Der Hund des Propheten

Roman
 
 
btb (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 14. Mai 2013
  • |
  • 448 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-641-10758-1 (ISBN)
 
Eigentlich will Ex-Kommissar Berndorf seinen wohlverdienten Ruhestand genießen. Doch dann kommt alles ganz anders: Ein Journalist stellt zu viele Fragen nach Nazigold in jenen Bombenkratern, die zu stillen Waldteichen voll gelaufen sind. Und nach Mobbing in pazifistischen Kirchenkreisen. Als ein junger Sinti beschuldigt wird, den Lokalreporter und heimlichen Sexfotografen Hollerbach umgebracht zu haben, gerät Berndorf in ein explosives Geschiebe aus Waffenhändlern, alten Stasi-Seilschaften und behördlich abgesegneter US-Spionage.


  • Deutsch
  • München
  • |
  • Deutschland
btb
  • 1,39 MB
978-3-641-10758-1 (9783641107581)
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Ulrich Ritzel, geboren 1940, aufgewachsen auf der Schwäbischen Alb, arbeitete mehr als drei Jahrzehnte als Journalist und wurde 1980 mit dem Wächterpreis der deutschen Tagespresse ausgezeichnet. Mit dem Roman "Der Schatten des Schwans" debütierte er 1999 als freier Autor. Aus der Reihe seiner Romane um den Kommissar Berndorf erhielten "Schwemmholz" und "Beifang" den Deutschen Krimi-Preis, "Der Hund des Propheten" den Preis der Burgdorfer Krimi-Tage. Ulrich Ritzel lebt mit seiner Ehefrau Susanne und seinen beiden Hunden seit 2008 in der Schweiz.

Dienstag, 6. November 2001


Der Bus hält am Dorfeingang, auf dem Platz vor der Alten Molke, Berndorf steigt aus und schlägt den Kragen seines Trenchcoats hoch. Dabei wirft er einen Blick zum Himmel, über den in rascher Folge regengraue Wolken aus Nordwest ziehen. Im Geäst der schon halb entlaubten Apfelbäume auf der anderen Straßenseite hat sich ein Schwarm Saatkrähen niedergelassen, unversehens fliegt einer der Vögel auf, kreischend und ratschend folgen die anderen und kreisen in der undurchschaubaren Ordnung ihrer Flugbahnen.

Berndorf zupft den Trauerflor zurecht, den er am Revers trägt, und geht ins Dorf hinein, so eilig, wie es mit einem Trauerflor am Revers gerade noch schicklich ist. Das Dorf scheint verlassen, giftfarben schliert Öl durch eine Pfütze, vor einem der Höfe ist ein magerer, großer gelber Hund an einer Laufleine angebunden und starrt die Straße hinauf. Für einen Augenblick bleibt Berndorf stehen und versucht, den Hund anzusprechen, aber der wendet ihm nur einen kurzen Blick zu und versucht ein Wedeln mit dem Stummelschwanz und äugt schon wieder die Dorfstraße hinauf.

Berndorf geht weiter und biegt an einem kleinen, mit Kastanien bestandenen Platz zur Kirche ab. Das Dorf gehört zu den wenigen, die noch keinen neuen Friedhof angelegt haben. In den Reihen der Gräber rund um die Kirche ist eines frisch ausgehoben. Der Trauergottesdienst hat bereits begonnen, er steigt die Wendeltreppe hinauf, die zur Glockenstube und zur Empore führt, auch die Empore ist dicht besetzt, und so geht er vor bis zur Brüstung und legt seine Hände auf den Querbalken. Der Balken ist braun gebeizt und grob behauen, Risse durchziehen ihn der Länge nach. Er will durchatmen, und lässt es sogleich bleiben. Die Luft ist dunstig von alten, feuchten dunklen Kleidern und Mänteln, in Schwaden steigt der Geruch der Mottenkugeln auf.

 

Er beugt sich leicht über die Brüstung. Köpfe, dicht gereiht und grau. Manche altersweißgelb, das Haar strähnig über dem durchscheinenden Schädel. Vorne der Sarg, poliertes Holz schimmert im Kerzenlicht, wieso poliert? Jonas wäre es nicht recht gewesen. Zwei Frauen, die eine noch jung. Kräftige Rücken, kerzengerade. Tochter und Enkelin? Berndorf erinnert sich dunkel an ein Foto auf dem Schreibtisch der Ortsverwaltung. Hinter dem Altar der Öldruck mit den drei Kreuzen unterm Himmel von Flandern 1917.

Eine Novemberböe wirft sich gegen die Kirchenfenster und lässt die Holzrahmen aufseufzen.

Da ließ der HErr einen großen Wind aufs Meer kommen und hub sich ein groß Ungewitter auf dem Meer, dass man meinete, das Schiff würde zerbrechen.

Den Propheten und Ortsvorsteher Jonas Seiffert, Kriminalinspektor in Ruhe, hat nicht das Meer verschlungen und nicht der Walfisch. Der steinige Boden der Alb wird ihn unter sich begraben und nicht mehr herausgeben, bis die Liegezeit gemäß kommunaler Friedhofsatzung abgelaufen ist. Falls nicht vorher, man kann nie wissen, der Jüngste Tag eintritt. Und dann? Auferstehung? Keine sehr appetitliche Vorstellung, denkt Berndorf. Hat der Prophet das geglaubt? Was glauben die Frommen wirklich? Manchmal hatten sie Gespräche geführt, in den Stunden, bevor die Bosheit der großen Landeshauptstadt Ninive heraufkam vom Nesenbach und anläutete im Dezernat I, Kapitalverbrechen.

Na, so groß auch wieder nicht.

Aber die Gespräche hatten, bei Gott, nicht vom HErrn oder sonst den letzten Dingen gehandelt. Dienst ist Dienst. Der Prophet nahm es auch damit genau.

Und wenn Jonas keine Schicht hatte und auf dem Wochenmarkt gepredigt hat gegen den Eigennutz und die Selbstgerechtigkeit und weiß der Himmel was sonst noch, hat sich Berndorf das nie angehört. Er wäre sich wie ein Voyeur vorgekommen.

Was glauben die Leute überhaupt? Er sieht sich um. Neben ihm: Bauernschädel, breitflächig, apoplektisch. Einzelne erwidern den Blick, kurzes Nicken. Angedeutet. Würdig. Fast, aber nur fast, gehört er schon dazu. Ein Blick drängt sich zu ihm her. Noch ein Trenchcoat, angeschmuddelt. Verbeugung über die Bankreihen hinweg. Fettiges Haar ringelt sich, nach hinten gekämmt, überm speckigen Nacken. »Tagblatt« oder Generalanzeiger? »Tagblatt«. Im Namen irgendetwas mit Holder. Der Rasende Reporter des Lautertals. Immer dabei, wenn das Blaulicht lockt oder der Posaunenchor spielt. Holderbaum? Höllerer? Ich muss mir diesen Namen nicht merken. Warum ärgere ich mich, dass ich ihn nicht weiß?

»Ein im Glauben gelebtes und erlittenes Leben.« Der Pfarrer nuschelt.

»Ein Christ, der zu seinem HErrn betete und, wenn es sein musste, auch mit ihm gerungen hat und gerechtet.« Mag sein, denkt Berndorf. Dass er mit ihm gerechtet hat, glaub ich aufs Wort. Trotzdem ist es mir zu wohlfeil.

»Ein treuer Wächter.« Wer? Jonas? Oder sein Hund? Und wer überhaupt hat den Felix in dieser Hofeinfahrt angebunden? Wer immer es war: dort kann der Hund nicht bleiben.

Einmal hat Jonas von seinem Enkelkind erzählt, und dass er es besuchen will, irgendwo in Neusüdwales. Das hört sich nicht gut an. Wer nimmt schon einen verwaisten, alten, sabbernden Boxer nach Neusüdwales mit? Außerdem würde er dort erst in Quarantäne müssen.

Wer jault da? Nein, es ist die Orgel.

 

»Was suchst du, Mensch, bis in den Tod? Du suchst so viel, und Eins ist not!« Wenn der Pastor nicht nuschelt, sondern singt, hat er einen schönen Bariton, der schwebt der Gemeinde voran.

»Wohlauf, wohlan zum letzten Gang.« Es hilft nichts. Berndorf weiß jetzt, dass er mit den Frauen reden muss. Unweigerlich werden sie ihn dann zum Essen einladen.

 

Und was, bitte, willst du mit des Propheten altem Hund?

 

Die Männer von der Freiwilligen Feuerwehr Wieshülen wuchten den Sarg hoch. Rechts vorne Marzens Erwin, Kommandant. Rot das Gesicht, vor Würde oder Rührung oder beidem. Das Gewicht kann es nicht sein. Zeitlebens war Jonas Seiffert ein hoch gewachsener kräftiger Mann gewesen. Aber der Krebs oder die Therapie oder beides zusammen hatten zuletzt nicht mehr viel an ihm gelassen.

Der Sarg wird durchs Kirchenschiff getragen, und Berndorf wirft einen Blick auf das, was er für die australischen Seiffert-Frauen hält. Aber sie halten die Köpfe gesenkt.

Eine Bankreihe weiter wartet das »Tagblatt« darauf, dass Berndorf zu ihm aufschließt. Berndorf lässt einen schwergewichtig schnaufenden Lodenmantelträger vorbei, der nach dem Vorstand des Hegerings aussieht.

Keine Lust auf ein Geplauder. Was soll ich dir erzählen, dass es ein Zeitungsmensch wie du begreift und nicht durcheinanderbringt? Von einem Landgendarmen, der doch ein Prophet war und den der HErr in die große Stadt gesandt hat? Nein, es war nicht der HErr, dessen Namen wir nicht kennen. Es waren die Herren im Polizeipräsidium oder noch weiter oben, die ihn haben versetzen lassen, und ihre Namen will keiner mehr wissen.

Langsam, Stufe für Stufe, steigen die Männer die Wendeltreppe von der Empore herab. Der Vorstand vom Hegering ist womöglich doch keiner. Einen Kick zu lodenmantelmäßig. Drei Stufen weiter dieser Hollergoller.

Draußen fährt nassforscher Novemberwind in die Gesichter und vertreibt fürs Erste den Kirchendunst, diesen Geruch von Kerzenlicht und alten Leuten. Berndorf kommt an einem Familiengrab vorbei und nickt, wieder wartet vor ihm der Mensch, von dem Berndorf nun plötzlich weiß, daß er Hollerbach heißt, und diesmal gibt es kein Entrinnen.

Kurzer Händedruck.

»Sie waret doch au Kolleg zu ihm?«

Halblaut, aber mit voller Wucht schlägt ihm Mundgeruch ins Gesicht.

Kurzes Murmeln, das als Zustimmung gedeutet werden kann.

»In Stuttgart?«

Zu viel Magensäure. Kein Wunder. Immer im Stress. Die ewig unlösbaren Rätsel des deutschen Satzbaus und der Orthographie. Was sich die Leute aufregen, wenn ihr Name mal ein bisschen falsch in der Zeitung steht.

Eine von der Osteoporose nach vorne gekrümmte Frau blickt scharf zu Berndorf hoch und gleich wieder weg, noch ehe er grüßen kann.

Mit uns beiden wird es nichts mehr in diesem Leben.

»Ja, in Stuttgart.«

Warum geht es nicht weiter? Auch noch Reden am Grab?

»Ich hätt' gern mal mit Ihnen über die Zeit damals.«

»Für den Nachruf?« Das fehlte noch.

»Nein, net direkt.«

Bis knapp unters Kreischen erhebt sich eine Stimme.

Der lodengrüne Rücken schiebt sich zurück und drängt den Reporter Hollerbach gegen Berndorf. Vorne, wo das offene Grab sein sollte, kommt Bewegung auf. Halblaute Anweisungen, mehr gezischt als gerufen, flehentlich fast und offenbar ungehört.

Ein Verdacht überkommt Berndorf. Er schiebt sich an dem Lodengrünen vorbei und steigt über ein Grab und noch ein zweites und umgeht auf dem äußeren Friedhofsweg den Zug der Trauermäntel, der irgendwie in Unordnung geraten ist, und kommt so schließlich zu dem Hügel aus Lehmbrocken und Albgestein, der neben einer offenen Grube aufgeworfen ist. Schräg davor, als habe man ihn hastig abgestellt, steht der Sarg auf dem Weg. Dahinter hat der Pfarrer Zuflucht gesucht und hinter ihm die beiden australischen Frauen und wiederum hinter ihnen ein jüngerer bebrillter Mann mit einem Gesichtsausdruck, als hätte er leider auch grad keinen passenden Paragraphen zur Hand.

Der neue Ortsvorsteher? Vor dem Sarg lauert Marzens Erwin, die Gesichtsfarbe ins Hochrot-Violette verfärbt, gebückt versucht er sich dem zu nähern, was vor dem ausgehobenen Grab steht.

Vor dem Grab steht der Hund. Groß und knochig und mit durchgebissener Leine hat Felix, der Boxer des Propheten, vor der Grube Aufstellung genommen und leidet es nicht, dass man seinen Herrn da hineintut. Auf seinem Rücken ist ein dichter...

"Ein brillanter Kriminalroman."

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