Die Gegen-Demokratie

Politik im Zeitalter des Misstrauens
 
 
Hamburger Edition HIS (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 4. September 2017
  • |
  • 320 Seiten
 
E-Book | PDF mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-86854-925-6 (ISBN)
 
Obgleich das demokratische Ideal uneingeschränkt bejaht wird, stehen die Systeme, die sich auf das Ideal berufen, immer heftiger in der Kritik. Doch diese Differenz ist nicht so neu, wie sie scheint: Historisch betrachtet ist die Demokratie immer schon als Versprechen und Problem zugleich in Erscheinung getreten. Denn der Grundsatz, Regierungen durch den Wählerwillen zu legitimieren, ging stets mit Misstrauensbekundungen der Bürger gegenüber den etablierten Mächten einher. Die Gegen-Demokratie ist nicht das Gegenteil von Demokratie, sie ist Bestandteil der parlamentarisch-repräsentativen Demokratie, somit permanenter Ausdruck von Misstrauen gegenüber den gewählten Institutionen. Gleichzeitig ist sie aber auch Ausdruck des politischen Engagements der Bürger_innen jenseits der Wahlurnen. Der Begriff Gegen-Demokratie hebt das Widersprüchliche des Misstrauens hervor, das einerseits die Wachsamkeit der Bürger_innen fördert und auf diese Weise dazu beiträgt, die staatlichen Instanzen für gesellschaftliche Forderungen empfänglicher zu machen, das andererseits aber auch destruktive Formen von Ablehnung und Verleumdung begünstigen kann. Das heißt: Die Gegen-Demokratie bestätigt nicht nur, sie kann auch widersprechen. Rosanvallon entfaltet die verschiedenen Aspekte von Gegen-Demokratie und schreibt ihre Geschichte. Nicht zuletzt plädiert er dafür, die ständige Rede von der Politikverdrossenheit zu überdenken. Denn es ist eher von einem Wandel als von einem Niedergang des bürgerschaftlichen Engagements zu sprechen. Verändert haben sich lediglich das Repertoire, die Träger und die Ziele des politischen Ausdrucks. Die Bürger_innen haben inzwischen viele Alternativen zum Wahlzettel, um ihre Sorgen und Beschwerden zu artikulieren. Die politische Form der Gegen-Demokratie sollte im Diskurs der Politikverdrossenheit nicht unterschätzt, sondern aktiv genutzt werden.

Pierre Rosanvallon ist Professor für Neuere und Neueste politische Geschichte am Collège de France. Er ist einer der international renommiertesten Forscher zur Geschichte der Demokratie und Souveränität sowie zu aktuellen Fragen der sozialen Gerechtigkeit. 2016 erhielt der den Bielefelder Wissenschaftspreis im Gedenken an Niklas Luhmann.
  • Deutsch
  • Hamburg
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  • Deutschland
  • 5,23 MB
978-3-86854-925-6 (9783868549256)
3868549250 (3868549250)
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Pierre Rosanvallon ist Professor für Neuere und Neueste politische Geschichte am Collège de France. Er ist einer der international renommiertesten Forscher zur Geschichte der Demokratie und Souveränität sowie zu aktuellen Fragen der sozialen Gerechtigkeit. 2016 erhielt der den Bielefelder Wissenschaftspreis im Gedenken an Niklas Luhmann.
  • Misstrauen und Demokratie (Einleitung)

    Die Misstrauensgesellschaft

    Die drei Dimensionen der Gegen-Demokratie

    Der Mythos vom passiven Bürger

    Entpolitisiert oder unpolitisch?

    Die Geschichte der Demokratie neu lesen

    I Die Überwachungsdemokratie

    Überwachen, denunzieren, benoten

    Die Wachsamkeit

    Die Denunziation

    Die Benotung

    Die Aufpasser

    Der wachsame Bürger

    Der neue Aktivismus

    Das Internet als politische Form

    Funktionale Aufsicht durch unabhängige Behörden

    Interne Prüfungs- und Bewertungsagenturen

    Der Lauf der Geschichte

    Drei Phasen

    Demokratischer Dualismus: eine lange Geschichte

    Die unmögliche Institutionalisierung

    Legitimitätskonflikte

    Feder und Tribüne

    Die drei Legitimitäten

    Die neuen Wege der Legitimität

    II Souveränität als Verhinderung

    Vom Widerstandsrecht zur komplexen Souveränität

    Widerstand und Zustimmung in mittelalterlichen Theorien

    Das Zeitalter der Reformation

    Aufklärung, negative Macht und die Volkstribunen

    Das Experiment der Französischen Revolution

    Fichte und die Idee eines modernen Ephorats

    Ein signifikantes Vergessen

    Die selbstkritischen Demokratien

    Klassenkampf als negative Politik

    Die Metamorphosen der Opposition

    Rebell, Widerstandskämpfer, Dissident

    Der Niedergang der kritischen Dimension in den Demokratien

    Die negative Politik

    Das Zeitalter der "
  • Abwahlen"


  • Prävention und Veto-Macht

    Schwache Demokratie

    III Das Volk als Richter

    Historische Referenzen

    Das Beispiel Griechenland

    Das englische impeachment

    Der amerikanische recall

    Die Quasi-Gesetzgeber

    Die demokratische Jury

    Die Produktion konkurrierender Normen

    Schattenlegislatoren

    Die Vorliebe für das Urteil

    Zur Verrechtlichung des Politischen

    Das Rechtfertigungsgebot

    Die Pflicht zur Entscheidung

    Der aktive Betrachter

    Die Macht der Theatralität

    Der Raum des Exemplarischen

    Wählen und Urteilen

    IV Die unpolitische Demokratie

    Ohnmachtsgefühle und Formen der Entpolitisierung

    Das Zeitalter des Unpolitischen

    Der Horizont der Transparenz

    Die beiden Formen der Entpolitisierung

    Die populistische Versuchung

    Eine Pathologie der parlamentarisch-repräsentativen Demokratie

    Populismus und Gegen-Demokratie

    Lektionen in unpolitischer Ökonomie

    Ein Wort kehrt zurück

    Die ökonomische Funktion der Überwachung

    Der Markt oder Triumph des Vetos

    Unpolitische Ökonomie

    Das gemischte System der Moderne (Schluss)

    Die neuen Wege der parlamentarisch-repräsentativen Demokratie

    Die Gegen-Demokratie konsolidieren

    Die Demokratie repolitisieren

    Das gemischte System der Moderne

    Der Gelehrte und der Bürger

    Bibliografie

    Personenregister

    Zum Autor

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