Das erwachte Land - Jägerin des Sturms

Roman
 
 
Bastei Lübbe (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 27. November 2019
  • |
  • 348 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-7325-7839-9 (ISBN)
 
Naturkatastrophen haben weite Teile Amerikas verwüstet. Während Tausende den Tod fanden, erhoben sich alte Legenden zu neuem Leben ...

Die Navajo-Kriegerin Maggie Hoskie jagt die Monster, die über das magisch erwachte Land streifen. Als aus einem Dorf ein Mädchen verschleppt wird, nimmt sie die Verfolgung auf. Und macht eine furchterregende Entdeckung: Die Kreatur, die sie jagt, wurde nicht geboren, sondern erschaffen! Doch wer besitzt solche Macht? Zusammen mit dem Medizinmann Kai macht sie sich auf die Suche nach Antworten und muss sich ihrer schlimmsten Angst stellen: ihrer eigenen dunklen Vergangenheit.
1. Aufl. 2019
  • Deutsch
  • Köln
  • |
  • Deutschland
  • 2,60 MB
978-3-7325-7839-9 (9783732578399)
weitere Ausgaben werden ermittelt
Rebecca Roanhorse hat sowohl indianische als auch afroamerikanische Vorfahren. Sie ist Absolventin der Yale University sowie der University of New Mexico und hat bereits zahlreiche Preise gewonnen, darunter den "Hugo Award", den "Nebula Award" und den "John W. Campbell Award". Sie lebt mit ihrem Mann und ihrer Tochter in Santa Fe, New Mexico, wo sie als Anwältin arbeitet.

Kapitel 1


Das Monster ist hier gewesen. Ich kann es riechen.

Sein Gestank speist sich zum einen aus dem säuerlichen Schweiß der Anstrengung, zum anderen aus dem überreifen, fleischigen Dunst des ungewaschenen Körpers eines Karnivoren und aus noch etwas anderem, das ich nicht recht benennen kann. Er verpestet die Abendluft, überschreitet die Grenzen des Olfaktorischen zu etwas, das tiefer geht, etwas, das elementarer ist. Er bringt mich aus dem Gleichgewicht, so sehr, dass meine Instinkte alarmiert aufheulen. Kalter Schweiß bricht auf meiner Stirn aus. Ich wische ihn mit dem Handrücken weg.

Das Kind, das er geholt hat, kann ich auch riechen. Dieser Geruch ist leichter, reiner. Unschuldig. Für mich riecht das Mädchen lebendig. Zumindest war es das, als es diesen Ort verlassen hat. Inzwischen könnte es schon ganz anders riechen.

Die Tür des Chapter Houses von Lukachukai schwingt auf. Eine Frau, vermutlich die Mutter des Kindes, sitzt mit versteinerter Miene auf einem alten Klappstuhl aus verbeultem Metall vor dem kleinen Versammlungsraum, flankiert von einem Mann mittleren Alters, der einen Silver-Belly-Cowboyhut trägt, und einem Teenager in Kampfanzug. Der Junge, der aussieht, als wäre er ein paar Jahre jünger als ich, hält die Hand der Frau und murmelt ihr etwas ins Ohr.

Beinahe die ganze Gemeinde von Lukachukai hat sich hier eingefunden. Um der Familie beizustehen oder aus Neugier und weil das Trauerspiel sie angelockt hat. Sie scharen sich zu zweit oder dritt zusammen, kauern griesgrämig auf den grauen, ramponierten Stühlen und atmen die muffige Luft, die dank der verriegelten Fenster und dem erstickenden Gefühl, dass sich zu viele Leute in einem zu kleinen Raum aufhalten, noch unangenehmer wirkt. Sie alle sind Einheimische, Navajos - oder Diné, wie wir uns selbst nennen -, deren Vorfahren schon seit Generationen an den Ausläufern der Chuska Mountains gelebt hatten, als der weiße Mann erstmals seinen Fuß auf den Kontinent gesetzt hat. Noch immer können sie Geschichten von Verwandten, die auf dem Langen Marsch oder in den Internaten gebrochen oder ermordet worden waren, so erzählen, als wäre es erst letztes Jahr passiert. Dabei haben sie selbst das Reservat aller Wahrscheinlichkeit nach nie verlassen, nicht einmal in der Zeit, als es noch kaum mehr als eine vergessene, verschlafene Provinz der Vereinigten Staaten gewesen ist, nicht das aufstrebende Dinétah von heute. Diese Diné kennen die alten Geschichten, gesungen von den hataalii, Geschichten von uralten Monstern und von Heroen, die sie bezwungen hatten, lange bevor sich die Monster aus der Legende wieder erhoben, um Dorfkinder aus ihren Betten zu stehlen. Und jetzt erwarten sie von mir, ihre Heldin zu sein.

Aber ich bin keine Heldin. Eher so etwas wie eine Ultima Ratio im Sinne einer Politik der verbrannten Erde. Ich bin die Person, die man anheuert, wenn die wahren Helden bereits in Leichensäcken zurückgekehrt sind.

Meine Mokassins verursachen kein Geräusch, als ich über die gesprungenen Bodenfliesen schreite und vor der Mutter stehen bleibe. Geflüsterte Gespräche verstummen auf meinem Weg, Köpfe drehen sich zu mir, Augen heften sich auf mich, starren mich an. Wie es scheint, eilt mir mein Ruf voraus, und nicht alle Blicke wirken freundlich. Ein paar Jungs, die wohl Freunde des Teenagers sein müssen, drücken sich an der Wand auf der anderen Seite herum. Sie kichern vernehmlich, und ihre Blicke folgen mir, doch niemand bringt sie zum Schweigen. Ich ignoriere sie und rede mir ein, dass mich das nicht kümmert. Dass ich hier bin, um einen Job zu erledigen und bezahlt zu werden, und dass es nicht wichtig ist, was man in Lukachukai sonst von mir hält. Aber ich war schon immer eine lausige Lügnerin.

Die Mutter richtet nur eine Frage an mich.

»Kannst du sie retten?«

Kann ich? Das ist die eigentliche Frage, nicht wahr? Was nützen meine Gaben, meine Clankräfte, wenn ich sie nicht retten kann?

»Ich kann sie finden«, sage ich. Und das kann ich, ganz ohne Zweifel. Aber retten und finden sind zwei verschiedene Dinge. Die Mutter scheint das auch zu wissen, denn sie schließt die Augen und wendet sich ab.

Mit einem Räuspern stemmt sich der Mann mit dem Cowboyhut von seinem Stuhl hoch. Er trägt eine alte, ausgeblichene Levi's, die ihm vor zehn Jahren vermutlich gut gepasst hat, inzwischen aber anscheinend geschrumpft ist, sodass sein hervorquellender Bauch über der Gürtelschnalle hängt. Ein ähnlich schlecht sitzendes Cowboyhemd bedeckt die alternde Wampe, und der Blick, mit dem er mich aus blutunterlaufenen Augen bedenkt, sagt mir, dass er bereits in Trauer ist. Dass er wohl auch nicht so recht an eine Rettung glauben kann.

Er stellt erst die Mutter, dann den Jungen und schließlich sich selbst vor. Vorname, Nachname, Clan, ganz, wie es sich gehört. Er ist der Onkel des vermissten Mädchens, der Junge ist der Bruder. Sie alle sind Begays, ein Nachname, der hier so verbreitet ist wie Smith bei den bilagáanas. Aber seine Clans, die uralten Sippen, die ihn zu einem Diné machen und über unser aller verwandtschaftliche Pflichten bestimmen, sind mir nicht vertraut.

Er schweigt, wartet darauf, dass ich ihm Namen und Clans nenne, damit er und die anderen mich in ihrer kleinen Welt einordnen, unsere Verwandtschaftsbeziehung definieren und erkennen können, welche k'é sie mir schulden könnten. Und welche k'é ich ihnen schulde. Aber ich verweigere ihm den Gefallen. Für Traditionen hatte ich noch nie viel übrig, und es ist für alle besser, wenn wir einfach Fremde bleiben.

Schließlich nickt der alte Begay, versteht, dass ich nicht geneigt bin, mich der Etikette zu unterwerfen, und deutet auf den Stoffbeutel zu seinen Füßen. »Das ist alles, was wir im Austausch anbieten können«, sagt er. Während er spricht, zittern seine Hände, was mich auf den Gedanken bringt, dass er ein ebenso schlechter Lügner ist wie ich, zugleich reckt er trotzig das Kinn nach vorne, die Augen unter der Hutkrempe weit aufgerissen.

Ich trete vor und bücke mich, um in den Beutel zu schauen. Rasch überschlage ich die Bezahlung im Kopf. Der Silberschmuck ist nett - Perlen, alte, ziselierte Armreife, ein paar kleine Squash Blossoms, auch wenn der Türkis eher Schrott ist. Ihm fehlen die feinen Äderchen, die den Stein erst richtig wertvoll machen. Das Silber kann ich auf dem Markt von Tse Bonito gegen Waren tauschen, aber die Türkise sind nutzlos, nichts weiter als hübsche, blaue Steine.

»Der Türkis ist Mist«, sage ich zu ihm.

Lautes Grunzen, und der Bruder schiebt seinen Stuhl zurück. Die Metallfüße kreischen protestierend auf den Fliesen. Er zeigt mir seine Entrüstung, indem er demonstrativ die Arme vor der Brust verschränkt.

Ich achte nicht weiter auf ihn und sehe wieder seinen Onkel an. »Vielleicht solltet ihr euch jemand anderes suchen; Law Dogs oder Thirsty Boys.«

Er schüttelt den Kopf. Seine gespielte Tapferkeit bricht ihm unter der Last seiner beschränkten Möglichkeiten weg. »Wir haben es versucht. Es ist niemand gekommen. Wir hätten keinen Läufer geschickt, wären wir nicht .«

Verzweifelt. Er muss das Wort nicht aussprechen. Ich verstehe ihn auch so.

Der Läufer war ein Gör auf einem Motorrad. Kurz und gedrungen, weshalb Läufer nicht unbedingt die passende Bezeichnung war, aber er trug ein paar uralte Nikes. Klebeband verstärkte die Fußspitzen in mehreren Lagen und sicherte die Naht an der Ferse, also wer weiß? Er saß in meinem Garten und der Motor des Bikes tuckerte laut im Leerlauf, was meine Hunde mit Gebell quittierten. Ich kam zur Tür, um ihm zu sagen, er solle verdammt noch mal verschwinden. Ich hätte die Monsterjagd an den Nagel gehängt. Aber er sagte mir, Lukachukai brauche Hilfe und niemand sonst wolle kommen und es gäbe da ein kleines Mädchen und außerdem würden sie bezahlen. Ich erklärte ihm, das sei nicht mein Problem, aber der Junge blieb hartnäckig, und die Wahrheit war, dass ich insgeheim sowieso längst angebissen hatte. Alles, was ich in den letzten neun Monaten getan hatte, war, die Wände meines Trailers anzustarren, was also sollte mich abhalten? Ich hatte nichts Besseres zu tun, und außerdem ging mir allmählich das Geld aus, und ein kleiner Verdienst konnte mir nicht schaden. Ich beschloss, nach Lukachukai zu gehen. Aber jetzt fange ich langsam an, das zu bedauern. In den Monaten der selbst auferlegten Isolation hatte ich vergessen, wie sehr ich Menschenansammlungen hasste, und wie sehr Menschenansammlungen mich hassten.

Der Onkel breitet die Hände aus, und seine Augen betteln, wo Worte nur versagen können. »Ich dachte, wenn du es erst gesehen hast .«

Und ich sehe es. Aber ich nehme an, dass die Begays nicht ganz ehrlich sind. Vielleicht wollen sie nicht zahlen, weil ich eine Frau bin.

Vielleicht auch nur, weil ich nicht Er bin.

»Das ist Scheiße«, verkündet der Bruder lauthals, eine Kampfansage, in deren Folge ein nervöses Kichern durch die Menge läuft. »Was kann die, was wir nicht können?« Mit einer ausholenden Geste deutet er auf seine an der Wand stehenden Freunde. »Clankräfte? Sie will uns ihre Clans ja nicht einmal verraten. Und dafür, dass sie Neizghánis Schülerin war, haben wir nur ihr Wort.«

Bei der Erwähnung von Neizghánis Namen schlägt mein Herz schneller, und ich kann kaum an dem Kloß in meinem Hals vorbeiatmen. Aber ich zwinge mich, den vertrauten Schmerz hinunterzuschlucken, den Kummer der Verlassenheit. Die erbärmlichen Zuckungen der Sehnsucht. Ich bin nun schon eine ganze Weile nicht mehr Neizghánis Irgendwas.

»Nicht nur ihr Wort«, widerspricht der Onkel. »Alle sagen...

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