Echte Männer jagen selbst

Wie ich als Großstadtvater zurück zur Natur fand
 
 
Riva (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 10. September 2018
  • |
  • 288 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-7453-0384-1 (ISBN)
 
Durch die unberührte Wildnis streifen, der Beute auf der Spur - die Jagd fasziniert seit Urzeiten und führt heute zu einer Ursprünglichkeit zurück, nach der wir uns umso dringlicher sehnen, je mehr wir sie in unserem Alltag verlieren. Das Einssein mit der Natur, der Wunsch nach einer direkten Beziehung zum eigenen Essen und das Abenteuer sind nur einige Motive, die immer mehr Jäger in den Wald locken.

Anhand von zehn spannenden und außergewöhnlichen Jagdabenteuern beschreibt der passionierte Jäger Steven Rinella seine Entwicklung vom zehnjährigen Naturburschen zum Großstadtvater, der seine Familie von der Jagd ernährt.

Dabei thematisiert er die Hintergründe der Jagd, ethische Gesichtspunkte des Tötens, den Reiz von Jagdtrophäen, die Verantwortung, die der menschliche Räuber seiner Beute gegenüber besitzt, und die Herabsetzung des Jägers in der Gesellschaft, seit den Menschen die Verbindung zur Herkunft ihrer Nahrung zunehmend verloren ging.
  • Deutsch
  • München
  • |
  • Deutschland
  • 9,92 MB
978-3-7453-0384-1 (9783745303841)
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Steven Rinella ist Moderator der US-amerikanischen TV- Show MeatEater. Seine Artikel sind unter anderem in der New York Times, der Glamour, Outside und dem Men's Journal erschienen. Geboren und aufgewachsen in Michigan, lebt er zurzeit in Brooklyn, New York.

Kapitel 1


Stellung beziehen


Dieses Buch hat den unschlagbaren Vorteil, dass es eine Jagdgeschichte ist. Jagdgeschichten sind nämlich die älteste und am weitesten verbreitete Erzählform der Welt. Es gibt diese Gattung schon so lange, und ihre Wurzeln reichen so tief, dass sie nicht auf die Menschheit beschränkt ist. Wenn zwei Wölfe aufeinandertreffen, gehört es oft zum Begrüßungsritual, dass sie am Atem des anderen riechen. Ein Wolf, der seine Nase einem anderen Wolf vor das Maul hält, stellt damit eine Frage: »Wie war die Jagd?« Mit dem Ausatmen kommt die Antwort: »Du kannst das Blut noch riechen.«

Natürlich erzählt kein Tier solche Jagdgeschichten wie ein Mensch. Vor langer Zeit haben sich unsere Vorfahren womöglich Jagdgeschichten auf ähnliche Weise erzählt, wie es heute die Tiere tun. Es gibt die Vermutung, dass der menschliche Kuss ursprünglich aus einer Mund-zu-Mund-Begrüßung herrührt, ähnlich dem heute noch bei Wölfen üblichen Ritual. Einer ähnlichen Theorie zufolge diente unser Händeschütteln einmal als Beweis dafür, dass keiner der Grüßenden eine Waffe versteckte.

Aber irgendwann - spätestens vor 50 000 Jahren, möglicherweise aber auch viel früher - begannen wir unsere Jagdgeschichten in den komplexen Sprachen zu erzählen, die zum wichtigen Merkmal unserer Art geworden sind. Linguisten und Anthropologen haben die Theorie aufgestellt, dass sich die menschliche Sprache zu ebendiesem Zweck herausgebildet hat: um Jagd- und Sammeltätigkeiten zu koordinieren, um das immer komplexer werdende Arsenal an Jagdwerkzeugen und -waffen zu benennen und um sich über die Eigenschaften von Tieren und Orten zu verständigen, die außer Sicht waren. Kurz: Die Sprache entstand genau zu dem Zweck, den ich mit ihr gerade verfolge.

Zugegeben, diese ersten Jagdgeschichten waren wahrscheinlich gar keine »Geschichten«, zumindest nicht in dem Sinne, in dem wir das Wort heute verstehen. Ich stelle sie mir eher wie Anleitungen oder Beschreibungen vor, aber auch das passt, denn das meiste, was heute zum Thema Jagd geschrieben wird, verfolgt das Ziel, dem Leser irgendetwas beizubringen. Dieses »Etwas« ist oft ziemlich speziell. Womöglich handelt es sich um eine Methode zur Jagd von Stockenten auf überfluteten Maisfeldern in Iowa oder um eine Erörterung der Frage, ob man sein Häutemesser lieber im Winkel von 13 Grad oder von 15 Grad schleifen sollte. Es geht bei dieser Art von Lektüre immer um das Wie, und ich habe solche Wie-Texte immer in Mengen und mit großem Vergnügen gelesen. Aber auch wenn dieses Buch einen Fundus an Tipps und Tricks für Jäger bietet, ist es nicht als Wie-Lektüre gedacht. Es sollte eher als Warum-, Wer- und Was-Buch gelesen werden. Dieses Buch sucht nämlich mittels der uralten Kunst der Jagdgeschichte nach Antworten auf die Fragen: Warum jage ich, wer bin ich als Jäger, und was bedeutet die Jagd für mich?

Beim Nachdenken über die erste dieser Fragen - warum jage ich? - kommen mir zwei Momente in den Sinn. Der erste ereignete sich im letzten Frühjahr, als ich in den Powder River Badlands im Südosten von Montana zusammen mit meinem Bruder Matt Truthähne jagte. Am frühen Morgen ließen wir Timmy und Haggy, Matts Packlamas, angebunden bei unserem Lager zurück. Matt wandte sich nach Süden, während ich nach Westen ins nächste Tal aufbrach. Im Laufe des Vormittags setzte ich einem Truthahn nach, den ich ein paar hundert Meter weit entfernt kollern hörte. Ich verfolgte den Vogel fast eine Stunde lang, wobei ich ihn nur einmal kurz erblickte. Er ging rasch am Rand einer Sandsteinklippe entlang, etwa 30 Meter oberhalb von und 200 Meter vor mir. Ich ließ mich in einem Gestrüpp aus umgefallenen Baumstämmen nieder und ahmte mithilfe eines Lockinstruments das leise Gackern einer Truthenne nach.

Kaum hatte ich damit begonnen, hüpfte der Hahn von der Klippe und flog auf. Nach etwa sechs Flügelschlägen segelte er direkt über mich hinweg. Truthähne zeigen weder beim Fliegen Anmut noch beim Landen. Dieses Exemplar krachte durch die Zweige einer Gelbkiefer und plumpste auf den mit Totholz bedeckten Hang einer links von mir gelegenen Schlucht. Ich drehte meinen Kopf in diese Richtung und gackerte weiter. Ich hoffte, der Hahn würde nachschauen, woher die Rufe kamen, aber minutenlang sah und hörte ich nichts von ihm. Ich rief noch ein paarmal, aber weiterhin geschah nichts.

Bei der Truthahnjagd muss man sehr darauf achten, welche Bewegungen und Geräusche man macht, daher blieb ich weiterhin völlig regungslos, obwohl ich den Vogel seit seiner Landung nicht mehr gesehen hatte. Etwa fünf Minuten verstrichen, ohne dass ich den Kopf von der linken Schulter wegdrehte.

Und dann geschah auf einmal etwas Seltsames. Plötzlich seufzte jemand sehr laut hinter meiner rechten Schulter. Mit meinem Truthahnruf hatte ich schon einmal Kojoten und Rotluchse angelockt, aber dieser Seufzer klang nach einem genervten Menschen, der nach der schnellen Besteigung eines Berghangs etwas außer Atem war. Ich reagierte sofort und drehte den Kopf schnell in die Richtung des Geräuschs. Und erblickte einen großen Schwarzbären, der auf den Hinterbeinen stand und sich mit den Vorderbeinen auf einen Baumstamm stützte, der auf dem Baumstamm lag, gegen den ich mich gerade lehnte. Offenbar hatte er erwartet, ein Nest voller Truthahneier vorzufinden und mit etwas Glück auch die Henne zu erwischen. Jetzt starrte er mich äußerst wissbegierig an und schraubte an seiner Erwartungshaltung herum.

Ich habe einmal im Radio ein Interview mit einem Hirnforscher gehört, der die Denkvorgänge in extremen Stresssituationen untersuchte. Ihm zufolge berichteten Menschen, dass sie in den Sekunden, die beispielsweise ein Sturz vom Dach eines Hauses dauerte, Dutzende verschiedener Gedanken hatten. Der Hirnforscher vertrat jedoch die Ansicht, dass wir diese Gedanken gar nicht dann denken, wenn wir meinen, sie gedacht zu haben, sondern sie aufgrund eines Gedächtnisfehlers bei der Erinnerung an den Unglücksmoment gedacht zu haben glauben. Aber egal, was der Professor behauptet, ich weiß jedenfalls, dass mir innerhalb der nächsten Sekunde die folgenden Gedanken kamen: Ich dachte daran, wie seltsam es war, dass dieser Bär und ich zufällig am selben Ort und zur selben Zeit auf Truthahnjagd waren; ich dachte daran, wie seltsam es war, dass ich einen Truthahn hatte überlisten wollen, um ihn zu töten und zu essen, dadurch aber ein anderes Tier überlistet hatte, das den Truthahn ebenfalls gerne getötet und gefressen hätte; ich fragte mich, welche Wirkung mein Truthahnjagdgewehr, eine mit kupferbeschichtetem 3-mm-Schrot geladene 12-kalibrige Flinte, aus kurzer Distanz auf einen Schwarzbären haben würde; ich stellte mir vor, wie ich mich bei der Ermittlung durch die Jagdaufsicht wegen unbefugten Abschusses eines Schwarzbären auf Notwehr berufen würde; ich stellte mir vor, wie es wäre, von einem Schwarzbären zerfleischt zu werden, und dass es in dem Fall wohl nur zu kleineren Zerfleischungen kommen würde, weil der Bär schnell einsehen würde, dass ich nicht das war, was er haben wollte; dann dachte ich daran, dass Schwarzbären sich sehr selten mit Menschen anlegen; und dann stellte ich mir vor, dass ich diese Geschichte, egal, wie sie ausginge, noch sehr lange erzählen würde.

Der Bär unterbrach diese wirbelsturmartige Gedankenkaskade mit einem »Wuff«, das etwa so klang wie der erste Laut, den ein Hund von sich gibt, wenn es an der Tür klopft. Dann lief er mit dem entspannten Tempo eines Joggers zwischen dem Totholz davon. Das Geräusch seiner Schritte erstarb, und es kehrte wieder die gewohnte, luftig-frische Waldruhe ein. Ich lehnte mich zurück, um meinen Puls zu beruhigen, denn ein derartiges Herzrasen schien mir ungesund. Ich blieb ungefähr fünf Minuten sitzen, atmend und nachdenkend. Ich spürte Dankbarkeit und Erleichterung, wie wenn man plötzlich merkt, dass man nach einer langen Grippe endlich wieder gesund wird. Dann hörte ich einen Truthahn gackern, so weit entfernt und leise, dass das Geräusch eher zu fühlen als zu hören war. Ich stand auf, um nachzuschauen, und freute mich darüber, am Leben zu sein, mitten in dieser wundervollen, uralten Welt mit seufzenden Bären und gackernden Truthähnen.

Der zweite Moment, der zu der Antwort auf die Frage, warum ich jage, beiträgt, ereignete sich gut 2000 Meilen nördlich von dem Ort meiner Truthahnjagd. Ich kampierte an der Nordseite der Brooks Range in Alaska, etwa 75 Meilen südlich der zum Arktischen Ozean gehörenden Beaufortsee. Seit einer Woche war ich dort und wartete auf die Ankunft der Karibus, der wilden Rentieren. Ich hatte nicht vorgehabt, so lange dort zu bleiben, und die Vorräte gingen zur Neige. Meine Sorge darüber wurde vom Geräusch vorbeifliegender Nahrung unterbrochen. Ich lag in meinem Schlafsack, als das erste Licht der Morgendämmerung aufschien, und das Geräusch, das ich hörte, waren Flügelschläge, so nah an meinem Zelt, dass der Nylonstoff erzitterte. Dann ertönte das seltsame Geschnatter von Schneehühnern, einer Art von Hühnervögeln, die größer sind als Wachteln, aber kleiner als Fasane. Meinem Bruder Danny wurde ihr Ruf einmal mit den Worten go-back, go-back, go-back beschrieben, aber mich erinnert er immer an das charakteristische Lachen von Curly von den Three Stooges - eine Art nyack-nyack-nyack.

Meine Stiefel waren gefroren, aber ich zog sie, so gut es ging, an und trat hinaus auf die vereiste Kiesbank. Ich zog einen Gummituchseesack unter dem umgekippten Kanu hervor, nahm eine 20-kalibrige Flinte in die eine und ein paar Patronen in die andere Hand und stapfte in die Richtung, in die die Vögel geflogen waren. Ich überquerte einen zugefrorenen Teich, den ein vom Hauptstrom abgeschnittener...

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