Wie ein Falke im Sturm

Historischer Roman
 
 
Lübbe (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 22. Juli 2011
  • |
  • 400 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-8387-0491-3 (ISBN)
 
Ditho steht vor einem Scherbenhaufen. Sein Vater ist tot, ein Widersacher brennt ihm die Burg nieder und will ihn hängen lassen. Hilfe naht von unerwarteter Seite: Friedrich Barbarossa, Anwärter auf den Kaiserthron, nimmt den jungen Adligen in seine Dienste. Er soll einen Meuchelmörder aufspüren, der Kaiser Konrad auf dem Gewissen hat und nun auch Barbarossa nach dem Leben trachtet ...
1. Aufl. 2011
  • Deutsch
  • 2,27 MB
978-3-8387-0491-3 (9783838704913)
3838704916 (3838704916)
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13. Februar 1152, Wangen


Das Lachen des hünenhaften Mannes mit der dunklen Haut dröhnte über den Marktplatz, und die Händler und Kaufleute wandten den Kopf, um den merkwürdigen Fremden besser sehen zu können. Sein ausgestreckter Finger deutete auf einen kleinwüchsigen Mann, der ihm gegenüber an einem der aufgereihten Schanktische saß. »Dem Zwerg ist Dummbeutel. Er versteht dem einfach nicht! Er hört dem nicht zu!«

Jasmo verschluckte sich an dem letzten Rest Bier aus seinem Krug. Erst hustete er, dann schlug er mit der flachen Hand auf den Tisch. »Selber Dummbeutel, Muselmann! Einer muss es ihm doch sagen, und wenn du nicht Manns genug bist, tu ich's eben! Besorg uns lieber noch was von der wässrigen Plörre, die sie hier Bier nennen, bevor ich dich einen Kopf kürzer mache!«

Jasmo schob seinen leeren Krug über das grobe Holz. Der Hüne, der ihm gegenübersaß, lachte so laut auf, dass die umstehenden Besucher des Marktages noch neugieriger auf die beiden Streitenden starrten. Die Menschen traten näher, um nichts davon zu verpassen, was ein unterhaltsames Schauspiel an einem kalten Februartag zu werden versprach.

»Und wie willst du dem machen, Zwerg? Steigst du auf dem Tisch und stellst Stuhl obendrauf?«

»Ich heiße Jasmo, falls es dir entgangen sein sollte, Holzkopf, und ich bin schneller, als ein Heide wie du auf drei zählen kann, auf deine Schulter geklettert und hab dir eine Kerbe in den Hals gehauen!«

»Versuch dem doch, kleiner Mann, versuch dem! Wenn ich dir am Hals packe, kommst du mit Armen nicht bis zu mein Kopf, und Füße hängen in Luft!« Wieder lachte er schallend.

Jasmo war rot angelaufen, und die umstehenden Bauern, Handwerker, Wirte, vereinzelte Ritter und Mönche umringten sie jetzt, als wären die beiden eine bestellte Gauklertruppe. Fassungslos starrten sie auf den flachsblonden Kleinwüchsigen in der bunten Narrenkluft und auf den baumlangen Muselmanen, dessen dunkle Haut in der Wintersonne glänzte und an dessen fremdartigem Waffenrock ein reich verzierter Dolch und zwei Krummsäbel hingen.

Jasmo stieg tatsächlich auf den Tisch und presste seine kleine, spitze Nase an die dicke, wulstige des Sarazenen. »Ach ja? Ach ja? Langsam krieg ich richtig schlechte Laune, Hasan Ölauge, und ich warne dich: Wenn ich schlechte Laune habe, wirst du dir wünschen, deine Mutter hätte deinen fetten Arsch niemals auf diese Welt gepresst!«

Hasan presste die Kiefer aufeinander, und sein Hals schwoll an. Er richtete sich zu seiner vollen Größe auf, sodass er den Narren um mindestens drei Köpfe überragte, obwohl dieser auf dem Tisch stand. Die Gaffer um sie herum hielten den Atem an. Hasan spie seine nächsten Worte förmlich aus. »Pass auf, was du dem von meinem Mutter redest, Zwerg, sonst siehst du heute noch deinem Gott!«

»Ach ja? Dann nimm den >Dummbeutel< zurück, aber schnell!«

»Niemals.«

»Sofort! Oder ich .«

»SCHLUSS JETZT

Der Schrei ließ alle auf dem Marktplatz zusammenfahren. Keiner hatte dem dritten Mann am Tisch des Hünen und des Zwerges bislang Beachtung geschenkt, weil er das Gesicht in den Händen vergraben hatte, als seine Tischnachbarn zu streiten anfingen. Doch jetzt ruhten aller Augen auf ihm.

Der Mann war noch jung, doch graue Schläfen ließen ahnen, dass er bereits einiges erlebt hatte. Vor allem die lederne Augenklappe über dem linken Auge und die Narbe, die sich von der Stirn bis zu seinem rechten Jochbein zog, legten nahe, dass er kein Grünschnabel mehr war. Er trug einen schwarzen Mantel über einem ebenso schwarzen Rock, und ein Kettenhemd spannte sich über seiner breiten Brust. Doch an seiner Seite hing kein Schwert, keine Axt, ja nicht einmal ein Dolch, was vor allem den umstehenden Rittern befremdlich vorkam.

Der Mann schüttelte entnervt den Kopf, wobei sein schulterlanges schwarzes Haar aus dem Gesicht fiel und seine scharf geschnittenen Züge zeigte. Er sah aus wie ein Prinz. Ein Prinz mit einer Augenklappe.

Der Ritter stand auf, legte jedem der beiden Streithähne eine Hand auf die Schulter und drückte sie zurück auf ihren Platz. »Ihr haltet jetzt den Mund! Beide! Verstanden?«

Sein eines Auge funkelte in eisigem Blau, und der Hüne und der Zwerg schluckten, als der Blick sie traf. Schweigend setzten sie sich hin, und die Schaulustigen zerstreuten sich langsam und traten in den schmatzenden Matsch zwischen den Marktständen.

Es herrschte Tauwetter, und die Eiszapfen an den Dächern tropften auf die aufgespannten Leinenbahnen über den Auslagen der Tuchhändler und Fleischer. Vogelhändler standen vor gestapelten Käfigen und boten Finken, Dompfaffen und Nester mit Eiern an. Mit ihrem Geschrei versuchten sie die Seiler nebenan zu übertönen, die lautstark Hanf und Flachs, Bindfäden und Zeltplanen anpriesen. Der Geruch von Zwiebeln, Knoblauch, gebratenem Schwein und gekochtem Fisch, gemischt mit dem Duft von Honigkuchen und Bier, hing in einer dichten Wolke über dem Platz.

»Weißt schon, hab's nicht so gemeint .« Jasmos Murmeln war zwar für ihn selbst kaum zu hören, aber der Sarazene wusste die zerknirschte Miene des Narren zu deuten, und auch seine Züge entspannten sich.

»Ich bitte um dem Verzeihung. Ich vergesse dem Manieren.« Hasan neigte das Haupt zu einer kleinen Verbeugung, und der Zwerg tat es ihm nach.

Wieder trat Schweigen ein. Bis Jasmo aus tiefer Seele seufzte. »Und doch ist es eine Schande, Ditho, eine gottvergessene Schande, was du tust!«

»Und warum?«

»Weil du ein Ritter bist, zur Hölle!«

Einige Bauern und Handwerker merkten auf, als der kleine Mann von der Hölle sprach, und bekreuzigten sich.

Jasmo senkte die Stimme. »Du kannst nicht im Ernst ein Unfreier werden. Warum zum Henker solltest du das wollen?«

»Das habe ich dir schon gesagt. Weil ich ein Ministeriale werden will. Ich ziehe nicht mehr in den Kampf. Ich werde lesen und schreiben lernen und meine Dienste König Konrad anbieten. Er will nach Rom und Kaiser werden. Er wird lange weg sein und braucht Leute, die sein Reich verwalten.«

»Er braucht vor allem Krieger, und du bist ein Krieger, Ditho von Ravensburg! Dein Vater ist noch keine Woche unter der Erde, und er dreht sich schon jetzt im Grabe um, wenn er dich reden hört!«

»Red keinen Unsinn, Jasmo. Ich habe einen Boten mit einem Brief an einen alten Freund geschickt, der sich für mich beim König verwenden soll.«

Jasmos Augen weiteten sich in Entsetzen. »Das hast du nicht!«

Hasan schmatzte ärgerlich. »Dem Zwerg ist Dummbeutel. Hört nicht zu, was du dem sagen, Ditho.«

Augenblicklich schwoll Jasmos Schlagader wieder an, und sein ohnehin gerötetes Gesicht nahm die Farbe eines gekochten Flusskrebses an. »Du wagst es, Heide? Du willst es wirklich wissen, oder?«

Jasmo sprang auf die Bank, und Hasan richtete sich wieder auf, als Dithos Hände blitzschnell nach vorne schossen und beide an den Ohren packten, worauf der Sarazene und der Narr schmerzhaft das Gesicht verzogen. Ditho sprach sehr leise, ohne die Ohren seiner Tischnachbarn loszulassen. »Ruhig, Männer. Ganz ruhig. Jasmo: Der Herr dir gegenüber heißt Hasan ibn Saud al Umara, aber ich denke, er wird sich mit Hasan begnügen. Und Hasan: Der Mann zu meiner Rechten heißt Jasmo. Nicht mehr und nicht weniger. Einfach Jasmo, und ich kenne und schätze ihn als Freund, seit wir als Kinder zusammen in der Burg meines Vaters gespielt haben. Ich bin mir sicher, ihr werdet beide bald genauso gute Freunde werden, und ich rate euch, es von ganzem Herzen zu versuchen. Sonst setzt's was, verstanden?«

Als der Zwerg und der Hüne etwas murmelten, das Ditho mit viel gutem Willen als Zustimmung deuten konnte, ließ er sie los.

Hasan versenkte sich verschämt in seinen Humpen Milch, und Jasmo stand grunzend auf, um sich ein neues Bier zu holen.

Der Mann mit der Augenklappe ließ den Blick über die zahlreichen Marktstände schweifen, die man in Wangen aufgebaut hatte. Um das Kloster der Mönche aus dem fernen Sankt Gallen herum war im Laufe der Jahre ein Marktflecken mit Kaufmannshäusern und Handwerkerhütten entstanden. Über dem Ort thronte eine wehrhafte Schutzvogtei, von der aus man mit dem Bau einer Mauer begonnen hatte, die das Dorf schon bald umfassen würde. Viel hatte sich verändert in Wangen, seit er vor fünf Jahren zum letzten Mal hier gewesen war. Nicht einmal mehr den Turm der Neuravensburg konnte man jenseits der Hügel im Südwesten sehen, weil neue Häuser den Blick darauf verstellten.

Die Burg, auf der er seine Kindheit verbracht hatte, verfiel seit Jahren. Ditho war zutiefst erschrocken, als er sie nach seiner langen Abwesenheit zum ersten Mal wiedergesehen hatte. Das Dach war undicht, Steine brachen aus der Mauer des Palas, und die Deckenbalken im Rittersaal waren morsch. Nach der Beerdigung seines Vaters hatte er die Burg abgeschritten, hatte sich die Schäden angesehen und beschlossen, sie wieder aufzubauen, soweit seine Mittel es erlaubten. Deswegen war er mit seinen Freunden nach Wangen auf den Markt geritten und hatte mit Handwerkern gesprochen. Wangen, weil es sehr viel näher lag als Ravensburg, die Stadt seiner Vorfahren. Doch Wangen war nicht ungefährlich.

Wangen gehörte den anderen.

Ditho erinnerte sich, wie sein Vater ihn als Knaben zum ersten Mal mitgenommen hatte, als der mit dem staufischen Vogt der Stadt wegen der Flurgrenzen gestritten hatte. »Verhandeln« hatte sein Vater es genannt. Die Flurgrenzen zwischen Welfen und Staufern waren stets ein willkommener Anlass gewesen, den Händel, den die beiden Fürstengeschlechter im ganzen Reich blutig austrugen, auch...

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