Zwölf Schritte der Heilung

Gesundheit und Spiritualität
 
 
Verlag Herder
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 11. Juli 2013
  • |
  • 192 Seiten
 
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E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-451-34594-4 (ISBN)
 
Gesundheit und Heilung heißt Freiwerden von Abhängigkeiten: Richard Rohr erschließt das Zwölf-Schritte-Programm von Selbsthilfe-Gruppen wie den "Anonymen Alkoholikern" als spirituellen Weg für alle Suchenden. Die Zwölf Schritte können nicht nur Menschen retten, die in Abhängigkeiten unterzugehen drohen. Sie sind ein Weg, der allen Suchenden Mut zu neuer Lebendigkeit schenkt.

Wir alle sind in irgendeiner Form abhängig - ob von offensichtlichen Suchtmitteln wie Alkohol oder subtiler von Anerkennung, Erfolg und unseren täglichen Routinen, selbst wenn diese uns nicht guttun. Richard Rohr spürt den erstaunlichen Parallelen zwischen dem Evangelium und dem Zwölf-Schritte-Programm nach und macht so die heilende Wirkung der Lehre Jesu ganz praktisch erfahrbar.

In einer von Abhängigkeit und Überforderung bestimmten Gesellschaft inspiriert Richard Rohr dazu, das eigene Leben selbst in den Griff zu nehmen. Das Zwölf-Schritte-Programm der Selbsthilfegruppen ist Amerikas bedeutendster Beitrag zur Spiritualität.

Als Ergänzung zu diesem Buch hat Richard Rohr auch ein Praxisbuch herausgegeben.
  • Deutsch
  • Freiburg im Breisgau
  • |
  • Deutschland
  • 3,86 MB
978-3-451-34594-4 (9783451345944)
weitere Ausgaben werden ermittelt
Richard Rohr, geboren 1943, Franziskanerpater, Gründer des »Zentrums für Aktion und Kontemplation« in New Mexico/USA, gehört zu den international bekannten und gefragten Vertretern einer zeitgenössischen christlichen Spiritualität. Seine Bücher sind weltweite Erfolge und wurden oft zu Inspirationen für gegenwärtige spirituelle Suchbewegungen. (»Enneagramm«, »Männerspiritualität«).
  • Intro
  • [Impressum]
  • Einleitung
  • Verbindungslinien zwischen dem Evangelium und den Zwölf Schritten
  • In den Schmerz hineingehen
  • «Die lebendige spirituelle Erfahrung»
  • Vier Annahmen über Abhängigkeit
  • Erstes Kapitel: Machtlosigkeit
  • Gottes größte Überraschung und ständige Verkleidung
  • In jeder reifen Spiritualität geht es ums Loslassen
  • Zweites Kapitel: Verzweifeltes Begehren
  • Die Eröffnung der drei inneren Räume
  • Die Wiederverbindung von Kopf, Herz und Körper
  • Drittes Kapitel: Süße Unterwerfung
  • Der Opfermythos
  • Das Geniale an den Zwölf Schritten
  • «Wie wir Ihn verstehen»
  • Viertes Kapitel: Ein gutes Licht
  • Ständiges Schattenboxen ist absolut notwendig
  • Fünftes Kapitel: Verantwortungsübernahme und Nachhaltigkeit
  • Eine direkte Begegnung mit Gottes Liebe
  • Das Sakrament der Beichte als System der Verantwortungsübernahme
  • Die Wiederherstellung von Beziehungen, Integrität und Gemeinschaft mit Gott
  • Sechstes Kapitel: Was war zuerst da, die Henne oder das Ei?
  • Die höhere Einsicht der Evangelien
  • Siebtes Kapitel: Warum müssen wir bitten?
  • Bewahre uns vor den Ansprüchen
  • Bettler vor Gott und dem Universum
  • Die richtige Beziehung zum Leben
  • Achtes Kapitel: Zeit der Abrechnung
  • Die Geometrie des Kreuzes
  • Willig zur Wiedergutmachung
  • Neuntes Kapitel: Geeignete Mittel
  • Anonymität und vollkommene Offenheit
  • Zehntes Kapitel: Zu viel des Guten?
  • Bewusstsein als Ausdruck der Seele
  • Unsere göttliche Identität als Kinder Gottes
  • Elftes Kapitel: Ein neuer Geist
  • Bereit, sich von Gott verändern zu lassen
  • Bewusste Verbindung mit Gott
  • Zwölftes Kapitel: Was wir empfangen haben, geben wir weiter
  • Einatmen und Ausatmen
  • Ein spirituelles Erwachen erleben
  • Eine spirituelle Krankheit
  • Ein unerwartetes Nachwort: Nur ein leidender Gott kann retten
  • Was das Atmen unter Wasser wirklich bedeuten könnte
  • Die schreckliche Gnade Gottes
  • Die Zwölf Schritte
  • Anmerkungen
  • Einleitung
  • 2 Verzweifeltes Begehren
  • 3 Süße Unterwerfung
  • 4 Ein gutes Licht
  • 5 Verantwortungsübernahme und Nachhaltigkeit
  • 6 Was war zuerst da, die Henne oder das Ei?
  • 7 Warum müssen wir bitten?
  • 8 Zeit der Abrechnung
  • 9 Geeignete Mittel
  • 10 Zu viel des Guten?
  • 11 Ein neuer Geist
  • 12 Was wir empfangen haben, geben wir weiter
  • Ein unerwartetes Nachwort
  • Die Zwölf Schritte
  • Literaturverzeichnis
  • Bibelstellenregister
  • [Informationen zum Autor]

Vor fast fünfundzwanzig Jahren hielt ich in Cincinnati eine Reihe von Vorträgen, in denen es darum ging, das Zwölf-Schritte-Programm der Anonymen Alkoholiker mit der Weisheit dessen in Verbindung zu bringen, was Franz von Assisi das «Mark des Evangeliums» nennt.1 Die Ausarbeitung dieser Vorträge ging mir leicht von der Hand, denn Parallelen und Gemeinsamkeiten waren ganz offensichtlich. Ich wunderte mich nur, dass sie noch niemand gesehen hatte – in keinem der beiden Themenfelder. Mit diesem Buch möchte ich Sie einladen, das, was eigentlich auf der Hand liegt, mit mir zu entdecken.

Die Teilnehmer des Zwölf-Schritte-Programms der Anonymen Alkoholiker trafen (und treffen) sich häufig in kirchlichen Räumen, oft im Keller, wobei sie das Gefühl beschleichen mag, dass sie für die Treffen die Kirche verlassen und «in den Keller» gehen. Dass die «Leute mit Problemen» ins Untergeschoss wandern, ist für manche Menschen, die sich in den oberen Räumen der Kirche bewegen, nahe am Allerheiligsten, ein vermeintliches Sinnbild dafür, dass ihre «höheren» Belange mehr Beachtung verdienen als die «niederen».

Ich bin mir allerdings sicher, dass die Botschaften beider Lehren, auf beiden «Ebenen», sich denselben Inspirationsquellen verdanken: dem Heiligen Geist und dem kollektiven Unbewussten. Ich bin überzeugt davon, dass auf der praktischen Ebene das transformatorische Potenzial, das von der Botschaft Jesu ausgeht, dem des Zwölf-Schritte-Programms von Bill Wilson gleicht, auch die Impulse stimmen bis ins Detail überein, was ich im Folgenden zeigen werde. Ich werde Bill Wilson als offiziellen Autor der Zwölf Schritte und des sogenannten «Blauen Buchs» der Anonymen Alkoholiker oft zitieren, aber mir ist durchaus klar, dass an der Autorschaft im Detail Zweifel bestehen, deshalb nenne ich im Folgenden den oder die Autoren stets Bill W.2

Meine Vorträge trugen seinerzeit den Titel Breathing under water («Unter Wasser atmen»), ein Titel, der sich von einem vielsagenden Gedicht der Sacré-Cœur-Schwester Carol Bieleck ableitete, das die gemeinsame Botschaft sehr gut zusammenfasst. Ich will es hier vollständig wiedergeben:3

Unter Wasser atmen

Ich habe mein Haus am Meer gebaut.

Nicht auf Sand, wohlgemerkt,

nicht auf Treibsand.

Ich habe es aus Stein gebaut.

Ein starkes Haus

an einem starken Meer.

Und wir haben uns aneinander gewöhnt,

das Meer und ich.

Gute Nachbarn.

Nicht dass wir viel gesprochen hätten.

Wir trafen uns schweigend.

Respektvoll, auf Abstand bedacht,

aber mit Blick auf unsere Gedanken

durch den Zaun aus Sand.

Stets mit dem Zaun aus Sand als Grenze,

stets den Sand zwischen uns.

Aber eines Tages,

und ich weiß immer noch nicht, wie es geschah,

da kam das Meer.

Ohne Warnung.

Auch ohne Einladung.

Nicht plötzlich und schnell,

sondern eher wie Wein

sich durch den Sand einen Weg bahnt,

weniger wie Wasser fließt

eher wie ein Strömen von Blut.

Langsam, aber stetig.

Langsam, aber strömend wie eine offene Wunde.

Und ich dachte an Flucht und an Ertrinken

und an Tod.

Und während ich noch dachte, stieg das Meer höher,

bis es meine Tür erreichte.

Und da wusste ich, es gab keine Flucht, keinen Tod,

kein Ertrinken.

Wenn das Meer kommt und nach dir ruft,

gibt es keine gute Nachbarschaft mehr,

als ob ihr euch gut kennt und freundlich-distanziert bleibt.

Du tauschst dein Haus ein gegen ein Schloss aus Korallen,

und lernst, unter Wasser zu atmen.

Mitschnitte meiner Vorträge waren jahrelang im Umlauf, und fünfzehn Jahre später entstand daraus eine zweite Vortragsreihe mit dem Titel «How do we breathe under water». Immer wieder ermutigte man mich, einige dieser Ideen in schriftlicher Form festzuhalten. Und dieser Versuch liegt nun vor Ihnen, mit Ergänzungen versehen, die sich meiner persönlichen Entwicklung und gewachsener Erfahrung verdanken. Ich hoffe, dass ich uns alle lehren kann, wie das Atmen unter Wasser funktioniert – für eine Kultur und eine Kirche, die (den Eindruck gewinnt man häufig) im Ertrinken begriffen sind, ohne es zu bemerken. Doch es gibt keinen Grund zur Verzweiflung.

Verbindungslinien zwischen dem Evangelium und den Zwölf Schritten


Ich will meinen Blick in diesem Buch vor allem auf das gefangene Individuum richten, aber ich will auch auf die Parallelen zu Institutionen, Kulturen und Nationen aufmerksam machen. Wie die Organisationsberaterin und Psychotherapeutin Anne Wilson Schaef vor vielen Jahren sagte, zeigt unsere Gesellschaft alle Symptome klassischer Suchterkrankungen. Könnte Sucht die moderne Metapher für das sein, was die biblische Tradition als «Sünde» bezeichnet?

Ich persönlich bin davon überzeugt, und dies könnte die erste grundlegende Verbindung zwischen dem Evangelium und dem Zwölf-Schritte-Programm sein. Es ist nämlich ausgesprochen hilfreich, die Sünde wie die Sucht als Krankheit zu sehen, als besonders zerstörerische Krankheit, und nicht so sehr als etwas Schuldhaftes, was bestraft werden muss, weil es «Gott betrübt». Wenn die Sünde Gott traurig macht, dann deshalb, weil Gott sich nichts so sehr wünscht wie unser Glück und unsere Bereitschaft, gesund zu werden. Der Dienst Jesu als Heiland müsste das glasklar gemacht haben: Er war ständig damit beschäftigt, zu heilen, und seine Lehre handelt vom Heilwerden auf jeder Ebene. Eigentlich erstaunlich, dass dieser Punkt nicht ganz oben auf sämtlichen kirchlichen Tagesordnungen geblieben ist.

Wie Carol Bieleck in ihrem Gedicht sagt: Wir können den anströmenden Fluten unserer Sucht und Abhängigkeit fördernden Kultur nichts entgegensetzen, sondern müssen versuchen, die Realität so zu sehen, wie sie ist; wir können nur versuchen, uns mit geeigneten Mitteln abzugrenzen, indem wir «ein Schloss aus Korallen» bauen und lernen, «unter Wasser zu atmen».

Das Neue Testament spricht in diesem Zusammenhang von Erlösung und Erleuchtung – das Zwölf-Schritte-Programm nennt diesen Prozess Genesung. Das Problem ist, dass die meisten Christen die große Befreiung in die nächste Welt verschoben haben und dass viele Mitglieder der Anonymen Alkoholiker sich damit zufriedengeben, «trocken» zu bleiben, statt eine wirkliche Veränderung ihres Selbst anzustreben. Deshalb sind wir alle Verlierer und warten auf eine Erlösung nach dem Tod, statt uns viel früher in unserem Leben am Festmahl Gottes zu erfreuen.

Das Zwölf-Schritte-Programm verhält sich zu den Botschaften, die Jesus uns gab, wie eine Parallele, wie ein Spiegel, überträgt sie auf eine praktische Ebene und entgeht der Gefahr, die Botschaft zu vergeistigen und ihre Auswirkungen in eine zukünftige oder metaphysische Welt zu verlagern. Im 4. Jahrhundert wurde das Christentum zur offiziellen Religion des Römischen Reiches, und seitdem müssen wir transzendenten Wahrheitsansprüchen zustimmen (Jesus ist Gott, Gott ist dreifaltig, Maria war Jungfrau usw.), statt die praktischen Schritte menschlicher Erleuchtung zu erleben, die zentrale Botschaft unserer eigenen Verwandlung in die «göttliche Natur» (2 Petrus 1,4), und eine «neue Schöpfung» auf dieser Erde zustande zu bringen (Galater 6,15). Die Theorie hat den Sieg über die Praxis davongetragen.

Seitdem konzentrieren wir uns darauf, Jesus zu verehren, statt ihm in der Praxis nachzufolgen. Dabei hat er nie davon gesprochen, dass wir ihn verehren sollen, sondern immer gesagt: «Folgt mir nach!» Kaiser, nicht etwa Päpste oder Bischöfe, beriefen die nächsten Konzilsversammlungen ein, und sie beschäftigten sich in der Regel nicht mit der Heilung der Massen, sondern mit der Einheit des Reiches. Und ganz sicher nicht mit der eindeutigen Lehre Jesu von der Gewaltlosigkeit, vom einfachen Leben und von der Heilung derjenigen, die einen Arzt brauchten – denn diese Lehre hätte das Reich aus den Fugen gebracht, wie wir bis heute sehen können.

Unsere christliche Beschäftigung mit der Metaphysik und der künftigen Welt half uns bei der Verdrängung der «Physik» und der Gegenwart. Endloses Wälzen von Theorien, Parteinahme, Meinungen über Richtig und Falsch übertrumpften die allgemein zugängliche Gabe der göttlichen Gegenwart in jedem Menschen, die echte «Inkarnation», die immer noch die Kraft hat, die Welt zu verändern.

Wie es Tertullian (166–225 n. Chr.), den man gelegentlich den ersten westlichen Theologen genannt hat, sagt: «Caro salutis cardo.»4 Das Fleisch ist der Dreh- und Angelpunkt der Erlösung. Wenn das Christentum sein Interesse an Materie, Physik und irdischem Dasein verliert, hat es nur noch wenig darüber zu sagen, wie Gott die Welt tatsächlich in die Ganzheit hineinliebt. Im endlosen Streit über den göttlichen Geist haben wir allzu oft die Beschäftigung mit Leib und Seele vergessen. Und deshalb leiden wir heute unter den Konsequenzen einer körperlich suchtkranken und oft geradezu seelenlosen Gesellschaft, während wir uns mit den Abstraktionen von Theologie und Liturgie abgeben und den eigentlich immer und überall zugänglichen Heiligen Geist nur an diejenigen austeilen wollen, die alle Voraussetzungen erfüllen.

In den Schmerz hineingehen


Im Zwölf-Schritte-Programm gibt es keine Parteinahme. Es geht auch nicht um einen Wettstreit in Würdigkeit. Es gibt nur einen absolut...

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