Frauenmahd

Kriminalroman
 
 
Piper (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 19. Januar 2015
  • |
  • 320 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-492-96767-9 (ISBN)
 
»Der Förster schmeißt einen Mann in den Kuhflucht-Wasserfall. Die Story musst du machen!« Als Lokalreporter Karl-Heinz »Gonzo« Hartinger den Anruf von der Zeitung bekommt, ist er gerade in Berlin gelandet, um ein wildes Wochenende zu verbringen. Daraus wird nichts. Kurz darauf stürzt die grüne Landtagsabgeordnete auf einer steilen Bergwiese, der Frauenmahd, zu Tode. Zufall, dass beide Tote in der Nähe des geplanten Pumpspeicherkraftwerks gefunden werden? Oder ist eine uralte Familienfehde Hintergrund der Morde?
weitere Ausgaben werden ermittelt

3


Es war ein Traumstart. Exakt um 8 Uhr 55 hob der Airbus A319 des Lufthansa-Fluges LH 145 vom Münchner Flughafen ab. Die ersten paar Kilometer über dem Erdinger Moos ging es parallel zur Nordalpenkette. Hartinger konnte durch das Fenster keinen der vom Föhn frei geblasenen Gipfel erkennen, dazu war das Gebirge zu weit entfernt, mit Ausnahme des Zugspitzmassivs, das er am jähen Abbruch des Wettersteingebirges am Horizont ausmachen konnte. Seine Heimat, das Werdenfelser Land, lag am Fuß dieser Gebirgskette.

Der Businessbomber drehte nach Osten ab und ließ die Berge hinter sich. Bald hatte der Flieger Reiseflughöhe erreicht. Deutschland lag unter einer glatten Wolkenschicht, nur unterbrochen von der nach oben steigenden Abluft der großen Kraftwerke. Der Airbus rauschte zwischen den Wolken und einem strahlend blauen Himmel gen Berlin. Bevor er endgültig zum alten Eisen gehörte und die große Stadt den Ruf verloren hätte, die Partymetropole des feiernden Europas zu sein, würde Hartinger noch einmal Gas geben, auf den Putz hauen, die Sau rauslassen. Einfach nur weg aus der muffigen Spießigkeit, die ihn im Postkartenort Garmisch-Partenkirchen auf Schritt und Tritt umgab.

Dabei waren es nicht so viele Schritte und Tritte, die er im letzten Jahr vor die Tür des Mittererhofes gesetzt hatte. Er hauste dort noch auf dem Dachboden und ließ sich nur zu nachtschlafender Zeit unten im Ort blicken. Er war dort nicht überall gern gesehen seit der Geschichte mit den Nazis, die sich in Garmisch-Partenkirchen hatten niederlassen wollen, dann aber weg gewesen waren, nachdem der Hartinger eine große Geschichte über sie in allen wichtigen Medien dieser Erde lanciert hatte. Eigentlich war er nirgends mehr in Garmisch und Umgebung gern gesehen. Nur wegen Anton, seinem Sohn, war er noch da. Der pubertierte zunehmend und brauchte ihn.

Darum vegetierte Hartinger auf dem Dachboden des Hofes von Antons Mutter, der Mitterer Kathi. Nach wie vor trug er die Hemden des verstorbenen Großvaters der Kathi auf. Ob er irgendwann den Absprung schaffen würde? Er hatte keine Lust auf Stadtleben, egal, wie die Stadt denn nun hieß. München, Berlin, Tel Aviv, New York . Nirgends trieb es ihn hin. Doch auch im Werdenfelser Land hielt es ihn nicht, und er wollte sicher nicht irgendwann auf einem der beiden Friedhöfe der Doppelgemeinde Garmisch-Partenkirchen begraben sein.

Aus diesem Grund war die E-Mail aus Berlin auf fruchtbaren Boden gefallen. Einmal ausprobieren konnte er es ja. Nur für ein Wochenende. Sein Freund Klaus hatte vorgeschlagen, dass er Samstag und Sonntag in der Hauptstadt verbringen sollte. Er würde Hartinger die coolsten Clubs zeigen und auch diejenigen, »wo immer etwas ginge«, wie Klaus sich ausgedrückt hatte. Hartinger hatte von diesen Lasterhöhlen gehört, vom Kitkat-Club und anderen, in denen an den Wochenenden öffentlich das stattfand, was sich der gemeine Garmisch-Partenkirchner nur in seinen kühnsten Träumen vorstellen konnte. Wozu außerhalb der Hauptstadt schummrige Ecken des Internets über die Incognito-Fenster der Browser aufgesucht wurden.

Klaus hatte einen Deal vorgeschlagen, der zu verlockend war: ein Wochenende in Berlin mit allem, was nach Klaus' Ansicht dazugehörte, gegen ein Wochenende in den Bergen. Hartinger sollte drei Wochen nach seinem Städtetrip dem Hauptstädter einige Plätze in den Bergen zeigen, die der sich aus Reiseführern herausgesucht hatte. Das Beste daran war, dass Klaus für alle Kosten aufkommen würde. Denn der hatte auf seinen Geschäftsreisen so viele Lufthansa-Meilen gesammelt, dass der größte Kostenblock des bayerisch-preußischen Austauschs von der hessischen Lufthansa übernommen wurde. Das war zumindest Klaus Westphals Einladungs-Mails zu entnehmen gewesen.

Hartinger hatte schlechte Erfahrungen als Wanderführer von Zugereisten gesammelt, aber bei Klaus lag die Sache anders als beim toten Oliver Klammert. Sein Freund aus Münchner Tagen stand nicht im Verdacht, Millionen in touristische Giga- und Gaga-Projekte zu investieren. Er hatte sich zwar von der Seite des Journalismus auf die des schnöden Mammons geschlagen und buckelte seit Jahren für eine Berliner PR-Agentur. Doch die wollte sicher keine Tempelfreilichtmuseen oder einen Immersportort am Rand der Alpen errichten.

Fünfundvierzig Minuten nach dem Start in München setzte LH 145 mit einem leichten Rumpeln auf der Runway des Flughafens Berlin-Tegel auf. Hartinger erwachte aus dem leichten Schlaf, in den er über Nürnberg gefallen sein musste. Er brauchte die Zeit, die das Flugzeug zum Gate rollte, um richtig wach zu werden. An diesem Samstag waren nur wenige Geschäftsreisende im Airbus. Dennoch demonstrierten die Mitreisenden um ihn herum ihre Flugroutine durch lässiges Anknipsen der Handys. Hartinger tat es ihnen gleich. Seiner Sitznachbarin, einer höchstens dreißigjährigen Frau im hellgrauen Hosenanzug, mit hochgesteckten blonden Haaren und schwarz gerandeter Brille, wollte er nicht wie der letzte Dorftrottel erscheinen. Grummelig quittierte er die Ankunft einer SMS.

»Erwarte dringend deinen Anruf, Job in Garmisch!«, lautete die Text-Botschaft von Kurt Weißhaupt.

»Wird nix, bin in der Hauptstadt«, schrieb Hartinger zurück.

Postwendend kam zurück: »Schlecht, ganz schlecht!«

Auf das »Wieso?« von Hartinger folgte kein Text mehr von Weißhaupt, dafür ein Anruf. Hartingers Handy klingelte im furchtbaren Sirenenton, den ihm sein Sohn Anton eingestellt hatte.

Die Stewardess blickte missbilligend zu ihm hinüber. »Die Maschine rollt noch!«, zischte sie Hartinger zu. Der hatte bereits auf Rufannahme gedrückt.

»Du musst diese Geschichte machen!«, brüllte Weißhaupt ins Telefon. »Damit kannst du ein Riesending landen.«

»Was für eine Geschichte?«

»Du weißt es nicht?«

»Ich sitz in einem Flieger.« Dieser dockte an, und die Flugbegleiterin hatte sich ihren Aussteigevorbereitungen zu widmen, sonst hätte sie Hartinger das Handy sicher quer in den Hals gesteckt. »In einem Flieger in die Hauptstadt, verstehst?«

»Was machst du da um Himmels willen? Wer will da freiwillig hin? Ist auch wurscht. Hast also nichts gehört?«

»Nein.«

»Sie haben heute früh einen Mann in einen Wasserfall geworfen bei dir da draußen.«

»Welchen Mann?«

»Einen gewissen«, Weißhaupt raschelte mit Papier, »Mathias Kupfer.«

»Den Kupfer Hias, echt? Der ist der größte Bestattungsunternehmer bei uns.«

»Weißt du, wer der Tatverdächtige ist?«

»Mach's nicht so spannend.«

»Ist es aber. Der Mann von der Milliardärstochter aus Frankfurt, die sich bei euch da draußen angesiedelt hat. Von der Annabella von Bürstner. Weißt schon, Fürst von Bürstner'sche Privatbank.«

»Du meinst den Seidl Leo?«

Hartinger hörte wieder Papierrascheln.

»Leopold Seidl. So heißt er. Hat den Namen von Bürstner nicht angenommen. Oder nicht annehmen dürfen?«, grübelte Weißhaupt. »Na ja, jedenfalls war der Typ wohl vorher mit der jetzigen Frau vom Opfer zusammen. Sogar verheiratet. Bis der ihm die Frau ausgespannt hat. Gibt doch was her!«

»Und das soll ausgerechnet ich machen? Für wen?«

»Na, für den internationalen Markt. Die von Bürstner und ihre Bank kennt jeder auf der Welt. Und da gibt's nicht nur die Bank, sondern auch die Beteiligungen. Reedereien, Energie, neue Technologie. Überall haben die ihre Finger drin. International, transkontinental. Da kannst du entsprechend auch überall etwas unterbringen. Von der New York Times bis zur Asahi Shimbun.«

»Danke, von internationalen Scoops hab ich die Nase voll.«

»Aber dieses Mal ist es doch nix mit Nazis, sondern ein Eifersuchtsmord. Oder wenigstens schaut's so aus. Nach einer Beziehungstat halt. Da schreit die komplette Yellow Press: hurra! Stell dir das vor: Der Mann der Bankerin und Milliardärin bringt seinen eigenen Dings um . Na ja, wie nennt man das? Seinen Ehe-Nachfolger. Oder Ex-Nebenbuhler. Oder Vor-Buhler. Nach-Buhler . Wie man das auch immer nennen mag .«

»Lochschwager nennen wir das.«

»So nennt ihr das? Na, das passt zu euch da draußen. Jedenfalls der Typ ist in die . na, wie heißt's? Wo hab ich's mir aufgeschrieben? Ah ja, hier: in die Kuhflucht gefallen. Kennst du die?«

»Die kennt jeder. Ein wunderschöner Wasserfall. Du kannst ihn von Partenkirchen aus sehen. Liegt oberhalb von Farchant. Da ist der Kupfer Hias reingefallen?«

»Reingeschmissen worden. Vom Leopold Seidl. Wenn es nach eurem Oberpolizisten da draußen geht. Der hat ihn oben auf seiner Liste.«

»Der Bernbacher . Na ja, das bedeutet, dass es der Seidl Leo eher nicht war.«

»Wie dem auch sei. Vielleicht war er's doch. Jedenfalls hast du das nicht alle Tage. Einen oberbayerischen Revierförster mit Schnauz- und Gamsbart, der von einer Milliardärin geehelicht wird. Der weiterhin jeden Tag in aller Herrgottsfrüh in seinen Wald rennt, auch, nachdem seine Gattin das gesamte Vermögen bekommt. Und der eines schönen Morgens seinen - wie war das gleich? - Lochschwager in einen wildromantischen Wasserfall schmeißt. Mutmaßlich halt, aber egal. Der Ganghofer hätt da was draus gemacht. Und die Amis und Japaner fahren auf solche Storys ab, das ist ja mal so was von klar.«

»Ich muss dich nicht fragen, woher du das alles hast?«

»Das Landeskriminalamt beschäftigt sich damit. Die lassen so was nicht euren depperten...

»Ritter ist (...) ein geschickter Verwerter und Überzeichner von Stereotypen aus dem bayerischen Raum, die er in eine Krimihandlung hineingießt.«, Süddeutsche Zeitung, 12.03.2015

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