Rücken zu kehren und in exotischer Ferne einen Neubeginn zu wagen? Nach seinem Prosadebu¨t >Messers Schneide< gelingt Ralf Rothmann erneut das Kunststück, diese Sehnsucht nach einem anderen Leben in spannungsreicher, ungestüm belebender Sprache aufzuheben. Bedrohlich-schmerzhafte Erfahrungen erleidet Guntram Lohser, ein aus Berlin stammender Fotograf, in Muisne, einem ecuadorianischen Dorf am Meer, zwischen Sumpfland und Kokospalmen, die im obszönen Lied vom Windfisch besungen werden ... Ein Mann, der sich nicht mehr in seinem Element befindet, ein Fisch im Wind eben, wird Lohser in die Such- und Vergeltungsaktion einer französischen Jüdin gegen einen SS-Mörder verwickelt und gerät selbst unter Mordverdacht. Ein alptraumartiger Polit-Thriller nimmt seinen Lauf ...
1. Auflage
  • Deutsch
  • Berlin
  • |
  • Deutschland
Suhrkamp
  • 1,38 MB
978-3-518-75375-0 (9783518753750)
weitere Ausgaben werden ermittelt

Ralf Rothmann wurde am 10. Mai 1953 in Schleswig geboren und wuchs im Ruhrgebiet auf. Nach der Volksschule (und einem kurzen Besuch der Handelsschule) machte er eine Maurerlehre, arbeitete mehrere Jahre auf dem Bau und danach in verschiedenen Berufen (unter anderem als Drucker, Krankenpfleger und Koch). Er lebt seit 1976 in Berlin.

Platz der Schweine


Man kann eine Frau, einen Mann, einen Hund verlassen. Man sagt den Freunden, dem Bäcker, dem Barmann Adieu, läßt alle Türen, Fragen und Rechnungen offen. Man zeigt dem Polizisten an der Ecke einen Vogel, sagen wir, eine Elster, gibt dem dicken Hintern der Gepflogenheiten einen Tritt und macht sich aus dem Staub. Kurz: Man kann einen Ort verlassen. Deutschland ist kein Ort.

Spiralartig stieg die Maschine auf über Mexico-City. Die Nacht hinter dem Dunstkreis war dunkelblau, und die 18-Millionen-Stadt in der Tiefe sah aus wie eines jener Häufchen glühender Kohlen, vor denen sich um diese Zeit die Prostituierten der Ausfallstraßen wärmten.

Die Klischees sollten gnädiger mit mir sein, dachte Guntram Lohser, ein Fotograf, während die Stewardeß den zweiten doppelten Cognac brachte. Als sie sich im Schein der Nachtbeleuchtung zu ihm beugte, um den dritten zu servieren, sah er hauchzarten Flaum an ihrer Wange, wie Rauhreif.

Deutscher also, sagte sein Nachbar, ein Peruaner, der die Stiefel ausgezogen hatte und ihre Messingspitzen abwechselnd mit einem Läppchen und einem Lächeln polierte. - Ein Mann sollte nur ein Paar Schuhe besitzen, finden Sie nicht? Ein Leben lang ein einziges Paar - es wäre irgendwie poetischer.

Am Rand der gezackten Andenschatten, die über dem Airport von Quito lagen, rollte die Maschine langsam aus. Lohser nahm seine Tasche vom Gepäckband und wartete wie gewöhnlich auf die Aluminiumbox, in der sich seine Ausrüstung befand; wartete verschlafen, bis alle Reisenden ihre Koffer davongetragen hatten und nichts mehr auf dem Karussell kreiste als eine gelbe Plastikente für die Badewanne.

Erst da fiel ihm ein, daß er das ja hinter sich hatte: die Fotoausrüstung und alles, was damit zusammenhing. Eine Schwalbe flog durch die morgenhelle Halle, er dachte an den Kündigungsbrief, den er mit dem Lippenstift der mexicanischen Bardame verfaßt hatte, an seine Unterschrift über den Blattrand hinaus, und froh über die Leichtigkeit seiner Reisetasche, wäre er fast an den Zollbeamten vorbeigelaufen. Ihre Sonnenbrillen spiegelten den Schalterraum bis hin zur Drehtür, vor der eine lndianerin in rotem Poncho bettelte.

Auf dem Weg zur Botschaft mußte er ein Stück weit durch die überlaufene Altstadt, durch den Auspuffrauch der Busse, die einander Stoßstange an Stoßstange die steilen Gassen hinaufschoben. Das Licht war anstrengend wie eine ungewohnte Dioptrie, alle Erscheinungen überdeutlich. Jeder Stein prunkte mit sich selbst, und alles Grün wirkte abweisend und kühl; manchmal schien es nahezu schwarz.

Vor dem Parlamentsgebäude standen Militärfahrzeuge und Wasserwerfer, von Steinwürfen oder Karambolagen verbeult. Ein Kind ging von Wagen zu Wagen und versuchte, den Soldaten eine einzelne Zigarette zu verkaufen.

In der Botschaft hielt der Wachmann einen Detektor an seinen Körper. Als er damit über die Hosentasche fuhr, ertönte ein Summen. - Schlüssel? - Schlüssel, sagte Lohser und klopfte mit der Hand an sein Stilett.

Es gab zwei Briefe für ihn. Sein Freund Benno schrieb, daß ein Rohr gebrochen sei in Lohsers Wohnung, Frost. Wasser im Schlafzimmer der Nachbarn, alle Möbel infolge der Feuchtigkeit verzogen, die Türen der Frisierkommode ließen sich nicht mehr schließen, man werde klagen. Außerdem wünschte er gute Ferien.

Seine Freundin Lydia schrieb aus Äthiopien, wo sie im Entwicklungsdienst arbeitete. Die Hilfsgüter vermoderten in den Bäuchen der Frachter, weil immer erst die Waffenlieferungen gelöscht würden. Die Krankenstation, die man aufgebaut habe, sei schon am ersten Tag hoffnungslos überlaufen gewesen. Alle Patienten hätten neben ihren furchtbaren Leiden immer auch noch eine Geschlechtskrankheit. Wer nur eine Geschlechtskrankheit habe, gelte als gesund.

Jeder Mensch, dem wir hier das Leben retten, schrieb sie, nimmt anderen die Nahrung weg. Und gibt es zeitweise genug Weizen für die meisten, sind die Frauen sofort wieder schwanger. Wenn wir dann nach zwei Jahren die Zelte und damit die Gesundheitsfürsarge abbrechen, wird alles um ein Tausendfaches schlimmer sein als vor unserer Ankunft. Glaube von mir, was Du willst, aber manchmal denke ich wirklich: Sterben lassen.

Und Du? Wie geht es Dir nach allem? Hast Du Deine Arbeit erledigt? Ich sehne mich nach Dir und sorge mich um uns.

Vor dem Diebstahl seiner Ausrüstung hatte Lohser für Presseagenturen und eine Illustrierte fotografiert. Mitte Dreißig, arbeitete er seit fast zehn Jahren in der Branche, zuletzt bei einer Zeitschrift, deren »junge Redaktion« mit konziliantem Trotz und erlesenen Fotos vom Elend aller Art erfolgreich vertuschte, etwas anderes als das Geld der Anzeigenkunden im Sinn zu haben. Außerdem war ihm der Auftrag zu einem Bildband über Mexico zugefallen.

Angefangen hatte er mit Portraits von Theaterschauspielern und Schriftstellern; für Kalenderverlage fotografierte er eine Weile Landschaften, die es längst nicht mehr gab, und schließlich knipste er alles.

Denn eines Tages wurde ihm klar, daß es egal war, welche Arbeit man machte, daß jede in gleicher Weise obszön ist, da sie das ganze vernichtende, vergiftende, erstickende Unsinnsgefüge in Gang hält, das man Wirklichkeit nennt, und daß es für einen Menschen mit einem Rest Herzblut zu dieser Stunde der Weltzeit nur noch eins geben kann: alles liegen- und stehenlassen und sich vor die Räder eines Raketentransporters oder die Auslieferungstore einer Automobilfabrik werfen. Alles liegen- und stehenlassen und sich an den Kühlturm eines Kraftwerks oder die Abwasserrohre eines Chemiekonzerns ketten. Sich mit Benzin übergießen und brennend über den Kudamm rennen.

Zu all dem war er freilich zu träge, zu feige, was ihn müde machte und empfänglich für jede Form von Ablenkung und Flucht - etwa, drei finanzierte Monate lang das »tropisch-üppige, faszinierend fremdartige, wilde, rauhe Mexico« zu fotografieren; für die Bildbandreihe eines Zigarettenkonzerns. Um nicht zu früh zurückzukehren in den Berliner Winter, wollte Lohser an seine Arbeit noch ein paar Wochen Ferien in Ecuador hängen.

Er durchquerte eine Grünanlage, die offenbar für ein Fest vorbereitet wurde. Die Holzkohlefeuer an den Wegkreuzungen rochen nach Weihrauch. Die Palmen wurden bis in Mannshöhe mit weißer Schlämmkreide gestrichen, und zwischen den Stämmen hingen Kabel voll glasklarer Glühbirnen. Eine Frau auf einem Stuhl tauchte sie in einen Farbtopf, aus dem sie wie kandierte Äpfel rot zum Vorschein kamen.

In der Telefonzentrale des »Sheraton« meldete er ein Gespräch nach Berlin an. Benno schien nicht überrascht. - Du machst es richtig, sagte er, fährst in der Weltgeschichte herum und läßt uns hier verfaulen. Schneit es bei dir auch? Als Kind und Briefmarkensammler war Ecuador immer mein Lieblingsland. Diese schwarzen Vögel mit den riesigen orangeroten Schnäbeln, wie heißen sie noch? In Hamburg wohnte der ecuadorianische Botschafter in meiner Nachbarschaft. Netter alter Herr, fuhr ihm mal aus Versehen in den Mercedes -

Ich brauche wahrscheinlich Geld, unterbrach Lohser. Schick bitte ans Konsulat, was sich noch auf dem Konto befindet. - Und der Wasserschaden? Deine Vermieterin ist sauer. Hätte jemand geheizt, wäre das Rohr nicht geplatzt. - Kündige das Zimmer. Die Bücher gehören dir, der Rest der Müllabfuhr. - Und wo willst du wohnen? - Hier, sagte Lohser, in diesem Pullover.

Am Rand eines bevölkerten Marktplatzes - es gab keine Stände, Obst und Gemüse haufenweise auf dem Pflaster, dazwischen schmale Pfade - wurde ein schwarzes Schwein geschlachtet. Kinder hielten die hochgestreckten Beine auseinander, ein Mann tauchte die Arme bis zu den Ellenbogen in den aufgeschlitzten Bauch, warf die blaugrau glänzenden Gedärme neben das Tier in den Staub.

Lohser fragte eine Händlerin nach der Busstation und kaufte einen Rasierpinsel, ein Schnapsglas voller Gießharz, in dem ein Busch Borsten steckte.

In der Nähe bemerkte er eine rotblonde Frau in engen Armeehosen und einem lichtdurchlässigen Herrenhemd.

Schritt für Schritt bewegte sie sich in einer langen Reihe von Marktbesuchern vorwärts. Mit beiden Händen hielt sie den Fotoapparat fest, der ihr vor dem Bauch hing, und trat sich selber mehrmals auf die Füße. Ihr Mund war geöffnet, die großen, grünlichen Augen überblickten staunend Glanz und Farbenpracht der Waren.

Ein Pfiff von irgendwoher - und plötzlich läuft sie auf, stößt gegen eine sehr dicke Indianerin, die stehengeblieben ist. Ausscheren geht nicht, es sei denn, übers Gemüse; also will sie einen Schritt zurückweichen - doch auch hinter ihr eine Indianerin, auch sie sehr dick. Derart bedrängt, reißt die Frau sich den Fotoapparat hoch an die Brust, versucht ein Knie zu heben, stößt mit den Ellenbogen und kreischt.

Ringsum rührt sich niemand. Ein Kind, das auf einem Zitronenberg sitzt, sieht aufmerksam zu ihr hin, bohrt sich mit...

Dateiformat: ePUB
Kopierschutz: Wasserzeichen-DRM (Digital Rights Management)

Systemvoraussetzungen:

Computer (Windows; MacOS X; Linux): Verwenden Sie eine Lese-Software, die das Dateiformat EPUB verarbeiten kann: z.B. Adobe Digital Editions oder FBReader - beide kostenlos (siehe E-Book Hilfe).

Tablet/Smartphone (Android; iOS): Installieren Sie bereits vor dem Download die kostenlose App Adobe Digital Editions (siehe E-Book Hilfe).

E-Book-Reader: Bookeen, Kobo, Pocketbook, Sony, Tolino u.v.a.m. (nicht Kindle)

Das Dateiformat ePUB ist sehr gut für Romane und Sachbücher geeignet - also für "fließenden" Text ohne komplexes Layout. Bei E-Readern oder Smartphones passt sich der Zeilen- und Seitenumbruch automatisch den kleinen Displays an. Mit Wasserzeichen-DRM wird hier ein "weicher" Kopierschutz verwendet. Daher ist technisch zwar alles möglich - sogar eine unzulässige Weitergabe. Aber an sichtbaren und unsichtbaren Stellen wird der Käufer des E-Books als Wasserzeichen hinterlegt, sodass im Falle eines Missbrauchs die Spur zurückverfolgt werden kann.

Weitere Informationen finden Sie in unserer E-Book Hilfe.


Download (sofort verfügbar)

8,99 €
inkl. 5% MwSt.
Download / Einzel-Lizenz
ePUB mit Wasserzeichen-DRM
siehe Systemvoraussetzungen
E-Book bestellen