Was möglich ist

Roman
 
 
Lenos (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 1. September 2020
  • |
  • 379 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-85787-983-8 (ISBN)
 
Drei mutige Frauen, drei Neuanfänge: In seinem zweiten Roman erzählt Werner Rohner Geschichten über die Liebe - so schön, so traurig und so divers wie im echten Leben. Edith, 61 und seit Jahrzehnten Kellnerin im gleichen Café, wandert mit ihrem deutlich jüngeren Freund nach Marokko aus. Vera verliebt sich in eine Frau und beginnt eine leidenschaftliche Affäre, obwohl sie sich mit ihrem Mann gerade auf das erste Kind freut. Lena, Ehefrau und Mutter, reist überstürzt mit einer alten Liebe nach Neapel, und als ihr bester Freund dort auftaucht und sie zur Rückkehr bewegen will, zieht sie mit den Kindern bei ihm ein.
Einfühlsam und unaufgeregt erzählt Werner Rohner von Sehnsucht und Begehren, von Aufbruch und Verlust. Und staunend kommt man seinen Figuren beim Lesen so nahe, wie man es sich im echten Leben von den Nächsten oft vergeblich wünscht.
  • Deutsch
  • Basel
  • |
  • Schweiz
  • 0,55 MB
978-3-85787-983-8 (9783857879838)
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Werner Rohner, geboren 1975, lebt als freier Schriftsteller in Zürich. Studium am Schweizerischen Literaturinstitut in Biel. Längere Schreibaufenthalte in Rom, Langenthal und Los Angeles. Er veröffentlichte Texte in Zeitschriften und Anthologien, für die er mehrfach mit Preisen und Stipendien ausgezeichnet wurde, und schrieb drei Theaterstücke. Sein erster Roman, "Das Ende der Schonzeit", erschien 2014 und war für den Rauriser Literaturpreis nominiert. Zusammen mit Katja Brunner veröffentlichte er 2018 das Buch "Wie weit du genetisch vom Raubtier entfernt bist". "Was möglich ist" ist sein zweiter Roman.

DEINEN JOB MÜSSTE MAN HABEN - wie oft er das schon gehört hatte, dachte er und konzentrierte sich gleichzeitig darauf, seine Arme durchzustrecken, die eine Hand auf der anderen; sein ganzes Körpergewicht legte er in den Handballen und stiess ihn gegen die Brust der Frau. Fünfzehnmal schnell hintereinander. Dann drückte er ihren Kiefer hoch und blies ihr zweimal kräftig in die Nase.

Was er denn könne, hatte die Frau auf dem Arbeitsamt gefragt, ohne von ihrem Bildschirm aufzuschauen.

Englisch, Französisch, ein wenig Hocharabisch, Katalanisch verstehe er ganz gut, Spanisch halt und vieles andere auch ein bisschen.

»Gut«, sagte Frau Gmür.

Er nickte, nicht ohne Stolz.

»Können Sie das auch schreiben?«

»Mit Fehlern«, gab er wahrheitsgemäss an.

»Was können Sie noch?«

»Kochen.«

»Haben Sie dafür ein Zeugnis?«

Er schüttelte den Kopf.

»Gut«, sagte sie wieder und liess keinen Zweifel daran, dass das nicht reichte. »Sonst noch was?«

»Reisen.«

»Wie haben Sie sich denn all diese Reisen verdient?«

»Bin immer billig gereist.«

»Da steht, Sie haben auf dem Bau gearbeitet, auf dem Schiff, als Dachdecker.«

»Das geht eben nicht mehr. Wegen dem Rücken - dafür hab ich auch ein Zeugnis.«

Sie starrte bloss auf seinen Lebenslauf, der vor ihr lag, und sagte nach einer Weile wieder: »Gut.«

Dann schaute sie ihm zum ersten Mal in die Augen.

Sie sassen einander gegenüber, zwischen zwei Stellwänden in einem Grossraumbüro. Auf einen Fünfundvierzigjährigen ohne Ausbildung hat die Welt nicht gewartet, schien ihr Blick zu sagen. Und eigentlich hatte er ja auch wieder weggewollt; wobei er sich gleichzeitig dabei ertappte, wie erleichtert er insgeheim war, diesen Winter kein Geld dafür zu haben. Schon seit einigen Jahren spürte er: Das Reisen war immer weniger Bedürfnis als einfach eine Gewohnheit, wie für die meisten Menschen wohl das Bleiben.

»Sie haben gesagt, Sie gehen gerne schwimmen?«, fragte Frau Gmür weiter.

»Regelmässig, wegen dem Rücken, ja.«

»Gut.«

»Eben nicht so.«

»Rettungsschwimmer!«, sagte sie und lächelte ihn sogar an.

»So toll auch wieder nicht.«

»Badmeister. Der Kurs beginnt nächste Woche. Die Unterlagen lass ich Ihnen zukommen.«

»Ich weiss nicht -«

»Die brauchen immer wen!«, unterbrach sie ihn, streckte ihm die Hand entgegen, und bevor er noch etwas sagen konnte, drehte sie sich um und versorgte seinen Lebenslauf in einem Hängeregister.

Immerhin am Wasser, hatte sich Christoph gesagt, nachdem er den Rettungsschwimmerkurs und den Winter mit viel Johanniskraut hinter sich gebracht hatte und im Frühling den Job als Badmeister im Freibad Heuried antrat. Und dass er bis Saisonende genug Geld auf der Seite haben würde, um doch wieder zu verreisen.

Daran dachte er nun wieder, um nicht in Panik zu geraten, zählte Länder und Städte auf, in denen er noch nie gewesen war, während er neben dem menschenleeren Schwimmbecken kniete und weiter sein ganzes Gewicht gegen den Brustkorb der Frau fallen liess - und dass er die Atemmaske hätte holen sollen und der Frau aufsetzen. Es wäre einfacher damit, dachte er, und an Aids - diese Angst war nie mehr ganz von ihm gewichen.

Und jetzt die Scham darüber, dass er an sich selbst, nicht an die Frau dachte.

Dann hörte er plötzlich eine Rippe brechen - ein Raunen ging durch die umstehenden Leute -, dann noch eine.

Es war dieselbe Frau, die ihn kurz zuvor nach der Uhrzeit gefragt hatte, wahrscheinlich hatte sie noch was vorgehabt - und er hatte, statt ihr zu antworten, nur auf die Uhr hinter sich an der Mauer gedeutet.

Wieder ein Geräusch, vielleicht eine weitere Rippe, vielleicht auch dieselbe ein zweites Mal. »Wenn Sie einem Menschen das Leben gerettet haben, wird sich niemand über eine gebrochene Rippe beklagen, und wenn nicht, auch nicht«, hatte der Ausbildner im Rettungsschwimmerkurs mehrmals gesagt, und jedes Mal hatte er gelacht dabei - Christoph drückte weiter und weiter.

Wenn er wenigstens den Puls der Frau fühlen könnte. Aber er traute sich nicht, die Herzmassage zu unterbrechen. Wünschte, dass endlich ein Notarzt käme; fürchtete, er könnte die Frau erdrücken, die falsche Stelle, zu schnell, zu langsam; und immer wieder dachte er, warum nur war er nicht verreist, kein Geld zu haben hatte ihn doch noch nie davon abgehalten; und dass er nicht aufhören durfte zu drücken. Und ausserdem beunruhigte es ihn, dass die Leute rundherum leiser wurden. Wenn er wenigstens wüsste, wie lange er schon tat, was er tat. Seine Knie schmerzten - der Asphalt war hier rauer als gewöhnlich, damit man nicht so leicht ausrutschte. Und dann plötzlich das Bedürfnis, den Namen der Frau zu kennen, gegen deren Herz er seine Hände presste. Etwas zu ihr sagen zu können. »Jetzt aber, jetzt!«, war alles, was er keuchend hervorstiess.

Auf all seinen Reisen hatte er nie wirklich Lebensgefährliches erlebt. Manchmal war es vorgekommen, dass er im Nachhinein aus der Zeitung erfuhr, wie viel Glück er gehabt hatte; ein Zugunfall kurz nach seiner Durchfahrt, Kämpfe oder allgemeines Ausreiseverbot - aber er hatte es jeweils erst erfahren, als er weit genug weg gewesen war. Und bis auf Denguefieber war er auch von Krankheiten verschont geblieben.

Ausgeraubt worden war er ein paarmal, vor allem in den ersten Jahren. Erbeutet hatten sie nie viel; und der Schreck und die Wehrlosigkeit hatten ihm weniger zu schaffen gemacht als die Tatsache, dass er es nicht hatte kommen sehen. Wie ein Tourist hatte er sich gefühlt, das war damals das Schlimmste für ihn gewesen. Heute konnte er darüber lachen. Wie er einmal spätnachts in Nairobi am Strassenrand erschrocken die Hände hochgerissen hatte und die Räuber erst deswegen ihre Pistolen gezückt, ihn angeschrien und seine Hände mit Gewalt runtergedrückt hatten, damit die Vorbeifahrenden keinen Verdacht schöpften.

Dass er insgesamt Glück gehabt hatte, dachte er, vielleicht zum ersten Mal überhaupt - und sofort überkam ihn wieder jene Scham, so dass er noch stärker drückte. Wieder eine Rippe, ganz klar dieses Mal, wie in Zeitung eingewickeltes Glas, auf das man beim Umzug versehentlich tritt.

Die Frau aber zuckte nicht mit der Wimper, während er auf ihre Brust drückte, blickte bloss auf eine seltsam starre Weise zur Seite, als wäre es ihr peinlich.

Dass er ihre Augen heute noch sehen könne, eigentlich schöne Augen, das dunkle Braun kaum von den geweiteten Pupillen zu unterscheiden; so erzählte er es ein paar Monate später Edith. Und dass er seither erst recht versuche zu verreisen, es aber einfach nicht schaffe - der Arzt habe gesagt, das sei normal. Worauf Edith ihn lange anschaute und dann nur sagte, sie selbst habe ihr Leben lang in Zürich gelebt. Hier in Wiedikon.

Es war das erste Mal überhaupt, dass er jemandem davon erzählte, und er musste nach Worten suchen; das kannte er sonst nur vom Reden in Fremdsprachen, und es machte ihn traurig. Es war eine seltsame Traurigkeit, wie angeworfen, und sie schien weniger mit dem Tod der Frau zu tun zu haben als vielmehr mit seiner Veränderung seither, von der er nicht sagen konnte, worin sie bestand. Trotzdem konnte er nicht aufhören zu erzählen, die Hände auf dem Stuhl unter die Oberschenkel geklemmt.

Edith sass nur da, sehr gerade, im Café Uetli, wo sie als Kellnerin arbeitete und die letzten Stammgäste das Geld einfach auf den Tischen zurückliessen. Erst als alle gegangen waren, stand sie schnell auf, schloss die Tür und holte einen Aschenbecher und Zigaretten, dann setzte sie sich wieder genau so hin wie zuvor, zündete sich eine an und nickte; er solle nur weitererzählen.

Für einen Moment war er abgelenkt und dachte, sie sieht schön aus, und das nicht nur für ihr Alter - vor allem ihr Mund, wenn sie schwieg, die Lachfalten tief eingegraben auf der Seite -, so dass sie noch einmal nicken musste, damit er fortfuhr.

Er sprang zum Winteranfang, ohne erzählt zu haben, was mit der Frau geschehen war - Edith liess es zu - und wie lang ihm dieser Winter inzwischen schon vorkam. Sagte, dass er im Heuried nur befristet angestellt gewesen sei, und deshalb nicht versichert, und wie er auch sonst keinen Job finde und immer an die Frau denken müsse. Gleichzeitig aber nichts über sie wissen wolle. Dass er bis dahin gern als Badmeister gearbeitet habe, und das wolle was heissen bei einem wie ihm, der es nie lange am gleichen Ort, schon gar...

"Großartig unspektakulär erzählte Ausschnitte aus dem Spektakel des Lebens." (Laudatio zur Verleihung eines Werkjahres der Stadt Zürich)

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