Zauber einer Winternacht

 
 
Heyne (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 16. Dezember 2013
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-641-12094-8 (ISBN)
 
Gabriel rettet die schwangere Laura aus ihrem verunglückten Auto, das in den verschneiten Bergen von Colorado ins Schlittern geraten ist. Er nimmt sie mit in seine Hütte und gewährt ihr für ein paar Tage Unterschlupf. Der zurückgezogene Künstler spürt jedoch, dass die wunderschöne Frau ein Geheimnis mit sich herumträgt, das zu schrecklich ist, um es ihm anzuvertrauen. Zu schrecklich, um überhaupt jemandem zu vertrauen. Schritt für Schritt kommen die beiden sich näher. Der Maler und die Frau, die er liebend gerne malen würde - und in seinem Leben behalten würde.

  • Deutsch
  • München
  • |
  • Deutschland
Heyne
  • 0,47 MB
978-3-641-12094-8 (9783641120948)
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Nora Roberts wurde 1950 in Maryland geboren. Ihren ersten Roman veröffentlichte sie 1981. Inzwischen zählt sie zu den meistgelesenen Autorinnen der Welt: Ihre Bücher haben eine weltweite Gesamtauflage von über 500 Millionen Exemplaren. Auch in Deutschland erobern ihre Bücher und Hörbücher regelmäßig die Bestsellerlisten. Nora Roberts hat zwei erwachsene Söhne und lebt mit ihrem Ehemann in Maryland.

Unter dem Namen J.D. Robb veröffentlicht Nora Roberts seit Jahren ebenso erfolgreich Kriminalromane.

1. KAPITEL

Verdammter Schnee. Gabriel schaltete in den zweiten Gang hinunter, verlangsamte das Tempo des Jeeps auf fünfzehn Meilen pro Stunde und starrte leise fluchend nach vorn, bis ihm die Augen schmerzten. Die Scheibenwischer glitten hektisch hin und her, aber mehr als eine weiße Wand war nicht zu sehen. Kein Winterwunderland. Der Schnee prasselte in Flocken herab, die so groß und gemein aussahen wie eine Männerfaust.

Auf ein Abebben dieses Schneesturms zu warten war sinnlos, das war ihm klar, als er die nächste Kurve im Kriechtempo nahm. Zum Glück kannte er nach sechs Monaten die schmale, windungsreiche Straße aus der Stadt. Er konnte praktisch nach Gefühl fahren, aber ein Neuling wäre chancenlos. Trotzdem schmerzten seine Schultern und sein Nacken vor Anspannung. Hier in Colorado konnten Schneestürme im Frühling nicht weniger heimtückisch sein als mitten im Winter. Und sie konnten eine Stunde oder einen Tag dauern. Dieser hatte jedenfalls alle überrascht - Einheimische, Touristen und den Nationalen Wetterdienst.

Er hatte nur noch fünf Meilen vor sich. Dann würde er seine Vorräte ausladen, das Feuer anzünden und den Aprilschnee von der warmen Hütte aus genießen können, mit einem heißen Kaffee oder einem eiskalten Bier.

Der Jeep erklomm die Steigung wie ein Panzer, und er war seinem Gefährt dankbar, dass es ihn nicht im Stich ließ. Wegen des unerwarteten Schneefalls würde er für die Zwanzig-Meilen-Strecke von der Stadt nach Hause vielleicht dreimal so lange wie sonst benötigen, aber er würde es mit Sicherheit schaffen.

Die Wischer mühten sich ab, um die Frontscheibe freizuhalten. Sekunden der Sicht auf nichts als Weiß folgten Sekunden der weißen Blindheit. Wenn es so weiterging, würde der Schnee bei Einbruch der Nacht mindestens einen halben Meter hoch liegen. Gabriel tröstete sich mit dem Gedanken, dass er bis dahin längst zu Hause sein würde, hörte aber nicht auf, leise vor sich hin zu fluchen. Wenn er am Tag zuvor nicht vergessen hätte, auf die Uhr zu sehen, dann hätte er heute genügend Vorräte gehabt und hätte über das Wetter nur lachen können.

Die Straße ging in eine gemächliche S-Kurve über, und Gabriel nahm sie vorsichtig. Normalerweise bevorzugte er ein schnelleres Vorankommen, doch der Winter hatte ihm eine gehörige Portion Respekt vor den Bergen und den in sie hineingesprengten Straßen eingeflößt. Das Schutzgeländer war zwar stabil, aber die Felsen, die darunter lagen, verziehen nicht den geringsten Fehler. Er hatte nicht so sehr Angst, selbst einen Fehler zu machen - in dem soliden Jeep konnte ihm nicht viel passieren. Mehr Sorgen machte er sich um die anderen, die möglicherweise zur selben Zeit die Passstraße befahren und an ihrem Rand oder gar in der Mitte gestoppt hatten.

Er brauchte eine Zigarette. Doch er packte das Lenkrad fester und unterdrückte das Verlangen. Den Luxus würde er sich erst später gönnen. Noch drei Meilen bis zur Hütte.

Die Anspannung in den Schultern ließ nach. Seit zwanzig Minuten hatte er keinen anderen Wagen mehr gesehen, und wahrscheinlich würde auf dem Rest der Strecke auch keiner mehr auftauchen. Kein vernünftiger Mensch war unter diesen Bedingungen noch unterwegs. Von jetzt an würde er blind nach Hause finden. Er war froh darüber. Neben ihm krächzte das Radio von gesperrten Straßen und abgesagten Veranstaltungen. Gabriel wunderte sich immer wieder, wie viele Tagungen, Essen, Aufführungen und Vorträge die Leute an einem einzigen Tag organisierten.

Muss wohl in der Natur der Menschen liegen, dachte er. Dauernd zog es sie zueinander, und wenn es nur darum ging, ein paar Kuchen oder Kekse zu verkaufen. Er selbst war lieber allein. Vorläufig jedenfalls. Sonst hätte er sich nicht die Hütte gekauft und sich darin die letzten sechs Monate vergraben.

Die Einsamkeit gab ihm die Freiheit zum Nachdenken, zum Arbeiten, zum Heilen. Und von allen dreien hatte er etwas geschafft.

Fast hätte er geseufzt, als er sah - oder besser fühlte -, wie die Straße wieder anstieg. Dies war die letzte Steigung, bevor er abbiegen musste. Nur noch eine Meile. Sein vor Konzentration hartes und straffes Gesicht entspannte sich. Es war kein gefälliges oder sonderlich gut aussehendes Gesicht. Es war zu schmal und kantig, um einfach nur angenehm zu wirken, und die Nase war leicht schief, was Gabriel einer hitzigen Auseinandersetzung mit seinem Bruder in ihren Teenager-Jahren verdankte. Aber Gabriel war nie nachtragend gewesen.

Weil er vergessen hatte, eine Mütze aufzusetzen, fiel ihm das dunkelblonde Haar etwas unordentlich ums Gesicht. Es war lang, reichte bis über den Kragen des Parka und war vor Stunden mit gespreizten Fingern hastig in Form gebracht worden. Seine dunkelgrünen Augen brannten von dem glitzernden Schnee, in den er unentwegt gestarrt hatte.

Während die Reifen auf dem schneebedeckten Asphalt knirschten, sah er auf das Zählwerk neben dem Tachometer. Eine Viertelmeile bis zum Ziel. Als er wieder auf die Straße blickte, tauchte vor ihm ein offenbar außer Kontrolle geratenes Fahrzeug auf.

Ihm blieb nicht einmal Zeit zum Fluchen. Er riss den Jeep gerade in dem Moment nach rechts, als der entgegenkommende Wagen seinen Schleuderkurs etwas zu verlangsamen schien. Der Jeep glitt über den am Straßenrand aufgetürmten Schnee und schwankte bedrohlich, bevor die Reifen endlich wieder Halt fanden. Sekundenlang hatte er fürchten müssen, dass der Jeep wie eine hilflose Schildkröte auf dem Rücken landen würde. Als der Schreck vorüber war, blieb ihm nichts anderes übrig, als ruhig sitzen zu bleiben und zu hoffen, dass der andere Fahrer ebenso viel Glück haben würde.

Dessen Wagen kam jetzt seitwärts die Straße herab auf den Jeep zu. Gabriel malte sich bereits aus, mit welcher Wucht er auf ihn prallen würde, als der andere Fahrer sein Gefährt buchstäblich in letzter Sekunde wieder unter Kontrolle bekam. Der Wagen drehte sich einmal um seine Achse, bis er nicht mehr mit der Breitseite, sondern mit dem Heck nach vorn über den Schnee glitt. Er verfehlte den Jeep nur um wenige Zentimeter und rutschte auf das Schutzgeländer zu. Gabriel zog die Handbremse an und sprang aus dem Jeep, als der Wagen mit dem stabilen Metall kollidierte.

Fast wäre er aufs Gesicht gefallen, doch die Profilsohlen gruben sich fest in den Schnee, während er über die Straße rannte. Es war ein Kleinwagen, jetzt sogar noch etwas kleiner als vom Hersteller vorgesehen. Die rechte Seite war eingedrückt, die Motorhaube über die gesamte Wagenbreite wie ein Akkordeon zusammengeschoben. Gabriel verzog das Gesicht bei der Vorstellung, was passiert wäre, wenn der Wagen mit der Fahrerseite gegen das Geländer geprallt wäre.

Er kämpfte sich durch den Schnee zu dem demolierten Wagen. Eine Gestalt saß zusammengesunken hinter dem Lenkrad. Er riss an der Tür. Sie war verschlossen. Das Herz schlug ihm bis zum Hals, während er gegen die Scheibe hämmerte.

Die Gestalt bewegte sich. Eine Frau, daran ließ das dichte weizenblonde Haar, das auf den dunklen Mantel fiel, keinerlei Zweifel. Er sah, wie sie eine Hand hob und sich die Skimütze vom Kopf streifte. Dann drehte sie das Gesicht zum Fenster und starrte ihn an.

Sie war weiß, weiß wie Marmor. Selbst ihre Lippen hatten jede Farbe verloren. Ihre Augen waren riesig und dunkel, jede Iris fast schwarz vor Schock. Und sie war schön, geradezu atemberaubend schön. Der Künstler in ihm sah sofort, was für Möglichkeiten ihr Gesicht bot, die makellosen Züge, die hervorstehenden Wangenknochen, die volle Unterlippe. Der Mann in ihm verwarf sie sofort und hämmerte erneut gegen die Scheibe.

Sie blinzelte mit den Augen und schüttelte den Kopf, als ob sie ihn erst wieder klar bekommen müsse. Als der Schock aus ihnen wich, sah er, dass ihre Augen blau waren, mitternachtsblau. Jetzt füllten sie sich mit Besorgnis. Mit rascher Bewegung kurbelte sie die Scheibe hinunter.

»Sind Sie verletzt?«, fragte sie, bevor er etwas sagen konnte. »Habe ich Sie getroffen?«

»Nein, Sie haben das Schutzgeländer getroffen.«

»Dem Himmel sei Dank.« Sie ließ den Kopf kurz gegen die Sitzlehne zurückfallen. Ihr Mund war staubtrocken. Und ihr Herz raste, obwohl sie bereits um Fassung rang. »Oben an der Kuppe bin ich ins Schleudern gekommen. Ich dachte - ich hoffte -, dass ich ihn wieder in den Griff bekomme. Aber dann sah ich Sie und war mir sicher, dass ich mit Ihnen zusammenstoßen würde.«

»Das wären Sie auch, wenn Sie nicht in Richtung auf das Geländer ausgewichen wären.« Er sah nach vorn, zur Motorhaube. Der Schaden hätte größer ausfallen können, viel größer. Wenn sie schneller gefahren wäre . Es hatte keinen Sinn, sich das auszumalen. Er wandte ihr wieder den Blick zu, suchte in ihrem Gesicht nach Anzeichen des Schocks oder einer Gehirnerschütterung. »Sind Sie in Ordnung?«

»Ja, ich glaube schon.« Sie öffnete die Augen und versuchte, ihn anzulächeln. »Es tut mir leid. Ich muss Ihnen ja einen ziemlichen Schrecken eingejagt haben.«

Er nickte nur. Aber jetzt war der Schrecken vorüber. Er war weniger als eine Viertelmeile von Heim und Herd entfernt und steckte mit einer wildfremden Frau und ihrem für mindestens einige Tage fahruntüchtigen Wagen im Schnee. »Was zum Teufel suchen Sie überhaupt hier draußen?«

Seine wütend hervorgestoßenen Worte ließen sie kalt. Ohne Hast löste sie den Sicherheitsgurt. »Vermutlich habe ich in dem Schneesturm die falsche Richtung genommen. Ich wollte nach unten, nach Lonesome Ridge, um dort zu übernachten. Nach der Karte ist das die nächste Stadt, und ich hatte Angst, am Straßenrand zu halten und...

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