Die sanfte Entführung des Potsdamer Strumpfträgers

Roman
 
 
Heyne (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 11. November 2013
  • |
  • 288 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-641-11391-9 (ISBN)
 
Lachen ist gesund - dieser Roman hilft Ihnen dabei

Paul lebt zusammen mit seinem Mitbewohner Herr Müller auf einem abgelegenen Bauernhof. Die Tage verbringt er damit, im Supermarkt zu arbeiten und entspannt mit seiner treuesten Kundin Frau Rottenbauer zu plaudern, die jeden Tag vier Stunden vor dem Zeitschriftenregal sitzt. Mit Herrn Müller verbringt er weit weniger Zeit, sie treffen sich nur zweimal die Woche vor dem Fernseher, um zusammen »Wer wird Millionär?« anzusehen. Sie sind Fans der ersten Stunde und verehren Günther Jauch gottgleich.

Das immer erhoffte Glück tritt ein, als Paul einen Anruf erhält und erfährt, dass er als Kandidat für die Sendung ausgewählt wurde. Er nimmt all seinen Resturlaub, bereitet sich umfassend vor und sucht sich fachkundig seine Telefonjoker zusammen. Er überwindet sich sogar, dafür seine missliebige Mutter anzurufen. Doch als alle Hürden ausgeräumt sind, erlebt er bei der Aufzeichnung alles andere als einen Glückstag. Alles scheint verloren, das triste Leben ist zurück und es bleibt eigentlich nichts mehr, außer depressiv zu werden. Eigentlich .



  • Deutsch
  • München
  • |
  • Deutschland
Heyne
  • 0,65 MB
978-3-641-11391-9 (9783641113919)
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Mittwoch, 13 Uhr

Ich wurde sitzen gelassen. Der Ausdruck hat eine ganz neue Bedeutung für mich gewonnen. Ich bin noch nicht drüber weg. Nein, noch lange nicht.

Der Abend in Köln war eine Katastrophe, auch nach der Sendung. Die anderen Kandidaten, Otto ausgenommen (er ist zusammen mit seiner blaubekleideten Gattin recht schnell wieder verschwunden), haben sich gegenseitig zu ihrer Dummheit beglückwünscht. »Immerhin haben wir alle was mitgenommen«, haben sie gesagt, »das kommt bestimmt in einen Jahresrückblick«, und mit billigem Secco angestoßen. Toll. Diese Flachpfeifen! Ich hätte alle Fragen gewusst, alle Stuhlfragen.

Ich bin dann so schnell wie möglich abgehauen. Katja kennt eine Kölschkneipe auf der Zülpicher Straße, in die wir uns verzogen und was getrunken haben. Nicht lange, jeder fünf Kölsch, das geht ja schnell, anschließend wollte ich nur noch nach Hause. Die Nacht im Hotel war scheiße, das Frühstück war scheiße, zu allem Übel saßen Oliver und Sabine zeitgleich im Frühstücksraum, wir haben nicht geredet, also die beiden miteinander schon, aber nicht mit mir, und die Zugfahrt nach Hause war auch scheiße. Natürlich habe ich direkt in dem Moment, als bei der Aufzeichnung die Schlusssirene kam, realisiert, was passiert war und dass ich die größte Chance meines Lebens vertan habe. Realisieren geht schnell. Sportler scheinen das nicht zu können. Die werden immer von Reportern gefragt, ob sie ihren Erfolg schon realisiert haben, während sie ihre drei Goldmedaillen um den Hals hängen haben, und sagen dann nein, es wäre ja unmöglich, das jetzt schon zu realisieren, das würde wohl noch ein paar Tage oder Wochen dauern. Was für ein riesiger Quatsch! Aber immerhin haben die Erfolg, im Gegensatz zu mir. Ich bin ein schnell realisierender Loser und stehe erst um ein Uhr mittags auf, weil ich mir keinen Wecker gestellt habe, es gab keinen Grund. Heute hab ich noch frei, dann muss ich wieder in den Laden. Bringt ja nix, muss ja weitergehen alles. Ich habe auch schon Kandidaten gesehen, die ein zweites Mal in der Auswahlrunde im Studio saßen, ich darf mich also wieder bewerben. Solange man nicht auf dem Stuhl war, darf man das, aber ich bin jetzt ziemlich durch mit dem Thema.

Herr Müller scheint auch frei zu haben. Ich habe überhaupt keine Ahnung, ob er zurzeit eine Arbeit hat und wenn ja, was für eine. Wahrscheinlich hat er grade nichts, deswegen sitzt er auch um diese Zeit in der Küche und dreht Däumchen. Als ich reinkomme, springt er auf und zieht meinen Stuhl für mich raus.

»Setz dich, Paul. Wie geht es dir?«, sagt er. »Kann ich dir was Gutes tun, willst du einen Kaffee?«

»Ja, bitte«, sage ich leise und lasse mich auf den Stuhl plumpsen.

»Noch was anderes? Ein Omelett vielleicht? Ich kann dir auch einen Tomate-Mozzarella-Salat machen, den magst du doch gerne. Oder ein kleines Steak? Würstchen? Englisches Frühstück?«

»Herr Müller, ich bin nicht todkrank. Ich hab’s nur nicht auf den Stuhl geschafft«, sage ich.

Aber generell gefällt mit seine plötzliche Fürsorglichkeit.

»Ich nehme nur Rühreier und Pfannkuchen.«

»Kommt sofort«, sagt er. »Soll ich den Radiosender wechseln, oder magst du die Musik?«

»Das kann ich auch selber tun, wenn mir ein Lied nicht gefällt«, sage ich.

Es läuft Money, Money, Money. Ich höre nicht hin und schlage die auf dem Tisch liegende Zeitung auf.

»Ich habe dir die interessanten Artikel mit Leuchtstift markiert«, sagt Herr Müller vom Herd. »Du sollst es heute richtig gut haben. Dich nicht anstrengen. Lass dich von mir verwöhnen!«

»Das mit dem Verwöhnen klingt zwar etwas eklig, aber danke.«

In den Todesanzeigen steht, dass Frau Wasserzell gestorben ist. Die gute, alte Frau Wasserzell. Vor allem alt war sie, fast hundert, und sie hat immer Überraschungseier, Magerquark und die Frau im Glück gekauft. Na immerhin, anderen Leuten geht es auch schlecht. Großfamilie Wasserzell trauert, genauso wie ich, über einen großen Verlust. Frau Rottenbauer erhält hiermit die Auszeichnung als meine nun älteste Kundin.

Herr Müller stellt einen Teller mit Pfannkuchen vor mir ab. Dazu drei verschiedene Marmeladen und Nutella zum Draufstreichen. Er macht mir den Tagesbeginn wirklich schön. Ich beginne, das zu würdigen und zwinge mir ein Lächeln ins Gesicht, damit ich mich besser fühle. Man sagt ja, dass das funktionieren würde, zumindest mit einem Spiegel vorm Gesicht.

»Was würdest du heute gerne machen, Paul?«, fragt Herr Müller.

Ich schaue aus dem Fenster. Die Sonne ist da. Hallo, Sonne.

»Irgendwas mit Rausgehen und ohne Bewegung. Gerne mit Alkohol«, sage ich.

»Wir sollten Günther Jauch entführen«, sagt er.

Ich sehe ihn eine Weile lang schweigend an, er hält meinem Blick stand.

»Wir sollten was?«

»Also«, sagt er und setzt sich mir gegenüber, »es lässt sich ja nun mal nicht mehr ändern, dass wir nicht gewonnen haben.«

Dass er mein Scheitern als Gemeinschaftsunternehmung auffasst, gefällt mir in diesem Moment. Dass irgendetwas Konstruktives in den nächsten Momenten folgen wird, glaube ich aber nicht.

»Nun ja, wir bewerben uns da beide seit Jahren«, fährt er fort, »die Chancen, dass ich ausgewählt werde oder sogar du ein zweites Mal, stehen nicht so … rosig. Und deshalb hab ich mir heute Nacht so meine Gedanken gemacht, wie wir stattdessen an die Million kommen könnten.«

»Indem wir Günther Jauch entführen, klar, liegt ja auf der Hand.«

Herr Müller ist ein Idiot.

»Jetzt sei mal nicht gleich so anti. Ich habe mir das gründlich überlegt. Katja findet die Idee auch gut.«

»Katja findet auch Synchronschwimmen gut.«

»Du bist unfair. Gib der Idee doch wenigstens eine Chance.«

»Ja, gut, ich denke drüber nach. Nach dem Essen.«

Natürlich werde ich nicht darüber nachdenken. Herrn Müllers Idee liegt auf dem Gedankenniveau eines Grundschülers. Er kann das nicht ernst meinen und wird es bald wieder vergessen.

Das versuche ich auch, das Vergessen. Morgen geht es wieder in den Laden, business as usual. Da werde ich sicher wieder auf andere Gedanken kommen. Ich freue mich schon drauf, Frau Rottenbauer in ihrem Stühlchen wiederzusehen, und ich bin gespannt, wie Etienne sich eingearbeitet hat und ob er vielleicht wirklich für eine Verjüngung unserer Zielgruppe gesorgt hat. Das alles erscheint mir aufregend genug. Eine Prominentenentführung braucht es im Moment nicht unbedingt. Wirklich, was für eine bescheuerte Idee!

Nach dem späten Frühstück rufe ich im Laden an und sage Annette, dass sie morgen wieder mit mir rechnen kann.

»Du kannst morgen wieder mit mir rechnen, Annette.«

»Das ist aber schön, Paul. Und die vollkommen richtige Einstellung. Du wirst sehen, in ein paar Tagen denkt niemand mehr an die Sache, und du kannst drüber lachen.«

»Na ja.«

»Pass auf: Etienne macht morgen den Laden auf. Es reicht vollkommen, wenn du erst um neun Uhr kommst. Dann kannst du direkt an die Kasse und hast was zu tun. Ja?«

»Klingt super, dann bis morgen um neun!«

Natürlich hat Annette die Sendung gesehen. Sie lief direkt am Montagabend, eine Stunde nach Aufzeichnungsende. Alle wissen sie Bescheid, jeder saß vor dem Fernseher. Nur ich nicht, ich saß bei der Ausstrahlung mit Katja in der Kneipe. Ich will sie auch nicht sehen. Ich finde, ich habe wirklich einen guten Grund, dass dies die einzige Wer wird Millionär-Folge überhaupt sein wird, die ich mir niemals ansehen werde.

»Was ist denn jetzt mit meiner Idee?«, fragt Herr Müller, als ich mir in der Küche ein Glas Milch einschenke.

»Ich geh mal nach den Kühen schauen«, antworte ich.

Donnerstag, 8.55

Annette hatte einen Plan. Bei ihrem Vorschlag, einfach eine Stunde später zu kommen, habe ich mir wirklich nichts gedacht. Sie muss das direkt in dem Moment ausgeheckt haben, als ich ihr gesagt habe, ich käme wieder zum Arbeiten. Dieses durchtriebene Miststück!

Der Laden liegt direkt an der ersten (und einzigen) Kurve der Hauptstraße. Die Hauptstraße knickt nach links ab, und rechts beginnt die Fußgängerzone, hin zum Allgemeinplatz. Die Fußgängerzone ist geschätzte vierzig Meter lang, aber immerhin, nicht jedes Dorf dieser Größe hat überhaupt eine. Jedenfalls heißt das, dass man den Laden schon von Weitem sieht, wenn man auf der Hauptstraße auf ihn zufährt. Und was ich heute sehe, erscheint mir nicht ganz normal:

Da stehen etwa zwanzig Leute vor den Schaufenstern, die Banner und Schilder in den Händen halten. Als irgendeiner von ihnen mein Auto erkennt, scheint er eine Art Signal zu geben, und alle recken ihre Schriftzüge in die Höhe und hüpfen, sofern sie altersmäßig noch dazu in der Lage sind. Was soll das? So aus der Ferne kann ich lediglich ein paarmal meinen Namen auf den Schildern erkennen. Ich widerstehe dem spontanen Drang, einfach Gas zu geben, und nähere mich stattdessen vorsichtig mit etwa zehn Stundenkilometern. Als ich am Straßenrand direkt vor dem Laden und den Leuten zum Stehen komme, geschieht zweierlei: Roberto Blanco beginnt zu singen – ich hoffe, nur von einem Band –, und eine La-Ola-Welle wird gestartet.

EIN BISSCHEN SPASS MUSS SEIN, DANN IST DIE WELT VOLL SONNENSCHEIN.

Ich steige aus, und Annette quetscht sich aus Reihe zwei mit einer Flasche Champagner nach vorne, dem besten aus unserem Sortiment. Ich glaube, die haben irgendwas falsch...

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