Mädchen für alles

Roman
 
 
Piper (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 5. Oktober 2015
  • |
  • 240 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-492-97269-7 (ISBN)
 

Ihre Ehe? Horror.
Ihr Kind? Egal.
Ihre Zukunft? Rosig.

Denn sie hat jetzt ein Mädchen für alles. Und einen ziemlich guten Plan.

  • Deutsch
  • München
  • |
  • Deutschland
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  • 3,89 MB
978-3-492-97269-7 (9783492972697)
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1. KAPITEL

Jetzt gehen die wieder an meinen Kühlschrank! Die sind wie eine Meute hungriger Wölfe. Oder sagt man Rudel? Egal. Alle haben sich in unserem Haus verteilt. Manche sitzen sogar auf unserem Bett und quatschen schön ein bisschen. Hoffentlich bleibt's dabei. Ey, wehe! In der Küche findet so was wie eine Stehparty im Sitzen statt. Auf der Arbeitsfläche. Ein Rock sitzt fast im Käse.

Ich schaue mich um und sehe nur hässliche junge Menschen und die buckelige Verwandtschaft meines Mannes. Ist das schon ein Grund für eine Scheidung? Dass mein Mann seinem kleinen Bruder erlaubt hat, in unserem Haus seine Hochzeit zu feiern? Sein Bruder ist wirklich viel jünger als er, irgend so eine Art Unfall, oder wie nennt man das? Nachzügler? Nesthäkchen? Weil er im Vergleich zu meinem Mann so jung ist, ist es eher keine Bruderbeziehung, sondern eine Vater-Kind-Beziehung. Jörg stimmt oft irgendwelchen absurden Dingen zu, die der kleine Bruder, Arne, anfragt. Diesmal ist es, wie so oft, falsch rum gelaufen. Mein Mann hat mich gefragt, ob sein kleiner Bruder in unserem Haus seine Hochzeit feiern darf, ich habe Nein gesagt, da musste mein Mann mir gestehen, dass er aber leider die Üblichkeiten nicht eingehalten hat, seinem Bruder das schon erlaubt hatte, bevor er mich gefragt hat, und jetzt wegen mir und meiner Absage in der Zwickmühle sitzt.

So wie ich die Situation beurteile, sitzt er nicht in der Zwickmühle wegen meiner Absage, sondern wegen seinem voreiligen Erlauben. Aber egal. Es ist jetzt, wie es ist. Arne feiert seine meiner Meinung nach viel zu frühe Hochzeit jetzt gegen meinen Willen in unserem Haus. Hat das schon mal jemand gehört? Wie wär's, er arbeitet erst hart, hat dann ein Haus und heiratet dann da drin? Oder wie wär's mit Hotel oder Kneipe?

Wenn ich jetzt hier rumlaufe und eine Flappe ziehe, wie ich gerne würde, denken alle, ich bin eine frustrierte Hausfrau, also lächel ich, ich versuche, das Lächeln so natürlich wie möglich aussehen zu lassen.

Achtung, gleich kann ich es kontrollieren, an der Treppe im Flur unten hängt ein kleiner Spiegel, mit Möwen dran aus Blech, was auch immer das soll. Als wir das Haus eingerichtet haben, war ich voll mit Hormonen, Nestbautrieb, haben alle zu mir gesagt, ja ja, da war ich wohl etwas kitschig unterwegs, hat schlagartig aufgehört nach der Geburt meiner Tochter, das Kitschigsein.

Ich verlangsame meine Schritte, versuche das natürlichste Lächeln überhaupt, schaue nur den Bruchteil einer Sekunde in den Spiegel und finde das Lächeln gar nicht natürlich. Scheiße, klappt nicht, das Überspielen meiner wahren Gefühle. Mein Gesichtsausdruck sieht eher verzweifelt aus als locker, glücklich, frei.

Ich muss was tun, ich will nicht, dass diese ganzen fremden Arschlöcherfreunde von meinem Pupsischwager meine Gefühle sehen können. Ich gehe in die Küche und hole die Melonen aus dem Kühlschrank. Das war auch die Idee von meinem kleinen schwer verliebten Schwager Arne. Hat er wohl von Jamie Oliver. Den spricht er zu allem Überfluss auch noch immer französisch aus. Er hat schon vor ein paar Tagen mit einer großen Spritze und einer dicken Kanüle von der Apotheke mehrere Melonen mit Wodka präpariert. Man zieht die Spritze mit Wodka auf und spritzt mehrere Ladungen Wodka rein. Man muss sie regelmäßig umdrehen, weil sich sonst der ganze Wodka in die untere Kurve legt, durch die Erdanziehung. Offensichtlich ist in einer Wassermelone noch viel Platz für viel Wodka, weil er da so einiges reingeballert hat, er kam vor seiner Hochzeit die Tage mehrmals vorbei und hat immer noch ein Plätzchen darin gefunden. Der hat mit Sicherheit zwanzig, dreißig Shots Wodka reingepackt. Wenn die Gäste diese Melonen essen, geht's hier ab.

Ich nehme mir ein Wasserglas, zwei Eiswürfel und mache das ganze Wasserglas voll mit purem Wodka. Alle sind in wichtige Gespräche vertieft, ich trinke einen großen Schluck und stelle das Glas oben auf den Küchenschrank.

Ich kann das Zeug kaum runterschlucken, finde, es schmeckt sehr chemisch, pur, aber ich zwinge mich, für die Wirkung. Muss hier körperlich anwesend sein, aber keiner kann mich zwingen, geistig anwesend zu sein. Ha!

Ich nehme mir in meiner eigenen Küche ein großes Hackbrett und unser Fleischhackebeil, hole eine Melone aus meinem Kühlschrank und schlage mit einer gezielten Bewegung und viel Schmackes drauf und treffe leider nicht wie geplant die Mitte der Melone. Bei dem Krach auf dem Hackbrett hören alle auf zu reden und gucken mich an. Ich schneide die schlecht geteilte Melone in Verzehrhappen und frage cool in die Runde: »Wodka-Melone gefällig?« Das Wort gefällig sagt man nur, wenn man sich sehr unwohl fühlt. Okay, Chrissi, ab geht's mit der Kellnerinnenperformance.

Ich hole einen schönen großen, mexikanisch aussehenden Teller und stapel mit meinen ungewaschenen Händen die Melonenspalten auf den Teller, ich laufe rum, lächel alle an und biete die Spalten jedem einzelnen Gast an. Ich komme auch an meinem Mann vorbei, er guckt mich etwas ängstlich an. Zu Recht! Nimmt aber auch ein Stück Melone. Den meisten Leuten sage ich: »Vorsicht, da ist viel Wodka drin«, außer bei den beiden Hochschwangeren, die im Türrahmen stehen und alles verstopfen, ich halte es ihnen kommentarlos hin, sie nehmen jede ein Stück, ich lächel sie breit an und gehe mit meinem Tablett auf einer Handfläche balanciert weiter, aber ich lasse meine Ohren da. Sie reden an der Stelle weiter, an der ich sie unterbrochen habe. Und die eine sagt zur anderen: »Wir nehmen dann eine Babysitterin für die Zeit.«

Die nehmen eine Babysitterin. Das ist ja gut! Warum bin ich da noch nicht draufgekommen. Irgendwie denke ich immer, alles Gute ist nicht für mich, Arbeitserleichterung ist nicht für mich. Damit ist jetzt Schluss. Das ist es. Eine Babysitterin. Sehr gut!

Ich hatte mal einen Beruf, um den mich viele beneidet haben, aber ich habe den Druck nicht ausgehalten, und dann habe ich mir ausgedacht, dass es für mich besser sei, ein Kind zu bekommen, dann könnte ich aufhören zu arbeiten. Aber, ganz ehrlich, ein Kind haben ist viel anstrengender und mit viel mehr Druck verbunden als die Arbeit, die ich vorher hatte. Voll verplant! Das ganze Leben eigentlich.

Okay, sage ich zu mir selber, Chrissi, du bist sauer, dass hier in deinem Haus gegen deinen Willen gefeiert wird von Leuten, die du nicht leiden kannst. Aber du musst auch ehrlich sein, deine Periode steht an. Der Bauch ist aufgebläht, du fühlst dich zehn Kilo schwerer, gib's zu, der Hauptgrund für deine Aggressivität ist nicht Jörgs Bruder, sondern deine Gebärmutter.

Melone ist alle. Für mich ist das eine gute Ablenkung. Ich gehe zum Kühlschrank und hole die nächste raus. Ich schaue mich wieder um, keiner achtet auf mich, ich stell mich auf meine Zehenspitzen und nehme mein Wasserglas vom Küchenschrank runter. Trinke einen großen Schluck und krieg's wieder kaum runter. Ekelhaft schmeckt das, aber gute Wirkung, also Chrissi, piss dich nicht so an, runter damit!

Die meiste Zeit der Hochzeitsparty verbringe ich damit, den Gästen mit Alkohol vergiftete Melonenspalten zu servieren. Ich muss mich richtig konzentrieren, vernünftig zu sprechen und zu gehen. Das gönn ich hier keinem, zu merken, dass ich einen im Tee habe.

Ich stehe jetzt im Wohnzimmer und beobachte die Braut, die hat nun wirklich sehr danebengegriffen. Satinkorsagenkleid, bisschen wie Goths es machen würden, aber eben ohne ein Goth zu sein. Chucks dazu und Brille. Aber was für eine, die sind, glaube ich, gerade modern, eher klein und rechteckig mit knallkirschrotem Plastikrahmen. Also, schön ist das nicht. Kann die nicht wenigstens zu ihrer Hochzeit für die Fotos Kontaktlinsen anziehen? Ich glaub, das frag ich die gleich mal. Nein, das machst du nicht, Chrissi, du spinnst ja wohl, du weißt genau, ungefragt negative Dinge zum Äußeren zu sagen ist nicht gut, kommt nicht gut an, und wer ist dann die Hysterische? Du! Das ist die Periode in dir, die das machen will. Am Ende musst du dich wieder bei allen entschuldigen, bitte mach das nicht. Tu dir das selber nicht an. Oft genug schon passiert, so was, leider. Ich stehe mir selber viel im Weg rum.

Ich spüre meine Beine Richtung Terrassentür gehen, ich halte der Braut die Melone hin und frage: »Bisschen Melone für die glückliche kleine Brillenschlange?« Chrissi, du bist so eine Asikuh! Sie lächelt mich freundlich an, nimmt die Melone, riecht daran, sie weiß ja von ihrem Mann, dass er was vorhatte mit Melonen. Sie lächelt und beißt genüsslich hinein. Schlimm, diese jungen verliebten glücklichen Menschen, da könnt ich ausflippen! Sie merken nicht mal, wenn sie beleidigt werden. Haltet mich zurück, sonst wird meine Gebärmutter hier noch ausfallend. Ihh, das klingt ekelhaft, sogar im Kopf.

Ich habe auch ganz fatale Gedanken über meinen Mann, ich finde ihn schwach seiner Familie gegenüber. Wenn man eine Frau hat, muss man ihr gegenüber loyal sein und nicht mehr der übergriffigen Familie von früher. Wie heißt die Kackfamilie, aus der man kommt? Kernfamilie? Warum ist das bei uns nicht so wie bei den Tieren? Die meisten gehen doch einfach weg von den Eltern, wenn sie geschlechtsreif sind, also bei uns wäre das so mit vierzehn. Das fänd ich gut. Und dann, wie im Tierreich, sieht man auch seine Eltern nie wieder. Danke fürs Großziehen und tschüss, dann hat man die nicht an der Backe, bis die was?, achtundneunzig werden. Oh Gott. Dann müsste ich jetzt auch nicht klarkommen mit Jörgs Familie. Dann hätten wir nur unsere. Wär das schön, nur die eigene, selbst ausgesuchte!

Diese Hochzeit in unserem Haus gegen meinen Willen ist nur eine von vielen Entscheidungen, bei denen ich mir gewünscht hätte, dass mein Mann auf meiner Seite steht, er aber...

»Roche trifft das Lebensgefühl einer Generation und Schicht, die alles hat oder bald haben wird (...) und doch immer auf der Suche nach Erlösung ist.«, Rhein-Neckar-Zeitung, 11.12.2015
 
»>Mädchen für alles< ist der schonungslose, aber gewitzt geschriebene Befreiungsschlag einer überforderten Familienmutter. Tatsächlich lesenswert.«, Hamburger Morgenpost, 06.10.2015
 
»Die Generation der >Mittelalten< ist gefangen zwischen der Sehnsucht nach der ewigen Jugend, den ewigen Möglichkeiten, und dem >wirklichen< Leben. Und so ist Roche kein hoch intellektueller Roman, aber doch ein schönes Porträt unserer Zeit gelungen.«, Aachener Zeitung, 06.10.2015
 
»viele Leserinnen werden Gefühlslagen in Chrissis Schlingerkurs zwischen Selbstzweifeln und Dominanzwunsch - mal die Gewalt abgezogen - durchaus wiedererkennen. Und die Frage, wie der Dauerkonsum von Gewaltserien unsere Psyche verändert, ist wichtig.«, Hessische Niedersächsische Allgemeine, 06.10.2015
 
»Lohnt sich die Lektüre? Schon. (.) Der schnelle Ritt durch die Wirrnisse einer halbjungen, sich selbst unterdrückenden Frau, gespickt mit ein paar klugen Beobachtungen des soziopathischen Alltags, ist unterhaltsam und hochnotspaßig.«, Süddeutsche Zeitung Online, 05.10.2015
 
»Erbauungsliteratur für die Generation YouPorn.«, Deutschlandradio Kultur, 05.10.2015
 
»>Mädchen für alles< ist schockierend düster und brutal geraten, beißend zynisch, schonungslos - und trotzdem, oder gerade deshalb, extrem kurzweilig und unterhaltend.(...) Ihrem Ruf als Provokateurin, vielleicht sogar als >Skandal-Autorin< macht Roche alle Ehre: Sie verarbeitet ein Tabu-Thema, das die israelische Studie >Regretting Motherhood< vor nicht allzu langer Zeit auf die Agenda hob«, dpa, 05.10.2015
 
»Mit dem Roman will sie Mütter animieren, >die Wahrheit zu sagen<. Charlotte Roche schreibt bewusst provokant. Mit dem Ziel, die Öffentlichkeit zum Nachdenken zu provozieren.«, Tiroler Tageszeitung, 05.10.2015
 
»Von Partnersuche über Beziehungen bis hin zur Mutterschaft schildert Roche die gesellschaftlichen Erwartungen und ihre Wirkungen. Und verpackt sie in eine Form, die auch in Zeiten der Reizüberflutung garantiert nicht übersehen wird.«, Westdeutsche Allgemeine, 05.10.2015
 
»Ein Blitzstart ist Roche garantiert.«, Sonntagsblick Magazin, 04.10.2015

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