ZEN - "Der Duft Hunderter von Blumen"

Das Shinjinmei des Seng-can / Sôsan und die ,Lehrreden' des Hong-zhi Zheng-jue / Wanshi Shôgaku
 
 
Books on Demand (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 19. August 2019
  • |
  • 316 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-7494-2715-4 (ISBN)
 
Im Kapitel 24 der Song-zeitlichen Kôan-Sammlung Wu-men-guan/Mumonkan zitiert Feng-xue Yan-zhao (896 - 973) aus einem Gedicht des Du Fu (712 - 770) die Zeilen:

Beständig denke ich an Jiang-nan im Monat März -
Die Rebhühner rufen und der Duft Hunderter von Blumen

Zu dieser vorbehaltlosen Welt- und Lebensbejahung des chinesischen Chan gibt es in unserem europäischen Kulturkreis nur eine gleichwertige und gleichfalls jeder Zuflucht in etwas Ewigem zuwiderlaufende Entsprechung - Parádeisos (pa¿¿de¿s¿¿), altper-sisch pairidaëza, das Glück der ,Gärten des Großkönigs'.

Und genau das ist es, worauf ZEN nach dem unumgänglichen Abschied von einer ,Buddha-Natur' hinauswill - dass wir, statt Zuflucht und Geborgenheit in einer Sphäre der Vollkommenheit jenseits der Welt der Dinge zu suchen, eben diese Geborgenheit in der Welt der Dinge selbst erfahren, einer durchaus gebrechlichen Welt, die gleich-wohl schon von unserer evolutionären Herkunft her unsere Heimat ist, unsere einzige und darum auch unsere ,wahre' Heimat. Dass dabei die Vergänglichkeit alles Irdischen, unsere eigene und die der ,Gärten des Großkönigs', unserem Aufgehoben-Sein inmitten der Welt, gar einem unbedingten, keinen Abbruch tut, dazu verhilft uns ZEN.
1. Auflage
  • Deutsch
  • 0,54 MB
978-3-7494-2715-4 (9783749427154)
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I.1 Eine >Buddha-Natur<- ja oder nein?


Wenn wir im Folgenden darangehen herauszufinden, ob und inwieweit die alten Chinesen selbst, die Erfinder des fó-xìng, sich kritisch zu ihrer eigenen Erfindung, der ewigen >Buddha-Natur<, verhalten haben, so sehen wir uns auf eine recht kleine Anzahl von Kôan beschränkt, in deren einschlägigen Aussagen wir - bis auf eine einzige Ausnahme - lediglich Hinweise und Wegweiser vor uns haben: Hinweise darauf, wie wir die dort vorfindlichen Tendenzen aufgreifen, und Wegweiser dafür, wie wir diese Hinweise weiterführen und sie - im Falle mangelnder ihnen selbst innewohnender Konsequenz - aus eigenem Recht zu Ende denken können: In der Regel legen sich Kôan in ihrer Zielsetzung nicht fest, so dass wir uns häufig vor die Aufgabe gestellt sehen, sie radikaler zu interpretieren, als sie ursprünglich gemeint gewesen sind - oder vorsichtiger formuliert, als sie ursprünglich gemeint gewesen sein dürften. So ist auch der bereits zitierte Ausruf eines Xue-dou: Ich schnipse sie hinweg, bedauernswerte shûnyatâ! alles anderes als eindeutig: Er muss nicht zwangsläufig bedeuten, dass Xue-dou mit ihm auch die Existenz einer >Buddha-Natur< verwirft; er ist auch dann sinnvoll, wenn er lediglich dazu gedacht ist, die >Buddha-Natur< gegenüber einer anderen Instanz abzuwerten. Gleichwohl werden wir ihn in seiner radikaleren Variante für uns nutzen.

Die eine und einzige rühmliche Ausnahme - rühmlich wegen ihrer Eindeutigkeit und Radikalität - ist das KÔAN MU, die Nummer Eins in der Kôan-Sammlung Wu-men-guan/ Mumonkan:

I.1 (1)

Die Chan-Anekdote, die diesem KÔAN MU zugrunde liegt, handelt von der - vielleicht nur fiktiven - Begegnung zwischen dem Tang-zeitlichen Chan-Meister Zhao-zhou und einem Mönch, der ihm mit der Frage zu Leibe rückt, ob auch ein Hund die >Buddha-Natur< besitze oder nicht. Die einschlägige Geschichte wird allerdings außer im Wu-men-guan von 1229 auch noch - freilich in einer erweiterten und geradezu harmlosen Version - im Cong-rong-lu von 1224 abgehandelt, dort als Kôan 18. Gegen den Anschein, den die Veröffentlichungsdaten der beiden Kôan-Sammlungen erwecken, liegen zwischen den beiden Versionen nicht etwa nur 5 Jahre Abstand, sondern fast ein ganzes Jahrhundert, weil der Wortlaut des Wechselgesprächs im Cong-rong-lu bereits von Hong-zhi Zheng-jue, Todesjahr 1157, formuliert (oder von anderswoher übernommen) und in seine Sammlung von 100 Kôan eingefügt worden ist, aus der dann wiederum fast ein Jahrhundert später Wan-song Xing-xiu, Todesjahr 1246, das Cong-rong-lu als dessen Kommentator und Herausgeber hat hervorgehen lassen.

Beginnen wir mit der älteren Version des Kôan 18 Cong-rong-lu:

Ein Mönch fragt Zhao-zhou: »Hat auch ein Hund die Buddha-Natur oder nicht?« Und Zhao-zhou sagt: »Er hat!« Der Mönch fragt weiter: »Wenn er sie aber bereits hat, warum begibt er sich dennoch in diesen Sack aus Haut?« Darauf Zhao-zhou: »Weil er es weiß und doch vorsätzlich einen Fehltritt begeht.«

Ein anderer Mönch fragt Zhao-zhou gleichfalls: »Hat auch ein Hund die Buddha-Natur oder nicht?« Und diesmal antwortet Zhao-zhou: »Nein!« Der Mönch fragt weiter: »Alle lebenden Wesen haben sämtlich die Buddha-Natur; warum hat ein Hund sie jedoch nicht?« Zhao-zhou fertigt den lästigen Frager ab: »Weil in ihm das karmische Bewusstsein immer noch lebendig ist.«

Die entscheidenden Sätze dieses Kôan sind die beiden Antworten Zhao-zhous. Sie lauten zunächst: Er hat!, chinesisch you, und danach: Nein!, chinesisch . Der Widerspruch beider Antworten ist ein nur scheinbarer. Bezögen sie sich, wie es zunächst den Anschein hat, auf denselben Sachverhalt, nämlich auf die Existenz einer ewigen >Buddha-Natur<, dann höben sie sich gegenseitig auf und die Frage, ob es tatsächlich eine ewige >Buddha-Natur< gibt oder nicht, bliebe in der Schwebe. Doch in der zweiten Episode geht es um etwas anderes als in der ersten. Dort, in der ersten Episode, zielt Zhao-zhous >Ja, er hat!< in der Tat auf eine ewige >Buddha-Natur<, wie die erläuternde Fortsetzung zeigt: Die Anschlussfrage des Mönchs will darauf hinaus, warum ein Hund, der die >Buddha-Natur< bereits besitzt und mithin in diese unvergängliche >Buddha-Natur< immer schon eingebettet ist, diesen Ort der Vollkommenheit verlässt und sich in einen irdisch-vergänglichen Hundeleib begibt. Zhao-zhous paradoxe Antwort erklärt nichts und dient einzig dazu, weitere Fragen vonseiten des Mönchs von vornherein abzuschneiden. In der zweiten Episode protestiert der Mönch gegen Zhao-zhous >Nein!< mit dem Hinweis auf das für ihn unbestreitbare Mahâyâna-Axiom, dass alle Lebewesen ohne Ausnahmen die ewige >Buddha-Natur< besitzen; doch Zhao-zhou wechselt stillschweigend auf eine andere ontologische Ebene, auf die der sterblichen Wesen, die durch Erwachen - wörtlich: durch Überwindung des karmischen Bewusstseins - bereits selbst Buddhas sein können, was im Fall eines Hundes jedoch entfällt. Während also das Haben der Buddha-Natur in der ersten Episode bedeutet, in dieser >Buddha-Natur< mit enthalten und aufgehoben zu sein, besagt es im zweiten Fall, dass ein irdisches Wesen - und da kommen nur Menschen in Frage - die >Buddha-Natur< in seiner sterblichen Existenz verwirklicht hat und somit selbst ein irdischer Buddha geworden ist. Das Kôan 18 Cong-rong-lu spielt also mit der Doppeldeutigkeit der Begriffe >Buddha< () und >Buddha-Natur< (fó-xìng) derart, dass einmal ein >ewiger Buddha< bzw. eine >ewige Buddha-Natur< und ein andermal ein einzelner Mensch mit erreichter Buddhaschaft gemeint ist. Und aufs Ganze der beiden Episoden gesehen stellen Hong-zhi und Wan-song mit diesem ihrem Kôan 18 die ewige >Buddha-Natur< nicht infrage; es läuft eher auf eine - allerdings unausgesprochene - Bekräftigung ihrer Existenz hinaus.

Demgegenüber nun die Fassung derselben Geschichte, die Wu-men in seinem Kôan 1 vorträgt und die dem Wortreichtum der Cong-rong-lu-Version eine geradezu minimalistische Kürze entgegensetzt:

Weil ein Mönch ihn fragte: »Hat auch ein Hund die Buddha-Natur (fó-xìng) oder nicht?«, sagte Zhao-zhou: Wú.

Das ist alles. Kein weiteres Wort scheint vonnöten. Denn die Sache ist sonnenklar: Auf eine Frage folgt die erschöpfende Antwort: Wú. - Und doch: Was heißt dieses wú? Während in der Cong-rong-lu-Version aufgrund des Zusammenhangs das you und das eindeutig >Ja!< und >Nein!< bedeuten, fehlt hier jeder weitere Zusammenhang, der das in gleicher Weise eindeutig auf ein >Nein!< festlegen könnte. Was also bedeutet es hier, im Kôan 1 Wu-men-guan? Kann es denn überhaupt noch eine andere Bedeutung haben als eben >Nein!<? Durchaus, denn wú kann auch als >nicht<, >es gibt nicht<, >nichts<, >da ist nichts< verstanden werden. Selbstverständlich könnte das wie im Kôan 18 Cong-rong-lu so auch hier schlicht >Nein!< bedeuten, und dann besagte das Kôan lediglich, dass ein Hund eben keine >Buddha-Natur< besitzt. Punktum. Doch was für ein Kôan wäre das? Für uns Menschen sicherlich ohne Belang - allenfalls insofern beunruhigend, als es eine - für uns, wie gesagt, belanglose - Ausnahme innerhalb der Allgültigkeit des Mahâyâna-Axioms zur >Buddha-Natur< zuließe. Somit bleibt die Frage weiterhin bestehen, was denn hier im Kôan 1 Wu-men-guan mit dem tatsächlich gemeint sei. Das Kôan selbst hilft uns da nicht weiter - denn auf das folgt nichts mehr, kein einziges Wort.

Doch so ganz stimmt das nicht - es folgt vielmehr ein ausführlicher Kommentar von Wumens eigener Hand, in dem er erläutert, was es mit seinem auf sich hat. Wu-men spricht da von einer Sperre der Gründerväter (zu-shi guan), durch die hindurchdringen muss, wer das wunderbare Erwachen erlangen will. Sodann fragt er uns, seine Leser und Schüler: Wie steht es denn nun mit dieser Sperre der Gründerväter? (rú-hé shì zu-shi guan) und gibt sich selbst die Antwort: Nur dieses eine Schriftzeichen wú - das ist die eine Sperre vor dem Tor...

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