Die Geliebte des Malers

 
 
Heyne (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 27. Juni 2013
  • |
  • 136 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-641-12112-9 (ISBN)
 
Cassidy braucht dringend einen neuen Job. Da bekommt sie ein höchst interessantes Angebot: Der irische Künstler Colin Sullivan, berühmt für seine Bilder ebenso wie für seine Affären, ist hingerissen von ihrem bildschönen Gesicht und bittet sie, für ihn Modell zu stehen. Cassidy wähnt sich sicher vor den Avancen eines Herzensbrechers. Doch Tag für Tag gerät die selbstbewusste Frau mehr in den Bann dieses charismatischen Mannes.

  • Deutsch
  • München
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  • Deutschland
Heyne
  • 0,52 MB
978-3-641-12112-9 (9783641121129)
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Nora Roberts wurde 1950 in Maryland geboren. Ihren ersten Roman veröffentlichte sie 1981. Inzwischen zählt sie zu den meistgelesenen Autorinnen der Welt: Ihre Bücher haben eine weltweite Gesamtauflage von über 500 Millionen Exemplaren. Auch in Deutschland erobern ihre Bücher und Hörbücher regelmäßig die Bestsellerlisten. Nora Roberts hat zwei erwachsene Söhne und lebt mit ihrem Ehemann in Maryland.

Unter dem Namen J.D. Robb veröffentlicht Nora Roberts seit Jahren ebenso erfolgreich Kriminalromane.

1. KAPITEL

Cassidy wartete.

Mrs. Sommerson warf ihr achtlos das dritte Kleid in die Arme. »Nein, das ist auch nicht das Richtige«, murmelte sie und begutachtete mit gerunzelter Stirn eine dunkelblaue Kreation aus Leinen. Doch nach einem kurzen Augenblick flog dieses Kleid ebenfalls auf Cassidys Arm. Die sich tapfer ermahnte, die Geduld nicht zu verlieren.

Seit drei Monaten arbeitete Cassidy nun schon als Verkäuferin in »The Best Boutique«, und sie hatte eigentlich das Gefühl, sehr geduldig geworden zu sein. Das war alles andere als einfach gewesen.

Ergeben folgte sie Mrs. Sommersons imposanter Figur zur nächsten Kollektion. Nachdem sie siebenundzwanzig Minuten lang stumm wie ein Kleiderständer herumgestanden war, fand Cassidy allerdings, dass ihre hart erkämpfte neue Tugend hier wirklich auf eine harte Probe gestellt wurde.

»Ich werde noch dieses hier anprobieren«, verkündete Mrs. Sommerson schließlich und marschierte zurück zur Umkleidekabine.

Leicht verärgert steckte Cassidy eine lockere Haarnadel fest. Julia Wilson, die Inhaberin der Boutique, war erbarmungslos pedantisch. Keinem Härchen war es erlaubt, sich aus der Frisur ihrer Angestellten zu lösen und auf die Schultern zu fallen. Adrett, ordentlich und fantasielos. Cassidy rümpfte leicht die Nase und hängte das blaue Leinenkleid zurück.

Wie bedauerlich, dass Cassidy chaotisch, spontan und ganz und gar nicht ordentlich war. Ihr Haar schien ihre Persönlichkeit nur noch zu unterstreichen: Da mischten sich alle Schattierungen, von hellstem Blond bis zu sattem Braun. Das Ganze ergab einen wunderbaren Goldton, wie man ihn von alten Gemälden her kannte. Das schwere lange Haar weigerte sich beharrlich, sich von Haarnadeln einzwängen zu lassen. Ständig rutschten vorwitzige Strähnen heraus. Wie Cassidy selbst war es widerspenstig und störrisch und doch so weich und faszinierend.

Eigentlich war es sogar Cassidys etwas unkonventionelles Aussehen gewesen, das ihr zu dem Job verholfen hatte. Erfahrung gehörte nämlich ganz bestimmt nicht zu ihren Qualifikationen. Aber Julia Wilson hatte sofort die Möglichkeiten erkannt, mit Cassidy für die etwas wagemutigeren Kollektionen Werbung zu machen.

Cassidy war groß und schlank, mit einer Figur, zu der satte Farben und ausgefallene Schnitte bestens passten. Ihr Gesicht war zweifellos auch ein Plus. Julia war sich nicht sicher, ob es schön zu nennen war, aber mit Sicherheit war es ein außergewöhnliches Gesicht, eines, das auffiel. Cassidy hatte geradezu aristokratische Züge. Feine Augenbrauen bogen sich über schräg stehenden Augen, die in dem schmalen Gesicht übergroß wirkten und von einem erstaunlichen Violett waren.

Julia betrachtete Cassidys Gesicht, ihre Figur und ihre wohlklingende Stimme zwar als Qualifikation, aber sie bestand dennoch darauf, dass sie ihr Haar hochsteckte. Wenn Cassidy es offen trug, verlieh es ihren aristokratischen Gesichtszügen eine betrüblich übermütige Qualität.

Julia war begeistert von Cassidys Jugend, von ihrer Intelligenz und ihrer schier unerschöpflichen Energie.

Allerdings musste sie sehr schnell feststellen, dass ihre Angestellte keineswegs so formbar war, wie ihre Jugend hatte vermuten lassen. Julias Ansicht nach hatte Cassidy den unglücklichen Hang, sich zu viel Vertraulichkeit mit den Kunden zu erlauben. Mehr als einmal war Julia schon Zeuge davon geworden, wie Cassidy indiskrete Fragen stellte und ungebetene Ratschläge erteilte. Zudem spielte da von Zeit zu Zeit ein geheimnisvolles Lächeln um ihre Lippen, wenn sie die Kunden bediente, so als würde sie sich über einen vorzüglichen Witz amüsieren. Außerdem verlor sie sich zu oft in Tagträumereien. Kurz: Julia Wilson hegte inzwischen ernsthafte Zweifel, ob Cassidy St. John tatsächlich die passende Besetzung für ihre Boutique war.

Nachdem die von Mrs. Sommerson abgelehnte Auswahl wieder an ihrem ursprünglichen Platz hing, nahm Cassidy ihren Platz neben der Umkleidekabine ein. Sie konnte das leise Rascheln von Stoff hören. Wie immer, wenn sich die Möglichkeit bot, ließ sie ihren Gedanken freien Lauf. Die kehrten unweigerlich zu dem Manuskript zurück, das auf dem Schreibtisch in ihrer Wohnung lag. Und auf sie wartete.

Solange Cassidy denken konnte, träumte sie davon, zu schreiben. Vier Jahre lang hatte sie diese Kunst mit gewissenhaftem Ernst studiert. Als sie mit neunzehn ohne Familie und mit nur sehr wenig Geld dastand, finanzierte sie sich ihr Studium mit allen möglichen Teilzeitjobs, während sie am College die Techniken und die Selbstdisziplin lernte, die für ihren Traumberuf unerlässlich waren. Zwischen ihrer Ausbildung und den Jobs blieb ihr kaum Freizeit, aber Cassidy verzichtete selbst darauf, um ihren ersten Roman zu vollenden.

Für Cassidy war das Schreiben kein Beruf, sondern eine Berufung. Ihr ganzes Leben war darauf eingerichtet. Für andere Unternehmungen war nie viel Zeit geblieben. Menschen faszinierten sie, aber es gab nur wenige, mit denen sie sich wirklich einließ. Dabei schrieb sie über komplexe menschliche Beziehungen und analysierte deren Strukturen, doch ihr Wissen stammte dabei nur aus zweiter Hand.

Was ihrem Werk Tiefe und Qualität verlieh, waren ihre scharfe Beobachtungsgabe und ihre außergewöhnliche Empfindsamkeit. Für den größten Teil ihres Lebens hatte sie im Schreiben ein Ventil für ihre rege Gefühlswelt und Fantasie gefunden.

Jetzt, ein Jahr nach dem Examen, nahm sie weiterhin die seltsamsten Jobs an. Die Miete zahlte sich schließlich nicht von allein. Ihr erstes Manuskript wanderte noch immer von Verlagshaus zu Verlagshaus, während ihr zweites Werk langsam Gestalt annahm.

Als Mrs. Sommerson die Tür zur Umkleidekabine aufzog, überarbeitete Cassidy gerade in Gedanken eine Szene in ihrem Buch. Da sie jedoch brav und mit der Demut einer Kammerzofe neben der Kabine wartete, war Mrs. Sommerson zufrieden. Schweißperlen standen auf ihrer Stirn.

»Das ist doch recht nett. Meinen Sie nicht auch?«

Mrs. Sommersons Wahl war auf ein flammend rotes Seidenkleid gefallen. Die Farbe, so fiel Cassidy auf, verstärkte noch Mrs. Sommersons immer leicht geröteten Teint, bildete aber einen eindrucksvollen Kontrast zu ihrem schwarzen toupierten Haar, das zu einer Hochfrisur aufgetürmt war. Cassidy erkannte durchaus das Potenzial.

»Damit werden Sie alle Blicke auf sich ziehen, Mrs. Sommerson«, antwortete sie nach einem Moment des Überlegens. Mit den richtigen Accessoires könnte Mrs. Sommerson geradezu majestätisch wirken. Allerdings saß die Seide auffallend stramm über der ausladenden Hüftregion. Eine Nummer größer würde das Kleid perfekt passen, entschied Cassidy.

»Ich glaube, das haben wir auch noch in einer Nummer größer da«, dachte sie laut.

»Wie bitte?«

Da Cassidy zu sehr mit ihren Gedanken beschäftigt war, fielen ihr Mrs. Sommersons empört hochgezogene Augenbrauen nicht auf.

»Eine Nummer größer«, wiederholte sie dienstfertig. »Das hier spannt ein wenig um die Hüften. Die nächste Größe sollte dann perfekt sitzen.«

»Das hier ist meine Größe, junge Frau.« Mrs. Sommersons Busen hob und senkte sich heftig. Eine wahrhaft Ehrfurcht erregende Bewegungsabfolge.

Cassidy war ganz mit der Lösung des Accessoire-Problems beschäftigt. »Eine dicke goldene Gliederkette«, sagte sie lächelnd und nickte. »Ja, das passt.« Sie tippte mit dem Finger an ihre Unterlippe. »Warten Sie einen Moment, ich hole Ihnen eben Ihre Größe.«

»Das hier«, es war Mrs. Sommersons Ton, der jetzt Cassidys volle Aufmerksamkeit fesselte, »ist meine Größe.« Aus jeder Silbe schäumte die Empörung.

Und endlich erkannte Cassidy ihren Fehler. Der Magen sackte ihr in die Kniekehlen. Oh, oh! Sie nahm sich zusammen, versuchte ihre Gedanken zu ordnen, doch bevor sie etwas Beschwichtigendes zu Mrs. Sommerson sagen konnte, trat Julia schon dazu.

»Eine wirklich ausgezeichnete Wahl, Mrs. Sommerson«, flötete sie mit ihrer tiefen sanften Stimme. Ein unverbindliches Lächeln auf den Lippen, sah sie von der Kundin zu ihrer Angestellten und wieder zurück. »Gibt es etwa ein Problem?«

»Diese junge Frau«, wieder wogten die Massen, als Mrs. Sommerson erneut einen empörten Atemzug nahm, »behauptet, ich hätte mich in der Kleidergröße geirrt.«

»Aber nein, Ma'am, ich .« Cassidy verstummte sofort, als Julia ihr mit einer bleistiftdünnen hochgezogenen Augenbraue das Gesicht zuwandte.

»Ich bin sicher, Miss St. John wollte Sie nur darauf hinweisen, dass dieses Kleid ganz besonders klein ausfällt. Der Designer ist berüchtigt dafür, dass seine Größen nicht der Norm entsprechen.«

Da hätte sie auch selbst drauf kommen können! gestand Cassidy sich ein.

»Nun«, Mrs. Sommerson schnaubte und bedachte Cassidy mit einem feindseligen Blick, »dann hätte sie das auch sagen sollen, anstatt mir vorzuhalten, ich bräuchte die nächste Größe. Wirklich, Julia«, sie machte Anstalten, in die Kabine zurückzugehen, »Sie sollten darauf achten, dass Ihr Personal weiß, wovon es redet.«

Bei dem Ton blitzten Cassidys Augen auf und verdüsterten sich dann. Die Nähte der roten Seide protestierten ächzend bei jeder von Mrs. Sommersons Bewegungen. Aber ein warnender Seitenblick von Julia ließ sie die Bemerkung, die ihr auf der Zunge lag, hinunterschlucken.

»Ich selbst werde Ihnen das Kleid heraussuchen, Mrs. Sommerson.« Das freundliche Lächeln saß wieder fest an seinem Platz, als Julia sich jetzt an Mrs. Sommerson wandte. »Es wird ganz bezaubernd an Ihnen aussehen, kein...

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